Über Fronten, Wahrheiten und Kommunikation

Die lautere Wahrheit

Die ganze Unwahrheit
setzt sich aus lauter ganz wahren
Wahrheiten
oder
Teilwahrheiten zusammen

Nur haben sich die
miteinander
noch nie ganz
auseinandergesetzt

So ist die ganze
Lüge
möglich geworden

(Erich Fried; Gesammelte Werke, Band 3, Seite 259)

Man kann es gerade wieder überall im Netz auf den Blogs von Autisten lesen. („Wir sind Autismus“, „#WirSindAutismus: Nein seid ihr nicht„) Wahrheiten, die aufeinanderprallen, Fronten, die sich verhärten. Anliegen und Wünsche und Ängste und Verletzungen, die irgendwo dazwischen verloren gehen. Wir sind nunmal keine Wunderkinder, wenn es um Kommunikation geht. Aber das heißt nicht, dass wir es nicht versuchen können. Versuchen sollten. Ich meine miteinander reden, nicht gegeneinander. Sich öffnen für die Perspektiven Anderer, um zu lernen, wie sie denken und die Dinge wahrnehmen. Auch wenn es mühsam ist.

Wovon ich überhaupt rede? Ja, das ist eine gute Frage.

Ich glaube es geht um Verletzungen und berechtigte Forderungen und Kritik an bestehenden Verhältnissen. Es geht darum den Mund aufzumachen und sich klar gegen all die noch immer vorherrschenden, menschenverachtenden Praktiken und Haltungen zu richten, mit denen autistische Menschen, vor allem Kinder, leben müssen. Es geht darum für unsere Rechte zu kämpfen. Dafür, dass unsere Persönlichkeit und Individualität respektiert und geschätzt wird, statt sie aus wohlmeinenden oder weniger wohlmeinenden Gründen zu beschneiden, zu verstümmeln. Darum uns auch für all die Autisten, die es nicht selbst laut herausschreien können, gegen die Unterdrückung zu wehren. Dagegen Erwartungen und Ansprüche an Normalität übergestülpt zu bekommen und dabei das eigene Selbst zu verlieren.

Dieser Kampf ist auch meiner. Mit allem was ich bin stehe ich dahinter.

Dahinter gegen ABA, MMS und wie diese grusligen Praktiken noch alle heißen zu kämpfen. Klar Stellung zu beziehen und darüber aufzuklären, was wirklich hinter diesen Versprechungen nach „Heilung“ oder „Verbesserung“ steht. Dass es nicht darum geht einen Menschen glücklich zu machen, zu befähigen die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und so gut wie möglich für sich einzustehen. Sondern darum Menschen, Kinder, den Vorstellungen und Erwartungen Anderer zu unterwerfen und mit Gewalt gefügig zu machen. Es macht mich krank, wenn ich daran denke, was Eltern und Therapeuten autistischen Kindern antun. Gerade den Kindern, die noch weniger als andere Kinder eine Stimme haben, um sich dagegen zu wehren.

Die Tragik dahinter ist, dass viele von diesen Menschen nicht einmal wissen, was sie da tun. Sie wollen überhaupt keinen Schaden anrichten. Sie meinen es gut und wissen es nicht besser. Leider ist „gut gemeint“ sehr oft das Gegenteil von „gut“ und es gibt sicher noch mehr schlaue Sprüche über die Schädlichkeit von guten Absichten. Ich bringe sie selbst gerne an. Ich entschuldige nichts damit. Aber es ist wichtig, zu verstehen, was einen Menschen dazu bringt sich für einen Weg zu entscheiden, wenn man diesen Menschen erreichen will.

Dann gibt es auch die Leute, die einfach ignorant sind und ihre eigenen niederen Motive verfolgen. Man erkennt sie nicht immer auf den ersten Blick, oft auch nicht auf den zweiten oder dritten. Erst dann, wenn der Schaden, den sie angerichtet haben, so groß ist, dass es zu spät ist noch etwas zu retten. Auch sie findet man nicht so selten unter Therapeuten und immer wieder auch unter Eltern. Eltern sind nicht von Natur aus gut zu ihren Kindern, es gibt keine angeborene „Mutterliebe“ oder ähnliche Mythen. Wir müssen uns nur die vielen Statistiken über Kindesmisshandlung ansehen, auch wenn es noch viel zu wenige gibt, die sich speziell mit der Situation von behinderten Kindern beschäftigen. Nur soviel: sie – wir – werden noch wesentlich häufiger Opfer von Gewalt. Und Gewalt, das wissen wir, hat sehr viele Gesichter (RW). Nicht alle sind so offensichtlich wie ein Schlag ins Gesicht. Manche sind sehr subtil. Aber es bleibt Gewalt.

Wir hier, in dieser kleinen autistischen Ecke des Internets, sind sehr schnell darin uns auf Feindbilder zu einigen. Autism Speaks, die MMS-Gurus, die ABA-Eltern oder gerne auch Autismus Deutschland. In den allermeisten Fällen stimme ich zu, rege ich mich auf, will ich aufschreien und die Leute so lange schütteln, bis ihnen die ganze Grausamkeit ihrer Handlungen bewusst wird.

