Offener Brief an Herrn Hüppe CDU/CSU

Ein ausführlicher offener Brief in Sachen ABA, der auch gut den aktuellen Stand in Deutschland darstellt, wo ABA mittlerweile mit aktiver Unterstützung von Autismus Deutschland immer weiter eingeführt werden soll.

innerwelt

Sehr geehrter Herr Hüppe,

auf Facebook hatte ich die Diskussion über das „Fachgespräch der AG Gesundheit der CDU/CSU Bundestagsfraktion zum Thema *Autismusversorgung stärken*“ mitbekommen.
Dort hatten sie dazu aufgerufen, Ihnen Alternativen zur ABA/AVT Therapie zuzusenden.

Zunächst begrüße ich die Möglichkeit, diesbezüglich schriftlich mit Ihnen in Kontakt treten zu können, da mir als Autistin direkte Kommunikation schwer fällt. Die schriftliche Kommunikation wird daher von vielen AutistInnen bevorzugt und da liegt nachweislich eine unsere Stärken. Nur wenige können, mit gewissen Einschränkungen, mehr leisten. Soweit ich weiß, hatte ein Mitstreiter von mir auch seine Gesprächsbereitschaft signalisiert, wurde aber wieder ausgeladen. Schade, denn er hätte sehr viel zu diesem Thema aussagen können.

Bevor ich jedoch Ihrer Bitte nachkomme, möchte ich Ihnen kurz erklären, warum die Gemüter mancher AutistInnen speziell zu diesem Thema so hochkochen.
Das ist notwendig, damit Sie auch alles weitere verstehen können.

Auch ich kenne das Programm das speziell Autismus…

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10 Jahre Autismus-Kompetenz-Zentrum

Heute sind ein paar von uns der Einladung zur Jubiläums-Feier des Autismus-Kompetenz-Zentrum Mittelfranken gefolgt.

Obwohl wir als Gruppe keinen regelmäßigen Kontakt mit dem AKM haben, ist es den meisten von uns ein Begriff. Viele haben in unterschiedlichen Lebenssituationen das Beratungsangebot bereits selbst in Anspruch genommen und hilfreiche Informationen und praktische Unterstützung erhalten. Daher empfehlen wir diese Anlaufstelle immer wieder mal Autist_innen, die Unterstützung vor allem im Umgang mit Behörden oder Arbeitgebern suchen. Unsere Zusammenarbeit mit dem AKM bei der Erstellung der „Prüfkriterien für Therapieangebote“ endete allerdings eher enttäuschend und die Kommunikation darüber blieb aus.

Trotz meiner dadurch bedingten gemischten Gefühle, halte ich das Angebot des Autismus-Kompetenz-Zentrums für außerordentlich wichtig und notwendig. ich bin froh, dass es diese Anlaufstelle gibt und daher habe ich gerne an der Jubiläums-Veranstaltung teilgenommen. Ich wünsche uns allen weitere 10 Jahre und dass weiterhin daran gearbeitet wird, die riesigen Lücken in der Versorgung und Unterstützung insbesondere erwachsener Autist_innen zu schließen. Neben einem ersten Beratungsangebot, brauchen wir vor allem auch langfristige therapeutische und selbstbestimmte lebenspraktische Unterstützung. Sei es in Sachen Arbeitssuche, Nachteilsausgleiche in Studium und Ausbildung und Arbeitsleben oder selbstbestimmte betreute Wohnformen und Assistenz im Alltag, gerade auch für Menschen, die bisher noch nicht in ein Hilfesystem eingegliedert sind, weil sie scheinbar „zu selbstständig“ oder „zu intelligent“ sind (aber trotzdem an der alltäglichen Überforderung verzweifeln).

Ich wünsche mir von allen fachlich mit Autismus befassten Stellen in der Region eine stärkere Unterstützung autistischer Perspektiven und Forderungen (und da hängt mir noch die bis heute nicht begründete Nicht-Ablehnung von ABA durch AKM und Autismus-Ambulanz nach). Ich wünsche mir weniger „Wir kennen uns mit Autismus aus!“-Worte und mehr „Was ist euch wichtig, was braucht ihr, was können wir von euch lernen, was wünscht ihr euch von uns Fachleuten und der Politik?“-Fragen. Denn wir brauchen diese Fragen und wir brauchen oft nichtautistische Unterstützung, um überhaupt angehört und wahrgenommen zu werden oder rauszufinden, auf welche Weise wir die Dinge am besten angehen. Vernetzung ist in den meisten Fällen nicht unsere Stärke.
Wir sind nicht nur Menschen, für die etwas getan werden muss. Wir sind Menschen, mit denen gemeinsam an der Erarbeitung und Umsetzung von Zielen gearbeitet werden sollte. Wir haben das große Glück hier in Mittelfranken einen Elternverein zu haben, der das verstanden hat und immer mehr in die Tat umsetzt. An dieser Stelle herzlichen Glückwunsch zum neuen Vorstandsposten, liebe Birke! Ich wünsche dir starke Nerven, gute Unterstützung und die Bereitschaft deiner Vorstandskolleg_innen im Bundesverband, dir wirklich zuzuhören.

Aus dieser Perspektive ein kleiner Rückblick auf die heutige Veranstaltung.

Es hat mir sehr gut gefallen, dass es nicht nur einen Quotenautisten auf der Bühne gab, sondern den Schilderungen dreier unterschiedlicher Autist_innen viel Raum gegeben wurde. Auch war die Wahl der Fachleute für die Fachvorträge ausgezeichnet. Endlich mal fortschrittliche, respektvolle Vertreter_innen ihrer Zunft auf der Bühne, das ist ja doch eher selten und in der Region scheinen das leider auch die einzigen zu sein. Es ist schon nett, mal zur Abwechslung zu hören, dass es nicht darum geht „Autismus wegzutherapieren“, sondern darum als Autist_innen ein möglichst gutes Leben zu haben. Wir hätten gerne mehr von dieser Sorte, insbesondere Therapeut_innen, die bereit sind sich auf autistische Klient_innen einzulassen und neue Perspektiven zuzulassen. So wie es jetzt ist, müssen wir immer wieder neuen Leuten, die zu Autland kommen, mit einem hilflosen Schulterzucken antworten, wenn es um die Frage nach qualifizierten, respektvollen Therapeut_innen geht. Die Forderung der Eltern von Autismus Mittelfranken, dass es nicht damit getan ist das Erreichte zu feiern, sondern in Zukunft ein Ausbau der bestehenden Angebote dringend notwendig ist, kann ich nur voll und ganz unterstützen.

