Archiv für den Monat Mai 2014

#AutismIsNotACrime

„Autismus ist kein Verbrechen“, lautet die Aussage des Hashtags, unter dem gerade auf Twitter weltweit Autist*innen gegen die massive Konstruktion einer kausalen Verbindung von Autismus und Gewaltverbrechen durch die Medien protestieren. Dabei entstehen gerade unzählige, fantastische Blogartikel.

Aktueller Auslöser ist die Mordserie durch Elliot Rodger in Kalifornien. Bei ihm wurde angeblich als Kind das Asperger-Syndrom diagnostiziert, behauptete eine Zeitung. Reflexartig griffen andere Medien diese Aussage auf, insbesondere hier in Deutschland schaffte es dieses Detail direkt in die Überschriften, während alle anderen, wirklich wichtigen Umstände völlig vernachlässigt wurden. Wie zum Beispiel der maßlose Frauenhass des Täters oder die Namen seiner Opfer. Oder dass er seine Taten angekündigt hat, die Polizei das aber nicht ernstnahm. Oder dass er seit vielen Jahren in therapeutischer Behandlung war und trotzdem niemand etwas getan hat. Oder dass er in den USA ganz legal ein ganzes Waffenarsenal ansammeln durfte. Alles nicht wichtig, so lange man eine schöne Schlagzeile hat und so ein autistischer Amokläufer macht sich doch immer gut (Ironie).

Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass es noch nicht mal die Wahrheit ist. Eine reine Vermutung der Eltern, die ihren Sohn nicht verstanden haben und überfordert waren. Autisten ist ja schließlich alles zuzutrauen und die Eltern sind dann unschuldig. Die können ja nichts dafür, dass er zu solchen Monströsitäten fähig war, er war ja Autist! (Ironie)
Wie auch immer, ich finde es garnicht wichtig, ob er denn jetzt nun Autist war oder nicht. Es spielt schlicht und ergreifend keine Rolle. Was ich allerdings wichtig finde, ist der Umgang der Medien damit. Er war vor allen Dingen ein Mensch, der Frauen und andere Menschen so sehr gehasst hat, dass er sie umgebracht hat. Das spielt eine Rolle. Über die Gründe dafür sollen Andere schreiben – was aktuell auch ausgiebig getan wird.

Autismus ist kein Verbrechen. Vor allem ist Autismus nicht die Ursache für Gewalttaten, die von Menschen verübt werden.

Autisten begehen weniger Verbrechen als Nichtautisten, werden gleichzeitig aber wesentlich häufiger Opfer von Gewaltverbrechen. Wir werden schon als Kinder geschlagen, getreten und gedemütigt. In der Schule, auf der Straße und in unserem eigenen Zuhause. Wir werden behandelt wie Dreck. Kinder und Jugendliche terrorisieren und quälen ihre autistischen Mitschüler*innen. Mobbing, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen sind auch für erwachsene Autist*innen bittere, tägliche Realität.

Als wäre das noch nicht genug, stellt man uns bei jeder nur möglichen Gelegenheit als Gewaltverbrecher dar. Gefühlskalte, emotionslose Monster, die Menschen bestialische Dinge antun.

UNS tut man bestialische Dinge an. Bestialisch = unmenschlich. Man quält, missachtet und misshandelt uns und spricht uns unsere Menschlichkeit ab. IHR tut uns das an. IHR, die ihr am lautesten „Monster“ schreit, wenn wieder mal ein Autist als Verbrecher in den Medien dargestellt wird. IHR, die ihr fordert, man solle uns alle wegsperren. IHR, die ihr autistische Kinder „nur zur Sicherheit“ mit Mikrochips markieren wollt, als wären sie Hunde. IHR, die ihr uns das Recht zur Reproduktion absprecht. IHR, die ihr fordert, man solle uns am besten direkt umbringen.

IHR wagt es zu urteilen?
Wer ist hier wirklich das Monster?
Wer von uns verhält sich wirklich unmenschlich?
Vor wem sollten wir wirklich Angst haben? – Vor dem überforderten autistischen Kind, das in einer feindseligen Umwelt zu überleben versucht? Oder vor den Kindern, die es brutal zusammenschlagen, sein Leben bedrohen und es dann noch anpinkeln? (Ja, das erleben sehr viele autistische Kinder Tag für Tag.)

Eure scheinheilige Doppelmoral widert mich an. Ihr lasst zu, dass eure eigenen Kinder Andere wie Dreck behandeln und dann stellt ihr uns als emotionslose, asoziale Monster dar. Merkt ihr wirklich nicht, wer hier tatsächlich das Problem ist? Fragt euch doch endlich, was mit dem Sozialverhalten EURER Kinder nicht stimmt, wenn sie auf Schwächere einprügeln müssen, sie demütigen und ausgrenzen. Fragt euch lieber, was mit EUREM Menschenbild nicht in Ordnung ist, wenn ihr sie dafür auch noch in Schutz nehmt.

Aber hört verdammt nochmal auf uns als Verbrecher hinzustellen. Und fangt endlich damit an respektvoll und achtsam mit anderen Menschen umzugehen. Mit allen Menschen. Das schließt auch die ein, die ihr nicht versteht, weil sie anders sind, als ihr es seid.

Anna

Ausbeutung von Autisten – auch unter Therapeuten gibt es „schwarze Schafe“

Lieber würde ich über dieses Thema nicht schreiben – die Wunden sind noch frisch und nicht verheilt. Dennoch: ich halte es für nötig, damit nicht ich und jeder andere Autist für sich solche schlechte Erfahrungen machen muss. Wir müssen uns vernetzen und uns gegenseitig schützen.

