Archiv für den Monat September 2014

Barrierefreiheit für Autisten? Oder die Sache mit dem Lärm.

Ich komme gleich zur Sache. Wir mögen unsere Stammtische, jedenfalls entnehme ich das den Aussagen der Teilnehmer*innen und der Tatsache, dass wir jetzt schon eine ganze Weile jeden Monat zusammenkommen. Jedes Mal in einem Cafe, jedes Mal in leicht unterschiedlicher Zusammensetzung und jedes Mal unterhalten wir uns gut. Klingt super.

Allerdings sind die ersten Stammtischbesucher*innen nach spätestens zwei Stunden völlig k.o und wir lösen uns früher, als vielleicht schön wär, wieder auf. Danach brauchen wir Ruhe und Erholung, jedenfalls viele von uns. Einerseits ist so ein Austausch mit mehreren Leuten natürlich anstrengend. Aber vor allen Dingen ist die kontinuierliche Beschallung mit Lärm das Problem. Da ist einerseits die allgegenwärtige Geräuschkulisse eines Cafes, andererseits aber auch die überall viel zu laute Dauerbeschallung mit Musik aus Lautsprechern, die in allen Ecken und Winkeln der Räumlichkeiten angebracht sind.

Die überwiegende Mehrheit der autistischen Menschen, die ich kenne, reagieren sensibel auf Geräusche. Einige sind extrem geräuschempfindlich, andere tolerieren es ein wenig besser. Aber ein Problem ist es für sehr viele.

Ich kann Nebengeräusche und Lärm nicht „ausblenden“. Ich gewöhne mich nicht an einen Geräuschpegel. Es wird mit zunehmender Zeit einfach immer unerträglicher (ja, da gibt es eine Steigerung). Der Stresspegel steigt immer weiter und die Konzentration auf Gespräche oder andere Menschen wird dadurch früher oder später ganz unmöglich.

Nun finden Stammtische ja gewöhnlich in Cafes, Restaurants oder Bars statt. Das war auch unser Gedanke, denn gegen ein ruhiges, gemütliches Cafe hat eigentlich niemand etwas einzuwenden. Wenn es dann noch leckeres Essen gibt, umso besser. Mittlerweile hat sich jedoch herausgestellt, dass bei allen unseren bisherigen Versuchen, der Lärm ein Problem war. Davon abgesehen war es toll – aber sowas schränkt natürlich schon sehr ein. Wir haben verschiedene Orte ausprobiert. Wir haben sogar wiederholt darum gebeten die Musik leiser zu stellen, was trotz Zusagen nie umgesetzt wurde.

Welche Schlüsse sollen wir jetzt daraus ziehen?
Sind Autist*innen eben einfach nicht dafür geeignet Zeit in Cafes zu verbringen? Abgesehen vom Lärm gefällt es uns dort aber doch.
Sollten wir vehementer einfordern auf unsere Einschränkungen Rücksicht zu nehmen? So wie Rollifahrer*innen einen barrierefreien Zugang zu Räumlichkeiten einfordern (zu Recht)?
Doch wie reagiert der*die sozial nicht allzu kompetente Autist*in darauf nicht erstgenommen, belächelt oder schlicht ignoriert zu werden? Sofern es ihr*ihm überhaupt gelingt die fremden Personen anzusprechen.
Ist es wirklich unzumutbar für nichtautistische Menschen einen Abend lang, nur für ein paar Stunden, auf eine Dauerbeschallung mit Musik zu verzichten? Was könnte schlimmstenfalls passieren? Würden sich die Menschen vielleicht zur Abwechslung mal selbst denken hören (Sarkasmus)? Das wäre doch garnicht so schlecht, meine ich. Und könnte womöglich den Horizont erweitern (RW).

Da wir weder uns selbst ändern, noch – so scheint es – Toleranz und Rücksicht bei Cafebetreiber*innen wecken können, bleibt uns vorerst nur der Rückzug. Das ist sowieso eine Standardstrategie des*der gemeine*n Autist*in, um mit sozialen Problemen fertig zu werden. Man denke sich einen frustrierten Unterton in diesen Satz.

Aber wir wollen natürlich auf keinen Fall aufgeben. Unser wichtigstes Ziel ist es, eine gute Zeit gemeinsam zu verbringen. Wir wollen Ansprechpartner für „neue“ Autist*innen in der Region sein und ihnen ermöglichen mit uns, ganz ungezwungen, in Kontakt zu treten. Ohne zusätzliche Stressfaktoren wie Lärm, mangelnden Respekt oder ignorante Cafebetreiber*innen. Das bisherige Format stößt da leider an seine Grenzen.

Jetzt sind wir ja nicht unkreativ und werden in nächster Zeit zwei Alternativen testen.

  1. Spieleabende
  2. Spaziergänge mit kürzerem Cafebesuch

Wir haben doch tatsächlich festgestellt, dass die überwiegende Mehrheit der hier versammelten Autist*innen großen Spaß an Gesellschaftsspielen hat. Sieh an! Neben dem Spaß am Spiel bieten Spieleabende auch Neulingen die Gelegenheit uns kennenzulernen, ohne Angst zu haben, dass sie nicht wissen, was sie überhaupt sagen sollen. Spiele haben Regeln und mitspielen können alle. So bricht das Eis (RW) sehr schnell 🙂

Die zweite Variante soll von den positiven Effekten der gemeinsamen Bewegung an der frischen Luft profitieren. Bei einem entspannten Spaziergang (ohne sportliche Ansprüche) fallen Unterhaltungen besonders leicht und man kommt gut ins Gespräch miteinander. Ein kurzer Cafebesuch zum Aufwärmen, gerade lange genug, um nicht vom Lärm überwältigt zu werden, ergänzt den gemeinsamen Nachmittag. Anschließend kann man gemeinsam zurückspazieren oder sich, je nach persönlichem Bedarf, auch alleine auf den Heimweg machen.

Unser nächster Stammtisch findet (nächste Woche) nochmal in einem Cafe statt. Danach werden wir mal die Alternativen ausprobieren.