Das politische Blabla am Anfang war eher unverständlich und einige Aussagen schwer erträglich. Natürlich kann man „Asperger-Autisten“ mit beleidigenden Menschen gleichsetzen, aber das ist dann halt vielleicht ein bisschen scheiße. Was soll’s, die nachfolgenden Vorträge waren besser.

Kritik kam unter einigen der anwesenden Autist_innen vor allem an der mangelnden Berücksichtigung der Tatsache auf, dass eben auch Autist_innen anwesend waren (die nicht selten sehr geräuschempfindich sind). In der Tat haben das die vortragenden Autist_innen sogar erzählt und wurden prompt mit sehr schmerzhaft lautem Applaus „belohnt“. Das war wohl mal wieder diese mangelne Empathiefähigkeit der NTs, denn bekannt sollte es den Anwesenden ja eigentlich sein. Einige sind nach draußen geflüchtet, andere haben es als Herausforderung ihrer Selbstbeherrschung und Leidensfähigkeit gesehen und ausgehalten. Dass gegen Ende dann darauf hingewiesen wurde, hat die abschließenden Fachvorträge angenehmer gemacht. Mit anderen Worten: beim nächsten Mal vielleicht gleich am Anfang darauf hinweisen, auf lautstarken Applaus zu verzichten und auch im Verlauf auf den Lärmpegel achten und notfalls eben mehrmals drauf hinweisen. Es kommt beim Publikum in der Regel auch gut an, wenn man zu Beginn darum bittet, Applaus wie unter Gehörlosen üblich auszudrücken. Da bleibt die Begeisterung nicht auf der Strecke und die empfindlichen Ohren werden geschont.

Die an sich schönen Musikeinlagen der autistischen Musiker hätten wir außerdem besser genießen können, wenn sie nicht noch viel lauter und schmerzhafter, als der Applaus gewesen wären. Schade, das war in diesen Räumlichkeiten leider kein Vergnügen. Allerdings bot die Flucht auf die Dachterasse einigen Autist_innen die Gelegenheit sich kennenzulernen. Das sind dann Situationen, wo man sich einfach erkennt und versteht. (Meldet euch ruhig, wenn ihr mal zu einem unserer Treffen kommen wollt.)

Ein anfänglicher Hinweis auf einen offen zugänglichen Ruheraum sollte auf Veranstaltungen mit Autist_innen auch selbstverständlich sein. Beim nächsten Mal?

Für den Temperatursturz und das Regenwetter kann ja nun niemand was. Das hat uns dann leider auch davon abgehalten die für uns noch unbekannten neuen Räumlichkeiten des Autismus-Kompetenz-Zentrums anzuschauen. Vielleicht ergibt sich ja eine andere Gelegenheit.

Ach ja, das Essen war übrigens total lecker, hab ich mir sagen lassen. Vielen Dank für die Einladung!

Anna

Mein Weg zur Diagnose

Hiermit berichte ich über das Ermitteln meiner Diagnose.

Ich hatte insgesamt drei Termine, alle fanden in einem großen, ruhigen Zimmer statt. Dieses war zweckmäßig mit einem Schreibtisch und drei Stühlen eingerichtet, die Wand war, bis auf ein Bild, angenehm leer.

Beim ersten Termin in der Praxis hatte ich von der Psychologin keinen guten Eindruck, da wir im Wesentlichen nur die zwei Termine für die Diagnose festlegten.
Allerdings ging sie auf mich als Person gefühlt recht wenig ein.
Sie erklärte mir, dass ich zum ersten Diagnosetermin 60 Euro mitnehmen müsste und zum zweiten Termin Schulzeugnisse (aus den Bemerkungen lässt sich einiges ablesen).
Ich vereinbarte die frühstmöglichen Termine, die sechs Monate später stattfanden.

Der zweite Termin dauerte etwa eine Dreiviertelstunde.
Die Psychologin empfing mich im gleichen Zimmer wie beim ersten Termin. Sie war wieder sehr ruhig und geduldig, was mir positiv auffiel.
Im Folgenden stellte sie mir Fragen zu meiner Familie, ob ich Geschwister hatte, wie sich diese im Vergleich mit mir entwickelt hätten, ob es Probleme bei der Geburt gegeben habe, wie die Jahre von Kindergarten ab verlaufen wären (ob ich Freunde hatte, wie oft ich mich mit diesen traf). Die Stichpunkte, die ich mit meinem Umfeld aufgelistet hatte, scheinen sehr hilfreich gewesen zu sein, sie notierte sich einige von ihnen.
Eine Prognose wollte sie jetzt noch nicht abgeben, was ich auch verstand. Sie fände es sehr gut, wenn zum dritten Termin meine Eltern mitkämen, um quasi eine Sicht von ‚außen‘ zu bekommen,

Wie lange der dritte Termin dauerte, weiß ich nicht genau, schätze aber, wie das letzte Mal eine Dreiviertelstunde.
Meine Eltern waren die gesamte Zeit über mit im Raum und beantworteten die Fragen der Psychologin abwechselnd mit mir.
Diese umfassten die Themengebiete Hobbies (hatte/habe ich ungewöhnliche Interessen?), Empathie (wenn ein Kind auf der Straße hinfallen würde, könnte ich es trösten?), Soziales (wie gut/schnell kann ich neue Kontakte knüpfen?), Freunde (habe ich ungefähr gleich viel wie meine Eltern/Geschwister?), Emotionen (habe ich eine sichtbare Mimik; kommt es vor, dass mein Gesichtsausdruck nicht zu meinen Gefühlen passt und missverstanden wird?). Sie füllte dabei einen zweiseitigen Fragebogen aus, auf dem sie meistens 0 oder 1 eintrug, aber das nur am Rande. Nicht erwähnt wurden die Themen Sexualität, Depressionen und Allein-fühlen, was mich wunderte, weil ich diese gefühlt öfter mit anderen Autisten bespreche.
Die Schulzeugnisse der ersten bis vierten Klasse, die ich schon kopiert mitgebracht hatte, behielt sie, da sie ausführlicher waren, als sie wohl erwartet hatte (je mindestens eine Seite pro Halbjahr) und sie sich diese noch einmal genauer ansehen wollte.
Den Bericht=die Diagnose bekomme ich innerhalb von vierzehn Tagen zugeschickt, wenn wir (ich und Eltern) noch Punkte darin erklärt haben wollen, können wir gerne einen Termin vereinbaren.