Ich kenne kaum einen Autisten, bei dem bei der Diagnostik alles gut lief, meistens braucht es mehrere Anläufe, bis man den „richtigen“ Psychiater findet – denn nur diese sind in der Lage, eine Diagnose zu stellen. Häufig werden „Diagnosen“ schon von Lehrern, Erziehern oder sonstigen Menschen vorab gestellt, aber das sind nicht die Fachleute. Dies nur vorab – das könnte auch schon ein Thema für sich sein. Auch nicht alle Psychiater sind auf Autismus spezialisiert, da ist es ratsam, sich wirklich an einen Experten zu wenden. Was auch nicht einfach ist, denn es gibt zu wenige, die Praxen sind voll, eine Wartezeit von einem halben Jahr ist normal. So gesehen, ist die Situation schon nicht einfach.

Aber es kommt noch schlimmer.

Was ist, wenn man dann tatsächlich eine Diagnose hat? Es gibt Menschen, denen es einfach reicht, zu wissen, was mit ihnen los ist Es gibt viele Bücher zu dem Thema und manch einem mag das genügen. Aber was ist, wenn man therapeutische Hilfe benötigt?

Ich kann hier nur von mir schreiben. Ich habe gemerkt, dass ich weitere Hilfe brauche und mir einen „Experten“ gesucht. Jemand, der sich mit Autismus auskennt, so dachte ich und der so auch Weiterempfohlen wird. In Ermangelung auch nur einer einzigen Alternative habe ich mich also in „die Hände“ dieses Therapeuten gegeben. Ich hätte auch ausgeliefert schreiben können, denn das war ich. Nicht nur ich, sondern auch mein Geldbeutel, denn eine Kassenzulassung hatte er nicht.

Wie jeder Autist, der ständig erfährt, dass er „nicht richtig“ ist, so wie er ist, habe ich die vielen Puzzlestücke, die mir schon recht früh die Augen hätten öffnen können, als eine Wahrnehmungsstörung meinerseits eingeordnet. Aber das Unbehagen wuchs und wuchs und bald bin ich nicht mehr alleine zu ihm hingegangen. Erst waren es so Kleinigkeiten, wie beispielsweise, dass ich ihm sagte, dass ich sehr Geräuschempfindlich bin. Beim nächsten Termin kaute er demonstrativ Kaugummi. Als ich ihn darauf ansprach, entschuldigte er sich zwar, stellte aber in die nächste Gruppenstunde – keine 10 Minuten später – Salzstangen auf den Tisch.

Dann wurde ein Ausflug geplant. Auch da erklärte ich im Vorfeld, dass ich nicht nur Geräuschempfindlich bin, sondern auch sehr ungerne in großer Gesellschaft bin – dass ich nicht gerne berührt werde, war, so dachte ich, ihm klar. Der Ausflug ging inmitten durch den Münchner Weihnachtsmarkt. Der Therapeut mit einer weiteren NT ganz vorneweg – zeitweise ganz verschwunden – und ich hatte zum Glück einen anderen Autisten an der Seite, der mich sicher durch das Gewühl brachte. Danach war ich zwei Tage so ausgelaugt, dass ich nicht mehr aus dem abgedunkelten Schlafzimmer gekommen bin. Auch da gab es nur Unverständnis.

Es folgte nun eine Weihnachtsfeier, bei dem eigentlich nur unsere Aspie-Gruppe teilnehmen sollte – aber es kamen noch mehr Menschen, ja, plötzlich war der ganze Verein da. Es wurde getrunken und laut gesungen und ich bin geflüchtet.

Ein paar Monate später gab es eine Reise, vom Therapeuten gebucht. Ich hatte – nach den ganzen Vorfällen davor nicht damit gerechnet, dass meine Grenzen noch weiter ausgetestet werden könnten. Die Reise beinhaltete zunächst eine U-Bahn-Fahrt, im Anschluss eine Fahrt im vollbesetzten Pendlerzug, danach noch eine S-Bahn-Fahrt zum Flughafen. Im Flughafen wurde ich abgetastet, für mich eine furchtbare Situation. Meinen Therapeuten hat es nicht interessiert, er ging kaugummikauend weiter. Dann der Flug – eine Fluglinie, bei der nicht mal die Plätze reserviert sind (das hat mein Mann übernommen, ich hätte niemals neben jemand fremden in dieser Situation sitzen können) und im Anschluss noch eine Taxi-Fahrt. Die Reise war für mich so traumatisch, dass ich vorzeitig abbrechen und mein Mann einen teuren Flug für uns zurück buchen musste. Natürlich gab es auch da kein Verständnis.

Vor meinen Klausuren geht es mir schon 4 Wochen vorher nicht gut. Das trifft es nicht ganz – mir geht es sehr, sehr schlecht. Ich schreibe meine Klausuren auch nur unter Tavor – einmal waren es 3 Tabletten. Eigentlich hatte ich gehofft, dass mein Therapeut mit mir ein Konzept erarbeitet, mit dem ich besser klar komme und nicht nur betäubt mit der Situation zurechtkomme (Was eigentlich auch nicht stimmt, denn die Ergebnisse unter solchen Gegebenheiten kann man sich vorstellen). Aber auch das hat ihn nicht interessiert, er rief nur einmal an, weil ich ihm in einer anderen Sache helfen sollte. Erschöpft wollte ich abwiegeln, aber er ließ mir keine Ruhe.