Daneben freuen wir uns weiterhin jederzeit über Tipps, wo man in Nürnberg einen ruhigen Abend in einem Cafe / Restaurant (nicht so gehoben und ohne „Essenszwang) verbringen kann. Vielleicht kennt ja jemand auch Gastwirte, für die es selbstverständlich ist auch auf Besucher*innen mit Behinderungen einzugehen. Wir sind auch stubenrein (Sarkasmus).

Neue Leute sind uns wie immer jederzeit willkommen. Lasst euch nicht abschrecken und meldet euch einfach in unserem Forum an. Wir sind nett 😉

Eure Anna

Reha-Maßnahme im bfw Nürnberg – TEIL 5 –

Aufwühlende Gruppenarbeit

Der Montag der zweiten Woche war sehr ereignisreich. Zunächst begann er harmlos mit einem Test auf Papier, doch nach einer kurzen Pause zum Luftholen wurden wir mit einer Gruppenarbeit der besonderen Art überrascht. Gut, am Freitag der Vorwoche wurde uns bereits angekündigt, dass es einen Test in Gruppenform geben wird, doch dachten die meisten wohl eher an etwas weniger Nervenaufreibendes.

Der erste Schock bestand für mich darin, dass alle zwölf Leute gemeinsam eine Gruppe darstellen würden. Ich hatte erwartet, wir finden uns zu dritt oder zu viert zusammen und arbeiten unabhängig von den anderen Gruppen. Jeder bekam ein Blatt, welches einen Schrank ohne Rückwand darstellte. Dieser Schrank bestand aus würfelförmig angeordneten einzelnen Brettern, drei Würfel in der Breite, vier in der Höhe. Die Teile hatten unterschiedliche Farben – manche blau, manche gelb, andere grün und wieder andere orange. Es gab Würfel mit Schubladen, Würfel mit zwei Stäben, drei Stäben oder auch Würfel ohne alles.

Unsere Aufgabe als Gruppe bestand nun darin, den abgebildeten Schrank nachzubauen mittels des echten Originals, welcher mitten in den Raum gefahren wurde. Der echte Schrank war natürlich komplett anders angeordnet und somit musste jeder Kasten demontiert und neu zusammengesetzt werden.

Der logische erste Schritt wäre nun gewesen, sich gemeinsam hinzusetzen und sich zu überlegen, wie wir diese Aufgabe stressfrei und präzise in den vorgegebenen neunzig Minuten bewältigen wollen, doch noch bevor eine solche Diskussion hätte entstehen können, begannen die ersten, den Schrank ohne jeglichen Plan in seine Einzelteile zu zerlegen und wild durcheinander zu reden. Gut, dachte ich, mach‘ ich eben das Beste ‚draus und nehme mir einfach einfach eines der Teile und nehme es auseinander. Da stand plötzlich auch schon ein solcher Würfel auf meinem Tisch und auch andere Teilnehmer waren sichtlich überrascht über das Engagement manch anderer. Ich begann, ebenso wie meine Nachbarin, mein Teil auseinander zu nehmen und nach kurzer Zeit beschlossen wir dann auch, gemeinsam an unseren Teilen zu basteln, denn ich bin, gelinde gesagt, ein ganz klein wenig untalentiert in Tätigkeiten, die handwerkliches Geschick verlangen.

Während zwischen all dem Lärm versucht wurde, herauszufinden, wer sich nun an welchem Teil des Plans, der vor jedem lag, zu schaffen macht, ergab es sich leider so, dass einer der Teilnehmer ein wenig über das Ziel hinaus schoss und übereifrig einem jeden seine Hilfe aufzwang.

Gerade als ich gedanklich für mich festhielt, dass ich sehr erleichtert war, dass dies nicht auch bei mir getan wurde, kam der Teilnehmer auch schon auf mich und meine Mitstreiterin zu und nahm mir mit einem Ruck das Brett aus der Hand, dessen Bestimmungsort wir gerade lokalisieren wollten. Zugegeben, wir hatten ein paar kleine Schwierigkeiten, herauszufinden, wie es gedreht und gewendet werden muss um zwischen die zwei anderen Bretter zu passen, die sich schon in der richtigen Position befanden, doch viele Lösungsmöglichkeiten waren nicht mehr übrig, sodass wir nur noch wenige Augenblicke vom Erfolgserlebnis entfernt waren. Dessen wurden wir leider beraubt, denn die übereifrige Teilnehmer dachte es besser zu wissen und fuchtelte augenverdrehend mit allerlei Brettern um sich, zerstörte unsere gesamte Vorbereitung für diese Zusammenstellung dieses Würfels und brachte es fertig, fast fünf Minuten lang vollkommen ahnungslos alles besser zu wissen. Meinen Vorschlag, ihm zu erklären, wie das problematische Teil vorher eingefügt war und auch nun wieder hätte eingefügt werden müssen, winkte er kopfschüttelnd ab und keifte „Ach, das kann doch überhaupt nicht so gewesen sein! Das wäre ja ganz falsch, das muss anders rein.“ An dieser Stelle musste ich dieses Projekt für mich beenden und verließ den Raum um nicht dem Stress und der Wut gegenüber derartiger Ignoranz, Inkompetenz und Unfreundlichkeit zu erliegen.

Draußen angekommen stellte ich erstaunt fest, dass ich nicht die einzige war, die dem Charme unseres Kollegen gnadenlos unterlegen war und gesellte mich zum gemeinschaftlichen Akklimatisieren zu ihnen.

Nachdem sich noch andere Teilnehmer entnervt zu uns gesellten, gingen wir nach einiger Zeit wieder in den Gruppenraum und erfreuten uns halbherzig am Anblick des endlich beendeten Bauprojekts. Eine richtige Gesprächrunde über Erfolg und Misserfolg unserer Gruppenarbeit wurde seitens unserer Fachfrau leider nicht eingeleitete. Sie fragte lediglich ein Mal, wie wir diese Aufgabe empfanden, holte sich nur eine Antwort ein, welche auf die Problematik mit unserem engagierten Kollegen hinwies und daraufhin war das Gespräch auch schon beendet. Ich empfand das als sehr schade, denn seitdem sind deutliche spürbare Spannungen im Umgang mit dem Überengagierten allgegenwärtig.

