Archiv für den Monat April 2014

Ein Autland für ein paar Stunden – Raum für Gruppentreffen gesucht

Hallo da draußen!

Der Kreis der Interessenten an Autland Nürnberg wächst langsam und unsere organisatorischen Fragen klären sich zunehmend 🙂

Eine ganz wichtige Sache fehlt uns aber noch. Ein Raum für unsere Gruppentreffen. Bisher fanden wir nur etwas an einem chaotischen, lauten Ort, etwas nicht Barrierefreies (in vielerlei Hinsicht), etwas mit Schließzeiten während 2 – 3 Monaten im Jahr und etwas für 80 Euro pro Treffen. All das kommt für uns aus verschiedenen Gründen leider nicht in Frage.

Wie soll so ein Raum, so ein temporäres Autland, denn eigentlich sein?

Wir haben keine unmöglichen Anforderungen an einen Raum. Es gibt aber ein paar Kriterien, die erfüllt sein sollten:

  • Barrierefrei / barrierearm für Menschen mit körperlichen Einschränkungen.
  • Weitestgehend barrierefrei für Autisten. Das heißt, vor allen Dingen sollte der Raum sehr ruhig gelegen sein.
  • Ein neutraler, unabhängiger Ort, das heißt nicht an medizinische / psychiatrische Einrichtungen oder bestehende Autismusvereine angeschlossen sein.
  • Einmal monatlich, das ganze Jahr über für uns zugänglich sein – auch in den Ferien. Die Treffen finden voraussichtlich am Wochenende statt.
  • Ein kleiner Hund (auch wenn es in Deutschland keine offizielle Anerkennung für Autismus Assistenzhunde gibt) sollte mitgebracht werden dürfen.
  • Möglichst geringe Kosten, am besten unentgeltlich.

Wir können uns zum Beispiel auch gut vorstellen, uns in einem Stadtteilzentrum oder in Räumlichkeiten von Kulturprojekten zu treffen. Gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist ein zusätzliches Plus. Wir machen auch keinen Dreck, sind zuverlässig und ruhig und an einer längerfristigen Vereinbarung interessiert. Vielleicht findet sich ja, statt einer Raummiete, auch etwas Anderes, was wir im Gegenzug für das Projekt tun können. Wir sind da für verschiedene Lösungen offen 🙂

Was wir uns wünschen, ist ein ruhiger Ort, an dem wir miteinander reden und uns austauschen können.

Wenn ihr einen solchen Raum anzubieten habt oder wisst, wo wir unser „Autland auf Zeit“ finden könnten, freuen wir uns sehr über Hinweise 🙂

Gerne hier als Kommentar
oder per Mail an autland@achernar.uberspace.de
oder per twitter an @AutlandNbg.

Vielen Dank!

 

 

Lisa hat auch Gefühle – zwischenmenschliche Differenzen

Die Kommunikation der meisten Menschen basiert, meinen Erfahrungen nach, auf gegenseitiger Emotionalität und sozialen Gepflogenheiten. Für den Gebrauch dieser Faktoren bin ich nicht geschaffen.

Stell dir vor, die Menschen legen ihre sozialen Gepflogenheiten ab. Kein Händeschütteln mehr, kein Zwang zu Grußformeln und dem Gebrauch von Bitte und Danke. Die Verwendung von Redewendungen und Sprichwörtern möchte ich hier ebenfalls hinzuzählen.     Als nächstes wird auf diese enorme Emotionalität verzichtet. Man muss seinem Gegenüber nicht mehr mittels Mimik, Gestik, Intonation, Lautstärke und Tempo beim Sprechen zu verstehen geben, welche Beziehung man zu ihm wünscht oder meint, aktuell zu pflegen. Auch gibt es seitens des Gegenübers selbst keine Unterschiede mehr in Mimik, Gestik, Körperhaltung und Prosodie.        Was übrig bleibt, sind Menschen, die sich in erster Linie sachlich unterhalten und es vermeiden, alles mögliche mit Gefühlen zu behaften. Wäre das so, würden mir die Menschen einfach direkt sagen, dass und warum sie mit mir nicht richtig umgehen können. Aber wahrscheinlich wäre das dann gar nicht mehr in diesem Ausmaß der Fall, denn ich würde überhaupt nicht mehr so extrem auffallen.                                       Tatsache ist, dass das nur ein Wunschtraum meinerseits ist, welcher sich frühestens dann verwirklichen wird, wenn die Maschinen die Menschheit unterwerfen.

Erst gestern ergab sich erneut eine Situation, in der andere Menschen nicht mit mir zurechtkamen. Vorher taten sie so, als sei ich ein Freund für sie, aber sie gaben mir mit der Zeit zu verstehen, dass ich eigentlich nicht dazugehöre. Neulich dann haben sie wohl den Entschluss gefasst, einfach so tun zu wollen, als wäre ich gar nicht existent, um meine Anwesenheit nicht in Kauf nehmen zu müssen. Mir ist unklar, warum die Menschen sich nicht einfach mal überwinden und mir einfach direkt sagen, was genau los ist. „Du, wir können mit dir nicht so richtig umgehen. Wir möchten dich lieber nicht mit dabei haben.“ Das wären doch zwei gute Sätze. Zwar wäre das trotzdem ein wenig traurig für mich, weil ich schon wieder einmal darauf hingewiesen werde, dass ich nirgends richtig hineinpasse, aber immerhin geht man dann keine seltsamen, meiner Ansicht nach gemeinen Wege, um mich nicht ertragen zu müssen.

Es mag zwar so sein, dass ich nicht sonderlich viel Wert auf zwischenmenschliche Kontakte lege, aber deswegen habe ich trotzdem ein gewisses Interesse daran, wenigstens als vollwertige Person anerkannt zu werden. Denken die Menschen, weil ich mich eher rational und pragmatisch verhalte, verfüge ich über keine Gefühle, welche es zu schonen gelten könnte? Ich habe nämlich durchaus Gefühle. Vielleicht habe ich nicht diese große Vielfalt an verschiedenen Gefühls-Facetten, vielleicht setzen sich meine Gefühle nicht aus vier oder fünf verschiedenen zusammen, sondern nur aus einem oder zwei, aber die Gefühle, die ich habe, die sind tatsächlich sehr real. In diesem Moment vermute ich, dass ich enttäuscht und ein wenig wütend bin. Gestern war ich wegen dieser Sache nur traurig. Da sind sie doch, meine Gefühle. Ich konnte sie sogar in Worte fassen, also warum sind sie weniger Ernst zu nehmen als die anderer Menschen? Wahrscheinlich übermitteln ihnen das wieder irgendwelche unsichtbaren „Schwingungen“, die sie eben einfach so wahrnehmen und ich nicht. „schwingschwing-Lisa-hat-keine-richtigen-Gefühle-also-nimm-ruhig-keine-Rücksicht-schwingschwingschwing“

Da ich als Kind schon festgestellt habe, dass alle anderen Kinder grundsätzlich ganz anders waren als ich und ich bald darauf auch erkennen konnte, dass es vor allem zwischenmenschliche Dinge sind, die Konflikte und Antipathie verursachen, habe ich mich schon früh daran versucht, die anderen zu imitieren, Floskeln, Redewendungen und deren theoretische Anwendungsmöglichkeiten auswendig zu lernen, Mimiken und deren Anwendungsmöglichkeiten vor dem Spiegel zu üben und noch weitere Kleinigkeiten. Häufig erkenne ich bis heute trotzdem nicht, wann es angebracht ist, welchen Gefühlszustand zu simulieren, sei es mimisch oder sprachlich. Auch bin ich mir nicht immer sicher, ob und wann ich jemanden grüßen und verabschieden soll, wann Bitte und Danke angebracht sind und in welcher Form das alles dargelegt werden soll. Es scheint ja nicht nur ein universelles Danke zu geben, nein, es gibt dieses Wort in verschiedenen Intensitäten, die alle etwas anderes zu bedeuten scheinen. Das ist doch nicht zu bewältigen!

Jedenfalls dachte ich immer, ich hätte all diese Sachen ganz gut erlernt. Mir wurde allerdings zugetragen, dass ich mich da sehr getäuscht habe. Von außen betrachtet scheint es wohl so zu sein, dass meine gespielten Reaktionen sehr mechanisch und unwirklich wirken. Das erkennen die anderen Menschen und sind entsprechend unzufrieden, da ihnen keine echten Gefühle entgegengebracht werden.                                                                           Es ist so unfassbar schwer, es anderen Menschen recht zu machen oder wenigstens nicht allzu extrem aufzufallen.

Jetzt habe ich sogar ein neues Gefühl, nämlich Hunger.

