Archiv für den Monat April 2015

„Du bist mir ein Rätsel“

Ich habe es nie verstanden.
Warum wir ein Rätsel für nichtautistische Menschen sind. Ich habe nicht begriffen, was ihr Problem ist. Warum sie uns nicht einfach als die Menschen sehen, die wir sind. Warum sie uns mit unserem Autismus zu einem Mysterium erklären und es sich zur Lebensaufgabe machen, das Rätsel zu lösen. Warum sie uns so entmenschlichen, indem sie uns als etwas Anderes sehen, als einfach einen Menschen. Einen ganz normalen Menschen. Ich habe nicht verstanden, warum alle großen Elternorganisationen auf diesem Planeten sich darin einig zu sein scheinen, dass ein einzelnes Puzzlestück das treffendste Symbol für ihre autistischen Kinder sein soll.

Ich dachte, es ist eine bewusste Entscheidung. Eine bewusste Entscheidung, die aus Engstirnigkeit getroffen wird. Aus Intoleranz. Aus Ignoranz. Weil sie nicht bereit sind, sich über aufgeprägte, durch sozialen Druck erzeugte Vorstellungen von „Normalität“ und „Angemessenheit“ hinwegzusetzen. Weil sie feige sind. Oder unsicher. Oder nicht liebevoll genug, um ihre Kinder wichtiger zu nehmen als die Vorstellungen und Erwartungen einer kranken Gesellschaft.

Ich verstehe bis heute nicht, worin das Rätsel besteht. Wenn ich anderen Autisten begegne, sehe ich einfach Menschen. Individuen. Persönlichkeiten. Ganz gleich, ob sie sprechen oder nicht, auf welche Weise sie kommunizieren. Ich habe nicht das Gefühl, mich fundamental von ihnen zu unterscheiden. Im Gegenteil. Ich verstehe, ich spüre, ich fühle mit. Es ist irgendwie alles klar und selbstverständlich. Kein Rätsel. Kein Puzzle.

Ich bin Autistin und ich habe mein Leben zwischen Nichtautist_innen verbracht. Ich kann in den meisten Situationen sprechen und habe gelernt mit Nichtautist_innen auf ihrer Ebene zu kommunizieren. Naja, bis zu einer gewissen Grenze jedenfalls. Ich habe mir immer eingebildet, dass ich sie schon ganz gut verstehen kann. Ich habe viel über ihre Sprache und ihre Verhaltensweisen gelernt.

Jetzt merke ich immer deutlicher, dass sie mir ein größeres Rätsel sind, als ich dachte. Dass ich so viele Annahmen mache, voraussetze, dass wir Dinge ähnlich empfinden und wahrnehmen. Dass Nichtautisten zum Beispiel die gleichen Dinge wahrnehmen, wie ich, nur dass sie in der Lage dazu sind Störendes, im Moment Irrelevantes auszublenden. Bei Bedarf aber ihre Aufmerksamkeit ganz willkürlich auf ein anderes Geräusch, einen anderen Geruch, ein anderes Detail richten können. Aber dass sie, unterm Strich, auch nichts Anderes wahrnehmen als ich. Nur auf geordnetere Weise.

Ich habe nicht verstanden, warum es ihnen so schwerfällt sich vorzustellen, wie es ist, wenn dieses Umschalten und Filtern nicht funktioniert. Wenn sie all die Dinge gleichzeitig, gleich laut, gleich intensiv wahrnehmen würden. Warum sie nicht verstehen, wie sehr einen das auslastet und oft überlastet. Ich habe nicht verstanden, warum sie nicht verstehen, dass es manchmal unerträglich ist. Warum sie nicht verstehen, dass all die verschiedenen Varianten von Stimming absolut naheliegend und logisch sind. Dass ihre Funktionen, die damit verbundenen Empfindungen, doch ganz offensichtlich sind.

Ich dachte, es ist ab einem gewissen Punkt reine Engstirnigkeit. Fehlende Bereitschaft sich einzulassen und den eigenen Horizont zu erweitern.

