Archiv für den Monat Januar 2015

ABA, Reparaturwahn und was ihr uns wirklich antut

Ich denke über diesen Text schon seit über einem halben Jahr nach. Trotzdem weiß ich noch immer nicht, welche Worte die richtigen sind. Welche Formulierungen dem abgrundtiefen Unrecht gerecht werden, das autistischen Menschen Tag für Tag widerfährt. Ich habe keine Worte für den Schmerz, die Angst, die Traurigkeit, die ihr mit eurem Verhalten in mir auslöst. Aber ich kann nicht länger warten, also gebe ich mich mit einem unzulänglichen Versuch zufrieden und fange einfach an zu schreiben.

Alles beginnt damit, dass ihr nur Leben als lebenswert anseht, dass eurer beschränkten Vorstellung von Normalität entspricht. Ein Mensch muss sprechen, von wem auch immer aufgestellte soziale Normen erfüllen, sich auf eine bestimmte Weise verhalten und genauso aussehen wie alle anderen. Dann ist er ein Mensch und sein Leben ist lebenswert. Wenn das nicht zutrifft, dann ist etwas mit ihm nicht in Ordnung, dann ist er irgendwie beschädigt und kein vollwertiger Mensch. Dann benötigt er eine Reparatur, häufig perfide auch als „Hilfe“ bezeichnet, damit er glücklich sein kann. Das bedeutet, damit er wie ihr sein kann. Denn nur dann ist sein Leben lebenswert. Das ist es, was ihr voraussetzt. Und das ist absolute Kackscheiße. Auf so vielen Ebenen, dass ich garnicht weiß, wo ich anfangen soll.

Unser Leben ist lebenswert, so wie wir sind. Wir sind liebenswert und liebensfähig. Wir haben Gefühle, so viele und so intensive Gefühle, das sie uns oft überfordern. Wir empfinden Mitgefühl und haben sehr feine „Antennen“ für die Stimmungen um uns herum. Wir können uns freuen, an so vielen wunderschönen Dingen und an Menschen. Wir können Freunde haben und lieben und lachen. Wir kommunizieren. Jede*r Einzelne von uns kommuniziert auf die eine oder andere Weise.

Wir bewegen uns anders als ihr. Wir kommunizieren anders als ihr. Wir nehmen die Welt anders wahr als ihr. Wir denken anders als ihr. Aber wir atmen und lieben und lachen genau wie ihr. Wir weinen wie ihr und wir empfinden Schmerz und Angst und Traurigkeit, genau wie ihr.

Und meistens seid ihr die Ursache dafür. Nicht unser Autismus. Wir merken, wie ihr uns behandelt, wie ihr uns misshandelt. Wir merken eure Macht über uns zu bestimmen, aber wir können uns nicht dagegen wehren. Wir merken eure Missachtung unserer Menschlichkeit.

Wir merken, wie ihr unsere Identität, unsere Individualität, unsere Persönlichkeit, unsere Hoffnung systematisch zerstört. Bis wir es nicht mehr merken können, weil ihr uns kaputt gemacht habt. Ihr trainiert uns ein Leben lang darauf jemand zu sein, der wir nicht sind. Zwingt uns unsere Individualität, unser Menschsein, unser Ich zu verleugnen und jemand anders zu sein. Ihr vermittelt uns eine unfassbare Scham wir selbst zu sein. Ihr unterzieht eure Kinder systematischer Gehirnwäsche. Ihr programmiert sie wie Computer. Und dann brecht ihr in Tränen der Rührung aus, wenn ihr dem Computer, den ihr euer Kind nennt, die Worte „Ich hab dich lieb“ einprogrammiert habt und er die korrekte Ausgabe liefert. Ihr seht uns nicht. Ihr respektiert uns nicht. Und ganz sicher liebt ihr uns nicht.

Liebe bedeutet jemanden sehen, so wie er ist. Und die, die man sieht wunderbar finden, einmalig schön. Liebe bedeutet die, die man liebt beschützen und bewahren zu wollen, damit sie genau so wunderschön und einmalig sein kann, wie sie ist. Damit sie sich entwickeln und wachsen kann und noch schöner und glücklicher wird. Noch mehr sie selbst.

Liebe bedeutet nicht jemanden zu terrorisieren, zu misshandeln und in jemand Anderen zu verwandeln. Jemanden, den zu lieben ihr fähig sein könntet. Vielleicht. Wenn ihr überhaupt wüsstet, was das bedeutet.

Ein glückliches Leben bedeutet nicht, den kaputten Erwartungen einer kaputten Gesellschaft zu entsprechen. Es bedeutet nicht ein Mensch zu sein, der aussieht wie alle Anderen. Man muss nicht mündlich sprechen, um glücklich zu sein. Man muss überhaupt nicht sprechen. Man muss niemandem in die Augen sehen, um glücklich zu sein. Man muss nicht mit Messer und Gabel essen können. Man muss überhaupt keine Regeln erfüllen, um glücklich zu sein.
Man muss einfach nur sein dürfen. Selbst.

Ihr behandelt eure autistischen Kinder und die autistischen Menschen, die euch anvertraut sind, wie Dreck. Ihr misshandelt sie systematisch. Ihr verbietet ihnen, sie selbst zu sein und zu leben. Und ihr erfindet Ausreden dafür. Ausreden, die darüber hinwegtäuschen, dass es euch nur darum geht eure Macht aufrecht zu erhalten. Eure Hoheit darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Ein lebenswertes Leben zu führen.

Ihr zerstört uns. Das ist es, was ihr uns antut. Was ihr tut ist keine Hilfe. Ihr benutzt unsere Hilflosigkeit, um eure bigotte, kleingeistige, verängstigte Welt vor dem Einstürzen zu bewahren. Und ihr merkt nicht mal, wie ihr damit auch euch selbst zerstört. Wie ihr euch selbst die Chance auf Liebe und Wachstum und ein glückliches Leben entzieht.

Welches fühlende, liebende Wesen kann die brutale Konditionierung und Gehirnwäsche eines hilflosen Kindes, den Entzug von Liebe und Sicherheit und Akzeptanz, auch nur für eine Sekunde in Betracht ziehen? Als etwas Anderes sehen, als es wirklich ist?
Gewalt. Machtaussübung. Grausamkeit.

Anna

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