 

Lisa Ende

Lisa im Kindergarten

Ich war als Kind schon weniger darüber erfreut, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Im Kindergarten konnte und wollte ich nicht mit anderen spielen. Meiner Meinung nach spielten die alle falsch. Ständig wollten sie „Mutter-Vater-Kind“ spielen, was auch immer daran Spaß machen sollte. Wie soll ich mich denn im Alter von vier Jahren in die Situation einer erwachsenen Ehefrau und Mutter eines oder zweier Kinder einfühlen?  Woher sollte ich ahnen, wann ich in der Rolle des Kindes, welches nicht selten einen Säugling darstellen sollte, anfangen sollte zu weinen und zu schreien und mit den Füßen zu strampeln? Mir war doch ohnehin schon die ganze Zeit danach, verzweifelt zu weinen. Das tat ich dann auch recht häufig, was mich allgemein hin als „Baby“ dastehen ließ.

Diese Kinder waren so unheimlich ungeduldig und vorschnell, aufbrausen, unberechenbar, einfach nervend. Ihr gesamtes Auftreten, ihr Verhalten, ihre Ausdrucksweisen waren mir so unendlich fremd. Außerdem hielten es die Erzieherinnen für notwendig, mich anderen Kindern aufzudrücken. „Mädchen XY, komm, nimm‘ doch mal die Lisa mit zu deinen Freunden und spielt mit ihr.“ Große Klasse! Ich war nicht dazu fähig, mit ihnen ihre Spiele zu spielen. Ich wollte viele Spiele auch gar nicht spielen. Ich konnte ihren Gesprächen und ihren Gedankengängen nicht folgen und bekam zu spüren, dass ich gänzlich anders war als all diese Kinder. Dies brachte mich dann wieder zum Weinen. Als pädagogische Fachkraft hätte man erkennen müssen, dass dies nicht der richtige Weg ist. Statt dessen gab es ständig Gruppenspiele, in denen man beispielsweise als tierisches Lebensmittel mit längst abgelaufenem Haltbarkeitsdatum von einem riesigen Kreis aus Kindern und Erziehern verspottet wurde, um dann anschließend nochmals kräftig ausgelacht zu werden, weil das andere Kind, das einen als „faules Ei“ enttarnt hat, viel zu schnell ist, als dass man es einholen könnte. Dann durfte man sich aber nicht etwa erleichtert wieder an seinen Platz begeben, wenn die Bloßstellung vorüber war, nein, man bekam Befehle seitens der Aufsichtsperson, man müsse es jetzt so lange versuchen, bis man endlich schneller war. Ich war nie schneller. Und mit jeder einzelnen Runde hatten diese rabiaten Kinder mehr und mehr zu lachen und ich demnach mehr und mehr Angst, wieder in den Kindergarten zu gehen.

Dort war ich ohnehin schon nicht gern, denn diese Umgebung war mir fremd. Sie war mir nicht nur fremd, sie wurde auch ständig verändert. Jedes Mal wurden Tische und Stühle anders hingestellt, die Dekorationen veränderten sich permanent und die Spielsachen lagen immer wo anders. Selbst wenn jedes einzelne Teilchen in diesen Räumlichkeiten immer am selben Platz geblieben wäre, wären sie mir dennoch in keinster Weise vertraut gewesen, denn dieser Ort gehörte nicht ansatzweise mir. Zu Hause gehörte mein Zimmer mir. Das Wohnzimmer gehörte zu meinem zu Hause, als fühlte ich mich dort nicht fremd. Im Kindergarten sollte ich mir den Raum mit vielen anderen Kindern teilen und eine mir gänzlich unbekannte Person sollte für die Stunden meiner Anwesenheit meine neue Mutter sein. Meine neue Mutter sollte sie deswegen sein, weil sie doch genau die gleichen Aufgaben und ebenso viel zu sagen hatte wie meine Mutter zu Hause. Ich war aber mit meiner Mutter zu Hause durchaus zufrieden, zu ihr hatte ich eine enge Bindung, ein starkes Vertrauensverhältnis. Das gefiel mir alles genau so und das sollte auch so bleiben. Ich verstand, dass meine Mutter mich dort abgeben musste, weil sie doch für uns Geld verdienen musste, aber ich verstand nicht, warum ich nicht einfach in ihrem kleinen Wagen voll Obst und Gemüse hätte sitzen können. Ich dachte, dort nehme ich keinen Platz weg, dort kann ich mich still und leise beschäftigen. Was also sprach dagegen? Das war mir als Kind ein unlösbares Rätsel.

Ebenso unklar war es für mich, wie ich mit anderen Kindern oder gar der Erzieherin in Kontakt treten soll. Ich wurde so oft geärgert von den anderen Kindern, dass es mir oft als hilfreich erschien, würde ich die Erzieherin darüber in Kenntnis setzen. Doch wie stelle ich das an? Gehe ich gerade auf sie zu oder komme ich leise von der Seite? Spreche ich leise oder eher laut und wie soll ich das vor lauter Aufregung regulieren? Was soll ich denn überhaupt sagen? „Kind XY hat mich geschubst und ärgert mich.“ oder halte ich es ganz allgemein „Die anderen Kinder ärgern mich.“? Und wenn ich mich dann einmal dazu gebracht habe, auf die Erzieherin zuzugehen, stand ich vor ihr und konnte nichts sagen. Ich wollte es ihr mitteilen, aber ich war einfach nicht dazu in der Lage. Da war etwas blockiert und ich konnte rein gar nichts dagegen unternehmen. Erst vor wenigen Jahren lief mir zufällig der Begriff „elektiver Mutismus“ über den Weg, womit ich nun auch dieser Problematik, die mich bis heute noch ab und an begleitet, einen Namen geben konnte.

Der Mutismus behinderte mich immer wieder. Im Kindergarten hätte ich manchmal schon gern ein bestimmtes Spiel mit anderen Kindern gespielt. Vielleicht nur mit einem Kind, das ist einfacher. Im Kindergarten gab es viele Spiele, deren Verpackung für mich sehr ansprechend aussah und auch das Innere sah oft ganz toll aus. Damit hätte ich mich oft gern näher befasst, aber ich wusste nicht, wie ich einem anderen Kind mitteilen konnte, dass ich gern ein solches Spiel spielen würde. Also spielte ich letzten Endes nahezu immer allein. Allerdings nahm mich meine Mutter oft mit in die Bibliothek, wo ich mir Bücher aussuchen durfte, die sie mir dann vorlas. Die Bücher befanden sich in einer quadratischen Holzkiste in der linken Ecke des linken Raumes auf der linken Seite des Flurs. Die Spiele waren im rechten Raum des linken Flurs, in einem sehr großen offenen Schrank, direkt an der rechten Wand, neben CDs und Kassetten. Auch da nahmen wir oft Spiele mit, mit denen meine Mutter und ich uns dann zu Hause befassten. Mit meiner Mutter spielte ich ohnehin sehr viel lieber als mit diesen unberechenbaren Kindern im Kindergarten. Mein Aufenthalt in dieser Einrichtung war jeden Tag aufs Neue fürchterlich. Jeden Tag weinte ich, wenn ich abgegeben wurde und dann beruhigte ich mich lange Zeit nicht. Später weinte ich, weil ich mich einsam und verlassen fühlte. Ich war traurig, weil ich mit den anderen Kindern nicht so umgehen konnte, wie es für ein Kind normal wäre. Dann weinte ich wieder, weil die Zeit nur so unendlich langsam voranschritt und es sich für mich anfühlte, als würde ich schon drei Tage ohne Pause in diesem Haus verbringen. Erst wenn man die Erzieherin dann zu mir herüber rief, dass meine Mutter da ist, war diese Qual vorbei.

Zurückblickend würde ich sagen, dass meine Zeit im Kindergarten ein sehr traumatisches und einschneidendes Erlebnis darstellte, auf welches ich liebend gern verzichtet hätte. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an die werte Dame im Kindergarten, die dachte, es genüge, wenn man dem permanent weinenden und todunglücklichen Kind ein bisschen gut zuredet und es dann einfach dabei belässt, dass das Kind „einfach etwas schüchtern ist und eben seine Mutter vermisst“. Gute Frau, mein Verhalten im Kindergarten war ein einziger andauernder Hilfeschrei, den man als „pädagogische Fachkraft“ eindeutig hätte erkennen können und nicht hätte verharmlosen dürfen!

Lisa Ende

Annas Gedanken zu Barrierefreiheit

Was sind Barrieren eigentlich?