Je mehr ich mit nichtautistischen Menschen zu tun habe, die sich mit Autismus befassen, desto mehr verstehe ich, dass ich mich in vielen Punkte irre. Sie hören nicht, was ich höre. Sehen nicht, was ich sehe. Spüren nicht, was ich spüre. Nicht nur weniger davon oder kontrollierter als ich. Sie nehmen es überhaupt nicht wahr. Sie begreifen wirklich nicht, was für mich so selbstverständlich Sinn macht.
Und dann beginne ich zu begreifen. Wie wenig ich tatsächlich verstehe. Wie wenig ich ihnen in Wirklichkeit ähnle, obwohl wir uns auf den ersten Blick nicht unterscheiden.

Ich habe einen jungen Autisten kennengelernt, dem ich zuvor nicht begegnet war. Auf den ersten Blick sind wir sehr verschieden. Er spricht nicht wie ich, benötigt im Alltag viel Unterstützung und lebt ein völlig anderes Leben, als ich. Und doch besteht kein Zweifel daran, dass ich mich ihm soviel ähnlicher und näher fühle, als all den nichtautistischen Menschen, deren mündliche Sprache ich spreche, deren gesellschaftliche Konventionen ich mir angeeignet habe und die sich überall um mich herum befinden. Die gleichen Worte einzusetzen, bedeutet eben noch nicht die gleiche Sprache zu sprechen.

Und mir wird bewusst, so schmerzhaft bewusst, was mir mein Leben lang fehlt. Menschen wie mich um mich zu haben, die fehlende Notwendigkeit Selbstverständliches auszusprechen. Überhaupt zu sprechen. Intuitives Verstehen. Verständliche Kommunikation ohne Worte. Die Chance eine gemeinsame Kultur zu leben. Mir wird wieder so schmerzhaft bewusst, wie allein ich mein Leben lang war.

Mir wird klar, wie sehr viele von uns „sprechenden“ Autist_innen in (teilweise selbst) antrainierten Verhaltensweisen feststecken, die uns überhaupt nicht passen. Wie wir uns auf so vielen Ebenen angepasst haben, weil wir niemals die Chance hatten uns mit und zwischen Menschen zu entwickeln, die so (ähnlich) wahrnehmen und denken, wie wir. Wie verloren viele von uns sind.

Uns wird so oft von Nichtautist_innen gesagt, wir könnten garnicht für ihre „schwerbetroffenen“ autistischen Kinder sprechen. Weil wir nicht wie sie wären. Weil wir zu „normal“ wären. Zu wenig autistisch. Der Gedanke lässt mich beinahe verzweifeln und ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ein Leben lang hat diese Gesellschaft aus Nichtautisten uns gezwungen uns ihnen anzupassen. Uns mit Gewalt und Brutalität gelehrt, dass wir ihnen ähnlich sein müssen, wenn wir überleben wollen. Einige von uns hatten das Glück oder das Pech diese Anpassungsleistung vollbringen zu können (ungeachtet des Preises). Und jetzt verwenden sie das, was sie uns angetan haben, als Argument gegen uns. Gegen ihre Kinder. Gegen unser Recht für uns selbst zu sprechen und für diejenigen von uns, die es nicht immer können.

Ich maße mir nicht an für alle Autist_innen zu sprechen. Aber ich erlaube mir für unsere Rechte zu kämpfen und das schließt alle Autist_innen ein. Hierzu ein wirklich lesenswertes Statement. Ich zweifle nicht daran, dass ich im Sinne anderer Autist_innen sprechen kann. Mittlerweile zweifle ich jedoch daran, ob ich es in einer Weise tun kann, die nichtautistische Menschen wirklich begreifen können.

Wir sind euren Kindern ähnlicher, als euch. Viel ähnlicher. Ich ahne, wie schmerzhaft es sein muss das zu akzeptieren. Das gilt für beide Seiten. Aber das macht es nicht weniger real.

