Archiv für den Monat Juli 2015

Aktion Mensch fördert ABA

Ich habe leider gerade keine Zeit selbst was dazu zu schreiben, aber das hier solltet ihr unbedingt lesen. Es geht darum, dass die Aktion Mensch ein Projekt fördert, in dem ABA durchgeführt wird. Es regt sich breiter Widerstand und die Aktion Mensch scheint offenbar bereit zuzuhören und sich mit Autisten zu treffen und darüber zu sprechen.

Eure Unterstützung in Form von Kommentaren unter dem Original-Blogartikel ist sehr willkommen!

innerwelt

Per Zufall wurde ich in den letzen Wochen durch jemanden in Facebook auf ein Angebot in Ebay aufmerksam gemacht, wo eine Weiterbildung zum Autismustherapeuten angeboten wurde.
Sie wies damals darauf hin, das Aktion Mensch ein dubioses Angebot unterstützen würde, was ich zunächst nicht glauben wollte, denn gerade diese setzen sich doch für Behinderte ein und nicht gegen sie.
Die Anzeige selber ist nicht mehr geschaltet, aber einen Screenshot davon hat mir die Nutzerin zukommen lassen. Mitsamt der Dokumente, die ihr auf Grund ihrer Anfrage geschickt wurden.

Es handelt sich hier um ein „Bremer Frühtherapieprogramm Autismus“ zum Ko-Therapeuten, angeboten durch die IFA-Bremen http://www.ifa-bremen.de .
Schaut man sich deren Seite genauer an, sieht man, welch Wunder, auch Autismus Deutschland als Kooperationspartner. Warum mich das wenig wundert, kommt gleich noch.

Das erste, was mir an den zugesendeten Unterlagen auffällt ist tatsächlich ein großes Emblem der Aktion Mensch, die hier als Förderer dieses Programms…

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„Prüfkriterien für Therapieangebote“ veröffentlicht

Die Prüfkriterien

Wir haben lange gemeinsam daran gearbeitet einen Kriterienkatalog zu erstellen, der es ermöglicht Therapieangebote kritisch zu hinterfragen und zu bewerten. Eine Entscheidung für oder gegen eine Therapie ist immer eine persönliche Angelegenheit. Verschiedene Menschen haben verschiedene Bedürfnisse, Ziele und Erwartungen. Ein Angebot kann daher niemals allen Menschen gerecht werden und genauso verhält es sich mit ausdrücklichen Empfehlungen.

Unsere Idee war es daher, eine Hilfestellung und Orientierung zu formulieren, die es ermöglicht selbst zu entscheiden, ob ein Angebot in Frage kommt. Wir haben uns dabei auf wesentliche und sehr fundamentale Punkte konzentriert, die grundsätzlich auf Therapien für autistische Menschen zutreffen sollten. Eine individuelle Gewichtung dieser Kriterien ist natürlich möglich und sinnvoll. Wenn Therapieangebote in wesentlichen Punkten abweichen, ist allerdings Vorsicht geboten. Viele der genannten Kriterien hinterfragen die Haltung und Orientierung einer Methode/Person, die sich immer am Wohlergehen, der Selbstbestimmung und der individuell empfundenen Lebensqualität eines autistischen Menschen orientieren muss. Hier sind keine Abstriche möglich, ohne den autistischen Menschen in seinen Rechten einzuschränken.

Der Entstehungsprozess

Eigentlich sollte die Veröffentlichung dieser Kriterien schnell gehen. Autismus Mittelfranken hat uns angesprochen, ob wir daran mitwirken wollen gemeinsam mit der Autismusambulanz und dem Autismuskompetenzzentrum diese Veröffentlichung zu erarbeiten. Wir haben zugestimmt. Bereits nach Lektüre der ersten Entwürfe wurde uns klar, dass wir zunächst viele grundsätzliche Gespräche führen mussten. Wir mussten uns wirklich darüber klarwerden worauf es bei (Autismus)Therapien ankommt. Wir mussten den (nichtautistischen) Kooperationspartnerinnen verständich machen, was uns wichtig ist. Und wir mussten Einiges an Aufklärungsarbeit leisten und Informationsdefizite aufarbeiten. Die Sache zog sich in die Länge, aber das war okay, denn dieses Projekt sollte auf einer soliden Grundlage entstehen.