Für mich hatte diese Art von Gruppenarbeit leider nur negative Nachwirkungen, denn ich bin ein sehr lärmempfindlicher Mensch mit wenig Verständnis für ein solches Verhalten. Ich bevorzuge eine logische Vorgehensweise, friedliches Miteinander und Stressfreiheit. Den Rest des Tages war ich nervlich ziemlich am Ende meiner Möglichkeiten und später am Nachmittag, in den heimischen vier Wänden angekommen, schlich sich zu allem Überfluss auch noch eine depressive Episode ein.

Fazit: Die heutige Aktivität war sicher sehr eindeutig über das Gruppenverhalten jedes einzelnen. Frustrationstoleranzgrenzen, Geduld im Sozialverhalten und Stressresistenz dürften nun erfolgreich vermerkt worden sein. Für mich und einige andere war es ein ganz schreckliches Erlebnis mit unschönen Folgen.

Lisa

Reha-Maßnahme im bfw Nürnberg – TEIL 4 –

Nach Abschluss des vierwöchigen RehaAssessment wird ein Gutachten für den Kostenträger, in meinem Fall die Agentur für Arbeit Nürnberg, erstellt, worauf basierend der Reha-Berater im gemeinsamen Gespräch ein Urteil darüber fällen wird, welcher Weg anschließend eingeschlagen wird. Das Fachpersonal vom bfw spricht innerhalb des Gutachtens eine Empfehlung für den jeweiligen Rehabilitanden aus, auf welche der Kostenträger in der Regel eingeht. Diese Empfehlung verpflichtet allerdings den Träger nicht dazu, dieser auch nachzugehen. Es kann also durchaus sein, dass die kostengünstigere Variante gewählt wird. Hier muss man wohl einfach darauf vertrauen, dass der Reha-Berater der Kompetenz der Fachleute und den eigenen Angaben und Wünschen Glauben schenkt.

Nun sollte man meinen, nach dieser Maßnahme wird mir ganz einfach eine Umschulung bezahlt, doch das ist bei Weitem nicht die einzige Möglichkeit. Unter diesem Direktlink zum Bereich „Wohnortnahe Reha und Standardmaßnahmen“ des bfw Nürnberg lassen sich sehr übersichtlich nicht nur alle vorhandenen Geschäftsstellen, sondern auch alle angebotenen Maßnahmen einsehen. Mit einem Klick auf die entsprechende Maßnahme öffnet sich der dazugehörige Flyer. Ich beschreibe im Folgenden die Maßnahmen „RiB“, „BIK“ und „IWR“.

Für mich persönlich kommt keine dieser Maßnahmen infrage, da ich mich als ungeeignet für die reguläre Berufsschule betrachte und zudem einen Ausbildungsabschluss anstrebe. Beides gleichzeitig ist bei keiner dieser drei Maßnahmen gegeben, weswegen ich mich am ehesten für eine Umschulung aussprechen würde, deren theoretischer Unterricht direkt im bfw Nürnberg oder einer anderen, ähnlichen Einrichtung stattfindet. Um ehrlich zu sein empfinde ich die restlichen Flyer als überaus verwirrend, da für meine Begriffe kein Infomaterial zu der von mir bevorzugten Maßnahme vorhanden ist, oder aber der Begriff „Berufsschule“ wird uneindeutig verwendet. Hierzu versuche ich noch genaueres zu erfahren.

Hier also die Beschreibungen der drei Maßnahmen, die meiner Gruppe in der ersten Woche vorgestellt wurden:

  • RiB – Rehabilitation in Kooperation mit Betrieb und Berufsschule

Vor Beginn der eigentlichen Hauptmaßnahme erfolgt ein vier- bis achtwöchiger Vollzeitlehrgang in einer der Geschäftsstellen des Berufsförderungswerks. Sinn und Zweck der Vorbereitungsmaßnahme ist die Erarbeitung des benötigten Grundlagenwissens für die bevorstehende Berufsschule, sowie die Förderung von Methoden- und Sozialkompetenz.

Die RiB-Hauptmaßnahme dauert zwei Jahre und beginnt jeweils am 1.März oder am 1.September. Die Rehabilitanden besuchen wie jeder reguläre Auszubildende sowohl die entsprechende Berufsschule als auch den Ausbildungsbetrieb. Bei der Auswahl und Bewerbung für letzteres erhalten die Teilnehmer ausreichend Unterstützung vom Lehrgangsleiterteam. Zusätzlich zum regulären Ausbildungsvorgehen besteht die Möglichkeit auf begleitenden Unterricht, welcher in der nächstgelegenen Geschäftsstelle stattfindet. Außerdem werden die Umschüler vor einer anstehenden Prüfung, ob praktisch oder theoretisch, kompetent vorbereitet. Bei Bedarf besteht die Möglichkeit auf Kooperation mit dem ärztlichen und psychologischen Fachdienst und sowohl bei beruflichen als auch bei persönlichen Angelegenheiten steht eine sozialpädagogische Betreuung stets zur Verfügung.

Das Ziel dieser Maßnahme besteht in der dauerhaften Integration ins Berufsleben durch einen staatlich anerkannten Berufsabschluss im dualen Ausbildungssystem. Nach Bestehen der Abschlussprüfungen ist eine Übernahmechance im Umschulungsbetrieb vorhanden und selbst ohne einen anschließenden Arbeitsvertrag kann sich der frisch Ausgebildete bis zu sechs Monate lang bei der Stellensuche begleiten lassen.

  • BIK – Berufliche Integration durch Kooperation für psychisch vorerkrankte Personen

Diese Maßnahme dauert zehn Monate und hat zum Ziel, den Teilnehmer in ein festes Arbeitsverhältnis inklusive Nachbetreuung zu übergeben, nicht aber einen Ausbildungsabschluss zu erlangen.

Zunächst erfolgt eine Analyse der beruflichen und persönlichen Situation, was aber meinen Vermutungen womöglich hinfällig ist, wenn man vorher schon an der vierwöchigen Maßnahme teilgenommen hat, in der ich mich aktuell befinde.