Der Bericht kam vier Tage später. Er ist zwei vollbeschriebene Seiten lang, sehr ausführlich und ich kann ihn im Wesentlichen, bis auf Kleinigkeiten, verstehen und nachvollziehen. Allerdings habe ich in der Vergangenheit schon viel mit Krankenhäusern und Ärzten zu tun gehabt und kann deswegen dem Sprachstil und den Aufbau leicht folgen.

 

Herr Stieglitz

Vorstellung meiner Person

Hallo, ich bin Herr Stieglitz und hiermit möchte ich mich den Lesern dieses Blogs kurz vorstellen.
Mit dem Thema Autismus bin ich bis vor kurzem überhaupt noch nicht in Berührung gekommen.

Dann begann ich meine Ausbildung und hatte plötzlich Probleme, die ich vorher nicht gekannt habe
und erst recht nicht in Worte fassen konnte.
Nach und nach verdichteten sich die Hinweise,
dass ich Autist sein könnte – sachdienliche Hinweise diesbezüglich nimmt
der Schreiber dieser Zeilen gerne entgegen (Ironie).

Dass ich etwas Besonderes und in manchen Dingen „anders“ bin, habe ich schon länger bemerkt  –
es gab und gibt Dinge, mit denen sich außer mir wohl nur wenige Menschen so intensiv beschäftigten (Radiowerbung etwa).
Dass dieses Besondere aber für ‚gewöhnliche‘ Menschen wiederum sehr interessant sein kann,
fiel mir erst in letzter Zeit besonders häufig auf
(ungefähr in dem Zeitraum, in dem das mächtige Wort mit A soviel Platz in meinem Leben eingenommen hat).
Es hilft mir zwar nicht immer (jedes Telefonat ist trotzdem eine neue Herausforderung),
aber es ist gut, zu wissen, dass man Andere auch mit solchen Dingen wie etwa Photos noch beeindrucken kann,
die man selbst als langweilig empfindet, weil man schon 20 Stück in der Art aufgenommen hat.

Soweit erstmal zu meiner Person. Ich werde hier nun öfter zu lesen sein
und wünsche noch einen schönen Tag.

Herr Stieglitz

Flyer zur Aufklärung über behindertenfeindliche Sprüche

(Inhaltswarnung: Es werden einige behindertenfeindliche Formulierungen als Beispiele ausgeschrieben, um sie zu erklären. Es ist außerdem die Rede von Nazi-Verbrechen an behinderten Menschen.)

Behindertenfeindlichkeit (Ableismus) ist in unserer Sprache weit verbreitet. Insbesondere für Beleidigungen werden sehr oft Worte verwendet, die vor allem behinderte oder kranke Menschen abwerten.

So passiert es z.B. immer wieder, dass auf eigentlich sinnvollen Demonstrationen gegen rechte Parteien und Bewegungen, behindertenfeindliche Sprüche verwendet werden. Aber auch in Unterhaltungen auf der Straße, im Bekannten- oder Familienkreis, werden solche Formulierungen verwendet. Beispielsweise liest/hört man oft „Pegidiot“ als abwertende Bezeichnung für Pegida-Leute, so auch bei uns in Nürnberg. Aber auch „dumme Nazis“ oder „die sind doch alle verrückt / die spinnen doch“ sind Beispiele für ableistische Beleidigungen.

Der Begriff „Idiotie“ ist eine veraltete Fremdbezeichnung für Menschen mit Lernschwierigkeiten, der von den betroffenen Leuten abgelehnt wird. Heute wird das Wort nur noch als Beleidigung und Abwertung verwendet und zwar auf Kosten von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Eine Behinderung oder Lernschwierigkeiten zu haben, macht Menschen nicht weniger wertvoll. Das Wort vor diesem Hintergrund als Beleidigung zu verwenden, ist behindertenfeindlich und verletzend. Auch dann, wenn das Wort nicht zu einem behinderten Menschen, sondern zu anderen Leuten gesagt wird.

Insbesondere im Zusammenhang mit rechten Bestrebungen ist es gleich in mehrfacher Hinsicht problematisch. Denn sehr viele Menschen mit Lernschwierigkeiten, aber auch mit verschiedenen Behinderungen und (psychischen) Krankheiten, wurden von den Nazis ermordet, zwangsweise sterilisiert oder für Experimente missbraucht.

Es ist ein besonderer Schlag ins Gesicht (Redewendung) für behinderte und kranke Menschen, wenn ausgerechnet abwertende Bezeichnungen für sie und ihre Behinderung verwendet werden, um Nazis und Rechte zu beleidigen. Rassismus ist keine Frage von Bildung, kognitiven Fähigkeiten oder (psychischer) Gesundheit. Rassismus ist Rassismus und er ist überall zu finden.

Um Menschen darauf hinzuweisen, dass ihre Sprüche auf Demos (oder wo auch immer sonst) behindertenfeindlich sind, haben ein paar behinderte Menschen gemeinsam einen Flyer geschrieben. Den können alle (ob nun selbst behindert oder nicht) sich ausdrucken und verteilen. Er darf auch im Internet verlinkt werden, wenn er helfen kann auf das Problem hinzuweisen. Wir dürfen den Flyer hier bei uns hochladen, vielen Dank dafür!

Flyer: Dein Spruch ist behindertenfeindlich (pdf)

Tipps für barriereärmere Veranstaltungen

Wir müssen immer wieder mal erklären, auf welche Weise Veranstaltungen für Autist_innen (speziell, aber auch für Leute mit anderen Behinderungen) zugänglich(er) gemacht werden können. Wie Menschen mit anderen Behinderungen und ohne Behinderungen auch, haben wir ein Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Hier darum eine kleine Sammlung von Tipps, wie ihr eure Veranstaltung barriereärmer gestalten könnt.

