Sich positionieren (in Sachen ABA)

Dieser Beitrag wartet schon lange darauf, geschrieben zu werden. Er wird nicht in erster Linie davon handeln, wo wir als Autist_innen uns bezüglich ABA positionieren, denn das ist schnell erklärt. Wir lehnen ABA und andere sogenannte „Therapiemethoden“, die Menschen ihrer Entscheidungsfreiheit und freien Persönlichkeitsentfaltung berauben natürlich ab. Wir lehnen es ab, (autistische) Menschen mit Zwang und Gewalt einer willkürlichen von außen definierten sogenannten „Normalität“ anzupassen. Wir halten ABA nicht nur für vollkommen überflüssig, sondern für schädlich und entwürdigend. Dass wir überhaupt darüber diskutieren müssen, ob es nicht vielleicht doch okay sein könnte und wer denn jetzt eigentlich Recht hat, empfinde ich bereits als demütigend.

Die Debatte um ABA darf keine entmenschlichende Wirksamkeitsdebatte sein. Es geht nicht um messbare „Wirksamkeit“ (Wer setzt den Maßstab für diese Messung? Was wird da eigentlich gemessen? Zufriedenheit? Persönliche Freiheit? Selbstvertrauen? Selbstbestimmungsmöglichkeiten? Freude? Glück? Die Fähigkeit das eigene Leben im Rahmen der eigenen Möglichkeiten frei gestalten zu können? Oder doch eher „Angepasstes Verhalten“?). Es geht um die Persönlichkeit, die Rechte und die freie Entwicklung von Menschen. Es ist eine ethische und eine moralische Frage. Sind autistische Menschen mit autistischer Wahrnehmung und entsprechenden Verhaltensweisen weniger wert, als „unauffällige“, „normale“, „angepasste“ Menschen? Sind sie vielleicht gar in erster Linie nicht Menschen, sondern weniger? Welche Rechtfertigung gäbe es sonst dafür, ihnen die Rechte zu entziehen, die wir als Menschheit als „unveräußerliche Menschenrechte“ bezeichnen? „Unveräußerlich“ deswegen, weil nicht mal ein Mensch selbst seine eigenen Menschenrechte abtreten oder zur Einschränkung freigeben kann. Autist_innen aber, so scheint es, kann man sie entziehen?

Worauf ich hier vor allem eingehen will ist das Problem vieler Menschen, die sich mit Autismus befassen und Autist_innen begleiten, Stellung zu beziehen. Sich zu positionieren in einer Frage, die keine sein dürfte aber leider eine ist. Also will ich ein bisschen nachhelfen und darauf hinweisen, wer hier in der Region wie dazu steht. Damit ihr informiert seid, wenn ihr auf der Suche nach Unterstützung seid. Den Anfang macht das bisher einzige, positive Beispiel.

Autismus Mittelfranken

Autismus Mittelfranken e.V. hat sich kürzlich in einer umfassenden Stellungnahme klar gegen ABA positioniert. Es ist der erste Elternverein, der nicht nur „eigentlich“ und „persönlich“ ABA ablehnt, sondern geschlossen und öffentlich zu dieser Haltung steht. Es ist außerdem die bisher einzige Organisation in unserer Region, die sich klar gegen ABA und für eine respektvolle Begegnung zwischen Autist_innen und Nichtautist_innen auf Augenhöhe positioniert. Ich hoffe sehr, der Verein bleibt damit nicht lange allein.

Autismus Ambulanz Nürnberg

Die Autismus Ambulanz in Nürnberg, eine Therapieeinrichtung voller „Autismus-Spezialisten“, die täglich mit autistischen Menschen arbeiten, hat es dagegen abgelehnt, öffentlich von ABA abzuraten. Stattdessen werden Mitarbeiterinnen auf ABA-Fortbildungen geschickt, weil die dort eben so eine „fundierte Ausbildung“ erhielten und das anderswo so nicht zu bekommen sei. Außerdem verfüge man nicht über genügend Hintergrundwissen darüber, um die Entscheidung von ABA abzuraten, öffentlich zu vertreten. Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen. Da ist nicht genügend Wissen vorhanden, um eine klare Haltung für oder gegen eine „Therapiemethode“ zu entwickeln. Aber das hält die Leute nicht davon ab, das einfach direkt mal bei autistischen Kindern anzuwenden. Natürlich, so hieß es, „nicht vollumfänglich, nur Teile davon oder in besonderen Einzelfällen, nicht alle unserer Mitarbeiter_innen“. Aha. Mir fehlen ganz ehrlich die Worte für diese auf ganzer Linie unprofessionelle Haltung. Eine Methode einsetzen, über die nicht genügend Wissen vorhanden ist, um zu entscheiden, ob sie schädlich ist oder doch nicht.
Ich hoffe wirklich sehr, dass die zuständigen Leute ihre Wissenslücken möglichst bald schließen und diesen groben Patzer korrigieren. In der Zwischenzeit fordere ich alle Eltern aus der Region dazu auf, ihre zuständigen Therapeut_innen innerhalb der Ambulanz auf das Thema anzusprechen. Ich bin sicher, es gibt dort nicht nur schwarze Schafe und es hilft mit Sicherheit, wenn ihr Fragen stellt. In jedem Fall erfahrt ihr vielleicht etwas über die Haltung der Therapeut_innen, die mit euren Kindern umgehen.