Anschließend findet eine Basisqualifizierung in Teilzeit statt. Dies dauert drei Monate, dient der Orientierung und Stabilisierung und erfolgt mittels gemeinsamen Gesprächen mit den psychologischen und sozialpädagogischen Fachkräften im bfw.

Die folgenden vier bis sechs Wochen erfolgen in Vollzeit und nennen sich „Aufbauqualifizierung“. Hier verspricht das bfw eine Verbesserung der Schlüsselqualifikationen, Förderung der beruflichen Fähigkeiten und Fertigkeiten, Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit sollen gesteigert werden und der Teilnehmer soll auf die betriebliche Praktikumsphase vorbereitet werden, welche sich direkt mit weiteren fünf bis sechs Monaten anschließt und die Möglichkeit auf ein Praktikum bietet. Sollte es mit dem zuerst erwählten Betrieb nicht funktionieren, kann die restliche Zeit durchaus auch für ein weiteres Praktikum verwendet werden. Während der Praktikumsphase wird der Teilnehmer im Betrieb auf seine genaue Tätigkeit eingearbeitet und wird voraussichtlich anschließend in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen.

  • IWR – Integrationsmaßnahme zur direkten Wiedereingliederung von Rehabilitanden/-innen

Entweder sieben oder neun Monate beträgt die Dauer der IWR-Maßnahme, welche genau wie die BIK-Maßnahme mit der Analyse der beruflichen und persönlichen Situation beginnt.

In der darauf folgenden Qualifizierungsphase sollen die Methoden- und Sozialkompetenz gestärkt und die fachlichen Kompetenzen gefördert werden. Neue berufliche Perspektiven werden erarbeitet um anschließend den Teilnehmer auf die anschließende betriebliche Praktikumsphase vorzubereiten. Ab diesem Punkt ist die Maßnahme der BIK-Maßnahme identisch. Dies ist keine Umschulung, sondern eine besonders ausführliche Einarbeitung in einen bestimmten Tätigkeitsbereich eines Betriebs und hat keinen Ausbildungsabschluss, sondern ein ein festes Arbeitsverhältnis zur Folge.

Lisa

Reha-Maßnahme im bfw Nürnberg – TEIL 3 –

Die letzten drei Tage der ersten Woche sind erfolgreich vergangen und ich habe wieder eine Menge Eindrücke sammeln können, die es nun zu verarbeiten gilt. Ich teile die Erlebnisse und Informationen in zwei, vielleicht drei separate Artikel auf und beginne heute mit den bisher absolvierten Tests und der Schwimmhalle. Im nächsten Artikel werde ich dann die Möglichkeiten umranden, die sich einem Absolventen der vierwöchigen Maßnahme bieten.

Ganz allgemein kann ich zum Abschluss der Premierwoche sagen, dass diese Maßnahme eine ausgesprochen anstrengende und fordernde Sache ist, wenn man längere Zeit nicht mehr dazu verpflichtet war, früh morgens im Dunkeln aufzustehen und sich um acht Uhr zwischen einigen fremden Menschen wiederzufinden um mit ihnen den Tag bis sechzehn Uhr gemeinsam zu verbringen. Pausen sind in Hülle und Fülle vorhanden, doch für einen Gewohnheitsmenschen, der sich zudem auch nicht allzu wohl zwischen neuen Leuten fühlt, reichen auch die Pausen in dieser fremden Umgebung nicht aus um sich zu regenerieren. Zuhause angekommen bin nicht nur ich müde, auch die anderen Teilnehmer fallen anschließend geschafft ins Bett. Eine mir völlig neuartige Erfahrung ist jedoch der interessante Mix aus Anstrengung und der daraus resultierenden Müdigkeit und der dennoch existenten Gelassenheit, sowie der nicht vorhandenen Abscheu und Angst vor dem nächsten Tag. Sicher, ich befinde mich nun erst seit fünf Tagen in dieser Reha-Maßnahme, aber dennoch ist mir diese Gesamtsituation vollkommen neu und ich bin überrascht, positiv überrascht, dass eine derartige Gefühlsmischung auch mir möglich ist.

Nun zu den beiden Themen des Tages.

Die bisherigen Tests

Es gab mehrere Tests, von denen ein paar am Computer erfolgten und ein paar auf dem Papier. Ich persönlich bin eher ein Fan von den Papier-Tests, denn oft ist es der Fall, dass Tastatur und Maus auf dem Stand der neunziger Jahre sind und sich die Bedienung entsprechend schwierig gestaltet, sofern man sonst hochwertigere Utensilien gewohnt ist. Dies war beispielsweise sehr hinderlich beim Konzentrationstest, welcher immer nur für einen kurzen Zeitraum die Aufgaben anzeigte. Hängt man mit der unförmigen Maus dann ein wenig hinterher, kann man schon einmal ein paar Aufgaben verpassen. Sehr frustrierend!

Es erfolgte außerdem ein Interessen-Fragebogen, in dem man mit aller Zeit der Welt diverse Ja/Nein-Fragen zur eigenen Persönlichkeit beantworten sollte.

Ein Bogen auf Papier verlangte, dass man auf zwei A4-Seiten einen Lückentext mit diversen richtigen Buchstaben ausfüllte und auf der Rückseite gab es fünfzehn Mathematik-Aufgaben, vorwiegend zum Thema Brüche, Dreisatz und Funktionen. Dieser sollte Aufschluss darüber geben, welches Schulwissen aktuelle tatsächlich noch vorhanden ist.