Dann gab es noch ganz unangehme Dinge, die ich aber nicht vertiefen möchte. Nur einen Vorfall möchte ich noch erwähnen. So erzählte der Therapeut, wie ein anderer Autist sich „aufgeführt“ hat und er ihn mal „zusammenscheißen“ musste. Er ist eben auch nur ein Mensch, nicht immer nur Therapeut. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er, er hätte nur von sich erzählt. Er hat gar nicht verstanden, was er da geäußert hat…

Ich weiß, dass auch andere Autisten mit ihm negative Erfahrungen gemacht haben, aber ich denke, es ist besser, wenn sie für sich sprechen.

Ich finde es schlimm, dass es solche Therapeuten gibt. Wir Autisten, die oft so ehrlich und naiv sind, können uns gar nicht vorstellen, dass sich jemand als „Experte“ ausgibt, wenn er es nicht ist. Wenn wir nicht klar kommen, muss es wohl an uns liegen.

Was wir brauchen, sind mehr richtige Autismus-Experten. Experten, die auch von uns Autisten geschult werden, denen wir einen Einblick auf unsere Sicht der Dinge geben können, damit solche Sachen nicht immer wieder passieren.

 

Bea stellt sich vor

Es ist für mich gar nicht so einfach, mich vorzustellen, wenn man bedenkt, was sich der Andere „vorstellt“ bei meinen Worten. Aber ich will  versuchen, über mich einen kleinen Einblick zu geben.

Ich bin hier bei Autland „gelandet“, weil ich Asperger Autistin bin. Offiziell bin ich das noch nicht lange, wenn man bedenkt, dass ich schon 39 Jahre alt bin. Die Diagnose habe ich erst nach unzähligen Arzt/Psychologen/Psychiater-Besuchen und nach geschätzten 3 Jahrzehnten erhalten. Hätte ich nicht auch einen autistischen Sohn, hätte ich sie wohl nie bekommen, denn erst durch ihn habe ich immer mehr eine Idee bekommen, was mit mir los ist.

Dazu habe ich noch 4 weitere Kinder (eines ist im Grunde kein Kind mehr, denn ab 18 Jahren zählt man ja als Erwachsener) und einen Mann, mit dem ich seit 13 Jahren zusammenlebe (wer rechnen kann, dem ist gerade etwas aufgefallen 🙂 ) und der mich so nimmt, wie ich bin.

Nach „außen“ bin ich nicht sonderlich auffällig, was wohl daran liegt, dass eines meiner Spezialinteressen das menschliche Verhalten ist und ich es schon seit ich denken kann analysiert habe. Schon im Kindergarten ist mir aufgefallen, dass sich die anderen Kinder anders verhalten haben und mit der Zeit habe ich immer mehr gelernt, mich anzupassen, besser gesagt zu „kopieren“. Jeder Verhaltenstherapeut wäre erfreut über mich und ich habe im Laufe des Lebens auch viele Komplimente bekommen, wie positiv ich mich doch verändert hätte. Schön, dass es den Leuten gefällt, aber für mich ist das immer mehr zur Qual geworden. Ich verlasse kaum noch die Wohnung – manchmal wochenlang nicht – weil mich diese Anpassung mittlerweile so anstrengt. Eine Alternative wäre wohl, mich nicht mehr anzupassen – aber ob dann noch jemand etwas mit mir zu tun haben möchte? Das ist auf jeden Fall eine Sache, die mich noch eine ganze Weile begleiten wird.

Ansonsten bin ich sehr gerechtigkeitsliebend. Was wohl auch dazu geführt hat, dass ich, nachdem ich das Abitur auf einer BOS inmitten lauter ca. 20-Jährigen Mitschüler nachgeholt habe (auch eine Zeit, die mich sehr geprägt hat) mit dem Jura-Studium begonnen habe. Dies studiere ich noch immer, allerdings bin ich inzwischen nicht mehr glücklich damit. Mein Ziel war es immer, mich für benachteiligte Menschen einzusetzen – das hat nicht viel mit Jura zu tun. Aber mein Ziel werde ich trotzdem weiter verfolgen, wenn auch möglicherweise mit anderen Mitteln. Mein Traum ist es, eine Begegnungsstätte für uns Asperger-Autisten zu schaffen, mit ganz vielen verschiedenen Möglichkeiten, wo es Hilfe und Beratung gibt, aber auch Gruppen, in denen man ganz ungezwungen diskutieren, kochen, basteln und sonstiges machen kann. Möglicherweise auch mit einem Café, in dem wir Autisten uns wohl fühlen könnten.

Zurzeit brauchen mich meine Kinder noch, auch wenn sie immer selbstständiger werden. Am meisten Unterstützung benötigt allerdings noch immer mein 15-Jähriger Sohn, der inzwischen, nach mehreren Schulwechseln, die 9. Klasse eines Gymnasiums besucht – mit Schulbegleiter. Auch für ihn ist es mir wichtig, Aufklärung zu leisten und zu „dolmetschen“. Mir wird immer wieder klar, dass sich viele NT´s genauso wenig in unsere Welt hineinversetzen können, wie wir in ihre, wobei ich inzwischen schon ganz gut in „NT-Sprache“ bin (was als Nebenwirkung aber dazu führt, dass Autisten Probleme mit dem Verständnis haben). Mein Sohn allerdings spricht „autistisch“ pur, was einerseits sehr schön ist, aber wiederum zu Missverständnissen mit NT´s führt.