Ich will nicht an dieser Stelle aufhören.
Ja, wir unterscheiden uns. Viel mehr, als manche annehmen. Aber zu welcher Schlussfolgerung führt das? Dass wir nicht in der Lage sind uns gegenseitig zu verstehen? Dass wir also garnicht erst versuchen sollten, Verständnis für die Anderen zu entwickeln? Dass Nichtautisten die Empathie fehlt sich in Autisten einzufühlen?

Ich glaube nicht daran. Ich glaube nicht, dass es eine zwangläufige Folge ist. Ich glaube, dass wir als Menschen mehr gemeinsam haben, als dass wir uns unterscheiden. Ich glaube, was euch Nichtautisten fehlt, ist nicht die Fähigkeit, Empathie für Autisten aufzubringen. Was vielen von euch fehlt, ist die Bereitschaft uns zu akzeptieren und zu respektieren, wie wir sind. Insbesondere mit den Aspekten unseres Seins, die ihr tatsächlich nicht verstehen könnt. Denn hier beginnt echte Akzeptanz überhaupt erst. Annehmen, respektieren und lieben, was sich offenbar so fundamental von eurem eigenen Empfinden unterscheidet.

Ich jedenfalls bin in der Lage mitzufühlen, wenn ihr verzweifelt seid, wenn euch etwas wehtut. Ich kann eure Hilflosigkeit sehen, euren Wunsch nach Verbindung und Verstehen und Nachvollziehen. Ich kann den Schmerz spüren und die Traurigkeit und auch das Glück. Auch wenn ihr mir oft ein Rätsel seid und ich nicht in eurer „Haut stecke“ (RW). Das muss ich nicht. Darauf kommt es überhaut nicht an.

Anna

„Liebster Award“ – discover new blogs

Ein rundes Abzeichen mit der Aufschrift "Liebster Award - discover new blogs"

Das ist er, der erste Award für den unser Blog nominiert wurde. Und zwar von Ella, die uns damit an die Leser_innen ihres Blogs (Ellas Blog – Leben mit frühkindlichem Autismus) weiterempfiehlt und gleichzeitig eine Liste von Fragen stellt. Dinge, die sie gerne noch erfahren würde und da hat sie sich gute Fragen ausgedacht.

Vielen Dank, liebe Ella, ich habe mich sehr darüber gefreut! Mittlerweile habe ich, glaube ich, auch verstanden, wie dieses soziale Ritual funktioniert 😉

Ich erkläre es euch kurz: Wer für diesen Award nominiert wird, beantwortet eine Liste von 11 Fragen in einem Blogartikel (das ist dieser hier). Anschließend wählt man 3 – 6 andere Blogger_innen aus, um sie nun ebenfalls für diesen Award zu nominieren und damit weiterzuempfehlen. Dazu denkt man sich dann 11 neue Fragen aus, die diese Personen beantworten sollen. Ein bisschen wie so ein Kettenbrief von früher, nur öffentlich und mit dem Hintergrund Blogs bekannter zu machen, die man gut findet und andere Blogger_innen besser kennenzulernen.

11 Fragen von Ella an mich

Hier kommen sie nun, Ellas Fragen und dazu meine Antworten. Über Manches musste ich ganz schön nachdenken.

1. Wie bist Du zum Blog schreiben gekommen?

Dazu diesen Blog zu starten bin ich gekommen, als ich auf der Suche nach anderen Autist_innen war, um mit ihnen gemeinsam Autland auf die Beine zu stellen. Es brauchte einen zentralen Anlaufpunkt auf den ich verweisen konnte, um die Idee nicht immer wieder neu erklären zu müssen. Hier konnte man uns jetzt finden, außerdem gab es Erklärungen und Kontaktinformationen. Das hat gut funktioniert und das tut es weiterhin, denn es finden uns auf diese Weise immer wieder „neue“ Autist_innen.

