Archiv für den Monat Januar 2016

Musik, Theater, und meine Autistische Erfahrenswelt.

Hallo! Das ist mein erster Post auf Autland, also erstmal ein kleiner Rundown.

Ich: 25, Männlich, Informatiker, Hobbyautor, Internetaffin, Asperger-Syndrom. Zoroaster ist mein gewählter Nickname hier, also der Name von Zarathustra, dem persischen Theosophen. Immer auf der Siche nach Wahrheit, bis zum Schluss. Suche nach Wahrheit war immer eines meiner größten persönlichen Anliegen, in welchem Bereich auch immer. Vielleicht auch ein Thema, über das ich mal schreiben könnte: „Autismus und Gerechtigkeits- und Wahrheitsbedürfnis“.

Nun aber in medias res.

„War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff ? Ihm war, als zeige sich ihm ein Weg zu der ersehnten unbekannten Nahrung.“

Franz Kafka, die Verwandlung

Nun kann man von Kafka ja vieles behaupten, aber im Endeffekt ist die Entfremdung von der „normalen“ Welt und ihrem „normalen“ Wahnsinn, wie sie Gregor Samsa erfährt, ein mir nicht unbekanntes Gebiet – Wenige bis keine Autisten sind wohl in der Lage, mit dem NT-Alltag umzugehen, ohne sich eine bestimmte Persönlichkeit zurechtzulegen. So auch ich.

Musik, Theater, Kunst im Allgemeinen waren immer meine Möglichkeit, mich in idealisierte Charaktere hineinzuversetzen. Beginnen wir beim Theater. Zum einen ist das einfach – Den Charakteren auf der Bühne liegt das Herz sozusagen auf der Zunge. Hier herrscht -bis auf die Prämisse „Theater“ selbst, keine Täuschung des Zuschauers. Man trifft auf derart abstrahierte, hochdestillierte menschliche Ideale, dass die Einfühlung in die dramatische Person automatisch stattfindet.

Ich habe selbst eine Zeit lang Theater gespielt – Zugegebenermaßen drei Jahre, und zugegebenermaßen nicht gut. Dennoch: Es war erhellend, die Charaktere zum Leben zu bringen. Meiner persönlichen Überlebensstrategie von „Ich spiele jetzt mal NT“ gar nicht mal so unähnlich, aber da es Theater war, das ganze nochmal hochgepumpt wie auf Steroiden.

Dennoch bin ich mit der Zuschauerrolle tiefer verbunden. Ich fühle mich grundsätzlich eher wie ein Zuschauer auf dieser Welt. Sicher, ich kann handeln und Entscheidungen treffen, aber selbst dann kommt es mir eher vor, als ob es „mir passiert“, als dass ich sage „jetzt habe ich gehandelt.“

Musik ist ähnlich. Als Musiker tauge ich zu gar nichts. Also wieder in die Zuschauerrolle gedrängt. Verdammt sei meine versagende Körperkoordination! Dennoch (Und an guten Tagen vermute ich/hoffe ich auf leichte Synästhesie, aber das ist schwer nachzuweisen) kann ich aus Musik sehr viel ziehen. Hierbei geht es, im Gegensatz zum Theater, für mich vor allem um ein emotionales Bedürfnis. Dies ist eine Frage der persönlichen Präferenz – Ich bilde mir ein, die Musikszene gut zu kennen, und kann bestimmt auf Abruf einige Bands nennen, die vorrangig meinen Geist und nicht meine Seele ansprechen – dennoch ist es meist eine Ratio von 60/40 zwischen Gefühl und Gewissen.

Es geht hier also vorrangig um ein Entkommen, einmal mehr, diesmal allerdings anderer Art als beim Theater: So ist Musik für mich kein soziointellektuelles Bedürfnis, sondern eben, wie gesagt, eher eines meiner emotionalen Vergnügen im stillen Kämmerchen. (Protip: Stilles Kämmerchen wird es überall, wo ich Kopfhörer aufsetzen und abdriften kann 😉 ) Musik entgrenzt und emotionalisiert – interessanterweise NT und Autist zugleich. Insofern ist es auch ein Annäherungsmedium für mich.

Das wäre also soweit meine Sichtweise auf einen kleinen Teil dessen, wie ich erfahre, lerne und lebe. More to come, wie der Engländer sagt, sobald mich die Muse packt.

Best Regards – Stay safe out there!