Die Schwimmhalle

Hier gibt es gar nicht sonderlich viel zu erzählen, dann es handelt sich um ein einfaches Schwimmbecken mit zwei Einstiegstreppen und zwei Leitern, ohne jeglichen Schnickschnack. Die jeweiligen Umkleideräume für Männlein und Weiblein sind durch zwei separate Eingänge zu erreichen. Zur linken Seite befinden sich großräumige Umkleidekabinen, gefolgt von mehreren einfachen. Diese sind hygienisch, einfach, mit Bank und Spiegel ausgestattet und beidseitig begehbar. Zur rechten Seite findet man zunächst viele Schließfächer, die gern mit einem Pfand von 2€ gefüttert werden würden. Hinter den Umkleidekabinen befindet sich dann zum einen noch eine Toilette und zum anderen ein geräumiger Duschraum mit ausreichend Plätze für die weiblichen Schwimmgäste. Man erleidet keinen Schock unter der Dusche, denn die Temperatur ist angenehm warm. Dies vermisse ich in entgeltlichen Schwimmbädern des Öfteren. Am Ende des Duschraumes befindet sich dann die Tür zur Halle, die plötzlich doch sehr groß wirkt. Die Lufttemperatur betrug bei meinem ersten Besuch 31°C, während das Wasser mit 3°C weniger genügend erfrischt, ohne dass man frieren muss. Auch hiervon könnten sich andere Bäder nur zu gern eine Scheibe abschneiden. Der schlicht gehaltene Raum mit vielen Bänken an den Längsseiten wird gefüllt durch leise, unaufdringliche Radiomusik. Eine Uhr hängt gut sichtbar über der Behindertentoilette, welche praktischerweise direkt vom der Schwimmhalle abgeht. Ein Telefon für den Notfall steht auf einem Tisch bereit – hier wurde eindeutig mitgedacht. Die anderen Badegäste, zum Zeitpunkt meiner erstmaligen Ankunft waren es drei, schwimmen ihre Bahnen für sich, zwei Unterhalten sich leise währenddessen. Auch die zwei weiteren Personen, die im Laufe meines zwanzigminütigen Aufenthaltes hinzukamen, suchten sich im Stillen einen Platz, an dem sie niemanden behindern. Sehr rücksichtsvoll, sehr angenehm.

Geöffnet hat die Halle täglich von früh bis spät mit diversen Unterbrechungen, wenn sie für Ausbildungszwecke reserviert ist. Hinter das Prinzip bin ich leider noch nicht ganz gekommen, denn der Plan, der sich an den Umkleidetüren befindet, scheint veraltet zu sein. Jedenfalls hat man zeitlich kaum Einschränkungen und so lange man nicht herumschreit oder den Badeball auspackt, ist man dort immer erwünscht als Berufsrehabilitand.

Lisa

Reha-Maßnahme im bfw Nürnberg – TEIL 2 –

Der zweite Tag

Wie am ersten Tag bereits angekündigt, lag der Zeitpunkt der täglichen Zusammenkunft auch heute bei 08:00 Uhr. Die gleichen Menschen von gestern saßen an den gleichen Tischen wie gestern und die gleiche freundliche Frau von gestern stand wieder vor uns und umrandete den bevorstehenden Tag.

Zunächst entschied sie sich für einen weiteren Rundgang, bei dem ein paar weitere Räume und Orte vorgestellt wurden, welche am Vortag noch in den ungeahnten Weiten des Gebäudekomplexes verborgen lagen. Nun wusste ich, wo ich am nächsten Tag meinen Termin bei der Psychologin wahrnehmen werde, wo ich die Schwimmhalle finde und auch wo sich die jeweiligen Bereiche für die einzelnen Umschulungsberufe befinden. Davon gibt es im übrigen ausgesprochen viele für ein einziges Werk. (Bitte einmal hier klicken für die Liste der Berufe)

Nach dem Rundgang erfolgte eine Pause, nach der wir wieder im Zimmer Platz nahmen um die Vorstellungsrunde einzuleiten. Netterweise begann unsere werte Betreuerin und es ging einmal im Uhrzeigersinn ringsherum. Jeder hat einen anderen Grund für seine Reha, alle haben eine schwierige Zeit hinter sich. Eine Sache, die mir schon am ersten Tag ein wenig, aber am zweiten doch sehr deutlich aufgefallen ist – das Sozialverhalten in dieser Gruppe ist wirklich angenehm. Keine abwertenden Blicke, verständnisvolles Nicken statt verdrehte Augen, ernsthaftes Interesse am Schicksal der anderen. Sicher, auch Menschen mit psychiatrischen Diagnosen können hinterhältige Säcke sein, doch sollte einer der Teilnehmer derartige Tendenzen haben, dann höchstens nur in Ansätzen. Ich kann mir also angenehme vier Wochen ohne Konflikte und Diskussionen erhoffen.

Die Vorstellungsrunde schaffte mich doch sehr, vor allem da natürlich auch ich ein paar Worte zu meiner Person verlieren musste. Zum Glück stand ich mit diesem Gefühl nicht allein da und so kam die Idee zur kurzen Pause sogar von der Betreuerin. Unter „kurz“ verstand sie auch heute wieder wesentlich mehr als nur fünfzehn Minuten. Ich beklage mich nicht und erfreue mich am Schokotraum vom Kafeeautomaten.

Ein kleiner Zeitsprung und wir befinden uns um 11:45 Uhr am Eingang des Speisesaals. Der Plan verspricht mir eine vegetarische Frühlingsrolle als Alternative zum Schweinebraten mit Kloß. Durch die Türen drängen sich doch sehr viele Hungerleidende und das Beschaffen von Teller und Besteck erweist sich für mich als nicht unschwer. Die hungrigen Hände der anderen sind offenbar geübt, denn vor mit in der Schlange folgt ein Präzisionsgriff ins Gabelfach nach dem anderen, wodurch ich mich genötigt fühle, ebenso schnell meine Utensilien zu beschaffen, damit ich nicht in Diskrepanzen mit meinem Hintermann gerate. Elegant hingegriffen und und ganz ohne Scherben schaffe ich es dann doch und beobachte, wie es die Menschen vor mir anstellen, an ihr Essen zu kommen. Ich war noch nie in einem derartigen Speisesaal, weswegen mir die Gesetzmäßigkeiten in diesen Räumen eher unbekannt sind. Schlussendlich konnte ich meine Frühlingsrolle in einem unheimlich lauten, aber nicht restlos gefülltem Saal verputzen und mich sogar am Geschmack erfreuen. Ich darf gespannt sein, wie sich das morgige Gemüsecurry auf meine Geschmacksnerven ausübt.

Nach dem Essen blieb noch genügend Zeit um ein ruhiges Fleckchen für mich allein zum Lesen zu finden. Ich finde es wirklich super, dass die Mittagspause nicht so knapp bemessen ist, wie ich es sonst gewohnt bin, denn mit vollgefuttertem Magen bin ich nicht gerade produktiv.