Es war außerdem von Beginn an klar, dass eine Veröffentlichung von Prüfkriterien, die ABA-basierte Methoden nicht klar ausschließt, mit uns und mit Autismus Mittelfranken nicht in Frage kommt. Im Verlauf des Erstellungsprozesses gab es insbesondere hierüber anstrengende Diskussionen. Die Autismusambulanz sowie das Autismuskompetenzzentrum entschieden sich schließlich aus dem gemeinsamen Projekt auszusteigen, weil sie eine Ablehnung von ABA nicht mittragen wollten. Sie stehen ansonsten hinter den Kriterien und kündigten an diese trotzdem gerne zu verteilen. Es ist mir nicht ganz klar, wie sie das mit sich vereinbaren. Denn eine konsequente Anwendung der Prüfkriterien auf ABA-basierte Methoden lässt nur einen Schluss zu: eine klare Ablehnung.

Die Zusammenarbeit mit Autismus Mittelfranken hingegen lief von Anfang an sehr gut und zuverlässig, so dass wir nach vielen internen wie gemeinsamen Diskussions- und Überarbeitungsrunden jetzt endlich die fertigen Kriterien präsentieren können. Wir danken den Eltern von Autismus Mittelfranken an dieser Stelle sehr für die gute Zusammenarbeit und dafür, dass sie trotz zu erwartender Widerstände zu ihrem Wort, und damit zu ihren Kindern und uns, stehen.

Die Prüfkriterien können hier heruntergeladen und gerne weiter verteilt werden.

 

Über „Vollwertigkeit“ und Diskriminierung

Diskriminierung ist Teil unseres Alltags, beeinflusst und formt unser Denken und unsere Werturteile. Schnell sind wir dabei, abfällig von einem „Hartzer“ zu sprechen oder egoistische Verhaltensweisen als „autistisch“ und arbeitstätige Menschen im Gegensatz zu solchen, die längerfristig wegen Krankheit ausfallen, als „vollwertig“ zu bezeichnen (diese Beispiele habe ich mir nicht ausgedacht, sondern sind tatsächlich von mir erlebte Begebenheiten!). Die Liste derartiger Beispiele diskriminierender Äußerungen kann sehr lang werden, aber es geht mir nicht vorrangig darum, auf die Existenz dieser Äußerungen hinzuweisen, sondern ihre Auswirkungen auf mich zu beschreiben.

Mir geht es in diesem Blogartikel auch nicht darum, jede Art von abgrenzendem Vokabular als „bösartig“ oder „schrecklich“ zu brandmarken. Der Begriff „Diskriminierung“ stammt vom lateinischen Wort „discriminare“ ab, das unter anderem nichts weiter als „unterscheiden“ bedeutet. Unterscheidungen sind etwas ganz wertneutrales und außerdem grundlegend notwendig, damit Orientierung und Denken überhaupt möglich sind. Wir unterscheiden einen Stuhl von einem Tisch, blau von rot, einen Wal von einer Badewanne. Diese Unterscheidungen beinhalten keine Wertigkeiten: Kaum einer würde einen Stuhl als „intrinsisch wertvoller“ als einen Tisch betrachten, oder die Farbe rot „wichtiger“ als die Farbe blau. Deshalb handelt es sich dabei nicht um Diskriminierungen, sondern wirklich um reine Unterscheidungen. Es ist meiner Meinung nach auch kein Problem, menschliche Hautfarben zu klassifizieren, und es ist allgemein bekannt, dass es Länder und Staaten und Volksgruppen gibt, mit denen sich Menschen identifizieren oder auf andere Weise eine Form von Zugehörigkeit produzieren. Ich zum Beispiel bin von sogenannter „weißer“ Hautfarbe, habe mittelbraune Haare, spreche Deutsch als Muttersprache und habe in meiner Schublade einen deutschen Pass liegen, bin außerdem Autistin, „jung“, weiblich, und habe verschiedene Hobbies und Interessen, über die ich mich gerne unterhalte, weshalb ich den Kontakt mit anderen „gleichgesinnten“ Suche. Solange ich Autisten, weißhäutige Menschen, deutsche Muttersprachler usw. nicht in irgendeiner Weise „besser“ finde als Nicht-Autisten, andersfarbige Menschen, Menschen mit anderer Muttersprache usw. handelt es sich dabei lediglich um Unterscheidungen von der gleichen Art wie die Unterscheidung zwischen einem weißen Pferd und einem braunen Pferd – der Unterscheid ist schlicht und ergreifend da, und lässt sich auch nicht verleugnen.