Dann frage ich mich, wem ich damit wirklich helfe. Einerseits mir selbst und all denen von uns, die viel zu lange keine Stimme hatten, die viel zu lange herumgestoßen, missachtet und unterdrückt wurden. Das ist legitim und wichtig. Es ist nicht selten die Triebkraft für längst überfällige Veränderungen, das lehrt die Geschichte der Behindertenrechtsbewegung und anderer (ehemals) unterdrückter Bevölkerungsgruppen. Wir dürfen damit nicht aufhören. Wir müssen laut werden und unbequem und deutlich. Gerade wir!

Anpassung

Gestern fing ich an
sprechen zu lernen
Heute lerne ich schweigen

Morgen höre ich
zu lernen auf

(Erich Fried)

Aber reicht es wirklich aus, laut zu werden? Zu sprechen? Gehört nicht Zuhören genauso sehr zum Lernen? Wem hilft es, wenn man sich immer weiter um sich selbst dreht? (Außer dem Autisten, der damit hin und wieder sehr zufrieden ist.)

Sicher, es gibt sehr viele Menschen, die nicht bereit sind zuzuhören, die sich hinter ihre Festungsmauern zurückziehen und ihre Position verbittert verteidigen. Menschen, die nicht nachdenken, nicht zuhören, sondern nur sprechen. Warum sollte man ihnen zuhören? Sich mit ihnen beschäftigen?

Moment… ich glaube wir nähern uns dem Kern des Problems. Meine ich damit jetzt die Anderen oder uns selbst? Die, die nicht zuhören, sondern nur sprechen und schreien und ihre Position verteidigen?

Ich glaube, wir alle müssen lernen zuzuhören, wenn wir etwas erreichen wollen. Und sei es nur, um zu verstehen, wo unser Gegenüber steht, wie es denkt, was es motiviert, was es fürchtet, wovor es sich zu schützen versucht. Damit wir versuchen können einen gemeinsamen Ansatzpunkt für eine Diskussion zu finden. Sonst werden wir noch in zehn Jahren hier sitzen und uns gegenseitig mit Ignoranz begegnen und anschreien.

Es gibt Momente, in denen muss man laut werden und vehement auf Probleme hinweisen. In denen man keinen Schritt zurückweichen darf, weil man sonst verloren hat. Aber es gibt auch Situationen, in denen man miteinander sprechen und aufeinander zugehen muss. Dem Anderen Fehler verzeihen und gemeinsam daran arbeiten, dass sie sich nicht wiederholen. Oft ist das auch davon abhängig, wem man gerade gegenüber steht und es ist wirklich schwer zu entscheiden, was genau in diesem Augenblick gefragt ist.

Wir müssen die Menschen zusammenbringen, die bereit sind sich gegenseitig zuzuhören und voneinander zu lernen. Autisten, Eltern, Fachleute. Das Anschreien können wir uns für die Anderen aufheben.

Anna

Advertisements

6 Gedanken zu „Über Fronten, Wahrheiten und Kommunikation

  1. dasfotobus

    Weitgehend stimme ich dir zu – und hätte es schön gefunden, wenn du den Artikel auch unter der Aktion #WirsindAutismus laufen gelassen hättest.

    Die Sache mit dem Zuhören und Aufeinanderzugehen etc., die ist auch sehr richtig.
    Die Sache ist: Die Zeit ist für viele von uns gerade gekommen, erst einmal laut zu werden, um überhaupt auf ein Ohr zu treffen!

    Andere, durchaus von so einigen versuchte, Methoden haben bislang nicht gefruchtet. Derzeit wird ABA massiv gepusht. Und das muss zunächst mal laut kundgetan werden, wie wenig das gefällt, denn der Dialog hat dahingehend bislang schlicht nichts gebracht außer komischer Scheinargumente und Drumrumgerede (so selbst zum Beispiel mit einer ABA-„Therapeutin“ erlebt).

    Gerade am Montag erst ging es bei der Anhörung im Landtag BW doch im Grunde um nichts anderes, als ABA massiv zu bewerben.
    Die sind laut und der Dialog nicht fruchtbar bisher. Also sind jetzt wir (wir im Sinne von Teilnerhmer an der Aktion) laut – viele bestimmt durchaus immer noch in der Hoffnung, irgendwann einen Dialog zu finden. Aber für den Dialog muss man überhaupt erst mal als existenter Gesprächspartner wahrgenommen werden.

    Antwort
    1. annaautland Autor

      Danke für deine Antwort!

      Ich kritisiere auch garnicht das Lautwerden, speziell wenn es um ABA geht ganz sicher nicht. Ich finde das wirklich wichtig und ich werde da auch gerne selbst laut, wenn ich es schaffe.

      Ich will nur darauf hinweisen, dass es nicht nur diesen einen Weg gibt, auf Probleme hinzuweisen. Es gibt verschiedene Ebenen in der Diskussion und auf der politischen Ebene ist Lärmmachen oft erstmal sehr sinnvoll bzw. der einzige Weg überhaupt wahrgenommen zu werden.