Viele Menschen denken Barrieren sind sowas wie Treppenstufen. Oder zu enge Türen und Toiletten. In Wirklichkeit sind Barrieren sehr unterschiedlich und es gibt sehr viele davon. Ich will versuchen das so zu erklären, dass es Jeder verstehen kann. Meistens schreibe ich sehr lange und komplizierte Sätze. Ich will versuchen das hier in leichter Sprache zu erklären. Komplizierte Sprache ist nämlich auch eine Barriere für viele Menschen. Das ist mein erster Versuch. Ich hoffe es klappt 🙂

Menschen sind sehr verschieden. Es gibt auch sehr viele verschiedene Behinderungen. Zum Beispiel körperliche Behinderungen oder Lernschwierigkeiten. Manche Menschen können nichts sehen oder nichts hören. Manche Leute sind autistisch. So wie ich, ich bin Autistin. Autisten haben Probleme mit der Wahrnehmung und mit der Kommunikation.

Manche Sachen können behinderte Menschen nicht machen und nichtbehinderte Menschen schon. Zum Beispiel eine Treppe hochlaufen oder die Farbe einer Ampel sehen. Nicht alle Menschen können lesen oder telefonieren oder komplizierte Sachen verstehen.

Treppen und komplizierte Texte sind Barrieren. Telefonieren und Ampeln ohne Geräusche und Vibrationen sind auch Barrieren. Es gibt aber noch viel mehr davon. Barrieren sind so unterschiedlich, weil behinderte Menschen so unterschiedlich sind. Alles was behinderte Menschen ausschließt, ist eine Barriere. Eine Barriere ist also sowas wie eine Bahnschranke. Und behinderte Leute kommen einfach nicht vorbei. Alle Anderen schon.

Wer macht Barrieren?

Die Welt ist voller Barrieren. Viele Menschen merken das garnicht, weil sie nicht behindert sind. Früher hat man nicht an behinderte Menschen gedacht. Man hat Treppen gebaut und Ampeln und Telefone für nichtbehinderte Menschen. Die gibt es jetzt immernoch.

Es werden auch neue Barrieren von vielen Menschen gemacht. Manchmal ist das keine Absicht. Sie wissen es nicht besser. Manchmal ist es billiger. Menschen ohne Behinderungen finden es einfacher. Sie finden es umständlich Barrieren zu vermeiden. Sie sind es so gewöhnt wie es ist. Mit Treppen und Ampeln und Telefonen.

Manchmal machen auch behinderte Menschen Barrieren für andere behinderte Menschen. Das kann jedem von uns passieren.

 Was heißt Barrierefreiheit?

Barrierefreiheit heißt, dass es keine Barrieren gibt. Das klingt sehr einfach, ist es aber nicht. Weil Barrieren überall sind und weil sie so verschieden sind. Wenn es im Bahnhof zum Beispiel gute Aufzüge gibt, ist eine Barriere für Rollstuhlfahrer verschwunden. Wenn die Ansagen aber nur über Lautsprecher kommen, gibt es noch Barrieren für gehörlose Menschen. Der Bahnhof ist dann nicht barrierefrei.

Es sind nur wenige Orte ganz und gar barrierefrei. Manche Orte sind barrierearm. Das heißt es gibt dort nur wenige Barrieren.

Was kann man gegen Barrieren machen?

Es ist wichtig, dass alle Menschen mithelfen Barrieren abzubauen. Darum ist es wichtig, dass alle Menschen etwas über Barrieren und Behinderungen lernen. Es gibt so viele Behinderungen und Barrieren. Sie müssen also sehr viel lernen.

Lernen braucht Zeit. Und man braucht gute Lehrer. Behinderte Menschen wissen am besten was Barrieren sind. Also sind behinderte Menschen die besten Lehrer.

Darum ist es wichtig behinderte Menschen zu fragen. Und es ist wichtig, dass wir anderen Menschen erklären welche Barrieren es gibt. Das ist manchmal ganz schön anstrengend. Darum ist es gut, wenn es Anleitungen gibt.

Welche Barrieren gibt es für autistische Menschen?
Was kann man dagegen machen?

Autistische Menschen sind unterschiedlich. Sie haben verschiedene Barrieren. Manche Sachen sind aber bei vielen Autisten gleich.

Ich erkläre ein paar Beispiele für Barrieren.
In Grün erkläre ich was man am besten dagegen machen kann.

  • Telefonieren – Manche Autisten können nicht sprechen. Manche können sprechen, aber nicht am Telefon. Manche haben Angst vor dem Telefonieren. Manche wissen nicht wie man telefoniert und was sie sagen sollen.
    • Keine Telefonate von Autisten verlangen.
    • Besser ist E-Mail-Schreiben.
    • Briefe sind auch okay.
  • Gruppen – Viele Autisten haben Probleme in Gruppen. Sie verstehen die Regeln manchmal nicht. Sie verstehen manchmal nicht was die Anderen wollen. Und die Anderen verstehen die Autisten manchmal nicht. Oft erleben Autisten in Gruppen Gewalt und Mobbing. Gruppen sind oft laut und durcheinander. Das ist für Autisten auch ein Problem.
    • Keine Gruppenarbeit verlangen.
    • Klare und eindeutige Regeln.
    • Kleine Gruppen bevorzugen.
    • Nacheinander sprechen, nie mehrere Leute gleichzeitig.
    • Für Ruhe in der Gruppe sorgen.
  • Anfassen – Viele Autisten wollen nicht angefasst werden. Es ist schlimm für sie. Manchmal tut es ihnen weh. Auch wenn es nur ganz leicht ist oder aus Versehen passiert. Auch Händeschütteln ist ein Problem. Besonders schlimm ist es, wenn sie nicht vorher gefragt werden.
    • Kein Händeschütteln zur Begrüßung oder zum Abschied.
    • Nicht Anfassen ohne vorher zu fragen.
    • Aufpassen, dass man Autisten nicht aus Versehen anrempelt.
    • Ein bisschen Abstand halten, z.B. beim Schlangestehen.
  • Gespräche – Viele Autisten verstehen nur schlecht Ironie. Sie verstehen alles wörtlich und bemerken nicht den Tonfall. Sie meinen was sie selber sagen auch wörtlich. Sie sind meistens sehr ehrlich. Manchmal hört sich das unhöflich an, aber es ist nicht so gemeint. Manche Autisten können nicht mit dem Mund sprechen. Manche können nur in bestimmten Situationen sprechen und manchmal nicht.
    • Ganz direkt und genau sagen was man meint.
    • Sarkasmus und Ironie vermeiden. Wenn doch dann dazu sagen, dass es ironisch gemeint ist. (Manche Autisten verwenden selbst viel Ironie. Aber sie verstehen es trotzdem bei Anderen nicht immer.)
    • Nicht „zwischen den Zeilen“ lesen. Autisten meinen was sie sagen.
    • Direkte und ehrliche Aussagen nicht persönlich nehmen.
    • Nicht erwarten, dass Menschen mit dem Mund sprechen. Schreiben statt sprechen, auf Papier oder mit Talker / Apps.
    • Manche Autisten sprechen in Gebärdensprache.
  • Geräusche – Viele Autisten vertragen keinen Lärm. Sie hören alle Geräusche gleichzeitig. Auch wenn sie ganz leise sind. Laute Orte sind für Autisten nicht barrierefrei. Auch viele leise Geräusche sind für Autisten wie Lärm.
    • Geräusche so gut es geht vermeiden. Zum Beispiel durch leise Computer und Maschinen.
    • Nicht mehrere Gespräche im gleichen Raum.
    • Keine Hintergrundmusik. Kein Radio, kein Fernseher nebenbei.
    • Laute Umgebungen ankündigen. Dann kann man Ohrstöpsel mitbringen.
    • Auf Veranstaltungen einen Ruheraum haben, in den man jederzeit alleine gehen kann.
    • Geräusche durch Textilien dämpfen. Zum Beispiel Untersetzer am Tisch.
  • Licht – Viele Autisten vertragen keine Neonröhren. Auch keine helle Lampe oder blinkende Lichter. Auch Tageslicht oder Sonnenlicht sind für viele Autisten ein Problem.
    • Keine Neonröhren. Keine Blinklichter. Kein grelles Licht.
    • Rollos oder Vorhänge verwenden. Das ist gut gegen Leuchtreklamen und Straßenlaternen.
    • Veranstaltungen draußen nicht in praller Sonne. Die Möglichkeit in einen dunklen Innenraum ausweichen zu können.
  • Geruch – Für viele Autisten sind Gerüche sehr intensiv. Auch schöne Gerüche sind für Autisten oft unangenehm. Duftlampen zum Beispiel. Oder Parfum. Das ist für manche Autisten so schlimm, dass sie es garnicht aushalten können.
    • Kein Raumduft. Keine Duftkerzen, auch nicht wenn sie aus sind. Keine Duftlampen.
    • Keine Duftbäumchen im Auto.
    • Wenn möglich kein Parfum. Keine stark riechende Creme oder Deo.
    • Wäsche für Autisten geruchsneutral waschen. Oder fragen welches Waschmittel der Autist mag.
    • Auf Sauberkeit achten. Damit keine Gerüche entstehen.