Ich merke schon, ich könnte noch einen Roman schreiben :-). Ich werde einfach von Zeit zu Zeit mehr aus meinem Leben berichten und ich bin auch offen für Anregungen, z.B. freue ich mich immer sehr, wenn Mütter von autistischen Kindern um „Übersetzung“ bitten. Es ist nicht schlimm, wenn man sein Kind nicht immer versteht und dies auch offen zu sagen, finde ich anerkennungswert. Ich kenne inzwischen einige NT´s, die durch Autisten wie mich schon sehr gut „autistisch“ gelernt haben. Eine gemeinsame Sprache wird es wohl nicht geben – aber einander zu verstehen und zu akzeptieren, das wäre schon ein großer Schritt.

 

 

N#MMER – Magazin rund um Autismus & AD(H)S

Auch darum soll’s hier gehen. Um Projekte von Autist*innen.
Darum will ich euch heute eines vorstellen, das sich gerade in der Startphase befindet und sich sehr über Unterstützung freuen würde.

Denise Linke aus Berlin ist selbst Autistin und arbeitet seit einer Weile an einer, wie ich finde, tollen Idee. Sie will, gemeinsam mit Anderen, ein Magazin herausbringen, das sich mit „unseren“ Themen beschäftigt. Also mit menschlichen Themen, mit allem, was uns interessiert und beschäftigt, aber aus einer Perspektive, die sonst eher nicht in Magazinen zu finden ist. Vielleicht gewährt das auch anderen Menschen einen kleinen Einblick, wie es ist, die Welt ein wenig anders wahrzunehmen. Vor allem soll das N#MMER Magazin aber von und für uns sein, deren Gehirne ein wenig anders verdrahtet sind, um es mal salopp zu formulieren. Über Anregungen zu Themen, die von Interesse sind, freut man sich dabei immer. Erscheinen soll die erste Ausgabe, wenn das nötige Geld zusammenkommt, im 3. Quartal 2014.

Auf startnext ist gerade die Finanzierungsphase mittels Crowdfunding angelaufen. Falls euch das nichts sagt: beim Crowdfunding geht es darum, dass viele Menschen (die „Crowd“) ein Projekt mit einem variabel wählbaren finanziellen Beitrag unterstützen und so eine unabhängige Finanzierung sicherstellen (der „funding“-Teil). Projekte, die sonst keine Chance hätten umgesetzt zu werden, können so von vielen Menschen gemeinsam ermöglicht werden. Je nach Höhe des Betrages gibt es für die Unterstützer*innen unterschiedliche „Dankeschöns“. Im Fall von N#MMER bekommt man für 4,50 Euro schon die erste Ausgabe des Magazins als elektronisches Exemplar für Handy/Tablet/Computer. Für 7 Euro gibt es die Print-Version noch dazu, dann gibt es noch viele weitere mögliche Beträge. Für 100 Euro zum Beispiel unterstützt ihr nicht nur ein tolles Projekt, sondern bekommt neben dem Magazin selbst auch eine Einladung zur Release-Party in Berlin. Schaut es euch einfach mal an!

Denise und ihr Team haben sogar ein Video gedreht und momentan ist sie anscheinend ganz schön damit beschäftigt Radiointerviews zu geben oder Podcasts aufzunehmen. Hier kann man sich direkt die Aufnahme der Sendung Blue Moon (Radio Fritz) anhören und erfährt mehr über Denise und ihre Gedanken zum N#MMER-Magazin.
Update: Denise hat das Magazin auch im Realitätsfilter Podcast vorgestellt. Die 49:54 Minuten lohnen sich!

Wenn ihr wollt, dass dieses Magazin wirklich entsteht und ein paar (oder mehr) Euro dafür übrig habt, dann zögert nicht und tragt dazu bei!

Anna

Nach dem 1. Stammtisch

Nach dem 1. Stammtisch stehen vor allem 3 Dinge fest:

  1. Nervosität, Ängste und Unsicherheiten, die nicht nur mich im Vorfeld beschäftigt hatten, waren vollkommen unbegründet. Es war vor allem am Anfang schon sehr aufregend, aber wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, haben uns über alles Mögliche unterhalten und hatten einen sehr schönen Abend zusammen 🙂
  2. Wir brauchen einen leiseren Treffpunkt für die zukünftigen Stammtische. Es war zwar sehr schön und lecker dort, aber viel zu laut! Vielleicht wären wir länger geblieben, wäre der Lärm nicht so unerträglich gewesen. Einen Tisch neben der Bar unter einem Lautsprecher im Eingangsbereich bekommen zu haben, hat es nicht besser gemacht.
  3. Ab jetzt findet jeden 1. Donnerstag im Monat unser Stammtisch in Nürnberg statt. Eingeladen sind nach einer kurzen Voranmeldung (per Mail oder besser noch im Forum) alle Autisten aus Nürnberg, der Umgebung oder weiter weg, die Lust auf einen unkomplizierten Abend mit anderen Autisten haben. Uhrzeit und Treffpunkt sagen wir euch, wenn ihr euch meldet 🙂

Danke allen, die dabei waren und die unser erstes Treffen zu so einem schönen Erlebnis gemacht haben! 🙂

Außerdem treffen zwei von uns sich nächste Woche in Nürnberg, um unseren Gruppenraum tatsächlich für ein erstes Jahr zu mieten und den Schlüssel dafür abzuholen. Auch in Sachen „feste Gruppe“ geht es also voran und es wird nicht mehr lange dauern, bis wir uns zum ersten Mal dort treffen können 🙂