Autismus-Kompetenz-Zentrum Mittelfranken

Das Autismus-Kompetenz-Zentrum Mittelfranken war ebenfalls mit der Frage konfrontiert, ob es eine Veröffentlichung, in der von ABA abgeraten wird, mit unterzeichnet. Ehrlich gesagt bin ich ratlos, wie ich die Haltung des Kompetenzzentrums einschätzen soll. Denn die Mitarbeiter_innen schweigen sich bis heute darüber aus. Es wurde einfach garnichts dazu gesagt und besagte Veröffentlichung wird vermutlich ohne sie an den Start gehen. Das ist ja auch irgendwie eine (Nicht-)Aussage. Von besonderer Kompetenz zeugt dieses Verhalten leider nicht. Ich wünsche mir von den Mitarbeiter_innen des Komptenz-Zentrums, dass sie ihr Verhalten in dieser Sache nochmal intensiv hinterfragen und sich dazu entschließen, sich zu positionieren. Wo auch immer.

Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste

Wie ich in meinen Artikel Protest gegen Fortbildung zur “Fachkraft für Autismus” inkl. ABA bereits dargelegt habe, findet hier eine Fortbildung statt, die unter Anderem ABA vermittelt und auch sonst einen Schwerpunkt auf verhaltensmodifizierenden Maßnahmen setzt. Es wurde darauf hingewiesen, dass man ABA ja nicht vermittle, sondern nur darüber informiere. Immerhin sei das eine aktuell sehr gefragte Methode. Der Punkt wurde im Programm mittlerweile auch umbenannt. Jetzt steht da nicht mehr „Einführung in ABA“, sondern „Konzept [von ABA]“. Ob das ein gutes Zeichen ist oder nur eine Verschleierungstaktik? Bildet euch halt selbst eine Meinung. Der „dringende Rat“ den Artikel bzw. die Erwähnung der Organisation darin zu entfernen, ergänzten mein Bild jedenfalls. Meine weiteren Argumente sowie das Angebot zu informieren oder eine Gesprächsrunde zum Thema mit den Teilnehmer_innen zu veranstalten, wurden ignoriert. Auch die Tatsache, dass ich den Artikel natürlich nicht entfernt habe, blieb unkommentiert. Ich persönlich empfehle euch allen, den an dieser Fortbildung beteiligten Personen mit reichlich Skepsis zu begegnen.
Darüber hinaus freue ich mich immer über Kontakte zu aktuellen oder ehemaligen Teilnehmer_innen dieser Fortbildung. Vielleicht könnt ihr meine Eintschätzung ja korrigieren oder mir andere interessante Dinge erzählen. Natürlich auf Wunsch anonym.
Den Veranstalter_innen rate ich, den eigenen Bildungsauftrag ernst zu nehmen und sich nochmal gründlich zu informieren. Es ist nie zu spät einen Fehler einzusehen und es besser zu machen.

Autismus Deutschland

Abschließend stelle ich fest, dass wir ein viel größeres Problem mit den Leuten haben, die keine Position beziehen, als mit denen, die sich pro ABA äußern. Letztere disqualifizieren sich mit den respektlosen und teilweise nicht mehr nur grenzwertigen Methoden Kritikern zu begegnen selbst. Die große Masse schweigt. Autismus Deutschland, der Bundesverband in dem all die vielen regionalen Autismus-Elternvereine organisiert sind, glänzt durch seine Nicht-Haltung. Der Bundesverband versagt bis heute angesichts der Herausforderung den pro-ABA-Kräften in den eigenen Reihen die rote Karte zu zeigen und gemeinsam mit all den vielen anderen Mitgliedern wieder das zu tun, was sie sich mal auf die Fahne geschrieben haben. Die Lebenssituation ihrer autistischen Kinder und Angehörigen samt Familien zu verbessern. Je länger der Verband untätig und offensichtlich handlungsunfähig verharrt, desto größer der Schaden. Ich wünsche euch den Mut endlich „einfach zu machen“ und für eure Ziele einzustehen. Es ist höchste Zeit Position zu beziehen.

To be continued

Es gibt in der Region noch weitere Organisationen, die mit autistischen Menschen arbeiten. Sei es in Werkstätten, Tagesstätten, Schulen, Kindergärten oder Wohneinrichtungen. Die Träger sind vielfältig. Wir bleiben auf jeden Fall dran und versuchen mehr darüber zu erfahren, welche Haltungen und Positionen unter den Verantwortlichen und Mitarbeiter_innen dieser Einrichtungen zu finden sind. Wer diesbezüglich Tipps oder Informationen hat, stößt bei mir auf „offene Ohren“ (und Augen). Meldet euch gerne bei mir.

Ich glaube es ist deutlich geworden, wie alleine Autismus Mittelfranken e.V. als Elternvertretung mit seiner klaren Haltung momentan noch dasteht. Auch wenn es erste Regungen aus anderen Regionen gibt, die ihre Unterstützung signalisieren. Umso größer ist mein Danke an euch alle, die ihr einstimmig hinter der Stellungnahme gegen ABA steht. Danke!
Das war wirklich nötig, es bedeutet uns viel und ihr habt einen sehr guten Job gemacht.

Ach ja, etwaige Beschwerden darüber, dass ich hier womögich „vertrauliche Interna“ ausplaudere oder so, spart ihr euch bitte direkt. Das ist mir egal. Es gibt Themen, bei denen ein öffentliches Interesse besteht.

Eure Anna

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2 Gedanken zu „Sich positionieren (in Sachen ABA)

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