Manche Autisten finden nicht alles gleich schlimm. Für manche gibt es noch andere Barrieren. Am besten ist es zu fragen. Viele Autisten mögen direkte Fragen. Fragen Beantworten ist leichter als selbst mit Reden anzufangen.

Autismus kann man nicht sehen. Trotzdem sind Barrieren für Autisten echte Barrieren. Sie können sie auch nicht überwinden, wenn sie sich anstrengen. Jedenfalls nicht sehr lange. Man soll das also nie von Autisten verlangen. Genau wie man nicht von einem Rollstuhlfahrer verlangt, Treppen zu steigen.

Ihr könnt als Kommentar gerne schreiben welche Barrieren ihr noch kennt. Und was man dagegen machen kann auch. Ich würde mich freuen 🙂

An alle möglichen Barrieren zu denken ist anstrengend. Für mich ist es zum Beispiel anstrengend kurze Sätze zu schreiben. Aber man gewöhnt sich daran. Man muss bloß genug üben an Barrieren zu denken. Manchmal ist es auch spannend, wenn man etwas Neues ausprobiert. Barrierefreiheit ist nicht nur anstrengend. Es macht auch Spaß kreative Lösungen zu finden 🙂

Eure Anna

Lisa – Wer ist das und was tut sie hier?

Nun habe ich schon zwei Artikel hier veröffentlicht, da möchte ich auch erklären, warum ich das überhaupt tue und wer ich bin

Ich wurde im Januar 1994 im sächsischen Radebeul geboren, wohne jedoch derzeit in Nürnberg und ich verfüge über weibliche Geschlechtsmerkmale. Im März 2013 erhielt ich nach langer, langer Recherche und zwei Terminen bei einer Psychiaterin die Diagnose „Asperger-Syndrom“.
Mit manchen früheren Diagnosen fand ich mich zunächst eine Zeit lang ab, hinterfragte sie jedoch irgendwann immer und informierte mich per Internet um selbst zu sehen, ob es das wirklich sein kann, was mir da diagnostiziert wurde. Letzten Endes musste und muss ich selbst herausfinden, warum ich mich von anderen Menschen in so vielerlei Hinsicht unterscheide. Welche Hinsichten das sind und welche Ausmaße das speziell bei mir annimmt, das möchte ich im Laufe der Zeit in einzelnen Artikeln versuchen zu erklären. Dass mir das auch immer gelingt, kann ich nicht versprechen.

Ich schreibe in diesem Blog voraussichtlich von meinen persönlichen Erfahrungen, alltäglichen Dingen, sowohl positiven als auch negativen, Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend, von speziellen Besonderheiten, die ich aufgrund des Asperger-Syndroms habe, aber auch von Dingen, die rein gar nichts damit zu tun haben. Für mich verwischen die Grenzen stellenweise zwischen dem Neurotypischen, dem Autistischen und anderen „Unstimmigkeiten“. Ich kann nicht behaupten, dass jeder einzelne Artikel von mir dieser speziellen Andersartigkeit zugrunde liegt. Ich werde versuchen, meine Gedankensprünge in Grenzen zu halten und mittels mehrmaligem Korrekturlesen Fehler und potentielle Missverständnisse weitestgehend zu vermeiden. Ich bitte um Nachsicht, da ich mich leider nur im Geiste ein wenig den humanoiden Robotern zugehörig fühle. Kommenare sind gern gesehen, bei Fragen, Beschwerden, Themenvorschlägen und Reklamationen nutzt bitte die Kommentar-Funktion südlich dieses Artikels oder bei privateren Anliegen auch gern meine eigens hierfür angelegte E-Mail-Adresse: lisaautland@web.de

Lisa Ende

Lisas Glück und Unglück

Was bedeutet für Lisa Glück?

Glück ist wohl ein dehnbarer Begriff. Ich bin dann glücklich, wenn es mir psychisch gut geht und physisch mindestens auch halbwegs. Das kann ein kurzer Moment sein inmitten einer depressiven Episode, es kann aber auch sein, dass sich dieses Glücklichsein über mehrere Tage hinzieht. Wochenlang war ich noch nie an einem Stück vollkommen glücklich. Irgendwann passiert immer irgendetwas, was mich mindestens einen kurzen Moment betrübt, verängstigt oder traurig macht. Wenn ich wollte, könnte ich mein Glück mit einer Skala von -2 bis 2 messen, wobei -2 für „unglücklich“, -1 für „eher unglücklich“ steht und das ganze eben in die positive Richtung noch einmal. Ich denke, das wäre angemessen. Heute beispielsweise befände ich mich auf dieser Skala bei +1, denn es ist Sonntag, ich habe nicht zu lang oder zu kurz geschlafen, ich weiß, dass es heute Abend etwas Leckeres zu essen gibt, im Haushalt ist nicht viel zu erledigen, das gestern geklebte Puzzle müsste trocken sein und wir können endlich den Couch-Tisch mit dem Puzzle wieder aus der Küche holen, wo er die Katzen davor bewahren sollte, nachts über das Puzzle zu trampeln. Ich habe morgen nicht viele Erledigungen, denn fast alles habe ich am Freitag abhaken können. Ich muss nur für die kommende Woche einkaufen und einen Termin telefonisch vereinbaren. Mein Lohn vom März wird morgen oder am Dienstag kommen und ich muss keine Angst davor haben, zu einer ungeliebten Arbeit gehen zu müssen, denn ich wurde gekündigt. Dies ist allerdings gleichzeitig ein besorgniserregender Faktor, da derzeit beruflich vieles wieder so ungewiss für mich ist. Ungewissheit mag ich nicht. Diese Situation macht mich nervös, bereitet mir Stress und lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Daher ist es heute nur eine +1 und keine +2.

 

Was macht Lisa unglücklich?

Wie oben schon erwähnt, mag ich keine Ungewissheit. Die kurze Ungewissheit, was in dem Paket, das mir meine Mutter geschickt hat, wohl drin sein könnte, ist dagegen angenehm. Schließlich erfreut es mich ja, dass sie mir etwas schickt und an mich denkt. Allein die Tatsache, dass sie mir etwas geschickt hat, macht mich unendlich glücklich. Der Inhalt sind dann viele viele sogenannte „i-Tüpfelchen“. Oh, es geht ja darum, was mich unglücklich macht.

Ich bin unglücklich, wenn ich depressiv bin. Ich bin häufiger depressiv, denn die Auslöser können noch ganz klein und unbedeutend sein – mein Gehirn schafft es trotzdem, mich so tief hineinzuziehen, dass ich vorerst für alles unbrauchbar bin. Es macht mich unglücklich, wenn ich wegen der Depressionen nicht schlafen kann. Wenn ich nicht rechtzeitig schlafen kann oder oft aufwache und nicht mehr einschlafen kann, bringt mich das aus meiner Routine und es macht mich sehr unglücklich, wenn ich meinen Routinen nicht nachgehen kann. Ich bin unglücklich, wenn es einer meiner zwei Katzen nicht gut geht. Das war vor einem Jahr und einem Monat der Fall als mein Kater frisch zu uns gezogen ist. Wir haben ihn bei einer Katzenhilfe adoptiert und vorher hat er auf Gran Canaria auf der Straße gelebt. Von dort hat er einen Virus mitgebracht, der meiner recht anfälligen Erstkatze direkt zugesetzt hat. Sie hat sich plötzlich nicht mehr geputzt und binnen zweier Tage, also genauer gesagt über Nacht, haben sich ihre Schleimhäute abgelöst und sie konnte nichts mehr trinken, da ihre Zunge so schmerzte. Auf dieser hatten sich auch noch zwei Blasen gebildet. Natürlich waren wir sofort beim Tierarzt, wo wir unser gesamtes Gespartes gelassen haben um die Miez wieder gesund zu machen. Jetzt sitzt sie auf ihrem Kratzbaum und sieht zum Fenster hinaus, also alles wieder gut. Wenn meine Katzen leiden, leide ich vermutlich mindestens doppelt so sehr. Es macht mich unglücklich, dass ich nicht weiß, in welchem Beruf ich gut aufgehoben sein könnte. Ich habe einen Beruf gelernt, aber der ist definitiv der Falsche. Ich habe in einem anderen Beruf gearbeitet, aber da war der zwischenmenschliche Kontakt viel zu intensiv. Nun möchte ich in die Wege leiten, dass ich mich in verschiedenen Praktika ausprobieren kann, bevor ich etwas Neues, Langfristiges beginne. Es macht mich nämlich auch unglücklich, Dinge nicht zu Ende bringen zu können. Wenn ein Arbeitsverhältnis aber unbefristet ist, wo ist dann das Ende? Beim Rentenantritt? So lange kann ich in einem Beruf nicht unglücklich bleiben, also muss man es abbrechen. Das gefällt mir absolut nicht. Es macht mich unglücklich, wenn fremde Menschen unfreundlich und gemein zu mir sind. Das sind sie häufig, aber ich nehme es mir mehr zu Herzen als viele andere Menschen. Für mich ist es ein wenig ein persönlicher Angriff, wenn mir durch die Tür eines Geschäfts Leute entgegenkommen, die absichtlich keinen Platz für mich machen, sodass ich schnell zur Seite springen muss um mit ihnen nicht zu kollidieren. Oder angerempelt werden. Ich werde wirklich unheimlich oft angerempelt. Bin ich vielleicht einfach jemand, den man gern angerempelt? Mir macht es jedenfalls keinen Spaß und ich fühle mich angegriffen und nicht Ernst genommen. Menschen, die man achtet und schätzt, rempelt man nicht an. Man passt auf, dass man sie nicht unangemessen berührt oder ihnen Schaden zufügt. Ich achte erst einmal alle Menschen, denn ich kann mir gar kein Urteil über sie bilden, wenn ich sie zum ersten Mal sehe und gar nicht persönlich kenne. Also werden sie von mir nicht angerempelt. Ich werde aber angerempelt, also achten und schätzen sie mich nicht? Das ist einfach nur unfreundlich und gemein.