Ich fühle mich dementsprechend nicht diskriminiert allein durch die Feststellung, dass ich Autistin bin, und auch nicht, wenn ich Freunde in einem anderen Land besuche und dort als „Freundin aus Deutschland“ vorgestellt werde, oder wenn ich irgendwo mein Alter angebe. Ich fühle mich aber diskriminiert, wenn Autismus mit bestimmten negativ konnotieren Charaktereigenschaften in Verbindung gebracht wird, wie Egoismus, mangelnde Empathie, übertriebener Ehrgeiz, oder mit irgendwelchen als negativ wahrgenommenen Verhaltensweisen. Ich fühle mich auch diskriminiert, wenn wohlmeinende Menschen mir den Rat geben, meinen Autismus geheimzuhalten, damit ich nicht diskriminiert oder „schief angeguckt“ werde. Ich fühle mich diskriminiert, wenn ich Verhaltensratschläge bekomme, wie ich mich irgendwo besser integrieren kann, oder wenn ich „gelobt“ werde, weil man mir meinen Autismus quasi nicht anmerkt.

Diese vielen scheinbar „kleinen“ und mitunter wohlgemeinten Aussagen und Äußerungen fügen mir jedes Mal einen schmerzhaften Stich in der Seele zu. Ich zucke jedes Mal innerlich zusammen, auch wenn ich es nicht sage oder man es mir nicht ansieht. Denn diese Äußerungen sagen nichts anderes, als dass Autismus mit seinen typischen Begleiterscheinungen nicht willkommen ist, dass man das harmonische Idyll einer homogen-„gesunden“ Gesellschaft nicht verstören oder zerstören soll, zu dem Preis, dass das einzelne autistische Individuum niemals sich selbst integrieren kann, sondern nur eine Maske der Standardisierung, hinter der der eigentliche Mensch zum Verstummen gebracht wird.

Ich möchte deshalb eindringlich plädieren an alle Menschen, die in irgendeiner Weise an der „Erziehung“ oder „Formung“ von Autisten beteiligt sind: Stellt nicht die vermeintliche Vollwertigkeit im Sinne eines bestmöglichen Funktionierens innerhalb einer standardisierten und normierenden Gesellschaft an erste Stelle; geht nicht davon aus, dass das Individuum durch „erfolgreiche“ Integration der Maske zu einem glücklichen und selbstbestimmten Leben gelangen wird; und geht niemals davon aus, dass die eigenen Ziele und Prioritäten für alle anderen ebenso gelten. Etwas konkreter ausgedrückt: Durch relativ „normales“ Verhalten endlich Freundschaften geknüpft zu haben, hat mich nicht glücklicher, sondern nur erschöpft und verzweifelt gemacht. Integration und unauffälliges Verhalten wurden implizit mit einer Art Leistungsprinzip verknüpft: Von anderen eingeladen zu werden, fühlte sich für mich an wie eine Note 2, von jemandem besucht zu werden wie Note 1, und wenn sich mir jemand anvertraut hat, entsprach das für mich gar einer 1 mit Sternchen! Freunde zu haben diente für mich nicht dazu, mich in ihrem Kreis geborgen und angenommen zu fühlen (so lautet meines Wissens das Paradigma von Freundschaft), sondern nach außen und auch mir selbst gegenüber den Anschein von sozialem Erfolg und Zugehörigkeit zu vermitteln. Es hat mich über 25 Jahre meines Lebens gebracht, bis ich begriff, dass dieses Leistungsdenken einer freundschaftlichen Beziehung nicht inhärent sein muss.

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