Autistin sein und Mutter – das schließt sich nicht aus

Ich bin Autistin und Mutter. Für viele Menschen scheint sich das auszuschließen. Überhaupt scheint es seltsam zu sein, als Autistin eine Familie zu haben.

Früher, als ich Autismus auch nur durch den Film „Rain Man“ kannte, als ich noch nicht selbst einen autistischen Sohn hatte und dadurch immer mehr Informationen über Autismus erhielt, wäre ich selbst nicht auf die Idee gekommen, Autistin zu sein.

Klar, ich fühlte mich nie irgendwo zugehörig. Nicht im Kindergarten, nicht in der Schule, nicht während der Ausbildung und nicht während meiner langen „Mutterzeit“, die ich zu Hause verbrachte. Ich suchte immer nach Gründen. Lag es daran, dass sich meine Eltern scheiden ließen, als ich 2 Jahre alt war und ich bei meinem Vater und meiner grausamen Stiefmutter aufwuchs? Oder daran, dass ich mich in der Schule ständig langweilte, aber nichts sagte, weil es dort immer noch besser war, als zu Hause? Vielleicht auch an meinem Äußerem? Eines war aber immer ganz deutlich: ich verstand meine Mitschmenschen nicht und sie mich auch nicht. Daher kam ich sogar zeitweise auf die Idee, irgendwie „dumm“ zu sein. Mehr als einmal wurde ich auch so behandelt, sogar mehrmals von Ärzten, die von Autismus keine Ahnung haben. Leider gehören auch Psychiater dazu – mehr dazu in einem anderem Thema. Dass ich nicht „dumm“ bin, weiß ich inzwischen, denn ich habe das allgemeine Abitur in nur 2 Jahren nachgeholt – mit 36 Jahren.

Durch meine Naivität geriet ich immer wieder an Männer, die mich ausnutzen. Ich hatte nie gelernt „nein“ zu sagen. Inzwischen habe ich schon einige Zeit einen Mann, der mich sehr gut verstehen kann. Er lacht, wenn ich mich wieder mal aufrege und mit den Armen flattere oder einen Witz nicht verstehe. Er akzeptiert auch meinen inzwischen 15-jährigen Sohn, der auch einen langen Diagnostik-Weg gehen mußte. Auch dazu ein anderes Mal mehr. Es ist sehr traurig, wie man als behinderter Mensch mit einem behindertem Kind um Hilfe kämpfen muss – und das ausgerechnet auf einem Weg, der uns Autisten schon schwer genug fällt – der sprachlichen Kommunikation.

Inzwischen habe ich 5 Kinder. Wenn ich das erwähne (ohne überhaupt meinen Autismus zu thematisieren), scheint das schon ein Tabubruch zu sein und oft höre ich: „So siehst du gar nicht aus“. Dieser Satz hat mir schon oft „Kopfzerbrechen“ bereitet. Wie muss denn eine Mutter von 5 Kindern aussehen?

Von meinen 5 Kindern ist nur mein Sohn diagnostiziert. Die anderen 4 Kinder scheinen alle NT zu sein (bei meiner 11-jährigen Tochter bemerke ich immer mal autistische Züge, aber nur mein Sohn besitzt den Bahnhof 🙂 )

Mein Sohn und ich verstehen uns gut. Nach meiner Diagnose habe ich endlich verstanden, weshalb. Er ist autistischer als ich, aber mir sind die Ansätze immer klar. Auch er formuliert immer wieder, wie froh er ist, dass ich so bin, wie ich bin.

Dazu ein Punkt, der mir sehr am Herzen liegt. Oft fühlen sich nichtautistische Mütter angegriffen, wenn man ihnen als Autistin erzählt, dass sie ihr autistischen Kind nicht 100%-tig verstehen können. Ich kann nicht verstehen, warum. Einmal habe ich versucht, einer Nichtautistin meinen Standpunkt näher zu bringen. Meine Worte gebe ich hier nochmal wieder, da sie mich danach verstanden hat:

Wenn ich mir vorstellen würde, ich hätte ein Kind im Rollstuhl. Dann kommt ein Rollstuhlfahrer daher und sagt mir, dass ich mir nicht vorstellen kann, im Rollstuhl zu sitzen. Dann kann ich sagen „Doch, kann ich, ich kann mich doch hineinsetzen“. Das ist zwar richtig, aber ist nicht das Gleiche. Der Rollstuhlfahrer hat die ganze Zeit eine andere Perspektive – von unten. Dazu wäre es noch abstrus, wenn ich den Rollstuhlfahrer dazu auffordern würde, auch in meine Perspektive zu wechseln und zu laufen. Wie soll das gehen? Der Rollstuhlfahrer braucht viel mehr Hilfe bei seinen täglichen Verrichtungen, das ist Fakt. Da kann ich auch nicht sagen „Aber ich, ich habe eine Erkältung und kann auch nicht laufen“. Ich weiß nicht, ob ich es richtig erklärt habe, aber Fakt ist, dass wir Autisten in der schwächeren Position sind.

Der Rollstuhlfahrer hat aber einen Vorteil: man sieht ihm die Behinderung an.

Auf jeden Fall bin ich froh, NT-Kinder zu haben. Ich lerne jeden Tag von ihnen und wie sehr sie von „alleine“ lernen, wurde mir bei einer Situation besonders bewußt:

Wir waren in der Tierklinik, weil unsere Katze hohes Fieber hatte. Nur kurze Zeit zuvor war uns ein Kitten an FIP weggestorben und die Ärztin, die es von großen Qualen erlöst hatte, in einer sehr dramatischen Nacht, war zufällig wieder die behandelnde Ärztin. Sie fragte: „Wie geht es?“ Diese Frage ist für mich eine der schwersten auf der ganzen Welt. Ich weiß nie, was die richtige Antwort ist. Aber diesmal wußte ich nicht, wie ich meine Gefühle in Worte fassen sollte und war zunächst stumm. Meine älteste Tochter erfasste die Situation, zupfte mich am Ärmel und zeigte auf die Katze. Da verstand ich: die Ärztin wollte nicht meine Gefühle wissen, sondern interessierte sich für den Zustand der Katze.

Meine NT-Kinder akzeptieren mich so, wie ich bin. Ich bin mir bewußt, dass ihre Kindheit nicht ganz so unbeschwert ist, als die von Kindern, die bei NT-Müttern aufzuwachsen. Bislang scheint es ihnen aber nicht geschadet zu haben. Im Gegenteil – sie lernen von mir, auch „autistisch“ zu denken. Das ist etwas, was ich mir für viel mehr Menschen wünsche. Denn das, was man kennt, ist nicht mehr fremd. Was nicht mehr fremd ist, ist ein Teil davon. Ich wäre gerne ein Teil der Gesellschaft.

 

 

 

 

 

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