Auch sonst macht es mich unglücklich, wenn ich nicht Ernst genommen werde. Das passiert mir auch oft. Manchmal gibt es Missverständnisse, weil mein Denkverhalten ein anderes ist als das der meisten Menschen. Manchmal denke ich um etliche Ecken und komme zu einem vollkommen unsinnigen Ergebnis, wo doch das richtige Ergebnis angeblich sehr offensichtlich ist. Manchmal denke ich auch viel zu direkt und logisch an Stellen, an denen es von Nöten ist, weiter zu denken und andere Faktoren zu berücksichtigen, die für mich gar keine Rolle spielen. Wenn ich dann eine merkwürdige Antwort gebe oder etwas anderweitig Seltsames sage, hält man mich scheinbar gern für naiv und etwas dümmlich. Dafür kennen die Menschen zwei verschiedene Blicke: Der eine ist bemitleidend, von oben herab, als würden sie einem Hundewelpen zusehen, der sich gerade ganz unbeholfen fortbewegt. Der andere ist arrogant, etwas fassungslos, die Augenbrauen sind weit oben, ein angedeutetes Lächeln mit dünnen Lippen, als wollten sie sagen „Meine Güte, was hat die denn für einen Dachschaden?“ Diese Blicke machen mich auch unglücklich.

 

Was macht Lisa glücklich?

Ich wage zu behaupten, dass man mich leicht glücklich machen kann. Ich freue mich über jede noch so kleine Aufmerksamkeit, ob ideell oder materiell. Andere glauben manchmal gar nicht, dass ich mich über etwas freue, weil ich nicht die typischen Geräusche und Sätze von mir gebe, wie „Ohh, das ja soo toll! So etwas habe ich mir schon lange gewünscht. Damit kann ich endlich dies und jenes tun. Wow, wie aufmerksam du doch bist!“ oder nicht sonderlich erstaunt, überrascht, freudig aussehe. Meine Mimik ist recht begrenzt und ich freue mich nicht nach außen, sondern nach innen.

Wahrscheinlich freue ich mich wesentlich ausgiebiger als viele andere Menschen, nur sieht man es mir nicht an. Das hat in meiner Kindheit und Jugend oft zu Missverständnissen und Ärger geführt, wenn mir etwas wirklich unheimlich Tolles geschenkt wurde, worüber ich mich aber leider nur nach innen gefreut habe. So bekam ich beispielsweise einen eigenen, teuren Laptop, der für mich von unbeschreiblich großem Wert war. Mit so einem Geschenk hätte ich nie gerechnet und noch lange Zeit später konnte ich mich noch so sehr über dieses Geschenk freuen, als hätte ich ihn gerade eben erst bekommen. Da ich darauf aber nur mit einem „Ui, danke.“ reagierte, dachte man, ich würde mich darüber nicht freuen und empfände es als selbstverständlich, ein so teures Geschenk zu bekommen. Das gehört eigentlich zu den Dingen, die mich unglücklich machen: Wenn geliebte Menschen traurig oder enttäuscht sind, weil es mir an Möglichkeiten des Ausdrucks meiner Gefühle mangelt.

Mich machen meine Katzen glücklich. Sie sind aufdringlich, faul und gefräßig, besitzergreifend und wahre Trampeltiere. Sie haben keinerlei Verständnis für meinen Schlafrhythmus und sind recht erfolgreich darin, in Partnerarbeit Schränke und Schubladen zu öffnen um diese dann auszuräumen auf der Suche nach Futter und Spielzeugen, wie Kopfhörern und Taschentüchern. Aber sie sind für mich nicht weniger Wert als anderer Menschen eigene Kinder.

Mich macht es glücklich, wenn ich mich meinen Lieblingsaktivitäten hingeben kann. Ich lese gern, spiele am PC, an Konsolen, ich sehe Serien und Filme, ich schreibe, ich belese mich gern über spezielle Themen, die mich interessieren. Ganz vorn dabei: Psychologie und Forensik. Andere Lieblingsthemen wie Science-Fiction und Fantasy finden sich eher beim Lesen, in den Serien und Filmen und beim Zocken wieder. So geht für mich viel Zeit in einem MMORPG drauf oder auch in diversen anderen Spielen. Es macht mich glücklich, wenn alles so läuft, wie ich es geplant und mir vorgestellt habe. Ich bin glücklich, wenn ich weiß, dass es den Menschen, die ich liebe, gut geht und sie insgesamt zufrieden sind. Schönes Wetter macht mich ebenfalls glücklich. „Schön“ bedeutet für mich aber nicht Sonnenschein und 30°C im Schatten, sondern Wind, Regen, Nässe, Kälte, Schnee, Nebel, Dunkelheit und manchmal auch Gewitter. Temperaturen bis zu 15°C sind für mich in Ordnung, am liebsten sind mir aber wesentlich geringere. Bei solchem Wetter fühle ich wohl, da kann ich mich dick anziehen, da muss man nicht schwitzen.

 

Lisa Ende

Lisa verlässt die Wohnung

Noch ein letztes Mal atme ich tief durch. Gerade überprüfte ich meine Tasche auf die Vollständigkeit aller benötigten Utensilien. Es ist alles drin, was ich brauchen werde. Das heißt, nichts hält mich mehr davon ab, mein zu Hause, meinen eigenen Ruhepunkt, zu dem nur der Zugang hat, dem ich es gestatte, genau jetzt zu verlassen. Mein Magen zieht sich zusammen, ich zittere und mir wird eiskalt, obwohl die Außentemperatur heute bei 20°C liegt.

Wackeligen Schrittes trete ich zur Tür hinaus und werfe noch einen letzten Blick in mein Heim. Meine Katze schaut mir neugierig hinterher, denn diesen Weg geht sie nie. Sicher wäre es uns beiden ganz recht, wenn wir die Rollen tauschen könnten. Sie geht nach draußen in diese verwirrende Welt voller unvorhersehbarer Reize und ich genieße die Ruhe und die Vertrautheit meiner gewohnten Umgebung. So soll es für uns aber nicht laufen, also winke ich meiner Katze zum Abschied zu, während ich ihr ein ganz leises „Bis dann!“ zuflüstere – extra leise, damit mich die Nachbarn nicht für verrückt halten – und schließe die Tür hinter mir.

Ich richte mit dem Fuß die Türmatte, sodass sie wieder parallel zur Tür liegt und gehe auf die erste Treppe zu. Es sind viereinhalb Treppen, die ich hinuntersteigen muss. Die ganzen Treppen haben acht Stufen, die unterste halbe Treppe hat nur drei. Deswegen ist sie eigentlich gar keine halbe Treppe, sondern eine drei Achtel Treppe. Sie hat nur 37,5 Prozent der Stufen, die die anderen Treppen haben. Wäre die Treppe Teil einer Fantasy-Welt und wäre ihr Vater ein Mensch und ihre Mutter eine Elfe, wäre sie ein Halbelf – sogar nur mit 37,5 Prozent-Anteil einer Seite. So ist sie leider nur ein kurzes Stück Treppe, auf der täglich etliche Menschen mit ihren dreckigen Schuhen herumtrampeln. Dumm gelaufen.

Jedenfalls gehe ich die Treppen hinunter. Ich habe meistens das gleiche Tempo und meine Schritte sind gleichmäßig. Meine Beine fühlen sich wackelig an und ich werde zunehmend nervöser. Von dieser Nervosität versuche ich oft abzulenken, indem ich mir Gedanken über verschiedene Dinge mache, wie beispielsweise diese 37,5 Prozent-Treppe, die ein Halbelf hätte sein können, es jedoch nicht ist. Ich habe bereits fast das Ende der zweiten Treppe erreicht, da überkommt mich ein beißender Geruch. Großartig, die Nachbarn missbrauchen mal wieder das Treppenhaus zur Zwischenablage ihrer Küchenabfälle. Während ich mir durch den Kopf gehen lasse, wie angenehm es mir wäre, wenn das ganze Haus unter dem Gestank meiner Abfälle leiden müsste, nehme ich die die letzten beiden Treppen in Angriff.