  • Informationen! – Das ist so wichtig! Kommuniziert in euren Ankündigungen aktiv und so genau wie möglich die Bedingungen vor Ort und welche Maßnahmen ihr ergriffen habt, um die Veranstaltung zugänglich(er) zu machen (und auch, welche nicht!). Wartet nicht darauf, dass Leute danach fragen, es ist eure Verantwortung. Es tut nicht weh dafür einen eigenen, leicht auffindbaren Menüpunkt auf eurer Seite einzurichten. Informiert über den Veranstaltungsort (Toiletten, Ruheräume, Stufen, Orientierungshilfen für Blinde, etc.), die genauen zeitlichen Abläufe, Gebärdensprachdolmetcher_innen (ja oder nein), Color Communication Badges (siehe unten), Begleitung/Führungen (siehe unten), die Pausenzeiten und Ansprechpartner_innen bei Fragen oder wenn Hilfe gebraucht wird (auch Mailkontakt). Ihr ermöglicht damit vielen von uns überhaupt erst eine Teilnahme und zeigt außerdem, dass wir euch wirklich willkommen sind. Der Satz „Behinderte Leute willkommen“ ist zwar nett, aber nützt uns überhaupt nichts. Willkommen sein allein reicht für uns nicht.
  • Ruheräume! – Richtet mindestens einen ruhigen(!), jederzeit zugänglichen Ruhe(!)raum ein. Viele Autist_innen sind darauf angewiesen, um längere Zeit außer Haus unterwegs sein zu können. Die meisten Veranstaltungen führen früher oder später zu Overloads, was sich oft nicht ganz vermeiden lässt. Ein Ruheraum, um sich in Sicherheit erholen zu können, ist daher extrem wichtig für uns, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Ich betone das gerne noch mal: viele Autist_innen können Veranstaltungen nur besuchen, wenn sie im Vorfeld wissen, dass es einen zugänglichen Ruheraum gibt. Kommuniziert die Lage vor Ort deutlich. Der Raum muss zugänglich sein, ohne dass man eine Person danach fragen muss. Übrigens profitieren auch Menschen mit (chronischen) Erkrankungen, Ängsten, AD(H)S oder mit anderen Behinderungen von solchen Räumen. Mehrere kleine Ruheräume sind am besten (mit „Nicht stören“ / „Frei“ Anzeiger an der Tür). Ein großer Raum evtl. mit etwas abgetrennten Ecken geht auch. Das hängt natürlich alles auch von der Größe der Veranstaltung ab. Aber zumindest ein Raum sollte immer dafür vorgesehen sein. Gedämpftes Licht, Sitz- und Liegemöglichkeiten, kein Raumduft und keine Musik und möglichst ruhige Lage. Es ist eher nicht sinnvoll, diesen Raum mit einem Raum für Kinder zu kombinieren, wegen Ruhe. Aber auch Rückzugsräume für Menschen mit Kindern sind eine ziemlich gute Sache.
  • Kommunikation – Insbesondere, wenn eure Veranstaltung vorsieht, dass Teilnehmer_innen in „lockerer Atmosphäre“ miteinander in Kontakt kommen sollen (und das ist ja eigentlich immer mindestens in den Pausen der Fall), ist für Autist_innen eine große Hürde vorhanden. Wir wissen nicht, wie das geht. Wir wissen nicht, wie man Menschen anspricht, was man zu ihnen sagt oder wen man ansprechen darf/soll/kann und wen nicht. Wir kommen auch manchmal nicht damit klar, angesprochen zu werden und wissen nicht, wie wir das kommunizieren können. Das hindert viele von uns daran, überhaupt jemals an einer solchen sozialen Situation beteiligt zu sein. Bestenfalls stehen wir irgendwo ausgeschlossen am Rand und beobachten die ganze Sache und fühlen uns schlecht. Schlimmstenfalls (und das ist häufiger der Fall) kommen wir garnicht erst zu der Veranstaltung, obwohl wir sehr gerne würden.
    Hier können Color Communication Badges (pdf) eine sehr große Hilfe sein. Sie ermöglichen nonverbal mittels Farben mitzuteilen, dass man entweder aktiv von Anderen angesprochen werden möchte (weil man das evtl. selbst nicht kann), nur von Menschen angesprochen werden möchte die man schon kennt oder dass man garnicht kommunizieren möchte. Dieses System ist auch für andere Personen hilfreich, weil die meisten Menschen auch mal z.B. eine Pause von Kommunikation brauchen oder unsicher sind. Es macht Kommunikationsvorlieben deutlich, erleichtert die Kontaktaufnahme und kann für Autist_innen ein Weg sein, an einer sonst unüberwindbaren sozialen Situation teilzunehmen. Probiert es einfach aus! Informiert überall gut sichtbar über die Bedeutung der Badges und bietet sie allen Teilnehmer_innen eurer Veranstaltung am Eingang an.
  • Begleitung – Gerade auf größeren, unübersichtlichen Veranstaltungen sind viele Autist_innen erstmal überfordert. Sie haben evtl. Orientierungsschwierigkeiten und sind von der überwältigenden Reizkulisse gestresst. Es kann eine große Hilfe sein, wenn es eine Person gibt, die uns am Anfang alles zeigt und erklärt. Wo finden welche Veranstaltungen statt? Wo sind die Toiletten? Wo sind Ruheräume? Wo sind (Not-)Ausgänge? Welche nicht explizit formulierten sozialen Regeln / Konventionen sollten eingehalten werden? Eine Begleitung kann auch helfen einen ersten Kontakt zu anderen Teilnehmer_innen herzustellen. Es ist meistens nicht nötig, die ganze Zeit über begleitet zu werden, sondern nur am Anfang, um sich einmal orientieren zu können. Das kann auch für Menschen mit anderen Behinderungen eine Hilfe sein (z.B. Sehbehinderungen, Lernschwierigkeiten). Bietet, wenn möglich, solche Führungen für Interessierte an. Es ist übrigens auch oft gut machbar, das in kleinen (!) Gruppen von ein paar Personen zu machen. Das hilft als Nebeneffekt auch gleich dabei, in Kontakt zu kommen. Es wäre außerdem wichtig, dass bei Notfällen oder Schwierigkeiten während der Veranstaltung immer jemand erreichbar ist (persönlich, per Mail, SMS, nicht ausschließlich Telefon!).
  • Reizarme Umgebung? – Das ist vermutlich ein Punkt, der auf vielen Veranstaltungen nicht beachtet werden kann, weil es manchmal eben einfach laut und bunt und lebendig zugeht. Das ist okay, wir entscheiden uns ja dazu die Veranstaltung zu besuchen, weil wir das vielleicht genauso toll finden, wie ihr. Ein wesentlicher Aspekt unserer Behinderung ist, dass wir das aber leider nur schlecht oder kurz aushalten, ohne Probleme zu bekommen (siehe Wahrnehmungslandschaften 2 für Hintergrundinfos über Overloads und die Folgen). Darum sind Ruheräume umso wichtiger, je lauter/bunter/lebendiger die Veranstaltung ist. Wenn es geht, macht euch trotzdem Gedanken über die Reizkulisse. Ist es z.B. wirklich nötig, Musik auf den Toiletten oder in der Garderobe zu spielen? Wenn möglich, verzichtet darauf. Ist es möglich (wenigstens in Teilen/einzelnen Räumen) auf grelle, sehr helle Beleuchtung zu verzichten? Dann tut es! Verzichtet auf (intensiven) Raumduft in den Toiletten. Ihr ermöglicht es uns so immer wieder kurze Erholungspausen zu haben und so evtl. länger auf der Veranstaltung bleiben zu können. Besonders nett sind auf lauten Veranstaltungen freie Ohrstöpsel oder leihbarer Gehörschutz (übrigens auch für Kinder).