Nachdem sich eine kritische Masse an Autist_innen gefunden hatte und wir anfangen konnten die Idee von Autland in die Tat umzusetzen, wurde aus dem Blog ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Ziel, verschiedene Autist_innen ihre Perspektiven auf ihr Leben mit Autismus und Themen, die sie beschäftigen, veröffentlichen zu lassen. Hier schreiben jetzt also mehrere Autor_innen in wechselnder Intensität. Das ist gut, weil sich die Verantwortung ein Blog mit Inhalt zu füllen auf „mehrere Schultern verteilt“ (RW), denn vielen von uns fällt es nicht immer leicht ihre Gedanken mitzuteilen.

Dazu weiterhin Artikel zu schreiben, die über Organisatorisches hinausgehen, bin ich gekommen, weil es viele Themen im Zusammenhang mit Autismus gibt, über die ich etwas zu sagen habe. Es ist noch viel zu schwierig als tatsächlich autistischer Mensch in Sachen Autismus gefragt, angehört und ernstgenommen zu werden. Wir müssen darum kämpfen in Fragen unseres eigenen Lebens und unserer Bedürfnisse überhaupt gehört und als kompetente Gesprächspartner_innen und Expert_innen auf Augenhöhe respektiert zu werden. Dabei sind wir diejenigen, die am besten wissen, was es bedeutet Autist_in zu sein, was unsere Anliegen sind und wo wir Probleme und Handlungsbedarf sehen. Mit meinen Artikeln will ich darauf aufmerksam machen und auch Menschen mit ihren problematischen Haltungen konfrontieren, wenn andere Wege der Kommunikation (Mails, Gespräche) nichts gebracht haben. Ich will vermitteln, dass wir nicht nachlassen, uns für unsere Anliegen einsetzen und uns nicht weiter ignorieren lassen. Mit uns muss man rechnen.

2. Was macht einen perfekten Tag für Dich aus?

Es gibt viele verschiedene Arten, wie ein Tag perfekt werden kann, zum Beispiel durch besondere Erlebnisse mit anderen Menschen oder an besonderen Orten. Aber in der Regel, im Alltag, bin ich am Ende eines (perfekten) Tages zufrieden und glücklich, weil er so verlaufen ist, wie ich ihn geplant habe. Meine üblichen Rituale und Gewohnheiten haben den Tag strukturiert, so dass ich all die Dinge schaffen konnte, die ich mir vorgenommen habe ohne überwältigt zu werden. Das ist ein tolles Gefühl. Außenstehende Beobachter_innen würden wohl sagen, dass es ein „langweiliger Tag wie jeder andere“ war 😉 Und genau das ist der Punkt.

3. Welchen Deiner Träume möchtest Du auf jeden Fall verwirklichen?

Ich möchte einen Ort finden, an dem ich bleiben kann. An dem ich so leben und alt werden kann, wie es meinen Bedürfnissen entspricht. Im Einklang mit der Natur, in Ruhe und vielleicht ja auch in Gesellschaft anderer Menschen mit ähnlichen Vorstellungen.

Ich würde gerne einen Lebensort für autistische Menschen schaffen, den wir selbstbestimmt gemeinsam gestalten. Mit soviel (selbstbestimmter) Assistenz durch respektvolle Menschen wie nötig und soviel Selbstständigkeit wie möglich. Mit Raum für Zusammenleben und Raum für Alleineleben, ganz so wie es die Einzelnen brauchen.

4. Hast Du einen Lieblingsplatz, wie sieht er aus?

Nein, ich habe nicht direkt einen Lieblingsplatz. Es gibt viele verschiedene Orte, an denen ich mich wohl, sicher und glücklich fühlen kann. Meistens befinden sie sich in der Natur, haben ein besonders schönes, ruhiges Licht und eine angenehme Geräuschkulisse. Ich finde schnell überall, wo ich mich gerade aufhalte, solche Wohlfühlplätze. Das ist auch gut, denn ich bin in meinem Leben schon sehr oft umgezogen. Trotzdem ist es immer schön, wenn mir ein Ort vertraut wird, das ist besonders angenehm. Darum habe ich eigentlich überall einen Lieblingsplatz. Immer der gleiche Platz am Tisch, immer der selbe Tisch im Café, immer der gleiche Felsen für die Pause auf der Lieblingswanderung, usw.