Der letzte Akt des Tages bestand im Bearbeiten verschiedener theoretischer Arbeitserprobungen zu einer Hand voll Berufen oder Tätigkeiten. Man konnte sich aber auch am Löten versuchen, was nun weniger theoretischer Natur ist. Die Aufgaben beinhalteten berufsspezifische Aufgaben, wie sie eventuell im Alltag auftreten könnten. Im Falle des Gärtners galt es beispielsweise, diverse Gartenbauutensilien zu benennen, sowie kleinen Bildchen diverser Pflanzen und Gewächse die richtige Bezeichnung zuzuordnen. Beim Gärtner ebenso wie bei der Fachkraft für Abwassertechnik sollte man eine Rohrverschraubung montieren. Diverse mathematische Aufgaben waren auch dabei, Tabellen auswerten und Diagramme zeichnen ebenfalls. Als ich gerade fertig war, mit Hilfe des Bogens für kaufmännische Berufe Karteikarten zu sortieren, war die Zeit für heute auch schon vorbei, dreißig Minuten vor regulärem Ende durften wir uns verabschieden. Über Sinn und Unsinn mancher Aufgaben lässt sich vielleicht streiten, doch diese Arbeitserprobungen sollten ohnehin lediglich nur einen Hauch von theoretischer Vorahnung für den entsprechenden Tätigkeitsbereich vermitteln.

Damit war der Tag um 15:30 Uhr auch schon zu Ende und ich hatte Gelegenheit, die Schwimmhalle zu testen, über die ich dann beim nächsten Mal ein paar Worte verlieren werden.

Lisa

Reha-Maßnahme im bfw Nürnberg – TEIL 1 –

Nachdem ich einen für mich gänzlich ungeeigneten Beruf erlernt habe und anschließend in einem ebenso unpassenden Beruf tätig war, schob meine Psyche in Kooperation mit meinem Körper dem Treiben einen Riegel vor und somit stand für mich vor wenigen Monate fest: Ich brauche einen neuen Beruf.

Nun will ich aber nicht mein Leben lang Hilfsarbeiten verrichten, bin ich doch erst 20 Jahre alt und habe noch massenhaft Zeit, ebenso möchte ich nicht wieder auf gut Glück irgendeine Ausbildung absolvieren, die sich dann letzten Endes ebenfalls als verschwendete Zeit erweist. Was bleibt ihr also anderes übrig als eine Umschulung mit vorheriger professioneller Abklärung, welche Arbeiten ich verrichten kann und will? Daher gab es über einige Monate hinweg spärlichen Kontakt zur Agentur für Arbeit, welche mich nun für vier Wochen in die arbeitserprobungserprobten Hände des bfw Nürnberg übergab um nach einem daraus resultierenden Gutachten hoffentlich zum Entschluss zu kommen: Ja, dieser Frau bezahlen wird die tollste Umschulung die wir für sie zu bieten haben!

Dies ist nun also der erste von mehreren Artikeln über meine Reha-Maßnahme. Ich schildere die Dinge aus meiner Sicht und versuche (nach und nach) auch auf Punkte einzugehen, die mich selbst weniger betreffen, wie beispielsweise das Internat. Darüber werde ich anhand der Erzählungen der Internat-Nutzer und der schriftlichen Informationen an anderer Stelle berichten. Falls ein Leser (Gibt es überhaupt welche?) seine eigenen Erfahrungen teilen möchte oder eine Meinung zum Artikel halt, steht ihm selbstverständlich die Kommentar-Funktion stets zu Diensten.

Meine Reha-Maßnahme heißt „Abklärung der beruflichen Eignung für psychisch / neurologisch Vorerkrankte“ und findet im „Reha Assessment“ des bfw Nürnberg statt.

Ablauf und Eindrücke des ersten Tages

Ich befinde mich in einer Gruppe mit 12 (oder sind es doch nur 11?) weiteren Leuten, die zwischen 19 und 45 Jahren alt sind.

Betreut werden wir von einer sympathischen Frau, die ich am Montag um 13 Uhr zum ersten Mal gesehen habe.

Um 8:00 Uhr musste ich laut Einladungsschreiben da sein um mich in einem Büro anzumelden, dann musste ich eine Weile warten um mir in einem anderen Büro einen Ausweis erstellen zu lassen. Ein schickes Foto wurde schnell von mir geknipst, wozu weiß ich leider nicht mehr, denn ich war doch sehr aufgeregt.

Um 8:30 Uhr hatte ich dann einen Termin bei einer Psychiaterin direkt in dem Gebäude. Es folgte ein zweistündiges Gespräch über alles rund um die eigene Vorgeschichte bezüglich psychischer und körperlicher Gesundheit, Kindheit, Jugend und Familie, etc. Anschließend gab es die üblichen körperlichen Untersuchungen, wie Blutdruck messen, Reflexe und Gleichgewichtssinn testen. Die Psychiaterin war von der sachlichen, aber netten Sorte. Sie fragte mich während unseres Gespräches mehrere Male, ob diese Art von Gespräch für mich in Ordnung sei oder ob es mir zu viel würde.

Die Mittagspause findet täglich von 11:45 Uhr bis 13:00 Uhr statt. Meine Pause begann mit dem Ende des Gespräches, also um 10:30 Uhr. Die Mittagspause heißt Mittagspause, weil in dieser Zeit Mittag gegessen werden kann. Dies ist für jeden Teilnehmer kostenlos und wird in einem Speisesaal eingenommen – vorausgesetzt man möchte. Ein Speiseplan hängt gut sichtbar aus und offenbart mir, dass ich sowohl zwischen fleischlastiger deutscher Kost, internationaler vegetarischer Speisen als auch kalorienarmen Essen wählen kann. An meinem ersten, sehr stressigen Tag wäre es für mich sehr fahrlässig, fremdes Essen zu mir zu nehmen, daher mied ich den gut gefüllten Raum und verbrachte meine Pause lesend und das Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtend.