      Auf anderen Ebenen, den konkreteren, wo es darum geht direkt vor Ort Einstellungen zu verändern, ist ein anderer Ton oft hilfreicher. Eben weniger konfrontativ, damit die Leute sich nicht schon von vorneherein in eine Verteidigungshaltung begeben. Bei manchen Menschen, insbesondere bei Eltern von Autisten (so meine Erfahrung), erreicht man auf diese Weise einfach viel mehr.

      Und ich glaube es schadet uns auch nicht, die Perspektive von Eltern etwas besser kennenzulernen, deren Leben durch ihre autistischen Kinder nunmal wirklich eine Menge Herausforderungen mit sich bringen kann. Darauf reagieren viele von uns sehr empfindlich, verständlicherweise. Es hat diesen Beigeschmack von „unser autistisches Kind ist eine Last und Bürde“, dabei geht es oft überhaupt nicht darum. Genauso wenig, wie viele von uns ihren eigenen Autismus als das Problem empfinden. Sondern eben die Auseinandersetzung mit einer Umwelt, die nicht für uns gemacht ist.

      Wenn jemand, der rund um die Uhr für sein Kind da ist, vielleicht irgendwann auch einfach mal überfordert ist und eine falsche Entscheidung trifft, helfen Verständnis, Unterstützung und Aufklärung mehr als Verurteilungen. Bei irgendwelchen ABA-Lobbyisten ist das natürlich wieder eine ganz andere Sache!

      Also ich glaube, wir sehen das alles garnicht so verschieden.

      Ich hab nur etwas Sorge, dass bei all dem Lautwerden Chancen für echte Kommunikation auf der Strecke bleiben. Also seid laut, seid mutig und macht weiter! Ich finde das wichtig und stark.

      Passt nur auf, dass ihr nicht diejenigen Leute dabei verurteilt, die auf anderen Ebenen an Verbesserungen arbeiten. Das gilt für alle Seiten.

      Antwort
      1. dasfotobus

        „Also ich glaube, wir sehen das alles garnicht so verschieden.“
        Da hast du recht. Dein Kommentar macht es deutlich, da stimme ich auch zu.

        Bei der ganzen Aktion #WirsindAutismus ist zumindest meine Intention, dass sich möglichst viele Menschen, Autisten, Eltern von Autisten und alle, denen das auch am Herzen liegt, auch Fachleute, die so denken, zusammen finden, zusammen laut werden gegen bestimmte Missstände und für ein Miteinander, zumindest erst mal derjenigen, die eben zusammen etwas an den Missständen verändern möchten.

        So möchte zumindest ich das verstanden wissen.

  2. Anita

    Mit Verständnis erreicht man Eltern (die zu Recht oft selber in einer Überforderung stecken) wirklich besser, als mit dem sprichwörtlichen Holzhammer.

    Aber ich denke das vornehmlich Ziel der Aktion „Wir sind Autismus“ ist es, überhaupt eine Diskussionsgrundlage mit Autismus Deutschland zu schaffen.

    Dazu ist selbstverständlich notwendig, wenn dann endlich mal jemand sich zu einem Gespräch bewegt, sich gegenseitig zuzuhören.

    Ich habe viel in einem Forum geschrieben. Der große Teil der Eltern (ca. 90%) waren wirklich daran interessiert, ihr Kind verstehen zu lernen. Und das finde ich enorm und finde es wichtig.

    Aber es gab und gibt immer wieder und leider auch sehr schnell Missverständnisse, aufgrund dessen, dass der eine oder der andere Teil gerade etwas interpretiert was da nicht steht.

    Ich kann ruhig und höflich auf etwas aufmerksam machen oder mit einem kurzen knappen Ton. Überforderte Menschen reagieren je nach dem nicht adäquat, weil sie den einen oder anderen Ton „in den falschen Hals bekommen“ (RW) Wenn man also mit belasteteten Eltern oder gar überbelasteten Eltern (und ja, keinen Schlaf oder keine Ruhephase zu bekommen ist seeeehr anstrengend) spricht oder schreibt, sollte man eine gewisse Ruhe und Vorsicht walten lassen. 💡

    Antwort
  3. Sam Becker

    Ich sehe das alles relativ entspannt, denn jede Aktion oder Jeder der etwas ändern möchte kann das auf seine weise tun , es gibt tausende von Wegen die man gehen kann und hat trotz dieser Vielzahl von Unterschiedlichen Wegen ein gemeinsammes Ziel vor Augen, nämlich etwas zu bewegen und zu ändern . Niemand kann wirklich im voraus wissen welcher Weg der beste dafür ist und welcher schneller oder langsamer funktioniert. Deshalb finde ich in erster Linie mal alle Aktionen und Meinungen Gut. Denn ohne diese gäbe es niemals eine Veränderung, ganz egal wie diese Wege auch aussehen mögen, der eine laut der andere leise der nächste vernünftig, aber eines ist auch ganz sicher : wir werden niemals alle die etwas verändern wollen auf den einen Richtigen weg bringen , denn den gibt es einfach nicht. Und eventuell sind es dann hinterher alle wege die gleichzeitig zum ziel führen

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s