Nochmal danke an alle, die so engagiert mitorganisiert haben und es weiterhin tun! Das alles hier ist nur möglich, weil wir alle im Rahmen unserer Möglichkeiten etwas beitragen. Im Kleinen und im Großen 🙂

Anna

Vor dem 1. Stammtisch

Es ist 11:44 Uhr.
Ich habe mein Vormittagsprogramm erledigt, wie jeden Tag.
Beruhigende Berechenbarkeit.
Und doch fühlt sich heute alles anders an.
Ich werde jetzt um 12 Uhr nicht am Schreibtisch meine Uni-Arbeit beginnen. Es ist ausgeschlossen, dass ich mich auf irgendwelche Prüfungsfragen konzentrieren kann. Dafür kann ich nicht lange genug stillsitzen.

Wenn ich aufgeregt, nervös oder gestresst bin, erhält man die einmalige Gelegenheit den Vorzeigeautisten in mir kennenzulernen. Eher unfreiwillig irritiere ich die Dorfbewohner mit meinen angenehmen Wedeleien und Handbewegungen. Sie haben ja keine Ahnung, wie sehr mir das hilft! Es ist der effektivste und harmloseste Weg die Anspannung zu kontrollieren. Heute gelingt es mir sowieso nicht es zu unterdrücken, mich zu tarnen, normal auszusehen. Ich bemerke ihre Blicke nicht, kann meinen eigenen ja kaum vom Boden abwenden. Aber ich weiß, dass sie mich anschauen. Ich weiß nicht, was sie denken. Und eigentlich interessiert es mich auch nicht. Aber irgendwas denken sie und wenn ich es wüsste, würde es mich wahrscheinlich aufregen. Manchmal ist es auch garnicht schlecht, die Menschen nicht nachvollziehen zu können.

Heute findet unser erstes Stammtischtreffen in Nürnberg statt. Was vor ein paar Monaten nur eine Idee war, wird jetzt 5 Menschen, die sich (vermutlich) noch nie gesehen haben, an ein und denselben Ort führen. Wir werden um einen Tisch herum sitzen, in einem netten Café, und… und was? Was wird passieren? Ich würde gerne den Ablauf des heutigen Tages detailliert in Gedanken durchspielen, aber das wird wohl nicht funktionieren. Ich weiß nicht, was mich erwartet. Ich weiß nicht, ob und worüber wir uns unterhalten werden. Ich weiß nicht, ob ich zu etwas Anderem, als Zuhören fähig sein werde. Vier fremde Menschen auf einmal. Ich muss verrückt sein!

Andererseits sind es auch keine vollkommen Fremden mehr. Wir hatten Zeit uns auf schriftlichem Wege während der gemeinsamen Organisation ein wenig kennenzulernen. Und doch ist da die Angst neben der Aufregung und Freude über das, was wir geschafft haben.

Was, wenn ich es nicht schaffe normal genug aufzutreten?
Was, wenn sie alle viel weniger verrückt aussehen, als ich?
Was, wenn auch mit ihnen die Kommunikation so schrecklich kompliziert ist?
Was, wenn sie mich heimlich auslachen oder sich Blicke zuwerfen und ich es nicht bemerke?
Was, wenn die Fahrt in die Stadt, die Menschen, all der Lärm und die Eindrücke mich überfordern und ich…

Stopp!

Das ist es, was das Leben unter Nichtautisten mit uns macht. Unter ständiger Angst, ständigem Anderssein, ständiger Beobachtung. Ständig dafür ausgeschlossen, abgelehnt, misstrauisch oder mitleidig beäugt werden, dass wir Dinge tun, die sie nicht verstehen.

Es sollte mir egal sein, das weiß ich.
Aber es ist mir nicht egal.
Weil dieser Autist Gefühle besitzt.
Echte, menschliche Gefühle, mit allem was dazu gehört.

Aber ich weiß auch, dass ich mich sehr auf unser Treffen freue, auch wenn ich diese ganzen Gefühle gerade nicht auseinanderhalten kann. Ich weiß es einfach, weil es etwas Gutes ist. Etwas Gutes, das ich ohne Erwartungen an die Anderen angehe. Wer, wenn nicht diese Menschen, sollte meine Befürchtungen nachvollziehen können?

Ich habe mich, nach einer notwendigen Gewöhnung, in Gegenwart von anderen Autisten bisher immer frei gefühlt. Frei zu Sein.
Meine Augen waren frei, weil ich sie nicht zwingen musste in die Augen des Anderen zu starren. Nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz.
Meine Hände waren frei sich zu bewegen.
Vielleicht gab es auch hier Blicke, die ich nicht bemerkt habe.
Aber es waren keine urteilenden Blicke. Es war reine Neugierde auf das andere Wesen und das, was es da tut.

Und wenn ich mich an diese Begegnungen erinnere, an die Selbstverständlichkeit von minutenlangem Schweigen, aneinander Vorbeischauen und die manchmal unbeholfenen Gesprächsansätze, dann weiß ich, dass ich keine Angst haben muss.
Dann weiß ich, dass es gut wird, egal wie es wird.