Um 13:00 Uhr sollte ich mich, ebenso wie einige andere unbekannte Gesichter, im Wartebereich des ersten Büro des Tages einfinden. Eine lockere Frau mit einem Bogen Papier in der Hand erwies sich als die Person, die diese kleine Menschenansammlung eine Gruppe nannte und diese von nun an für die nächsten vier Wochen täglich begleiten würde.

Sie führte uns vorbei durch den Eingangsbereich, vorbei am Zimmer der Psychiaterin und zwei Treppen abwärts in die absolut ruhigen Räumlichkeiten des Reha-Assessments. In einem neutral eingerichteten Zimmer mit ausreichend Platz und angenehmer Temperatur suchte sich jeder einen Platz und freundete sich mit den höhen- und neigungsverstellbaren Einzeltischen in quadratischer Form an. Dies war bald geschafft und schon wurde der grobe Ablauf erläutert, diverse Rahmenbedingungen besprochen und natürlich durften wieder dicke Fragebögen ausgefüllt werden, deren Fragen in identischer Form schon mehrmals im Rahmen anderer Fragebögen beantwortet werden mussten – zumindest wenn, wie in meinem Falle, der Leistungsträger die Agentur für Arbeit Nürnberg ist. Nur boten die Zeilen diesmal weniger Platz als sonst. Außerdem wünschte man Kopien sämtlicher Arztbriefe, Zeugnisse, Untersuchungsergebnisse, Diagnosen und sonstigen relevanten Unterlagen. Diese wurden vorab im Einladungsschreiben bereits angefordert und diese habe ich genau genommen nun schon vier Mal abgegeben, zwei Mal bei der Arge, ein Mal für meinen Reha-Berater und an meinem ersten Tag am Montag noch einmal. Langsam sollte ich Kopiergeld verlangen.

Hatte man sich seines Stapels Papier entledigt, gab es einen kleinen Rundgang durchs Haus. Wichtige und weniger wichtige Räumlichkeiten wurden gezeigt und im Ansatz erläutert.

Hinterher fanden wir uns wieder im Gruppenraum ein und es wurden die restlichen Termine bekannt gegeben, denn zum Anfang gibt es für jeden einen Besuch beim Psychiater, welchen ich ja nun schon hatte, sowie einen Abstecher zum Psychologen. Den Termin habe ich beispielsweise am Mittwoch der ersten Woche.

Von 14:00 Uhr bis 14:45 Uhr gab es nochmal eine Pause, welche die Gruppenleiterin als „kurz“ bezeichnete. Die meisten Menschen aus der Gruppe erwiesen sich als recht sozial orientierte Menschen, die die Gemeinschaft beim kollektiven Rauchen ersuchen. Ich gesellte mich absichtlich hinzu um nicht schon am ersten Tag als Eigenbrödler aufzufliegen. Ob ich damit erfolgreich war, kann ich nicht beurteilen.

Von 15:00 Uhr bis 16:00 Uhr hatte meine Gruppe Besuch von einem freundlichen gesprächigen Mann, welcher uns Pläne mit potentiellen Freizeitmöglichkeiten austeilte. Diese Aktivitäten kann man nutzen, muss man aber nicht. Es gibt: Sauna, Fußball, Fitnesscenter, Schwimmhalle, Wirbelsäulengymnastik, Töpfern, Theater, Nordic Walking, Badminton, Aquanastik, Basketball, Volleyball, Escrima, Rückenschule, Boule. Es können unentgeltlich Fahrräder ausgeliehen werden und gegen Kaution können Tischfußball, Dart, Billard, Tischtennis, Kegelbahn und sogar ein Grillplatz genutzt werden. Besser als in jeder Jugendherberge.

Dieser nette Herr zeigte uns ebenfalls nochmal das Haus, er jedoch schloss ein paar Türen auf, wie beispielsweise die zum „Disco-Raum“, welcher tatsächlich über einige Sitzgruppen, eine Bar, eine Bühne und rustikale Holzverkleidung verfügt. Er zeigte außerdem den Raum des Töpferkurses, in dem recht vielversprechende Skulpturen, Schalen, Vasen und ähnliches aus Ton herumstanden. Meist sehen die Kunstwerke ja doch eher aus wie Relikte aus dem Kindergarten, aber hier sind tatsächlich mitunter richtige Künstler am Werk. Nicht schlecht.

Wer über ein besseres Orientierungsvermögen verfügt als ich, der wird bei einem potentiellen Brand vielleicht sogar ohne Rauchvergiftung das Gebäude verlassen können. Der Mann zeigte uns ein paar Fluchtwege durch das Labyrinth dieses Hauses und klärte uns natürlich sachgemäß über den Brandschutz auf. Ich jedenfalls hoffe sehr, dass kein Feuer ausbricht, während ich allein in irgendeinem Teil dieses Gebäudes bin – ich würde mich kläglich verlaufen und nicht einmal den Sammelplatz finden.

Apropos Rauchvergiftung: meinen hochqualifizierten Schätzungen zufolge müssten rund 90% aller Anwesenden in diesem Komplex starke Raucher sein. Vor dem Haupteingang, an jedem Nebeneingang, im Innenhof, auf den Balkonen – überall Raucher, Raucher, Raucher. Bei den vielen Personen, die sich zu den Stoßzeiten der Pausen auf den Gängen bewegen, wird auch entsprechend viel Rauchgeruch nach innen getragen. Nase zu und durch!

Wer nicht gerade seine Pausen bei den Rauchern verbringen möchte, findet sicher Platz auf einer der vielen Sitzgruppen, die überall verteilt stehen. Ich saß heute lange Zeit auf einer sofaartigen Sitzlandschaft direkt neben dem Haupteingang, zwischen Info und Cafetaria. Dort ist es die meiste Zeit ruhiger als man es von einem Eingangsbereich erwarten würde. Sehr toll für ruheliebende Menschen ist der Teich mit der heimischen Stockenten-Großfamilie mit einem untergejubelten Haubentaucher. Die Stockenten wissen scheinbar von nichts. Am Teich gibt es genügend Stühle, welche aus Metall und leicht abzuwischen sind, falls es mal nass ist, so wie an meinem ersten Tag. Auf dem einminütigen Weg zum Teich kommt man an einem überdimensioniertem Schachfeld inklusive Figuren vorbei.