Zoroaster

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Stimming

Ein toller Beitrag zum Thema Stimming im neuen Blog „Neuroqueer“. Der ganze Artikel wird in Form eines Videos erzählt und ist außerdem nachzulesen.

Unbedingt anschauen 🙂

Anna

neuroqueer

Was ist Stimming?

Stimming ist ein englischer Begriff für „selbststimulierendes Verhalten“. Das Wort bezeichnet Dinge, die wir tun, um uns selbst kontrollierte Sinneseindrücke zu verschaffen.

Im Deutschen fehlt ein entsprechender Begriff.

Stimming wird oft als „Herumzappeln“, als „Nervosität“ oder „Unruhe“ fehlinterpretiert.

Es gibt unheimlich viele verschiedene Stims.

Ein paar Beispiele:

  • Im Sitzen hin und her schaukeln
  • Auf Gegenständen oder den Fingern herumkauen
  • Wörter oder Geräusche immer wieder wiederholen
  • Ins Licht blinzeln oder in flackernde Lichter starren
  • Schnippsen oder klatschen
  • Mit den Händen wedeln
  • An Dingen riechen
  • Salz lecken
  • Den Kopf gegen die Wand schlagen
  • Stricken
  • Eine Decke ganz fest um sich wickeln
  • und unzählige weitere Dinge.

Wie ihr seht, gibt es Stims für jeden einzelnen Körpersinn: Für den Gleichgewichtssinn, den Tastsinn, Geruchs- und Geschmackssinn sowie fürs Sehen und Hören.

Viele Stims basieren auf Wiederholung, wie das Schaukeln, Springen oder Blinzeln. Komplexe Tätigkeiten mit viel Wiederholung wie zum Beispiel Häkeln, Stricken…

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Unsere (neuen) Angebote

Das neue Jahr bringt auch die ein oder andere neue Idee mit sich, die wir jetzt in die Tat umsetzen. Autland Nürnberg feiert dieses Jahr den 2. Geburtstag. Im Laufe der Zeit sind immer mehr Menschen zu uns gestoßen. Wir wachsen und entwickeln unsere Angebote entsprechend weiter, sind aber auch sehr froh uns auf das Fundament, das wir von Anfang an gelegt haben, verlassen zu können.

2. Stammtisch – Termin

Die größte Neuerung ist, dass wir ab sofort einen zweiten Stammtisch-Termin anbieten. Am Format und Termin des bekannten und beliebten Stammtischs ändert sich dadurch nichts. Je mehr Leute wir werden, desto größer werden die Stammtischrunden. Das ist zwar einerseits ein Grund zur Freude, andererseits ist so eine (für uns) große Gruppe auch für viele eine Belastung. Es finden zwangsläufig mehrere Gespräche parallel statt, was einen gewissen Chaosfaktor mit sich bringt und den Lärmpegel im Lokal (der ohnehin den meisten schon zu schaffen macht) noch erhöht.  Wir wollen mit einem zweiten Termin versuchen, die Gruppengröße bei den Stammtischen etwas zu verkleinern.

Der 2. Stammtisch wird aber nicht nur einfach ein zusätzlicher Termin sein, sondern wir möchten uns damit auch für Angehörige und Freund*innen unserer Teilnehmer*innen öffnen. Zum zweiten Termin können nichtautistische Partner*innen, Freund*innen und andere Angehörige mitgebracht werden, die an einem gemeinsamen Austausch mit anderen Autist*innen und Angehörigen in entspannter Atmosphäre interessiert sind. Wir erhoffen uns, dass wir alle voneinander lernen können und auch Angehörige von erwachsenen Autist*innen die Gelegenheit zu einem Austausch bekommen.

Wir haben uns dafür entschieden diesen Stammtisch zunächst für Leute zu öffnen, die sozusagen als „Anhang“ von autistischen Teilnehmer*innen kommen. Autistische Angehörige oder Freund*innen sind also die Eintrittskarte (RW). Das Forum bleibt weiterhin ein Raum, in dem wir unter uns sind. Dort können wir die Teilnahme von nichtautistischen Stammtischbesucher*innen, die wir mitbringen wollen, ankündigen.

