Archiv für den Monat September 2014

Barrierefreiheit für Autisten? Oder die Sache mit dem Lärm.

Ich komme gleich zur Sache. Wir mögen unsere Stammtische, jedenfalls entnehme ich das den Aussagen der Teilnehmer*innen und der Tatsache, dass wir jetzt schon eine ganze Weile jeden Monat zusammenkommen. Jedes Mal in einem Cafe, jedes Mal in leicht unterschiedlicher Zusammensetzung und jedes Mal unterhalten wir uns gut. Klingt super.

Allerdings sind die ersten Stammtischbesucher*innen nach spätestens zwei Stunden völlig k.o und wir lösen uns früher, als vielleicht schön wär, wieder auf. Danach brauchen wir Ruhe und Erholung, jedenfalls viele von uns. Einerseits ist so ein Austausch mit mehreren Leuten natürlich anstrengend. Aber vor allen Dingen ist die kontinuierliche Beschallung mit Lärm das Problem. Da ist einerseits die allgegenwärtige Geräuschkulisse eines Cafes, andererseits aber auch die überall viel zu laute Dauerbeschallung mit Musik aus Lautsprechern, die in allen Ecken und Winkeln der Räumlichkeiten angebracht sind.

Die überwiegende Mehrheit der autistischen Menschen, die ich kenne, reagieren sensibel auf Geräusche. Einige sind extrem geräuschempfindlich, andere tolerieren es ein wenig besser. Aber ein Problem ist es für sehr viele.

Ich kann Nebengeräusche und Lärm nicht „ausblenden“. Ich gewöhne mich nicht an einen Geräuschpegel. Es wird mit zunehmender Zeit einfach immer unerträglicher (ja, da gibt es eine Steigerung). Der Stresspegel steigt immer weiter und die Konzentration auf Gespräche oder andere Menschen wird dadurch früher oder später ganz unmöglich.

Nun finden Stammtische ja gewöhnlich in Cafes, Restaurants oder Bars statt. Das war auch unser Gedanke, denn gegen ein ruhiges, gemütliches Cafe hat eigentlich niemand etwas einzuwenden. Wenn es dann noch leckeres Essen gibt, umso besser. Mittlerweile hat sich jedoch herausgestellt, dass bei allen unseren bisherigen Versuchen, der Lärm ein Problem war. Davon abgesehen war es toll – aber sowas schränkt natürlich schon sehr ein. Wir haben verschiedene Orte ausprobiert. Wir haben sogar wiederholt darum gebeten die Musik leiser zu stellen, was trotz Zusagen nie umgesetzt wurde.

Welche Schlüsse sollen wir jetzt daraus ziehen?
Sind Autist*innen eben einfach nicht dafür geeignet Zeit in Cafes zu verbringen? Abgesehen vom Lärm gefällt es uns dort aber doch.
Sollten wir vehementer einfordern auf unsere Einschränkungen Rücksicht zu nehmen? So wie Rollifahrer*innen einen barrierefreien Zugang zu Räumlichkeiten einfordern (zu Recht)?
Doch wie reagiert der*die sozial nicht allzu kompetente Autist*in darauf nicht erstgenommen, belächelt oder schlicht ignoriert zu werden? Sofern es ihr*ihm überhaupt gelingt die fremden Personen anzusprechen.
Ist es wirklich unzumutbar für nichtautistische Menschen einen Abend lang, nur für ein paar Stunden, auf eine Dauerbeschallung mit Musik zu verzichten? Was könnte schlimmstenfalls passieren? Würden sich die Menschen vielleicht zur Abwechslung mal selbst denken hören (Sarkasmus)? Das wäre doch garnicht so schlecht, meine ich. Und könnte womöglich den Horizont erweitern (RW).

Da wir weder uns selbst ändern, noch – so scheint es – Toleranz und Rücksicht bei Cafebetreiber*innen wecken können, bleibt uns vorerst nur der Rückzug. Das ist sowieso eine Standardstrategie des*der gemeine*n Autist*in, um mit sozialen Problemen fertig zu werden. Man denke sich einen frustrierten Unterton in diesen Satz.

Aber wir wollen natürlich auf keinen Fall aufgeben. Unser wichtigstes Ziel ist es, eine gute Zeit gemeinsam zu verbringen. Wir wollen Ansprechpartner für „neue“ Autist*innen in der Region sein und ihnen ermöglichen mit uns, ganz ungezwungen, in Kontakt zu treten. Ohne zusätzliche Stressfaktoren wie Lärm, mangelnden Respekt oder ignorante Cafebetreiber*innen. Das bisherige Format stößt da leider an seine Grenzen.

Jetzt sind wir ja nicht unkreativ und werden in nächster Zeit zwei Alternativen testen.

  1. Spieleabende
  2. Spaziergänge mit kürzerem Cafebesuch

Wir haben doch tatsächlich festgestellt, dass die überwiegende Mehrheit der hier versammelten Autist*innen großen Spaß an Gesellschaftsspielen hat. Sieh an! Neben dem Spaß am Spiel bieten Spieleabende auch Neulingen die Gelegenheit uns kennenzulernen, ohne Angst zu haben, dass sie nicht wissen, was sie überhaupt sagen sollen. Spiele haben Regeln und mitspielen können alle. So bricht das Eis (RW) sehr schnell 🙂

Die zweite Variante soll von den positiven Effekten der gemeinsamen Bewegung an der frischen Luft profitieren. Bei einem entspannten Spaziergang (ohne sportliche Ansprüche) fallen Unterhaltungen besonders leicht und man kommt gut ins Gespräch miteinander. Ein kurzer Cafebesuch zum Aufwärmen, gerade lange genug, um nicht vom Lärm überwältigt zu werden, ergänzt den gemeinsamen Nachmittag. Anschließend kann man gemeinsam zurückspazieren oder sich, je nach persönlichem Bedarf, auch alleine auf den Heimweg machen.

