Über „Vollwertigkeit“ und Diskriminierung

Diskriminierung ist Teil unseres Alltags, beeinflusst und formt unser Denken und unsere Werturteile. Schnell sind wir dabei, abfällig von einem „Hartzer“ zu sprechen oder egoistische Verhaltensweisen als „autistisch“ und arbeitstätige Menschen im Gegensatz zu solchen, die längerfristig wegen Krankheit ausfallen, als „vollwertig“ zu bezeichnen (diese Beispiele habe ich mir nicht ausgedacht, sondern sind tatsächlich von mir erlebte Begebenheiten!). Die Liste derartiger Beispiele diskriminierender Äußerungen kann sehr lang werden, aber es geht mir nicht vorrangig darum, auf die Existenz dieser Äußerungen hinzuweisen, sondern ihre Auswirkungen auf mich zu beschreiben.

Mir geht es in diesem Blogartikel auch nicht darum, jede Art von abgrenzendem Vokabular als „bösartig“ oder „schrecklich“ zu brandmarken. Der Begriff „Diskriminierung“ stammt vom lateinischen Wort „discriminare“ ab, das unter anderem nichts weiter als „unterscheiden“ bedeutet. Unterscheidungen sind etwas ganz wertneutrales und außerdem grundlegend notwendig, damit Orientierung und Denken überhaupt möglich sind. Wir unterscheiden einen Stuhl von einem Tisch, blau von rot, einen Wal von einer Badewanne. Diese Unterscheidungen beinhalten keine Wertigkeiten: Kaum einer würde einen Stuhl als „intrinsisch wertvoller“ als einen Tisch betrachten, oder die Farbe rot „wichtiger“ als die Farbe blau. Deshalb handelt es sich dabei nicht um Diskriminierungen, sondern wirklich um reine Unterscheidungen. Es ist meiner Meinung nach auch kein Problem, menschliche Hautfarben zu klassifizieren, und es ist allgemein bekannt, dass es Länder und Staaten und Volksgruppen gibt, mit denen sich Menschen identifizieren oder auf andere Weise eine Form von Zugehörigkeit produzieren. Ich zum Beispiel bin von sogenannter „weißer“ Hautfarbe, habe mittelbraune Haare, spreche Deutsch als Muttersprache und habe in meiner Schublade einen deutschen Pass liegen, bin außerdem Autistin, „jung“, weiblich, und habe verschiedene Hobbies und Interessen, über die ich mich gerne unterhalte, weshalb ich den Kontakt mit anderen „gleichgesinnten“ Suche. Solange ich Autisten, weißhäutige Menschen, deutsche Muttersprachler usw. nicht in irgendeiner Weise „besser“ finde als Nicht-Autisten, andersfarbige Menschen, Menschen mit anderer Muttersprache usw. handelt es sich dabei lediglich um Unterscheidungen von der gleichen Art wie die Unterscheidung zwischen einem weißen Pferd und einem braunen Pferd – der Unterscheid ist schlicht und ergreifend da, und lässt sich auch nicht verleugnen.

Ich fühle mich dementsprechend nicht diskriminiert allein durch die Feststellung, dass ich Autistin bin, und auch nicht, wenn ich Freunde in einem anderen Land besuche und dort als „Freundin aus Deutschland“ vorgestellt werde, oder wenn ich irgendwo mein Alter angebe. Ich fühle mich aber diskriminiert, wenn Autismus mit bestimmten negativ konnotieren Charaktereigenschaften in Verbindung gebracht wird, wie Egoismus, mangelnde Empathie, übertriebener Ehrgeiz, oder mit irgendwelchen als negativ wahrgenommenen Verhaltensweisen. Ich fühle mich auch diskriminiert, wenn wohlmeinende Menschen mir den Rat geben, meinen Autismus geheimzuhalten, damit ich nicht diskriminiert oder „schief angeguckt“ werde. Ich fühle mich diskriminiert, wenn ich Verhaltensratschläge bekomme, wie ich mich irgendwo besser integrieren kann, oder wenn ich „gelobt“ werde, weil man mir meinen Autismus quasi nicht anmerkt.

Diese vielen scheinbar „kleinen“ und mitunter wohlgemeinten Aussagen und Äußerungen fügen mir jedes Mal einen schmerzhaften Stich in der Seele zu. Ich zucke jedes Mal innerlich zusammen, auch wenn ich es nicht sage oder man es mir nicht ansieht. Denn diese Äußerungen sagen nichts anderes, als dass Autismus mit seinen typischen Begleiterscheinungen nicht willkommen ist, dass man das harmonische Idyll einer homogen-„gesunden“ Gesellschaft nicht verstören oder zerstören soll, zu dem Preis, dass das einzelne autistische Individuum niemals sich selbst integrieren kann, sondern nur eine Maske der Standardisierung, hinter der der eigentliche Mensch zum Verstummen gebracht wird.

Ich möchte deshalb eindringlich plädieren an alle Menschen, die in irgendeiner Weise an der „Erziehung“ oder „Formung“ von Autisten beteiligt sind: Stellt nicht die vermeintliche Vollwertigkeit im Sinne eines bestmöglichen Funktionierens innerhalb einer standardisierten und normierenden Gesellschaft an erste Stelle; geht nicht davon aus, dass das Individuum durch „erfolgreiche“ Integration der Maske zu einem glücklichen und selbstbestimmten Leben gelangen wird; und geht niemals davon aus, dass die eigenen Ziele und Prioritäten für alle anderen ebenso gelten. Etwas konkreter ausgedrückt: Durch relativ „normales“ Verhalten endlich Freundschaften geknüpft zu haben, hat mich nicht glücklicher, sondern nur erschöpft und verzweifelt gemacht. Integration und unauffälliges Verhalten wurden implizit mit einer Art Leistungsprinzip verknüpft: Von anderen eingeladen zu werden, fühlte sich für mich an wie eine Note 2, von jemandem besucht zu werden wie Note 1, und wenn sich mir jemand anvertraut hat, entsprach das für mich gar einer 1 mit Sternchen! Freunde zu haben diente für mich nicht dazu, mich in ihrem Kreis geborgen und angenommen zu fühlen (so lautet meines Wissens das Paradigma von Freundschaft), sondern nach außen und auch mir selbst gegenüber den Anschein von sozialem Erfolg und Zugehörigkeit zu vermitteln. Es hat mich über 25 Jahre meines Lebens gebracht, bis ich begriff, dass dieses Leistungsdenken einer freundschaftlichen Beziehung nicht inhärent sein muss.

sonnenscheibe

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