5. Wohin und wie reist Du gern?

Ich reise gerne dahin, wo ich schöne und spannende Landschaften vorfinde, in denen ich dann wandern gehe, einfach die Umgebung erkunde und auf eigene Faust entdecke, was es zu entdecken gibt. Dabei liebe ich das Wasser, sei es am Meer oder an großen Seen, sowie bergige und felsige Gegenden und zwar vorzugsweise bei Temperaturen unter 24 Grad Celsius. Ich plane meine Reisen immer selbst und reise individuell und unabhängig. Typische Hochsommerhitzestrandurlaube sind nicht mein Ding. Ich mag keine Touristenorte und empfinde einen Urlaub inmitten von Menschenmassen nicht als Urlaub, sondern als Zumutung, selbst wenn die Landschaft noch so schön ist. Dann bleibe ich lieber zu Hause 🙂

6. Welche Jahreszeit magst Du am liebsten?

Ich mag, dass wir wechselnde Jahreszeiten haben. Dieser langsame, zuverlässige Rhythmus ist toll und ich könnte mir nur schwer vorstellen an einem Ort zu leben, an dem dieser Wechsel nicht so deutlich spürbar ist. Der Herbst ist trotzdem meine liebste Jahreszeit. Temperaturen, Licht, Farben, einfach schön.

7. Gibt es ein oder mehrere Schlüsselerlebnisse in Deinem Leben?

Das weiß ich nicht so genau. Es gab sicher bedeutende Erlebnisse, die Veränderungen bewirkt haben. Aber ich sehe mein Leben eigentlich als kontinuierlichen Entwicklungsprozess, in dem jede Begebenheit, jede Entscheidung, jedes Erlebnis dazu beiträgt, wie es weitergeht.

8. Wofür möchtest Du Deinen Eltern danken?

Ich bin meiner Mutter dankbar dafür, dass sie mich genau so akzeptiert und liebt, wie ich bin. Sie hat nie versucht mich zu ändern, sondern hat mich selbst bestimmen lassen, wie und wohin ich mich entwickle. Das ist das Wichtigste, was sie je für mich getan hat und dafür bin ich sehr dankbar.

9. Welche Reaktionen Deiner Leser freuen Dich besonders?

Alle Reaktionen, die wirklich ehrlich gemeint und respektvoll sind, freuen mich. Dabei ist es nicht wichtig, ob ich Zustimmung oder Widerspruch erhalte, wichtig ist mir nur die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich freue mich, wenn ich Menschen zum Nachdenken und sich Auseinandersetzen anregen kann. Und ich freue mich besonders, wenn ich jemandem das Gefühl vermitteln kann, nicht alleine zu sein und verstanden zu werden. Das zu erfahren ist besonders schön und wertvoll für mich.

10. Was ist Dein Lieblingsessen?

Das sind zu viele, um sie hier aufzuzählen. Ich koche gerne mit guten, frischen Zutaten und probiere Neues aus. Nudeln in allen Varianten stehen aber schon ziemlich weit oben auf der Liste 😀

11. Wo siehst Du Dich in 15 Jahren?

Hoffentlich an einem Ort, der dem nahe kommt, was ich weiter oben als meinen „Traum“ beschrieben habe 🙂

Meine Nominierungen

Ich habe mir 4 Blogs ausgesucht, die ich euch empfehlen will. Es sind 4 ganz verschiedene Perspektiven von 4 ganz unterschiedlichen Menschen, die über Themen schreiben, die ihnen wichtig sind. Eine Gemeinsamkeit gibt es auch: Autismus.