Wahrnehmungslandschaften – Teil 2

Nachdem es in „Wahrnehmungslandschaften Teil 1“ um Grundlagen der Wahrnehmung ging, beschäftigt sich Teil 2 dieser Artikelserie damit, was passieren kann, wenn unsere „autistische Wahrnehmung“ mit einer Welt konfrontiert wird, die nicht auf sie eingestellt ist. Wie gehen wir damit um? Es geht um Overloads, Shut- und Meltdowns und Barrieren für Autist*innen und andere Menschen mit sogenannten „Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen“.

Wenn das Fass überläuft – Overloads

Beim Erstellen eines illustrierenden Bildes für diesen Artikel habe ich mir beinahe selbst einen Overload verpasst (und auch dem anderen Autisten, dem ich es gezeigt habe) und verzichte darum darauf es hier ohne Vorwarnung einzubinden. Es ist ein farblich und im Detailgrad anstrengendes Bild, das durch seinen fehlenden Fokus und das Chaos ziemlich überfordert. Also ungefähr so, wie die Welt da draußen. Wer trotzdem einen Blick risikieren möchte: hier lang.

Ein Overload beschreibt das, was passiert, wenn die Masse an Reizen, denen wir ausgesetzt sind, nicht verarbeitet werden kann. Es ist also eine massive Überforderung unseres Wahrnehmungsverarbeitungssystems. Overloads dürften die meisten Autist*innen aus eigener Erfahrung kennen, auch wenn es sehr unterschiedlich sein kann, in welchen Situationen wir besonders anfällig für Overloads sind. Das steht mitunter natürlich auch im Zusammenhang damit, auf welchen Sinneskanälen wir besonders sensibel sind. Es gibt Autist*innen, die laute Umgebungen besser vertragen, als Andere. Viele bekommen damit jedoch, spätestens nach einer gewissen Zeit, Probleme. Glitzernde, bunte Lichter können wunderbar anzuschauen sein, zuviel davon kann aber auch schnell überfordern und einen Overload (mit) auslösen. Häufig sammeln sich Reize verschiedener Wahrnehmungskanäle an, wie in einem Fass, das eine große Öffnung hat, aber nur ein kleines Ablassventil. Die gesammelten Eindrücke werden langsamer verarbeitet (fließen langsamer ab), als neue dazu kommen. Irgendwann läuft das Fass über und nichts geht mehr. Ein Overload kann durch eine massive Reizeinwirkung in kurzer Zeit entstehen, aber auch durch anhaltend anstrengende Umgebungen, in denen sich über Stunden die Eindrücke aufstauen und schließlich nicht mehr verarbeitet werden können.

Es sind nicht nur Geräusche, Lichter, Bilder oder Gerüche, die dazu führen können, dass wir einen Overload bekommen. Viele Autist*innen beschreiben auch emotionale und/oder soziale Situationen als mögliche Auslöser für einen Overload. Auch die Wahrnehmung und das Fühlen von Emotionen (eigenen und denen anderer Menschen) ist für Autist*innen, die auch hier oft sehr offen sind und alles ungefiltert spüren und zusätzlich womöglich Schwierigkeiten haben all die Zeichen zu interpretieren, oft sehr überfordernd. Auch stundenlanges ungefiltertes Aufnehmen von vielfältigen Informationen (z.B. aus dem Internet), beschreiben manche Autist*innen als Auslöser für einen Overload. Kommt dann noch eine flackernde Lampe dazu, ein im Hintergrund dudelndes Radio, das Klappern des Essbestecks, dann ist das vielleicht bereits zuviel und die Grenzen sind erreicht. Zuviel Welt, zuviel Mensch. Zuviel Input.

Andere Autist*innen haben auch schon über Overloads und ihre Reaktionen darauf geschrieben. Daher verlinke ich hier ein paar Artikel. Sie zeigen, dass wir unser Erleben sehr unterschiedlich beschreiben, wahrnehmen oder damit umgehen, im Mittelpunkt eines Overloads aber eine Überforderung mit der Verarbeitung unserer Umwelt steht.

https://innerwelt.wordpress.com/2013/04/11/overload-melt-und-shutdown/
https://quergedachtes.wordpress.com/2012/11/25/autismus-ein-leben-in-high-definition/
Beiträge zum Thema Overload auf „Aspergerfrauen“
Realitaetsfilter zum Thema Overload

Auch, wenn wir oft versuchen besonders überfordernden Situationen aus dem Weg zu gehen, lässt es sich doch oft einfach nicht vermeiden. Viele Autist*innen sind täglich Situationen ausgesetzt, die einen Overload auslösen können. In der Schule, auf dem Arbeitsweg, im Supermarkt. Dem aus dem Weg zu gehen würde für manche bedeuten, überhaupt nicht mehr am Leben in der Gesellschaft teilnehmen zu können. Es ist daher eine wichtige Forderung den öffentlichen Raum auch für Autist*innen barriereärmer zu gestalten. Denn ständiger Lärm, chaotische Abläufe, blinkende Lichter überall usw. stellen eine ernsthafte Barriere dar. Viele Autist*innen können nicht an Veranstaltungen teilnehmen, einkaufen gehen oder die Universität besuchen. Es gehört zu unserem Leben  immer wieder überwältigt zu werden von der Intensität und Lautstärke der Welt. Aber es gibt viele Dinge, die getan werden können, um es uns nicht noch zusätzlich zu erschweren. Eine wichtige Einrichtung sind in diesem Zusammenhang frei zugängliche Ruheräume, da der Rückzug aus der überfordernden Situation oft der einzige Weg ist Schlimmeres zu verhindern. Wenn ich weiß, dass ein Ruheraum zugänglich ist, kann ich mich vielleicht doch auf eine Veranstaltung wagen, die vermutlich zu einem Overload führen wird. Es ist die Art wie unser Nervensystem funktioniert, daran lässt sich nichts ändern und wir haben das gleiche Recht, wie alle anderen Menschen, Bedingungen vorzufinden die uns eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglichen.

