Tipps für barriereärmere Veranstaltungen

Wir müssen immer wieder mal erklären, auf welche Weise Veranstaltungen für Autist_innen (speziell, aber auch für Leute mit anderen Behinderungen) zugänglich(er) gemacht werden können. Wie Menschen mit anderen Behinderungen und ohne Behinderungen auch, haben wir ein Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Hier darum eine kleine Sammlung von Tipps, wie ihr eure Veranstaltung barriereärmer gestalten könnt.

  • Informationen! – Das ist so wichtig! Kommuniziert in euren Ankündigungen aktiv und so genau wie möglich die Bedingungen vor Ort und welche Maßnahmen ihr ergriffen habt, um die Veranstaltung zugänglich(er) zu machen (und auch, welche nicht!). Wartet nicht darauf, dass Leute danach fragen, es ist eure Verantwortung. Es tut nicht weh dafür einen eigenen, leicht auffindbaren Menüpunkt auf eurer Seite einzurichten. Informiert über den Veranstaltungsort (Toiletten, Ruheräume, Stufen, Orientierungshilfen für Blinde, etc.), die genauen zeitlichen Abläufe, Gebärdensprachdolmetcher_innen (ja oder nein), Color Communication Badges (siehe unten), Begleitung/Führungen (siehe unten), die Pausenzeiten und Ansprechpartner_innen bei Fragen oder wenn Hilfe gebraucht wird (auch Mailkontakt). Ihr ermöglicht damit vielen von uns überhaupt erst eine Teilnahme und zeigt außerdem, dass wir euch wirklich willkommen sind. Der Satz „Behinderte Leute willkommen“ ist zwar nett, aber nützt uns überhaupt nichts. Willkommen sein allein reicht für uns nicht.
  • Ruheräume! – Richtet mindestens einen ruhigen(!), jederzeit zugänglichen Ruhe(!)raum ein. Viele Autist_innen sind darauf angewiesen, um längere Zeit außer Haus unterwegs sein zu können. Die meisten Veranstaltungen führen früher oder später zu Overloads, was sich oft nicht ganz vermeiden lässt. Ein Ruheraum, um sich in Sicherheit erholen zu können, ist daher extrem wichtig für uns, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Ich betone das gerne noch mal: viele Autist_innen können Veranstaltungen nur besuchen, wenn sie im Vorfeld wissen, dass es einen zugänglichen Ruheraum gibt. Kommuniziert die Lage vor Ort deutlich. Der Raum muss zugänglich sein, ohne dass man eine Person danach fragen muss. Übrigens profitieren auch Menschen mit (chronischen) Erkrankungen, Ängsten, AD(H)S oder mit anderen Behinderungen von solchen Räumen. Mehrere kleine Ruheräume sind am besten (mit „Nicht stören“ / „Frei“ Anzeiger an der Tür). Ein großer Raum evtl. mit etwas abgetrennten Ecken geht auch. Das hängt natürlich alles auch von der Größe der Veranstaltung ab. Aber zumindest ein Raum sollte immer dafür vorgesehen sein. Gedämpftes Licht, Sitz- und Liegemöglichkeiten, kein Raumduft und keine Musik und möglichst ruhige Lage. Es ist eher nicht sinnvoll, diesen Raum mit einem Raum für Kinder zu kombinieren, wegen Ruhe. Aber auch Rückzugsräume für Menschen mit Kindern sind eine ziemlich gute Sache.
  • Kommunikation – Insbesondere, wenn eure Veranstaltung vorsieht, dass Teilnehmer_innen in „lockerer Atmosphäre“ miteinander in Kontakt kommen sollen (und das ist ja eigentlich immer mindestens in den Pausen der Fall), ist für Autist_innen eine große Hürde vorhanden. Wir wissen nicht, wie das geht. Wir wissen nicht, wie man Menschen anspricht, was man zu ihnen sagt oder wen man ansprechen darf/soll/kann und wen nicht. Wir kommen auch manchmal nicht damit klar, angesprochen zu werden und wissen nicht, wie wir das kommunizieren können. Das hindert viele von uns daran, überhaupt jemals an einer solchen sozialen Situation beteiligt zu sein. Bestenfalls stehen wir irgendwo ausgeschlossen am Rand und beobachten die ganze Sache und fühlen uns schlecht. Schlimmstenfalls (und das ist häufiger der Fall) kommen wir garnicht erst zu der Veranstaltung, obwohl wir sehr gerne würden.