Es ist jetzt 12:22 Uhr.
Ich werde jetzt unvernünftigerweise noch einen Kaffee trinken und hoffe, ich schmeiße die Tasse nicht wieder auf den Boden, weil ich vergesse, dass ich sie in der Hand halte. Und ich werde weiter wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Haus laufen und versuchen irgendwas Sinnvolles zu tun. Und dann werde ich in den Zug steigen, in die Stadt fahren und einen schönen Abend haben.

Anna

Ihr tut mir weh

Und dann gibt es diese Tage, an denen ich mich so schutzlos und ausgeliefert und nackt fühle. An denen nichts übrig ist von meiner Energie, um zu kommunizieren oder zu verstehen oder Appelle zu schreiben.

Ihr tut mir weh mit jedem Wort. Ganz gleich zu wem ihr es sagt, es fühlt sich an wie ein Schlag. Jedes einzelne Wort ein Schlag auf meinen sowieso schon wunden Körper.

Jeder Lichtstrahl schmerzt so sehr in meinen Augen, dass ich sie am liebsten den ganzen Tag über nicht öffnen würde. Wären die Geräusche dann nur nicht noch lauter und müsste ich nicht mein Leben weiterleben, mit all seinen Aufgaben und Abläufen und Routinen, ohne die ich all das noch viel schwerer ertragen könnte.

Eure pure Existenz, so sie sich in meine Umgebung ausdehnt, ist mir zuviel. Ich kann euer Lachen nicht ertragen und euer Schreien lässt mich verzweifeln.

Ich fühle mich so schutzlos und allein und wie das einzige Wesen meiner Art auf diesem Planeten.

Ich verstehe nicht, was ihr sagen wollt mit euren furchtbaren Worten und Bewegungen. Ich will nur, dass ihr alle verschwindet und ich so allein sein kann, wie ich mich innen fühle.

Und tief drin ist da gleichzeitig ein leiser Wunsch. Nach einem Menschen, der mir so vertraut ist, dass seine Anwesenheit sich so anfühlt, als wäre er garnicht da. Den ich in meiner Nähe ertragen könnte, schweigend. Ein Mensch, gegen den ich von Zeit zu Zeit meinen von der Welt schmerzenden Kopf lehnen könnte, nur für eine kurze Weile, und der nichts dazu sagt. Ein Mensch, dessen Berührungen mich nicht zusammenzucken lassen. Vor dessen Händen ich nicht fliehen will. Dessen Umarmung mich abschirmt vor der Welt und mich nicht verstört die Flucht ergreifen lässt.

Aber es gibt diesen Menschen nicht. Weil ich niemanden lange genug in meiner Nähe ertrage, um eine solche Vertrautheit entstehen zu lassen. Ich brauche das Alleinsein fast noch dringender, als das Atmen. Und darum gibt es diesen Menschen nicht und darum will ich, dass ihr alle verschwindet. Jetzt! Sofort!

Bis ich mich erholt habe von euren auf mich einschlagenden Worten und unverständlichen Botschaften und unerklärlichen Erwartungen. Von der Verwirrung, den Schmerzen, der Angst. Damit ich euch dann wieder eine Weile ertragen kann und mich an euch gewöhne. An einen oder zwei von euch. Damit es irgendwann leichter wird in eurer Nähe zu sein. Irgendwann, mit viel Geduld.

Aber jetzt tut ihr mir einfach weh.

Ihr und jedes Geräusch und das Licht und sogar meine eigenen Gedanken.

Anna

Suizidgedanken bei Autisten – Depression oder etwas ganz anderes?

Je mehr Autisten ich kenne und je mehr ich aus dem Leben der anderen erfahre, desto deutlicher wird mir eine Gemeinsamkeit bewusst. Sicher nicht bei allen, aber bei einer erschreckend hohen Anzahl.

Es ist das Gefühl, dass das Leben so schwer ist, dass es einfach eine Qual ist. Letzte Nacht hatte ich einen Traum: Ich selbst lag auf einem Krankenbett auf einer Sterbestation und ein Arzt kam und teilte mir mit, dass ich innerhalb der nächsten zwei Tage sterben würde. Später kam er wieder und meinte, er hätte sich vertan, ich hätte noch 2 Wochen. Aufgewacht bin ich mit einem Gefühl der Wut und Verzweiflung. „Was, noch 2 Wochen muss ich diesen Mist hier aushalten?“

Dabei handelt es sich nicht um eine „normale“ Depression. Das würde bedeuten, dass das Leben immer kaum aushaltbar wäre, nicht nur temporär. Es ist immer dann schlimm, wenn die Außenwelt so sehr mein Leben beeinflusst, dass ich merke, dass sie meine Kräfte übersteigt.

Ganz gut kann ich das auch an meinem autistischen Sohn beobachten. Er hatte schon in früher Kindheit geäußert, nicht mehr leben zu wollen, inzwischen bekommt er Antidepressiva. Bei ihm scheint das etwas zu helfen, auch wenn er weiter durch die Außenwelt so gestresst ist, dass er sich die Haare ausreißt und seine Finger blutig beißt – bei mir nicht. Das ist nun auch keine Überraschung, denn Autisten reagieren auf Medikamente nicht wie NT´s. Leider wissen dies nur wenige Ärzte und dementsprechend kommt von dieser Seite wenig Hilfe.