Ich würde mich total freuen eure Antworten auf meine Fragen zu lesen und bin schon sehr neugierig. Habt ihr Lust? Dann los!

Meine Fragen für euch

  1. Warum schreibst du dein Blog?
  2. Welches Geräusch magst du gern?
  3. Was ist Freundschaft für dich?
  4. Was ist dein Lieblingsfilm?
  5. Wenn du dir einen Beruf ausdenken könntest, der perfekt zu dir passt, wie würde der aussehen?
  6. Welches Buch findest du gerade toll?
  7. Machst du Sport und wenn ja, welchen?
  8. Kannst du Autofahren?
  9. Was macht dich wütend?
  10. Was macht dich glücklich?
  11. Wo würdest du gerne alt werden?

Ich freu mich schon auf eure Antworten und hoffe, ihr könnt etwas mit meinen Fragen anfangen. Wenn ihr mögt, schreibt mir einen Kommentar hier drunter, wenn ihr euren Artikel geschrieben habt 🙂

Eure Anna

 

Sich positionieren (in Sachen ABA)

Dieser Beitrag wartet schon lange darauf, geschrieben zu werden. Er wird nicht in erster Linie davon handeln, wo wir als Autist_innen uns bezüglich ABA positionieren, denn das ist schnell erklärt. Wir lehnen ABA und andere sogenannte „Therapiemethoden“, die Menschen ihrer Entscheidungsfreiheit und freien Persönlichkeitsentfaltung berauben natürlich ab. Wir lehnen es ab, (autistische) Menschen mit Zwang und Gewalt einer willkürlichen von außen definierten sogenannten „Normalität“ anzupassen. Wir halten ABA nicht nur für vollkommen überflüssig, sondern für schädlich und entwürdigend. Dass wir überhaupt darüber diskutieren müssen, ob es nicht vielleicht doch okay sein könnte und wer denn jetzt eigentlich Recht hat, empfinde ich bereits als demütigend.

Die Debatte um ABA darf keine entmenschlichende Wirksamkeitsdebatte sein. Es geht nicht um messbare „Wirksamkeit“ (Wer setzt den Maßstab für diese Messung? Was wird da eigentlich gemessen? Zufriedenheit? Persönliche Freiheit? Selbstvertrauen? Selbstbestimmungsmöglichkeiten? Freude? Glück? Die Fähigkeit das eigene Leben im Rahmen der eigenen Möglichkeiten frei gestalten zu können? Oder doch eher „Angepasstes Verhalten“?). Es geht um die Persönlichkeit, die Rechte und die freie Entwicklung von Menschen. Es ist eine ethische und eine moralische Frage. Sind autistische Menschen mit autistischer Wahrnehmung und entsprechenden Verhaltensweisen weniger wert, als „unauffällige“, „normale“, „angepasste“ Menschen? Sind sie vielleicht gar in erster Linie nicht Menschen, sondern weniger? Welche Rechtfertigung gäbe es sonst dafür, ihnen die Rechte zu entziehen, die wir als Menschheit als „unveräußerliche Menschenrechte“ bezeichnen? „Unveräußerlich“ deswegen, weil nicht mal ein Mensch selbst seine eigenen Menschenrechte abtreten oder zur Einschränkung freigeben kann. Autist_innen aber, so scheint es, kann man sie entziehen?

Worauf ich hier vor allem eingehen will ist das Problem vieler Menschen, die sich mit Autismus befassen und Autist_innen begleiten, Stellung zu beziehen. Sich zu positionieren in einer Frage, die keine sein dürfte aber leider eine ist. Also will ich ein bisschen nachhelfen und darauf hinweisen, wer hier in der Region wie dazu steht. Damit ihr informiert seid, wenn ihr auf der Suche nach Unterstützung seid. Den Anfang macht das bisher einzige, positive Beispiel.