 

Overload – und jetzt?

Wie einzelne Autist*innen auf einen Overload reagieren, ist sehr unterschiedlich, wie Menschen nunmal verschieden mit belastenden Situationen umgehen. Während es sich als sehr hilfreich herausstellt zu lernen einen Overload möglichst frühzeitig zu erkennen, damit man noch genügend Zeit hat die Situation zu verlassen und für Ruhe zu sorgen, ist das nicht immer so einfach oder möglich. Die overloadauslösenden Reize / Situationen abstellen ist in aller Regel die wichtigste Maßnahme.

Gelingt dies nicht frühzeitig (oder garnicht) und bekommen wir nicht die Gelegenheit uns zu erholen, kann es letzten Endes auch zu einem Shutdown oder einem Meltdown kommen.

Auch diese Erfahrungen beschreiben verschiedene Autist*innen sehr unterschiedlich. Ein Shutdown ist dabei jedoch in der Regel dadurch gekennzeichnet, dass die betreffende Person innerlich und/oder äußerlich abschaltet. Sozusagen eine Notabschaltung, bevor es zu einer Kernschmelze kommen kann. Viele sind dann nicht mehr in der Lage zu sprechen, zu reagieren oder sich überhaupt zu bewegen, sitzen einfach nur noch so da und bekommen nicht mehr wirklich mit, was um sie herum passiert. Wenn jemand sie anspricht, verstehen sie die gesagten Worte vielleicht nicht, falls sie sie überhaupt hören. Während viele Autist*innen beschreiben, dass sie sich in einem Shutdown auch innerlich oft taub und leer fühlen und nichts mehr von Bedeutung ist, ist das nicht für alle so. Andere sind zwar auch nicht mehr in der Lage irgendwie zu reagieren, nehmen aber immernoch ihre Emotionen und Gedanken (manchmal auf quälende Weise) wahr, können sich jedoch nicht ausdrücken oder bewegen. Manche Autist*innen beschreiben, dass sie in solchen Situationen auch manchmal vor Überforderung und Erschöpfung einfach einschlafen, was Manchen zum Beispiel in der Schule häufig passiert. Nicht weil sie zu wenig Schlaf bekamen oder gelangweilt sind, sondern weil sie permanent von ihrer Umgebung überfordert sind. Ein schlauer Schutzmechanismus, aber oft dennoch sehr belastend. Es ist kaum besonders angenehm z.B. mitten in einer dienstlichen Besprechung plötzlich einzuschlafen.

Ein Meltdown ist im Gegensatz dazu vor allem durch einen Kontrollverlust gekennzeichnet, wie es viele Autist*innen beschreiben. Völlige Überforderung führt dazu, dass die eigenen Reaktionen nicht mehr kontrolliert werden können. Es kommt hierbei oft zu aggressiven Ausbrüchen gegen sich selbst, gegen Gegenstände oder bei manchen Autist*innen auch gegen Andere. Das können verbale Angriffe auf anwesende Personen oder sich selbst sein, Schreien, Weinen, sich selbst schlagen, aufgebracht herumlaufen, den Kopf gegen Wände stoßen, sich anderweitig selbst verletzen, Treten, Beißen, Spucken oder Gegenstände werfen. Es gibt explosivere und weniger explosive Arten einen Meltdown zu erleben und damit umzugehen. Fließende Übergänge zwischen Melt- und Shutdown sind außerdem möglich. So verhindert manchmal ein Shutdown einen beginnenden Meltdown und manchmal schließt sich an einen Meltdown ein Shutdown an. Manche Autist*innen beschreiben die Übergänge als besonders unangenehm, wenn sie voller unkontrollierter Emotionen sind, aber gleichzeitig nicht in der Lage irgendwie zu handeln und das auszudrücken, so dass sie äußerlich völlig ruhig / erstarrt wirken. Manchmal gelingt es noch einen Rest Kontrolle aufzubringen, bis man alleine in einer sicheren Umgebung ist. Das beschreiben viele erwachsene Autist*innen, die gelernt haben die Anzeichen noch rechtzeitig genug zu erkennen und die Meltdowns in der Öffentlichkeit so unter großer Kraftanstrengung oft (aber nicht immer) vermeiden können. Es ist ein hoch emotionaler, belastender Zustand, der von völliger Überforderung gekennzeichnet ist und nicht willentlich beeinflusst werden kann. Es hilft also sicher nicht, z.B. ein autistisches Kind für sein „ungezogenes“ Verhalten wie Spucken, Schreien, Fluchen oder um sich Schlagen zu bestrafen und verantwortlich zu machen, wenn es einen Meltdown hat. Vielmehr ist Verständnis und Hilfestellung angesagt. Wie diese Hilfestellung aussehen sollte, ist wiederum sehr individuell. Wichtig ist dafür zu sorgen, dass niemand ernsthaft verletzt wird und die Person selbst in Sicherheit ist. Außerdem ist es sinnvoll sich zu überlegen, wie es zu dieser Situation gekommen ist, woran man hätte merken können, dass es zuviel wird und zu versuchen das in Zukunft zu berücksichtigen. Es ist allerdings nicht möglich, direkt in so einer Situation klärende Gespräche zu führen oder zu argumentieren. Zunächst ist es nötig, dass wir uns beruhigen und erholen können, bevor überhaupt wieder kontrolliertes Denken möglich wird. Viele erwachsene Autist*innen sagen, dass sie dazu alleine sein müssen.

Ich selbst habe in Overloadsituationen und anschließenden Shut- oder Meltdowns oft das Gefühl, dass die ganze Welt auf mich einstürmt und ich nichts dagegen tun kann. Ich fühle mich sehr hilflos, ausgeliefert und bedroht. Es ist wie ein permanentes Überschreiten meiner Grenzen. Jedes weitere, noch so kleine Geräusch, jeder helle Lichtstrahl, geht direkt in mich rein und verursacht Schmerzen. Was ich mir dann wünsche ist Schutz und in Ruhe gelassen werden. Am liebsten hätte ich einen unsichtbaren Schutzschild, den ich immer dann aktivieren könnte, wenn ich es brauche.