Am Ende der letzten ganzen Treppe angekommen, sehe ich meinen Briefkasten. Genau genommen sehe ich, dass der Postbote schon wieder meine abonnierte Zeitschrift in der Mitte gefaltet und in den schmalen Schlitz gestopft hat. Mit einem Seufzen schließe ich den Kasten auf und versuche meine geschätzte Zeitschrift vorsichtig zu entfernen. Es ist mir kaum möglich, dies zu tun, ohne ihr weh zu tun. Bei besonders schweren Fällen dieser Art überkommt mich immer eine Operations-Assoziation. Verletzte ich während des Eingriffes versehentlich den Patienten, verspüre ich eine Art Mitgefühl für ihn, der unter der Aggression seines Angreifers und meiner beruflichen Unfähigkeit leiden muss. Ich zweifle die Wahl meines Berufes an und spiele mit dem Gedanken, einer dieser Ärzte zu werden, die sich unter dem Leistungsdruck ihrer Arbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Selbstmedikation entschieden. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich ja gar kein Medizin-Studium hinter mir habe und es derzeit auch nicht in Erwägung ziehe. Angesichts meiner Leistungen im Entfernen von Wissens-Magazinen aus dem Briefkasten, wäre diese Überlegung ohnehin ziemlich fahrlässig. Zumindest im chirurgischen Bereich.

Dieser kurze Moment, in dem ich eine drogenabhängige, überarbeitete Chirurgin in den 40er Jahren war, lies mich doch tatsächlich einen Moment lang vergessen, dass ich etwas wesentlich Anstrengenderes vor mir habe: das Verlassen der Wohnung.

Ich platziere meine Zeitschrift also so, dass sie geschützt ist vor weiteren Gräueltaten, schließe den Briefkasten und widme mich der Halbelfen-Treppe. Unten angekommen öffne ich die Tür. Eine olfaktorische Druckwelle frisch und mit zu viel Weichspüler gewaschener Wäsche rollt über mich hinweg. Eigentlich mag ich diesen Geruch, aber die Kleidungsstücke aus denen er hervortritt, sind nicht meine. Das heißt, ich atme fremde Kleidung ein, die sich vor Kurzem und sicher regelmäßig an fremden Körpern befand. Ihgitt.

Ich setzte meine Sonnenbrille auf, bevor dieses Ungetüm von Sonne die Chance hat, meine Netzhäute zu verbrennen – ein gar nicht allzu unangenehmer Gedanke. Das Verbrennen selbst natürlich schon, aber die daraus resultierende Blindheit stelle ich mir das ein oder andere Mal recht beruhigend vor, wenn ich bedenke, wie viele optische Reize mich täglich aus der Fassung bringen. Andererseits würde das bedeuten, nie wieder am PC zu spielen, nie wieder Filme und Serien zu sehen, nie wieder die flauschigen kleinen Bäuche meiner Katzen zu sehen, während ich sie streichle und nie wieder den unendlich dümmlichen Gesichtsausdruck meiner Katze zu sehen, wenn sie mal wieder aus unerklärlichen Gründen mit offenem Mund in der Gegend herumsteht und mich anstarrt. Das wäre keineswegs vertretbar, also bewahre ich mein Augenlicht vorerst noch und gehe in Richtung Fußweg.

Es ist fürchterlich. Es riecht nach dem Klärwerk, das sich nicht weit von meiner Wohnung entfernt befindet, nach den Abgasen der hunderten (oder sogar tausenden?) von Autos, die täglich über die Hauptverkehrsstraße fahren, die sich direkt an meiner Wohnung befindet, es riecht nach dem Erbrochenen dieser armen Seelen, die es für notwendig halten, sich am Wochenende all ihrer Hemmungen und ihrer Scham zu entledigen mit Hilfe ihres treuen Freundes, dem Alkohol. Ich wende mich zur rechten Seite. Dort muss ich entlanglaufen. Geradeaus, rechts um die Ecke, weit gerade aus, nochmal rechts und dann scharf links. Nachdem ich meinen Weg, den ich so oft gehen muss, gedanklich und in Sekundenschnelle durchdacht habe, gehe ich los.

Zu meiner Rechten befindet sich eine Postfiliale. Wie ich durch die großen Glasfronten sehe, ist die Warteschlange lang. Ein Mann stürmt heraus, seine Körperhaltung ist recht versteift, seine Hände deuten Fäuste an, der Kopf ist gesenkt, der Oberkörper nach vorn geneigt, er rennt mich fast um. Aha, er scheint wohl wütend zu sein! Wahrscheinlich dauerte es ihm zu lange oder der Versand kostete 10 Cent mehr als er dachte. Ich weiche zurück, er entschuldigt sich nicht, ich sage nichts und gehe weiter. Ein wahrer Sympathieträger, der Herr.

Ich erreiche die Ecke, um die einige Menschen so gern herum rennen oder mit voller Geschwindigkeit mit dem Fahrrad fahren, ohne ihre Augen aufzumachen, ob nicht eventuell Gegenverkehr vorhanden ist. Heute jedoch habe ich Glück – kein mordlustiger Radfahrer in greifbarer Nähe. Vor mir liegt ein langer Fußweg. Bis zur Kreuzung muss ich gehen und dann rechts abbiegen. Die Lautstärke des Straßenverkehrs ist hier unerträglich. Motorengeräusche, quietschende Reifen, laute Hupen, Rufe und Unterhaltungen, eine Horde Jugendlicher, die mir entgegenkommt, allen verfügbaren Platz einnehmend. Ich dränge mich an die Seite, damit mich keiner von ihnen berührt, während sie in ihrer unveränderten Formation vorbeigehen. Weiter geht’s.

Kurz vor dem Friseursalon, aus dem ein unfassbar ekliger Geruch tritt, liegt ein brandneuer Hundehaufen. Damit befinden sich auf dem kurzen Abschnitt dieser kilometerlangen Straße insgesamt drei Hundehaufen. Wäre ich ein Hund, wollte ich mein Geschäft sicher nicht hier verrichten. Aber wahrscheinlich haben sie gar keine andere Wahl. Die nächste Grünfläche liegt einige Minuten zu Fuß entfernt hinter dem Klärwerk. Für die meisten Hundebesitzer, die in dieser Gegend wohnen, wäre das ein unzumutbarer Gewaltmarsch. Sie gehen lieber mit ihrem Hund einmal ihre Straße entlang und dann wieder zurück. Das habe ich schon oft beobachten müssen. Diese armen Tiere.

Ich gehe weiter und weiter. Menschen kommen mir entgegen und sehen mich an – die einen länger, die anderen nur flüchtig. Normalerweise sehe ich den Menschen nicht ins Gesicht, denn ihre Gesichter sind für mich nichtssagend. Ich erkenne nicht, ob ein anderer Mensch traurig ist oder fröhlich, enttäuscht oder sauer. Ich brauche eindeutige Signale, die ich zuordnen kann, doch fast immer ist es so, dass es Feinheiten sind, die man erkennen muss. Nicht jeder, der traurig ist, weint. Nicht jeder der wütend ist, schnauft laut mit hochrotem Kopf und Mundwinkeln, die den niedrigsten Punkt im Gesicht darstellen. Nicht jeder, der fröhlich ist, lächelt breit, pfeift ein beschwingtes Lied oder tanzt umher. Deswegen weiß ich nur selten, was in anderen Menschen vor sich geht.

Ich bin am Ende dieses Abschnittes der Straße angekommen und biege rechts ab. An der Ecke befindet sich die Eingangstür zu einem Bäcker. Auch hier nehme ich den Geruch so intensiv wahr, wie es vielen anderen Menschen wahrscheinlich nur möglich wäre, wenn sie ihre Gesichter in einen heißen, mit Brötchen gefüllten Ofen stecken und tief einatmen würden. Genau so fühlt es sich für mich an, wenn sich die Wärme der Öfen mit dem Geruch der backenden Brötchen durch die offene Tür drücken.