Autismus Mittelfranken

Autismus Mittelfranken e.V. hat sich kürzlich in einer umfassenden Stellungnahme klar gegen ABA positioniert. Es ist der erste Elternverein, der nicht nur „eigentlich“ und „persönlich“ ABA ablehnt, sondern geschlossen und öffentlich zu dieser Haltung steht. Es ist außerdem die bisher einzige Organisation in unserer Region, die sich klar gegen ABA und für eine respektvolle Begegnung zwischen Autist_innen und Nichtautist_innen auf Augenhöhe positioniert. Ich hoffe sehr, der Verein bleibt damit nicht lange allein.

Autismus Ambulanz Nürnberg

Die Autismus Ambulanz in Nürnberg, eine Therapieeinrichtung voller „Autismus-Spezialisten“, die täglich mit autistischen Menschen arbeiten, hat es dagegen abgelehnt, öffentlich von ABA abzuraten. Stattdessen werden Mitarbeiterinnen auf ABA-Fortbildungen geschickt, weil die dort eben so eine „fundierte Ausbildung“ erhielten und das anderswo so nicht zu bekommen sei. Außerdem verfüge man nicht über genügend Hintergrundwissen darüber, um die Entscheidung von ABA abzuraten, öffentlich zu vertreten. Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen. Da ist nicht genügend Wissen vorhanden, um eine klare Haltung für oder gegen eine „Therapiemethode“ zu entwickeln. Aber das hält die Leute nicht davon ab, das einfach direkt mal bei autistischen Kindern anzuwenden. Natürlich, so hieß es, „nicht vollumfänglich, nur Teile davon oder in besonderen Einzelfällen, nicht alle unserer Mitarbeiter_innen“. Aha. Mir fehlen ganz ehrlich die Worte für diese auf ganzer Linie unprofessionelle Haltung. Eine Methode einsetzen, über die nicht genügend Wissen vorhanden ist, um zu entscheiden, ob sie schädlich ist oder doch nicht.
Ich hoffe wirklich sehr, dass die zuständigen Leute ihre Wissenslücken möglichst bald schließen und diesen groben Patzer korrigieren. In der Zwischenzeit fordere ich alle Eltern aus der Region dazu auf, ihre zuständigen Therapeut_innen innerhalb der Ambulanz auf das Thema anzusprechen. Ich bin sicher, es gibt dort nicht nur schwarze Schafe und es hilft mit Sicherheit, wenn ihr Fragen stellt. In jedem Fall erfahrt ihr vielleicht etwas über die Haltung der Therapeut_innen, die mit euren Kindern umgehen.

Autismus-Kompetenz-Zentrum Mittelfranken

Das Autismus-Kompetenz-Zentrum Mittelfranken war ebenfalls mit der Frage konfrontiert, ob es eine Veröffentlichung, in der von ABA abgeraten wird, mit unterzeichnet. Ehrlich gesagt bin ich ratlos, wie ich die Haltung des Kompetenzzentrums einschätzen soll. Denn die Mitarbeiter_innen schweigen sich bis heute darüber aus. Es wurde einfach garnichts dazu gesagt und besagte Veröffentlichung wird vermutlich ohne sie an den Start gehen. Das ist ja auch irgendwie eine (Nicht-)Aussage. Von besonderer Kompetenz zeugt dieses Verhalten leider nicht. Ich wünsche mir von den Mitarbeiter_innen des Komptenz-Zentrums, dass sie ihr Verhalten in dieser Sache nochmal intensiv hinterfragen und sich dazu entschließen, sich zu positionieren. Wo auch immer.

Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste

Wie ich in meinen Artikel Protest gegen Fortbildung zur “Fachkraft für Autismus” inkl. ABA bereits dargelegt habe, findet hier eine Fortbildung statt, die unter Anderem ABA vermittelt und auch sonst einen Schwerpunkt auf verhaltensmodifizierenden Maßnahmen setzt. Es wurde darauf hingewiesen, dass man ABA ja nicht vermittle, sondern nur darüber informiere. Immerhin sei das eine aktuell sehr gefragte Methode. Der Punkt wurde im Programm mittlerweile auch umbenannt. Jetzt steht da nicht mehr „Einführung in ABA“, sondern „Konzept [von ABA]“. Ob das ein gutes Zeichen ist oder nur eine Verschleierungstaktik? Bildet euch halt selbst eine Meinung. Der „dringende Rat“ den Artikel bzw. die Erwähnung der Organisation darin zu entfernen, ergänzten mein Bild jedenfalls. Meine weiteren Argumente sowie das Angebot zu informieren oder eine Gesprächsrunde zum Thema mit den Teilnehmer_innen zu veranstalten, wurden ignoriert. Auch die Tatsache, dass ich den Artikel natürlich nicht entfernt habe, blieb unkommentiert. Ich persönlich empfehle euch allen, den an dieser Fortbildung beteiligten Personen mit reichlich Skepsis zu begegnen.
Darüber hinaus freue ich mich immer über Kontakte zu aktuellen oder ehemaligen Teilnehmer_innen dieser Fortbildung. Vielleicht könnt ihr meine Eintschätzung ja korrigieren oder mir andere interessante Dinge erzählen. Natürlich auf Wunsch anonym.
Den Veranstalter_innen rate ich, den eigenen Bildungsauftrag ernst zu nehmen und sich nochmal gründlich zu informieren. Es ist nie zu spät einen Fehler einzusehen und es besser zu machen.

Autismus Deutschland

Abschließend stelle ich fest, dass wir ein viel größeres Problem mit den Leuten haben, die keine Position beziehen, als mit denen, die sich pro ABA äußern. Letztere disqualifizieren sich mit den respektlosen und teilweise nicht mehr nur grenzwertigen Methoden Kritikern zu begegnen selbst. Die große Masse schweigt. Autismus Deutschland, der Bundesverband in dem all die vielen regionalen Autismus-Elternvereine organisiert sind, glänzt durch seine Nicht-Haltung. Der Bundesverband versagt bis heute angesichts der Herausforderung den pro-ABA-Kräften in den eigenen Reihen die rote Karte zu zeigen und gemeinsam mit all den vielen anderen Mitgliedern wieder das zu tun, was sie sich mal auf die Fahne geschrieben haben. Die Lebenssituation ihrer autistischen Kinder und Angehörigen samt Familien zu verbessern. Je länger der Verband untätig und offensichtlich handlungsunfähig verharrt, desto größer der Schaden. Ich wünsche euch den Mut endlich „einfach zu machen“ und für eure Ziele einzustehen. Es ist höchste Zeit Position zu beziehen.

To be continued

Es gibt in der Region noch weitere Organisationen, die mit autistischen Menschen arbeiten. Sei es in Werkstätten, Tagesstätten, Schulen, Kindergärten oder Wohneinrichtungen. Die Träger sind vielfältig. Wir bleiben auf jeden Fall dran und versuchen mehr darüber zu erfahren, welche Haltungen und Positionen unter den Verantwortlichen und Mitarbeiter_innen dieser Einrichtungen zu finden sind. Wer diesbezüglich Tipps oder Informationen hat, stößt bei mir auf „offene Ohren“ (und Augen). Meldet euch gerne bei mir.

Ich glaube es ist deutlich geworden, wie alleine Autismus Mittelfranken e.V. als Elternvertretung mit seiner klaren Haltung momentan noch dasteht. Auch wenn es erste Regungen aus anderen Regionen gibt, die ihre Unterstützung signalisieren. Umso größer ist mein Danke an euch alle, die ihr einstimmig hinter der Stellungnahme gegen ABA steht. Danke!
Das war wirklich nötig, es bedeutet uns viel und ihr habt einen sehr guten Job gemacht.

Ach ja, etwaige Beschwerden darüber, dass ich hier womögich „vertrauliche Interna“ ausplaudere oder so, spart ihr euch bitte direkt. Das ist mir egal. Es gibt Themen, bei denen ein öffentliches Interesse besteht.

Eure Anna