    Hier können Color Communication Badges (pdf) eine sehr große Hilfe sein. Sie ermöglichen nonverbal mittels Farben mitzuteilen, dass man entweder aktiv von Anderen angesprochen werden möchte (weil man das evtl. selbst nicht kann), nur von Menschen angesprochen werden möchte die man schon kennt oder dass man garnicht kommunizieren möchte. Dieses System ist auch für andere Personen hilfreich, weil die meisten Menschen auch mal z.B. eine Pause von Kommunikation brauchen oder unsicher sind. Es macht Kommunikationsvorlieben deutlich, erleichtert die Kontaktaufnahme und kann für Autist_innen ein Weg sein, an einer sonst unüberwindbaren sozialen Situation teilzunehmen. Probiert es einfach aus! Informiert überall gut sichtbar über die Bedeutung der Badges und bietet sie allen Teilnehmer_innen eurer Veranstaltung am Eingang an.
  • Begleitung – Gerade auf größeren, unübersichtlichen Veranstaltungen sind viele Autist_innen erstmal überfordert. Sie haben evtl. Orientierungsschwierigkeiten und sind von der überwältigenden Reizkulisse gestresst. Es kann eine große Hilfe sein, wenn es eine Person gibt, die uns am Anfang alles zeigt und erklärt. Wo finden welche Veranstaltungen statt? Wo sind die Toiletten? Wo sind Ruheräume? Wo sind (Not-)Ausgänge? Welche nicht explizit formulierten sozialen Regeln / Konventionen sollten eingehalten werden? Eine Begleitung kann auch helfen einen ersten Kontakt zu anderen Teilnehmer_innen herzustellen. Es ist meistens nicht nötig, die ganze Zeit über begleitet zu werden, sondern nur am Anfang, um sich einmal orientieren zu können. Das kann auch für Menschen mit anderen Behinderungen eine Hilfe sein (z.B. Sehbehinderungen, Lernschwierigkeiten). Bietet, wenn möglich, solche Führungen für Interessierte an. Es ist übrigens auch oft gut machbar, das in kleinen (!) Gruppen von ein paar Personen zu machen. Das hilft als Nebeneffekt auch gleich dabei, in Kontakt zu kommen. Es wäre außerdem wichtig, dass bei Notfällen oder Schwierigkeiten während der Veranstaltung immer jemand erreichbar ist (persönlich, per Mail, SMS, nicht ausschließlich Telefon!).
  • Reizarme Umgebung? – Das ist vermutlich ein Punkt, der auf vielen Veranstaltungen nicht beachtet werden kann, weil es manchmal eben einfach laut und bunt und lebendig zugeht. Das ist okay, wir entscheiden uns ja dazu die Veranstaltung zu besuchen, weil wir das vielleicht genauso toll finden, wie ihr. Ein wesentlicher Aspekt unserer Behinderung ist, dass wir das aber leider nur schlecht oder kurz aushalten, ohne Probleme zu bekommen (siehe Wahrnehmungslandschaften 2 für Hintergrundinfos über Overloads und die Folgen). Darum sind Ruheräume umso wichtiger, je lauter/bunter/lebendiger die Veranstaltung ist. Wenn es geht, macht euch trotzdem Gedanken über die Reizkulisse. Ist es z.B. wirklich nötig, Musik auf den Toiletten oder in der Garderobe zu spielen? Wenn möglich, verzichtet darauf. Ist es möglich (wenigstens in Teilen/einzelnen Räumen) auf grelle, sehr helle Beleuchtung zu verzichten? Dann tut es! Verzichtet auf (intensiven) Raumduft in den Toiletten. Ihr ermöglicht es uns so immer wieder kurze Erholungspausen zu haben und so evtl. länger auf der Veranstaltung bleiben zu können. Besonders nett sind auf lauten Veranstaltungen freie Ohrstöpsel oder leihbarer Gehörschutz (übrigens auch für Kinder).
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2 Gedanken zu „Tipps für barriereärmere Veranstaltungen

  1. Angela Middlecamp-Sommer

    Hi, darf ich diese Vorlage zu der Sitzung des Behindertenbeirats in Kempten mitnehmen?

    Antwort

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