Noch ein paar Meter, dann kommt der Punkt, an dem ich scharf links einbiegen muss, denn ich muss die Treppe hinunter zur U-Bahn nehmen. An meinem Magengefühl hat sich bislang wenig geändert. Meine Beine sind nach wie vor wackelig, mir ist heiß, weil ich die Wärme nicht ertrage, mir ist kalt, weil ich Angst habe. Ich habe Angst, dass etwas Unvorhersehbares geschieht, etwas das ich nicht planen kann, dass ich angesprochen werden könnte von einem fremden Menschen oder sogar von einem Menschen, den ich kenne. Ich fürchte mich vor flüchtigen Berührungen, vor unangenehmen Gerüchen, vor lauten und schrillen Geräuschen, vor dem Platzmangel in der U-Bahn, den ständigen Verzögerungen, vor Blicken anderer Menschen, Blicke die ich nie verstehen werde. Würde ein anderer Mensch, der nicht so ist wie ich, einer Person gegenüber sitzen, die sich eine blickdichte Strumpfhose über den Kopf gezogen hat, würde er mehr aus deren Gesicht herauslesen können als ich es bei einem Menschen ohne Strumpfhose je können werde.

Auf den Treppen hinunter zur U-Bahn kommt mir eine angenehme Kälte entgegen. Und mit ihr der stechende Geruch von Urin. Mittig dieser Stadt riecht es scheinbar nahezu überall nach Urin und Erbrochenem. Ist das in allen Großstädten so oder können nur die Bürger dieser Stadt ihre Körperflüssigkeiten nicht bei sich behalten? Nach ein paar weiteren Schritten erwartet mich noch eine Rolltreppe nach unten. Man kann aber auch die Treppe nehmen. Ich mache das davon abhängig, wo die wenigsten Menschen sind. Meistens ist das die normale Treppe, denn Menschen drängen sich lieber aneinander gepresst auf eine Rolltreppe statt ein paar Schritte ohne sonderliche Mühe auf einer normalen Treppe zu tun. Heute nehme ich die Treppe, denn die Rolltreppe ist mir zu voll. Unten angekommen gehe ich weit nach hinten, wo ich am meisten Abstand zu den anderen habe. Heute ist Montag, das heißt ich setze mich lieber nicht auf eine Bank, also bleibe ich stehen.

Gerade sehe ich auf meine Uhr, da kommt schon die U-Bahn eingefahren. Es trifft mich heute gar nicht so übel, die U-Bahn ist nur mittelmäßig gefüllt. Während ein Teil der U-Bahn an mir vorbeifährt, sehe ich schon hinein um eventuell einen einzelnen Sitzplatz zu bekommen. Es sind leider nur Plätze in Vierer-Sitzgruppen frei, da kann ich nicht sitzen. Wenn ich nicht allein unterwegs bin, wäre ein solcher Platz in Ordnung, aber wenn ich mich allein auf einen solchen Vierer-Platz setze, besteht die Gefahr, dass sich Menschen zu mir setzen. Sie kommen mir zu nah, sprechen mich vielleicht an. Am Fenster kann ich erst Recht nicht sitzen, dann da könnte der Ausgang blockiert werden und ich müsste jemanden ansprechen, ob ich herausgelassen werde. Dabei könnte ich zu laut, zu leise sprechen, einen falschen Ton anschlagen, zu schnell oder zu langsam sprechen. Egal welchen Fehltritt man sich erlaubt, sie bemerken es. Also lasse ich zuerst die anderen aussteigen, gehe dann hinein und bleibe ich lieber nahe der Tür stehen.

Um meinen heutigen Weg zu erledigen, muss ich nur drei Stationen fahren. In den zwei dazwischenliegenden Stationen steigen selten viele Menschen ein, aber da wo ich aussteigen muss, ist immer sehr viel los, denn dort kommen sämtliche U-Bahnen, die in dieser Region fahren, im Minutentakt vorbei. Zusätzlich fahren oberirdisch viele Busse und Straßenbahnen zu fast jeder Tages- und Nachtzeit. Die Zeit in der U-Bahn ist schnell vorüber. Ich steige aus und beginne, mich an den Menschenmassen vorbeizuschlängeln. Sie stehen einzeln, in kleinen und in großen Gruppen, am Rand und mitten im Weg, sie gehen schnell, langsam oder rennen, sie schleichen und schlafen fast beim Gehen ein, sie bleiben abrupt stehen, bewegen sich plötzlich und unvorhersehbar, wechseln ihre Richtung, nehmen dabei keinerlei Rücksicht. Dazu kommen unzählige verschiedene Gerüche, wie ein soeben gekaufter Döner eines Grundschülers, das aufdringliche Parfüm einer Jugendlichen, der unhygienisch-muffige Geruch einer ungepflegten Frau, das Putzmitteln des Mannes, der gerade die Mülltüten erneuert, der Obstgeruch eines Verkaufsstandes, die Backwaren aus dem Geschäft daneben. Die Geräuschkulisse ist ebenfalls nicht zu unterschätzen: alle möglichen unterschiedlichen Stimmen in ganz verschiedenen Lautstärken, Klingeltöne diverser Handys, eine Durchsage am Gleis nebenan und eine weitere in der Etage darunter, das Geraschel von Plastiktüten, ein schreiender Säugling, die Schritte dieser ganzen Menschen. Es ist ein einziges Chaos. Ich bekomme Kopfschmerzen, mein Gehirn fühlt sich an, als würde es gleich platzen unter dem Druck der endlos vielen Reize, die es einfach nicht alle gleichzeitig verarbeiten kann.

Gerade suche ich meine Ohrstöpsel, die ich immer dabei habe, aus der Tasche, da komme ich an einen engen Durchgang, der zur rechten Seite von einer Steinwand und zur linken Seite von einer Menge wirr herumstehender Menschen gebildet wird und es kommt mir eine ältere Frau mit viel Gepäck entgegen. Von Weitem sehe ich sie und schaffe Platz, damit sie ungehindert vorbeikommt. Da lächelt sie mich im Vorbeigehen an und sagt in einem wirklich erfreutem Ton: „Vielen lieben Dank!“

Oft werde ich angerempelt, beschuldigt und bösartig angesehen, da ist ein ernst gemeintes Dankeschön einer liebenswerten, freundlichen Person redensartliches Gold Wert. Diese seltenen netten Menschen, die plötzlich inmitten einer riesigen hektischen Mengenmenge auftauchen und einfach mal nur freundlich sind, erscheinen so unheimlich überraschend, dass ich nie weiß, ob ich etwas sagen oder tun soll und wenn ja, was. Sie machen mir Platz, halten mir eine Tür auf, lassen mich mit zwei Artikeln an der Kasse vor, bedanken sich, wenn ich das gleiche für sie tue.

Es ist doch seltsam, dass ein für mich so anstrengender, Furcht erregender Tag, der scheinbar erst dann angenehmer werden soll, wenn ich mich nach allen Erledigungen wieder in meiner Wohnung befinde und mich vollkommen erledigt und müde hinlegen kann, durch eine so winzig kleine Geste einer vollkommen fremden Person, die ich vielleicht nie wieder sehe, um ein Vielfaches angenehmer werden und mir ein kurzes Gefühl von Glück geben kann, an das ich den ganzen Tag immer wieder zurückdenken kann um wieder ein wenig mehr Antrieb für die nächste Hürde zu erhalten.

Lisa

Der aktuelle Stand – mal wieder :)

Hallo!

Ein kleines Update von mir.

Mittlerweile bestehen wir aus 5 Personen. Wir leben uns in unserem Forum ein und beginnen uns ein wenig kennenzulernen. Das finde ich sehr spannend! Außerdem verhandeln wir gerade die Rahmenbedingungen für unsere Gruppe, bisher haben sich dabei noch keine in Konflikt stehenden Vorstellungen ergeben. Ich bin zuversichtlich, dass wir uns auf einen guten Rahmen einigen werden, auch wenn noch nicht alle ihre Bedürfnisse mitgeteilt haben. Aber wir haben ja auch genug Zeit und wir müssen nichts überstürzen.

Die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten in neutralem Umfeld läuft auch gerade an, während parallel dazu nach einem geeigneten Wochentag gesucht wird.

Es geht also voran und ich freu mich sehr darüber 🙂

Wenn wir all diese organisatorischen Fragen zufriedenstellend geklärt haben, wird auch die Erstellung eines Flyers aktuell.

Wir haben noch Platz für 2 – 3 autistische Menschen, die gerne mit uns gemeinsam eine selbstverantwortete Autistengruppe aufbauen möchten. Von Autisten für Autisten, weil wir für uns selbst eintreten wollen. Unter Kontakt findet ihr Hinweise dazu, wie ihr uns erreichen könnt.

Anna

 

 

Stellungnahme zur Stellungnahme von Autismus Deutschland e.V. zur Berichterstattung der Bildzeitung

Der folgende Artikel entstand als Reaktion auf eine Stellungnahme des Vereins „Autismus Deutschland“, die mittlerweile nicht mehr einsehbar ist. Autismus Mittelfranken, unser regionaler „Ableger“ des Vereins, hatte die Stellungnahme auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht und später gelöscht. Das wurde von Vielen positiv aufgenommen, die fehlende Entschuldigung bzw. Erklärung dazu stieß allerdings auf Kritik. Viele fühlten und fühlen sich in ihrer Verletztheit und Wut ignoriert und nicht ernst genommen.