Wenn ich zum Arzt gehe und berichte, wie es mir geht, werde ich oft nicht ernstgenommen. Ich kann gar nicht mehr aufzählen, wie oft ich den Satz gehört habe: „Aber Sie sehen doch gut aus?“ Oder: „Wenn es Ihnen schlecht gehen würde, würden Sie anders aussehen“. Natürlich habe ich mir schon oft Gedanken darüber gemacht, weshalb meine inneren Nöte nicht nach draußen klingen. Einerseits fehlt mir wohl der Gesichtsausdruck, den ein leidender Mensch zeigen muss und andererseits bin ich im „Schauspielmodus“, wenn ich das Haus verlasse. Der ist schon so perfekt eingeübt, dass ich ihn gar nicht mehr aufgeben kann. Dazu gehört perfektes Styling und Makeup – alles abgeschaut. Wenn ich zu Hause bin, wird alles ausgezogen, wie eine Haut, die abgestreift wird. Sie ist nämlich nicht meine.

Ich frage mich, wie die Situation für Autisten verbessert werden könnte, damit so viele von uns nicht nur ein „etwas weniger schlechtes Leben“, sondern ein schönes Leben leben könnten. Für mich wäre zum Beispiel eine Arbeit, die mir gerecht werden würde (also nicht intellektuell unterfordernd) und die mich gleichzeitig nicht überfordert (mit Menschenkontakt, hellem Licht, lauten Tönen, etc.) ein Traum. Ich würde mich wertgeschätzt fühlen, wenn ich so eine Arbeit nicht aus einem Mitleidsakt erhalten würde, sondern weil man meine Fähigkeiten schätzt.

Das ist auch so eine Hoffnung von mir: dass die Außenwelt uns nicht nur als schwierig und Kostenintensiv und auffällig wahrnimmt, sondern als gleichwertige Mitglieder unserer Gesellschaft. Trotz all unserer Schwierigkeiten bieten wir Autisten alle einen Blick auf eine andere Welt, teilweise mit besonderen Fähigkeiten. Es wäre schön, wenn diese Welt in der realen Welt der NT´s integriert werden könnte. Dann gäbe es keinen Grund mehr zum flüchten – im schlimmsten Fall aus dem Leben.

Lisa akzeptiert sich selbst

Sich permanent mit anderen zu vergleichen, ist schlichtweg sinnlos. Was habe ich davon, mir von verschiedenen Menschen einzelne Punkte herauszupicken und diese zu kopieren? Ich kann versuchen, den Humor von Person 43 zu imitieren, denn über ihre Bemerkungen lacht jeder.

Von Nummer 67 kann ich mir abkucken, wie sie sich kleidet, denn sie bekommt oft Komplimente. 21 sieht wunderbar aus mit ihren Haaren, die ich mir ebenso schneiden könnte. Person Nummer 90 hat eine bestimmte Art zu posieren, die auf mich immer sehr stimmig wirkt, während die 89 spezielle Interessen hat, mit denen sie oft in angenehm freundliche Gespräche gerät. Die gesamte Art und Weise zu sprechen von 56 gefällt mir und allen anderen offenbar auch und Nummer 45 hat immer diesen hinreißenden Gesichtsausdruck, der auf allen Fotos toll aussieht. Vorm Spiegel sieht der imitierte Gesichtsausdruck nicht sehr vorteilhaft aus, weil ich eben ein ganz anderes Gesicht habe. Es findet sich sicher schnell eine Person, die ständig super aussieht mit ihrer Mimik. Der Haarschnitt von 21 ist unkomfortabel. Na, dann nehme ich eben den von 77. Dazu sieht die Farbe irgendwie doof aus, aber Person 28 hat eine sehr schicke Farbe.

Wenn ich all diese Merkmale für mich übernehme, ergeben sie gewissermaßen eine vollkommen neue Person, die nicht im Geringsten mehr der Persönlichkeit entspricht, die einmal da war bevor einzelne Menschen nach und nach begannen, sie aufgrund ihrer Eigenheiten und Andersartigkeiten zu diskriminieren und auszuschließen.

Ich habe so lange Zeit versucht, offensichtlich beliebte Merkmale anderer Menschen zu imitieren und versucht, mir selbst einzureden, dass das tatsächlich meinem Wesen entspricht. Aber wenn ich am Ende des Arbeits- oder Schultages nach Hause kam, war ich doch eigentlich, irgendwo innerlich wieder jemand ganz anderes. Nämlich jemand, wegen dem ich nicht dauernd darauf achten muss, was ich denke und sage, tue und lasse, damit ich um jeden Preis anderen Menschen einigermaßen gefalle, um nicht schon wieder beleidigt und ausgeschlossen zu werden. Ja, natürlich kann ich nicht von jedem gemocht werden und selbstverständlich wird man jeder mal ausgeschlossen, aber dass das permanent passiert, sollte doch nicht sein.

Für mich war es nur logisch, dass ich mich der Mehrheit beugen muss um akzeptiert zu werden und daraufhin glücklich sein zu können. Was für ein Unsinn. Theoretisch mag das zwar vielleicht sein, aber das funktioniert praktisch nicht, weil man über Gefühle und einen fest manifestierten Charakter verfügt, mit welchem man doch normalerweise selbst ganz zufrieden ist. Und ich bin mit meinem Charakter zufrieden. Womit ich nicht zufrieden bin, ist der Egoismus anderer Menschen, ebenso wie deren Oberflächlichkeit und diese Kurzsichtigkeit. Alles was deren Horizont übersteigt, kommt ihnen falsch vor. Genau das war der Grund, weswegen ich versucht habe, jemand anderes zu sein. Dabei sollte man sich doch gegenseitig akzeptieren und sich entgegen kommen.

Du bist Autistin und hast Gefühle? Wie geht das denn?