 

Strategien zum Umgang mit Overloads

Einen Overload frühzeitig erkennen und darauf reagieren ist für Viele die wichtigste Strategie im Umgang damit und um Shutdowns und Meltdowns so weit wie möglich zu vermeiden. Autist*innen gewöhnen sich nicht einfach irgendwann an das Zuviel an Reizen, wir leben unser gesamtes Leben mit unserem Nervensystem und seiner Funktionsweise. Zu lernen belastende Situationen und sich selbst einzuschätzen und funktionierende Strategien für Überforderungssituationen zu entwickeln ist also ein sehr wichtiger Punkt, um sein Leben selbstbestimmter gestalten zu können. Das trifft auf erwachsene Autist*innen genauso zu wie auf Kinder und Jugendliche, die dabei natürlich oft noch die Unterstützung verständnisvoller Bezugspersonen und/oder anderer Autist*innen benötigen.

Folgende Fragen (sich selbst oder einem Kind/Jugendlichen in ruhigen Momenten, nicht in Stresssituationen gestellt) können dabei helfen sich selbst in dieser Hinsicht besser kennen und verstehen zu lernen. Antworten zu finden kann auch etwas länger dauern. Vielleicht gelingt es, beim nächsten Overload darauf zu achten, wie genau sich das angefühlt hat. Es ist manchmal schwierig die passenden Worte (oder Gebärden) zu finden, um die Antworten gut zu beschreiben. Vielleicht gelingt es manchen Autist*innen daher besser, die Antworten zu malen, körperlich durch Bewegungen oder Körperhaltungen darzustellen, durch Geräusche oder in Form von Musiktiteln zu kommunizieren.

  • Woran merke ich, dass mir gerade alles zuviel wird?
  • Woran können Andere merken, dass mir alles zuviel wird? (Oder besser: Was tue ich, wenn mir alles zuviel wird? Wie benehme ich mich dann?)
  • Wie fühlt es sich in meinem Körper an, wenn ein Overload anfängt?
  • In welchen Situationen habe ich besonders oft einen Overload?
  • Haben diese Situationen etwas gemeinsam?
  • Was hilft mir, wenn ich einen Overload habe?

Es kann hilfreich sein, sich einen Plan zu erstellen, auf dem Schritt für Schritt aufgelistet ist, was ich tun muss, wenn ich einen Overload bei mir bemerke. Z.B. 1. die Situation verlassen und Ruhe suchen, 2. Stimming (mehr dazu in Teil 3), 3. Schlafen oder Ausruhen 4. später am Tag keine anstrengenden Dinge mehr machen. Das kann natürlich auch ganz anders aussehen und detaillierter ausgeführt sein (z.B. mit einer Liste von Ruheorten, die zur Verfügung stehen, je nachdem wo man sich gerade befindet). Wichtig ist, sich in Ruhe im Vorfeld zu überlegen, wie man reagieren kann. Denn in der überfordernden Situation ist es oft zu spät, um sich noch vernünftige Gedanken zu machen. Dann hat man am besten einen guten Plan in der Tasche.

Ein wichtiger Aspekt ist auch die Frage, wie man Overloads vorbeugen kann oder die Zeit, bis sie auftreten hinauszögern kann. Das wird, wie gesagt, nicht immer gelingen, aber es gibt doch ein paar Tricks, Ideen und Hilfsmittel. Mein wichtigstes alltägliches Hilfsmittel sind z.B. Sonnenbrillen. Ich kann an den meisten Tagen das Haus nicht ohne sie verlassen, weil ich sehr lichtempfindlich bin. Es ist wirklich unmöglich. Ich habe unterschiedlich dunkle Brillen. Manchmal trage ich sie auch nachts, wenn mich Lichter sonst zu sehr blenden würden.

Hier also ein paar weitere Beispiele:

  • Gehörschutz tragen (Ohrstöpsel, Noise Cancelling Kopfhörer, Kapselgehörschutz)
  • Sichtschutz tragen (Sonnenbrillen in verschiedenen Helligkeitsstufen und Farben, das ist sehr individuell, Kappen, Kapuzen oder auch Brillen, die den Blickwinkel eingrenzen, also an den Seiten abschirmen)
  • Umwege gehen, frühere/spätere Busse und Bahnen nehmen, um dem größten Andrang auszuweichen. Sich, wenn das finanziell möglich ist, auch mal ein Taxi erlauben, wenn ein besonders schwieriger Termin ansteht z.B.
  • Lampen so anpassen, dass sie nicht blenden (indirektes, sanftes oder farbiges Licht), keine Leuchtstoffröhren (manchmal sind auch Energiesparlampen ein Problem).
  • Pausen machen. Z.B. öfter mal vor die Tür oder notfalls auf die Toilette gehen, um Veranstaltungen besser aushalten zu können. Am besten sind hier natürlich Ruheräume geeignet. Im Vorfeld danach fragen, sofern sie nicht angekündigt wurden!
  • Zeiten für Erledigungen anpassen. z.B. Supermarkt dann, wenn wenige Leute unterwegs sind.
  • Darum bitten im Café z.B. die Musik für eine Weile auszumachen oder leiser zu stellen (genauso aber auch bei Leuten zu Hause, wenn Fernseher oder Musik „im Hintergrund“ laufen)
  • Um Hilfe bitten (z.B. beim Einkaufen, als Begleitung zu Veranstaltungen oder Terminen), um sich manche überfordernden Situationen zu ersparen oder sie notfalls mit Hilfe schneller und sicher verlassen zu können. Es ist okay, um Hilfe zu bitten, auch ohne das Stichwort Autismus zu erwähnen. Es ist auch eine gute Idee, eine App oder Karten für den Notfall zu haben, wenn man sich verbal nicht mehr gut ausdrücken kann.
  • Bleiben noch Situationen, in denen wir einen Overload billigend in Kauf nehmen, weil es uns die Sache wert ist. Das kommt, so berichten viele Autist*innen, garnicht mal so selten vor. Denn es ist nunmal leider auch so, dass schöne und tolle Situationen uns einen Overload bescheren können. Hier heißt es auch sich selbst kennenlernen, wissen wo die eigenen Grenzen liegen und, das ist sehr wichtig, im Anschluss ausreichend Zeit zur Erholung fest einplanen.