Unser nächster Stammtisch findet (nächste Woche) nochmal in einem Cafe statt. Danach werden wir mal die Alternativen ausprobieren.

Daneben freuen wir uns weiterhin jederzeit über Tipps, wo man in Nürnberg einen ruhigen Abend in einem Cafe / Restaurant (nicht so gehoben und ohne „Essenszwang) verbringen kann. Vielleicht kennt ja jemand auch Gastwirte, für die es selbstverständlich ist auch auf Besucher*innen mit Behinderungen einzugehen. Wir sind auch stubenrein (Sarkasmus).

Neue Leute sind uns wie immer jederzeit willkommen. Lasst euch nicht abschrecken und meldet euch einfach in unserem Forum an. Wir sind nett 😉

Eure Anna

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Frustrierende Kommunikation

Manchmal geht es eine zeitlang gut. Meine Konzentration und Energie reichen aus, um in Unterhaltungen nicht nur an den eigentlichen Inhalt zu denken und meine Gedanken dazu auszudrücken, sondern parallel dazu auch über das WIE nachzudenken. Ich habe gelernt, dass WIE ich etwas ausdrücke den Menschen sehr oft wichtiger ist, als das WAS ich eigentlich zu sagen habe. Wenn das WIE nicht stimmt, ist das WAS irrelevant, während es für mich genau andersrum ist.

Aber oft reichen meine Konzentration oder Energie nicht aus, um über all diese Regeln und Konventionen und Formulierungsnuancen nachzudenken, während ich über etwas spreche und zuhöre und verarbeite. Und manchmal geht es mir auch nur so wahnsinnig auf die Nerven, dass ich nicht die geringste Lust und Geduld habe mich diesem für mich nutzlosen und überflüssigen Zwang zu unterwerfen. Wenn mich jemand anruft und mich damit in einer wichtigen Sache unterbricht und dann anfängt über unzusammenhängende irrelevante Dinge zu reden. Und ich dann unterbreche und frage: „Warum rufst du an?“. Es ist schon eine enorme Leistung, wenn ich überhaupt mal ans Telefon gehe. Das schaffe ich nur bei wenigen ausgewählten Menschen. Was ist daran verkehrt?

Dann sagt man mir, ich sei ZU abweisend, ZU unfreundlich, ZU direkt, ZU hart, ZU schnell, ZU wasauchimmer. Ich bin also das Problem. Immer wieder. Dabei will ich doch nur wissen, was der Andere eigentlich von mir will. Oder nur ausdrücken, was ich denke. Manchmal werde ich dann wütend, auf jeden Fall ist es immer wieder sehr frustrierend. Aber eigentlich, unter all dem Frust, bin ich einfach nur verletzt. Immer wieder und wieder sagt und zeigt man mir, dass ich einfach nicht richtig bin, so wie ich bin. Dass meine Gedanken und Worte im Grunde überhaupt niemanden interessieren. Sonst wäre das WIE nicht soviel bedeutender, als das WAS ich zu sagen habe oder dass ich überhaupt etwas sage.

Dann ist der erste Impuls Rückzug. Kommunikation einstellen. Einfach garnichts mehr sagen, weil es sowieso das Falsche sein wird. Und manchmal ist Schweigen dann alles, was ich kann. Manchmal tage- oder wochenlang. Schweigen und meine Gedanken denken und wissen, dass zumindest ich mich selbst richtig verstehe.

Auch wenn ich nicht gerne komplexe Dinge auf wenige Aspekte reduziere, beobachte ich doch, dass dieses Kommunikationsproblem mit anderen Autist*innen viel seltener auftritt. Auch hier ist nicht garantiert, dass zwei sich automatisch richtig verstehen oder auf die gleiche Weise kommunizieren. Wir sind von so vielen unterschiedlichen Einflüssen geprägt. Aber hier habe ich weniger Angst, dass mir aus dem falschen WIE ein Strick gedreht (RW) wird. Hier weiß ich, dass die meisten im Zweifel einfach nachfragen, wie ich etwas gemeint habe. Oder mir direkt sagen, wenn ich etwas Verletztendes oder Unangebrachtes gesagt habe oder ihnen einfach nur auf die Nerven gehe. Manchmal bemerken sie das WIE in erster Instanz schon nicht. Weil der Inhalt zählt. Weil das WAS zentral ist. Weil sie vielleicht selbst verunsichert sind und gewohnt die Dinge immer wieder falsch zu verstehen. Da ist weniger Verurteilung, weniger Erwartung, weniger Missverstehen. Dafür mehr Respekt, mehr Ehrlichkeit und mehr Sensibilität. Das sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen (RW).

Es gibt auch mit nichtautistischen Menschen gelingende Kommunikation. Es ist nicht einfach so schwarz-weiß. Es setzt Offenheit und die Bereitschaft voraus, sich auf andere Denk- und Ausdrucksweisen einzulassen. Vielleicht sind wir Autist*innen es auch einfach nur viel mehr gewohnt uns und unsere Kommunikation und Wirkung ständig zu hinterfragen und bewusst zu gestalten. Weil es eben nicht automatisch funktioniert.

Anna