Der 2. Stammtisch ist außerdem gut für die Autist*innen geeignet, die nicht ohne Begleitung an so einem Treffen teilnehmen können oder wollen. Außerdem ist es eine Gelegenheit für diejenigen Kontakt zu uns zu halten, die zu uns gestoßen sind, bevor sie sicher waren Autist*innen zu sein, Teil von Autland waren und dann herausfanden, dass sie keine Autist*innen sind. Das ist bisher einmal vorgekommen. Auf diese Weise müssen wir niemanden, der uns und unsere Stammtische liebgewonnen hat, „vor die Tür setzen“, können aber weiterhin unsere grundlegende Policy einhalten, dass wir bei unserem gewohnten Stammtisch „unter uns“ sein wollen.

Feste Gruppe

In unserer Gruppe gibt es auch ein paar kleinere, vor allem organisatorische Änderungen. Wir bemühen uns gerade um einen etwas größeren Gruppenraum und haben die Dauer unseres Treffens ein wenig verkürzt und weiter in den (Samstag-) Abend verlegt. Außerdem erhöhen wir die maximale Gruppengröße auf 10 Personen, da Autland wächst und sich hereausgestellt hat, dass sowieso nie alle gleichzeitig teilnehmen können. Diesen Monat nehmen wir neue Leute in die Gruppe auf und haben noch Plätze frei. Interessent*innen melden sich bitte im Forum an. Die nächste Gelegenheit gibt es dann wieder in einem halben Jahr.

Arbeitsgemeinschaften

Wir wollen die Arbeit in unseren AGs auch dieses Jahr fortsetzen. Die Auseinandersetzung mit Therapien für Autist*innen wird ebenso fortgesetzt, wie unsere Arbeit zum Thema Uni. Wir erhielten leider kaum Reaktionen auf unseren Aufruf uns Erfahrungen mit Therapeut*innen und anderen Fachleuten zukommen zu lassen. Im Gegenzug stellt sich aber häufig die Frage nach empfehlenswerten Therapeut*inenn in der Region. Wir werden uns dem Thema weiterhin annehmen und haben schon ein paar Ideen. Das Thema Barrierefreiheit und Nachteilsausgleiche für die Uni steht außerdem weit oben auf unserer Liste. Wir planen dazu dieses Jahr ein paar Veröffentlichungen.
Was lange währt, wird endlich gut 😉 Unsere Flyer sind fertig und warten nur noch auf den Druck. Unser Blog wird auch wieder aus seinem Winterschlaf erweckt (was mit diesem Beitrag ja nun bereits begonnen hat).

Veranstaltungen

Wir freuen uns auch weiterhin über Einladungen zu Veranstaltungen, die sich mit dem Thema Autismus befassen. Es ist noch immer viel zu selten, dass Autist*innen in derartige Planungen einbezogen werden, das würden wir gerne ändern. Ein erster Schritt ist, dass wir mittlerweile zumindest als Gäste zu Veranstaltungen in der Region eingeladen werden. In Zukunft erhoffen wir uns mehr. Wie konkrete Kooperationen hier aussehen können, werden wir zu gegebener Zeit gemeinsam herausfinden. Solltet ihr etwas planen, freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme. Davon abgesehen werden wir auch weiterhin gemeinsam Veranstaltungen rund um das Thema Autismus (und darüber hinaus) besuchen. Ideen für eigene Veranstaltungen sind vorhanden, müssen aber noch reifen.

Sonstige Unternehmungen

Wanderungen, Spieleabende und Museumsbesuche standen letztes Jahr auf dem Programm und wir haben vor auch dieses Jahr einfach gemeinsam eine gute Zeit zu haben. Wir denken vorsichtig über die Idee nach, einen gemeinsamen Kurzurlaub für Autist*innen anzubieten. Die Planung von Workshops zu verschiedenen Themen schreitet auch langsam aber stetig voran. Wir hoffen im Laufe des Jahres erste Angebote in die Tat umzusetzen.

 
Das Jahr 2016 ist noch ganz jung und die Zeit wird zeigen, welche Ideen umgesetzt werden und ob sie sich bewähren. Es wird wieder Themen geben, die sich durch ihre Wichtigkeit in den Vordergrund drängen und Energien binden, die für andere Vorhaben dann fehlen. Wir werden auch 2016 wieder an unsere Grenzen stoßen. Aber ich hoffe, dass es uns gelingt die Prioritäten dann weise zu setzen und den Spaß an gemeinsamen, schönen Aktivitäten nicht zu vernachlässigen – trotz und gerade wegen der schwierigen Themen rund um ABA und Co.

In diesem Sinne ein schönes, erfolgreiches und ausgewogenes neues Jahr!

Anna