So oder so ähnlich hat es wohl jeder Autist schon einmal zu hören bekommen. Leider nicht nur von unwissenden Mitmenschen, sondern auch von Experten, wie beispielsweise Psychologen, Therapeuten und Ärzten.

Im Grunde kann ich nur für mich sprechen, aber durch Gespräche mit anderen Autisten habe ich erfahren, dass auch sie durchaus Gefühle haben – aber sie nicht nach „außen“ bringen können (selbst mein Mann weiß oft nich so genau, woran er bei mir ist), genauso, wie wir Probleme damit haben, Gefühle bei anderen Menschen zu erkennen.

Mir ist das inzwischen sehr bewusst und so bin ich im Kontakt mit anderen Menschen immer hochkonzentriert und beobachte, damit mir nichts entgeht. Das scheint allerdings auch nicht „passend“ zu sein, denn ich habe auch schon gehört: „Schau mich nicht ständig an!“ Früher habe ich Augenkontakt übrigens auch gemieden. Inzwischen habe ich gelernt, mich dazu zu zwingen. Inzwischen bin ich Expertin in Augenkontakt 🙂 .

Dabei habe ich hart an meiner Technik gearbeitet: jahrelang habe ich mir TV-Sendungen nur im Hinblick darauf angesehen, wie Menschen untereinander agieren. Habe gelernt, welcher Satz auf welchen folgen muss und was bestimmte Sätze auslösen. In meinen Bücherregalen stehen Bücher über Mimik, Gestik und Kommunikation. Trotzdem – es scheint zwar oberflächlich zu funktionieren, vielen fällt nicht auf, dass ich Autistin bin (mein Lächeln habe ich inzwischen perfektioniert, glaube ich zumindest 🙂 ) – aber es ist jedes Mal für mich wahnsinnig anstrengend, mit Menschen zu kommunizieren. Es ist schauspielern. Das habe ich einem anderen, wesentlich älteren, also erfahrenen Autisten erzählt und ich spürte, dass er mich verstand. Er meinte zu mir: „Auch die NT´s schauspielern – sie wissen es nur nicht.“

Ich habe bei mir gemerkt, dass ich meine Gefühle auf mein Gegenüber projiziere. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich nur meine Reaktion auf bestimmte Situationen kenne. Wenn das Gegenüber plötzlich ganz anders reagiert, bin ich überfordert. Im schlimmsten Fall entziehe ich mich, in dem ich einfach gehe. Bin ich gezwungen, in der Situation zu bleiben, verstumme ich.

Außerdem habe ich manchmal das Gefühl, regelrecht von Informationen „überflutet“ zu werden. Das ist dann wohl tatsächlich fast so wie ertrinken – innerlich fliegt eine Sicherung raus.

Viele Jahre habe ich nicht gewusst, was mit mir los ist. Dass etwas mit mir nicht stimmt, war mir klar. Aber noch mehr Angst hatte ich, aufzufallen. So habe ich versucht, perfekt zu kopieren. Lieber war ich auch unbeliebt, als dass jemand merken könnte, dass ich „nicht richtig“ bin. Meine größte Angst dabei war immer, in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen zu werden, ich hielt mich für „irgedwie verrückt“. Irgendwann konnte ich mich aber nicht mehr ständig anpassen, die Kraft war nicht mehr da.

Was mich als Mutter natürlich zu der Frage bringt, wie ich meinem autistischen Sohn auf das Leben „draußen“ vorbereite. Oft wird vertreten, dass mit Sozialtrainings alles besser wird. Dort werden Situationen trainiert (und im schlimmsten Fall unter ganz üblen Bedingugen, wie z.B. bei ABA) und der Autist soll dadurch besser Anschluss an die Gesellschaft finden. An sich keine schlechte Idee… wenn man NT ist. Ich selbst sehe das inzwischen zwiespältig, denn es vermittelt deutlich; du bist nicht okay, so wie du bist! Wenn ich also nur gemocht werde, weil ich so gut schauspielern kann, was bleibt dann von mir selbst? Davon abgesehen, dass es nicht wirklich funktioniert. NT´s scheinen ein feines Gespür dafür zu haben, wenn etwas nicht stimmt. Ich vermute, sie erfassen, dass eine Gesichtsregung nicht passt, oder die dazugehörige Körpersprache.

Ich kann heute viele Dinge und kann sie doch nicht. Es hängt immer davon ab, wie viel Kraft mir gerade zur Verfügung steht. Für NT´s schwer zu verstehen, denn entweder kann man etwas, zum Beispiel telefonieren, oder man kann es nicht. Es ist wohl schwer vorstellbar, wie knifflig es ist, ständig in einer komplizierten Fremdsprache kommunizieren zu müssen, die einem selbst so schwierig ist, wie es wohl für eine Krabbe sein muss, wie ein Mensch zu laufen.

Ich bin froh, hier bei Autland angekommen zu sein und inzwischen auch einige Autisten im Netz kennengelernt zu haben. Es ist so wunderbar, sich austauschen zu können, ohne sich ständig darüber Gedanken machen zu müssen, ob bei meinem Gegenüber auch tatsächlich das ankommt, was ich vermitteln wollte. Das ständige „zwischen den Zeilen lesen“ fällt weg.

Trotzdem würde es mich noch glücklicher machen, wenn ich mich auch in der Welt „draußen“ wohlfühlen könnte. Dazu fehlt mir eigentlich nur eines: als Autistin so akzeptiert zu werden, wie ich bin.