Das war nur eine kleine Auswahl von Tipps. Ich würde mich sehr über eure Kommentare freuen. Wie erlebt ihr Overloads oder Shut- und Meltdowns? Wie geht ihr damit um? Was hilft euch? Habt ihr Tipps oder Tricks, die euch helfen im Alltag besser zurecht zu kommen und Overloads zu vermeiden oder hinauszuzögern?

 

 

(Fortsetzung in Teil 3)

 

Musik, Theater, und meine Autistische Erfahrenswelt.

Hallo! Das ist mein erster Post auf Autland, also erstmal ein kleiner Rundown.

Ich: 25, Männlich, Informatiker, Hobbyautor, Internetaffin, Asperger-Syndrom. Zoroaster ist mein gewählter Nickname hier, also der Name von Zarathustra, dem persischen Theosophen. Immer auf der Siche nach Wahrheit, bis zum Schluss. Suche nach Wahrheit war immer eines meiner größten persönlichen Anliegen, in welchem Bereich auch immer. Vielleicht auch ein Thema, über das ich mal schreiben könnte: „Autismus und Gerechtigkeits- und Wahrheitsbedürfnis“.

Nun aber in medias res.

„War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff ? Ihm war, als zeige sich ihm ein Weg zu der ersehnten unbekannten Nahrung.“

Franz Kafka, die Verwandlung

Nun kann man von Kafka ja vieles behaupten, aber im Endeffekt ist die Entfremdung von der „normalen“ Welt und ihrem „normalen“ Wahnsinn, wie sie Gregor Samsa erfährt, ein mir nicht unbekanntes Gebiet – Wenige bis keine Autisten sind wohl in der Lage, mit dem NT-Alltag umzugehen, ohne sich eine bestimmte Persönlichkeit zurechtzulegen. So auch ich.

Musik, Theater, Kunst im Allgemeinen waren immer meine Möglichkeit, mich in idealisierte Charaktere hineinzuversetzen. Beginnen wir beim Theater. Zum einen ist das einfach – Den Charakteren auf der Bühne liegt das Herz sozusagen auf der Zunge. Hier herrscht -bis auf die Prämisse „Theater“ selbst, keine Täuschung des Zuschauers. Man trifft auf derart abstrahierte, hochdestillierte menschliche Ideale, dass die Einfühlung in die dramatische Person automatisch stattfindet.

Ich habe selbst eine Zeit lang Theater gespielt – Zugegebenermaßen drei Jahre, und zugegebenermaßen nicht gut. Dennoch: Es war erhellend, die Charaktere zum Leben zu bringen. Meiner persönlichen Überlebensstrategie von „Ich spiele jetzt mal NT“ gar nicht mal so unähnlich, aber da es Theater war, das ganze nochmal hochgepumpt wie auf Steroiden.

Dennoch bin ich mit der Zuschauerrolle tiefer verbunden. Ich fühle mich grundsätzlich eher wie ein Zuschauer auf dieser Welt. Sicher, ich kann handeln und Entscheidungen treffen, aber selbst dann kommt es mir eher vor, als ob es „mir passiert“, als dass ich sage „jetzt habe ich gehandelt.“

Musik ist ähnlich. Als Musiker tauge ich zu gar nichts. Also wieder in die Zuschauerrolle gedrängt. Verdammt sei meine versagende Körperkoordination! Dennoch (Und an guten Tagen vermute ich/hoffe ich auf leichte Synästhesie, aber das ist schwer nachzuweisen) kann ich aus Musik sehr viel ziehen. Hierbei geht es, im Gegensatz zum Theater, für mich vor allem um ein emotionales Bedürfnis. Dies ist eine Frage der persönlichen Präferenz – Ich bilde mir ein, die Musikszene gut zu kennen, und kann bestimmt auf Abruf einige Bands nennen, die vorrangig meinen Geist und nicht meine Seele ansprechen – dennoch ist es meist eine Ratio von 60/40 zwischen Gefühl und Gewissen.

Es geht hier also vorrangig um ein Entkommen, einmal mehr, diesmal allerdings anderer Art als beim Theater: So ist Musik für mich kein soziointellektuelles Bedürfnis, sondern eben, wie gesagt, eher eines meiner emotionalen Vergnügen im stillen Kämmerchen. (Protip: Stilles Kämmerchen wird es überall, wo ich Kopfhörer aufsetzen und abdriften kann 😉 ) Musik entgrenzt und emotionalisiert – interessanterweise NT und Autist zugleich. Insofern ist es auch ein Annäherungsmedium für mich.

Das wäre also soweit meine Sichtweise auf einen kleinen Teil dessen, wie ich erfahre, lerne und lebe. More to come, wie der Engländer sagt, sobald mich die Muse packt.

Best Regards – Stay safe out there!

Zoroaster

Stimming

Ein toller Beitrag zum Thema Stimming im neuen Blog „Neuroqueer“. Der ganze Artikel wird in Form eines Videos erzählt und ist außerdem nachzulesen.

Unbedingt anschauen 🙂

Anna

neuroqueer

Was ist Stimming?

Stimming ist ein englischer Begriff für „selbststimulierendes Verhalten“. Das Wort bezeichnet Dinge, die wir tun, um uns selbst kontrollierte Sinneseindrücke zu verschaffen.

Im Deutschen fehlt ein entsprechender Begriff.

Stimming wird oft als „Herumzappeln“, als „Nervosität“ oder „Unruhe“ fehlinterpretiert.

Es gibt unheimlich viele verschiedene Stims.

Ein paar Beispiele:

  • Im Sitzen hin und her schaukeln
  • Auf Gegenständen oder den Fingern herumkauen
  • Wörter oder Geräusche immer wieder wiederholen
  • Ins Licht blinzeln oder in flackernde Lichter starren
  • Schnippsen oder klatschen
  • Mit den Händen wedeln
  • An Dingen riechen
  • Salz lecken
  • Den Kopf gegen die Wand schlagen
  • Stricken
  • Eine Decke ganz fest um sich wickeln
  • und unzählige weitere Dinge.

Wie ihr seht, gibt es Stims für jeden einzelnen Körpersinn: Für den Gleichgewichtssinn, den Tastsinn, Geruchs- und Geschmackssinn sowie fürs Sehen und Hören.

Viele Stims basieren auf Wiederholung, wie das Schaukeln, Springen oder Blinzeln. Komplexe Tätigkeiten mit viel Wiederholung wie zum Beispiel Häkeln, Stricken…

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