Kaffee, Cappucchino und Schokotraum gibt es für jeweils 0,50€ an einem der etlichen Automaten, neben denen sich meist noch ein oder zwei weitere Automaten befinden, die 1-Liter-Flaschen diverser, vorwiegend viel zu süßer, Getränke anbieten. Wer nicht so sehr auf Cola, MezzoMix und Lift steht, sollte sich wohl lieber selbst etwas mitbringen – so wie ich.

Beginn der Maßnahme ist täglich 8:00 Uhr und das Ende wird immer 16:00 Uhr sein, eventuell auch mal früher. Es gibt reichlich Pausen, nach Bedarf auch mehr.

Erreichbar ist das bfw sehr gut. Es gibt ausreichend kostenlose Parkplätze auf dem Gelände, der Bus hält direkt vor der Tür und die Abfahrtszeiten sind angepasst an den regulären Anfang und das Ende des Tages. Ich würde zwar sagen, es gibt zu wenig Fahrradständer, aber tatsächlich sah ich auf dem Weg nach Hause nicht mehr als 15 Fahrräder, wovon 12 direkt vor dem Eingang standen, die restlichen drei befanden sich unter einem kleinen Dach auf dem Weg zur Ausfahrt, hiervon war eines meins. Ob die absurd hohe Anzahl Raucher und der gut gefüllte Parkplatz im Gegensatz zum trostlos leeren Fahrradständer in Zusammenhang stehen? Wir werden sehen.

Alles in allem bin ich recht zuversichtlich. Die Gruppe ist nicht zu groß, ich kann die nächsten Wochen kostenlos ein paar Bahnen schwimmen und Teich und Schokotraum haben mich restlos überzeugt – ich komme morgen wieder und krieche nicht vor Angst ins Bett zurück.

bfw Enten

Lisa Ende

Frustrierende Kommunikation

Manchmal geht es eine zeitlang gut. Meine Konzentration und Energie reichen aus, um in Unterhaltungen nicht nur an den eigentlichen Inhalt zu denken und meine Gedanken dazu auszudrücken, sondern parallel dazu auch über das WIE nachzudenken. Ich habe gelernt, dass WIE ich etwas ausdrücke den Menschen sehr oft wichtiger ist, als das WAS ich eigentlich zu sagen habe. Wenn das WIE nicht stimmt, ist das WAS irrelevant, während es für mich genau andersrum ist.

Aber oft reichen meine Konzentration oder Energie nicht aus, um über all diese Regeln und Konventionen und Formulierungsnuancen nachzudenken, während ich über etwas spreche und zuhöre und verarbeite. Und manchmal geht es mir auch nur so wahnsinnig auf die Nerven, dass ich nicht die geringste Lust und Geduld habe mich diesem für mich nutzlosen und überflüssigen Zwang zu unterwerfen. Wenn mich jemand anruft und mich damit in einer wichtigen Sache unterbricht und dann anfängt über unzusammenhängende irrelevante Dinge zu reden. Und ich dann unterbreche und frage: „Warum rufst du an?“. Es ist schon eine enorme Leistung, wenn ich überhaupt mal ans Telefon gehe. Das schaffe ich nur bei wenigen ausgewählten Menschen. Was ist daran verkehrt?

Dann sagt man mir, ich sei ZU abweisend, ZU unfreundlich, ZU direkt, ZU hart, ZU schnell, ZU wasauchimmer. Ich bin also das Problem. Immer wieder. Dabei will ich doch nur wissen, was der Andere eigentlich von mir will. Oder nur ausdrücken, was ich denke. Manchmal werde ich dann wütend, auf jeden Fall ist es immer wieder sehr frustrierend. Aber eigentlich, unter all dem Frust, bin ich einfach nur verletzt. Immer wieder und wieder sagt und zeigt man mir, dass ich einfach nicht richtig bin, so wie ich bin. Dass meine Gedanken und Worte im Grunde überhaupt niemanden interessieren. Sonst wäre das WIE nicht soviel bedeutender, als das WAS ich zu sagen habe oder dass ich überhaupt etwas sage.

Dann ist der erste Impuls Rückzug. Kommunikation einstellen. Einfach garnichts mehr sagen, weil es sowieso das Falsche sein wird. Und manchmal ist Schweigen dann alles, was ich kann. Manchmal tage- oder wochenlang. Schweigen und meine Gedanken denken und wissen, dass zumindest ich mich selbst richtig verstehe.

Auch wenn ich nicht gerne komplexe Dinge auf wenige Aspekte reduziere, beobachte ich doch, dass dieses Kommunikationsproblem mit anderen Autist*innen viel seltener auftritt. Auch hier ist nicht garantiert, dass zwei sich automatisch richtig verstehen oder auf die gleiche Weise kommunizieren. Wir sind von so vielen unterschiedlichen Einflüssen geprägt. Aber hier habe ich weniger Angst, dass mir aus dem falschen WIE ein Strick gedreht (RW) wird. Hier weiß ich, dass die meisten im Zweifel einfach nachfragen, wie ich etwas gemeint habe. Oder mir direkt sagen, wenn ich etwas Verletztendes oder Unangebrachtes gesagt habe oder ihnen einfach nur auf die Nerven gehe. Manchmal bemerken sie das WIE in erster Instanz schon nicht. Weil der Inhalt zählt. Weil das WAS zentral ist. Weil sie vielleicht selbst verunsichert sind und gewohnt die Dinge immer wieder falsch zu verstehen. Da ist weniger Verurteilung, weniger Erwartung, weniger Missverstehen. Dafür mehr Respekt, mehr Ehrlichkeit und mehr Sensibilität. Das sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen (RW).

Es gibt auch mit nichtautistischen Menschen gelingende Kommunikation. Es ist nicht einfach so schwarz-weiß. Es setzt Offenheit und die Bereitschaft voraus, sich auf andere Denk- und Ausdrucksweisen einzulassen. Vielleicht sind wir Autist*innen es auch einfach nur viel mehr gewohnt uns und unsere Kommunikation und Wirkung ständig zu hinterfragen und bewusst zu gestalten. Weil es eben nicht automatisch funktioniert.

Anna