Entspannung statt Überladung

Wie Gefühle und Bedürfnisse zum Kompass fürs Wohlbefinden werden

Das Thermometer zeigt 30 Grad. Ich stehe in der prallen Sonne und verkaufe Flohmarkt-Artikel für ein Spendenprojekt der Kirchengemeinde. Mein Gesicht glüht und ich habe länger nichts getrunken. Trotzdem bemerke ich diese Bedürfnisse und Körperempfinden nicht. Erst der Hinweis einer Bekannten gab mir einen Wink gab, dass ich dringend aus der Sonne muss, etwas trinken und mich ausruhen.

Dieses Beispiel war vor meiner Autismus-Diagnose. In anderen Situationen merkte ich die Bedürfnisse, konnte sie aber weder mir selbst, noch dem Umfeld vermitteln. Auf einer Silvester-Party, die nur mit mir aus 3 Personen bestand, bin ich beispielsweise weit vor 24 Uhr nach Hause. Damals konnte ich nicht die Perspektive des Gegenübers einnehmen und mir die Wirkung des eigenen Verhaltens erklären.

Prophylaktische Entspannung suchen

Inzwischen weiß ich durch die Autismus-Diagnose mehr über mich. Momentan verfolge ich zwei Stoßrichtungen: Zum einen meide ich Kontakte, bei denen das Gegenüber zu stark gekränkt wird, wenn ich einen Termin kurzfristig absagen oder verkürzen muss. Zum anderen habe ich mit der Zeit gelernt, mich selbst besser wahrzunehmen. Irgendwann war ich an dem Punkt angelangt, dass ich mich lieber prophylaktisch entspanne, statt einen Overload zu empfinden. Gerade bei der Komorbidität mit ADS oder ADHS mit Autismus kommt es manchmal zu euphorischen Stimmungen. Aber auch positiver Stress ist für das Gehirn belastend. Manchmal ist der Overload nur eine Nuance entfernt.

Hilfe für Entscheidungen

Seit einigen Jahren übe ich mich darin, in mich selbst besser hineinzuhören (Introspektion). Zum Beispiel besuchte ich ein Seminar über gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg und erhielt dort eine hilfreiche Liste, welche Bedürfnisse es überhaupt alles gibt. Bei einem VHS-Kurs erhielt ich ein Video-Feedback, wie ich wirke. Darüber hinaus habe ich gelernt, bestimmtes Körperempfinden wie ein Gefühl zu deuten und daraus den Rückschluss zum Bedürfnis erhalten.

Abschließend zwei Beispiele:

  • Die Volkshochschule bietet eine Fotoexkursion angeboten. Ich fotografiere gerne, aber der Termin dauert 5 Stunden. Das ist mir zu lange, deshalb melde ich mich nicht an.
  • Ein sehr guter Freund wohnt eine Zugstunde entfernt. Es steht im Raum, ihn heute zu treffen. Ich bin jedoch schon müde und hungrig. Ich entscheide mich daher, abzusagen, biete aber an, die nächsten Tage mal zu telefonieren.

Odo

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