Ich habe hier klare Worte als Reaktion auf die Stellungnahme verfasst und Autismus Mittelfranken direkt angesprochen. Mittlerweile hat der Verein hierüber den Austausch gesucht und sich für die unkritische Veröffentlichung der falsch formulierten Stellungnahme entschuldigt. Ich hab mich darüber sehr gefreut. Es passiert nicht so oft, dass man mit seiner Kritik und seinen Anliegen ernstgenommen wird und Fehler eingestanden werden. Das repektiere ich sehr.

Meine inhaltliche Kritik am Vorgehen des Bundesverbandes bleibt trotzdem bestehen und darum bleibt auch diese Stellungnahme hier natürlich wo sie ist!

Trotzdem wollte ich diese Information gerne vorweg schicken. Es lohnt sich, miteinander zu sprechen und zu erklären. Auch wenn es oft frustrierend ist, trotz Erklärungen nicht verstanden zu werden. Manchmal wird man von einer respektvollen und achtsamen Reaktion überrascht, wo man sie nicht erwartet hätte.

Anna

Disclaimer: Ich, Anna, schreibe das nicht im Namen der ganzen Gruppe, sondern um meine persönliche Meinung auszudrücken. Wir sind eine Gruppe von selbstständig denkenden Autisten und diese Plattform kann jedes Gruppenmitglied nutzen, um selbstständig Artikel zu veröffentlichen.

Autismus Mittelfranken e.V. veröffentlichte auf seiner Facebook-Seite heute eine Stellungnahme von Autismus Deutschland e.V. (Update: Der Artikel wurde ohne Erklärung entfernt.)

Der Verein stellt sich in dieser Stellungnahme in die Öffentlichkeit und erhebt den Anspruch darauf, die „Belange von Menschen mit Autismus und dem Asperger-Syndrom sowie ihren Angehörigen“ zu vertreten. Der Verein hat sich dieses Vertretungsrecht – bezüglich der Autisten – ungebeten angeeignet, es wurde ihm nicht von uns Autisten übertragen. Es ist überhaupt nicht möglich, dass eine einzelne Organisation die Interessen aller Autisten vertreten kann. Wir sind sehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Bedürfnissen. Wenn überhaupt, dann sind nur Zusammenschlüsse von autistischen Menschen selbst in der Lage diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen. Autismus Deutschland e.V. ist nun ausdrücklich keine Interessensvertretung von Autisten. Es ist eine Angehörigenvertretung und in dieser Funktion hat der Verein sicherlich auch viel Gutes geleistet.

Autismus Mittelfranken e.V., als regionale Variante des Vereins, hat in unserer Region Schulen für autistische Kinder realisiert, berät Familien und macht diverse andere Angebote. Es liegt mir fern dieses Angebot abzulehnen oder schlecht zu machen. Ich weiß noch viel zu wenig über die einzelnen Angebote, um mir überhaupt eine Meinung bilden zu können. Vielleicht ändert sich das ja in Zukunft, sofern sich die Gelegenheit bietet. Ich würde zum Beispiel sehr gerne sehen, wie wir autistischen Kindern in Mittelfranken im Hinblick auf ihre Schullaufbahn gerecht werden. Aber darum geht es hier heute nicht.

Als erwachsene Autistin fühle ich mich einfach nicht durch eine Vereinigung vertreten, die nicht aus den Menschen besteht, die sie zu vertreten behauptet. Das ist auch schon alles. Eine Interessensvertretung von niedergelassenen Orthopäden besteht ja nunmal auch nicht aus den Eltern der Ärzte. Aus gutem Grund. Wer würde sie dann noch ernstnehmen? Und was wissen die Eltern wirklich über die Anliegen ihrer Kinder, wenn sie selbst nie in ihrer Lage waren? Sicherlich ein bisschen mehr, als ein Fremder auf der Straße, aber doch nicht genug, um öffentlich für sie sprechen zu können.

Und genau das ist das Problem, das ich habe, wenn Elternvereinigungen wie Autismus Deutschland e.V. öffentlich meine Interessen zu vertreten behaupten. Ich fühle mich bevormundet, übersehen und nicht ernst genommen. Das ist das Gegenteil von meine Interessen vertreten. Wir Autisten haben oft genug das Problem, uns nicht so ausdrücken zu können, dass die Allgemeinheit uns richtig versteht. Wir haben oft genug das Problem, dass wir nicht gefragt werden, sondern dass über unsere Köpfe hinweg entschieden wird, was andere Menschen für das Beste halten ohne je in unserer Lage gewesen zu sein. Wir haben oft genug das Problem, dass man uns nicht ernst nimmt, weil wir uns garnicht mündlich oder ungewöhnlich ausdrücken. Das Allerletzte, was wir brauchen, ist eine Interessensvertretung, die behauptet für unsere Belange einzutreten, und dann doch genau die Dinge macht, unter denen wir schon zur Genüge leiden.

Genau das hat Autismus Deutschland e.V. in oben verlinkter Stellungnahme leider getan. Es ist grundsätzlich gut, dass jemand klarstellt, dass Autisten nicht das sind, als was die Bildzeitung sie darstellt. Der Begriff Autismus wird in den Medien allzu häufig aufs Äußerste missverstanden und sehr falsch eingesetzt. Ich empfehle hier sehr die Reaktion einer anderen autistischen Blogautorin auf den Bild-Artikel.

Als Begründung, warum es überhaupt nicht sein könne, dass die beiden Mörder des Taxifahrers aus Prag das Asperger-Syndrom hätten, führt Autismus Deutschland e.V. an, dass Asperger-Autisten überhaupt nicht in der Lage wären planvoll vorzugehen und eine Reise ins Ausland zu unternehmen, um dann dort jemanden umzubringen. Die beiden Männer könnten also gar keine Autisten sein. Die Absurdität dieser Aussage sollte eigentlich Jedem einleuchten. Es ist mir unbegreiflich, wie überhaupt ein Mensch zu so einer Tat fähig sein könnte, vollkommen unabhängig von Autismus. Es spielt einfach keine Rolle. Diese logische Argumentation ist vollkommen falsch. Dass wir nicht planvoll vorgehen oder Auslandsreisen unternehmen könnten, zu welchem Zweck auch immer, ist an Absurdität schon kaum noch zu überbieten. Das passiert leider, wenn Menschen, die selbst nie erlebt haben, wovon sie da eigentlich sprechen, öffentliche Stellungnahmen verfassen. Obwohl ich zugeben muss, dass ich einer Elternvereinigung wie Autismus Deutschland e.V. zugetraut hätte, etwas besser über Autismus informiert zu sein.

Ja, es gibt viele Autisten, die Schwierigkeiten damit haben sich an unbekannten Orten zurechtzufinden oder denen es einfach Unbehagen bereitet, unvertraute Orte aufzusuchen. Speziell Asperger-Autisten (aber nicht nur diese!) sind jedoch oft sehr intelligent, führen ein selbstständiges Leben und sind sehr für ihre Affinität zu detaillierten Planungen bekannt. Wir sind oft sogar sehr gute Planer, weil es uns Sicherheit gibt, wenn wir etwas genau vorhersehen können. Natürlich trifft das nicht auf jeden Autisten zu, wir sind in erster Linie Individuen. Ich habe in meinem bisherigen Leben viele Reisen unternommen. Nicht nur habe ich sie für mich alleine geplant, ich habe das sogar für andere Menschen mit übernommen. Weil ich gut darin bin. Ich plane eigentlich ständig irgendetwas. Zum Beispiel eine Gruppe von und für Autisten in Mittelfranken und sehr oft gelingen meine Pläne.

Es ist also schlicht falsch, dass Asperger-Autisten nicht dazu in der Lage wären, so etwas zu unternehmen. Es vermittelt ein falsches Bild, auch wenn die Beweggründe uns nicht als „gestörte Killer“ dargestellt sehen zu wollen, gut sein mögen.

Autismus Deutschland e.V. „bittet um Verständnis und Respekt gegenüber Menschen mit Autismus.“. Ich bitte nicht darum, ich fordere Respekt, denn er steht mir zu.

Ich wüsste sehr gerne, wie die Damen und Herren des Vereins Autismus Mittelfranken e.V. zu dieser Stellungnahme stehen, die sie auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht haben. Immerhin haben wir ein gemeinsames Ziel: wir wollen etwas Positives für autistische Menschen in unserer Region bewirken. Ein falsches Bild von Autismus zu vermitteln, trägt sicherlich nicht zu mehr gegenseitigem Verständnis bei.

Über eine Antwort würde ich mich deswegen sehr freuen.

Anna