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Dein Sohn ist doch behindert!

Dein Sohn ist doch behindert…

Lange bevor ein Arzt die Diagnose Autismus bei meinem Sohn stellte, hörte ich diesen Satz von einer Mutter. Einer besonders mutigen Mutter, die aussprach, was sich alle schon lange dachten, sich nur nicht wagten, es zu äußern. Auch ich. Trotzdem trafen mich diese Worte wie ein Faustschlag.

Das etwas anders war, ahnte ich nämlich schon lange. Im Grunde schon kurz nach der Geburt, aber spätestens bei der U3, als der erfahrene Kinderarzt meinte, dass mein Sohn nicht auf Geräusche reagieren würde. „Entweder ist er taub, oder….“ Leider ging er kurz darauf in Rente und ich sollte viele Jahre keinem kompetenten Arzt mehr begegnen.

Das Gehör wurde jedoch noch überprüft und man stellte fest, dass mein Sohn erst bei 120 Dezibel eine Reaktion zeigte, aber das Gehör war sonst intakt. So schob ich das komische Gefühl erstmal beiseite und beobachtete und beobachtete, damals hatte ich keine Ahnung von Autismus. Feststellen konnte ich, dass mein Sohn kein glückliches Kind war, er schrie sehr viel und schlief kaum. Nur in seinem Laufställchen war er glücklich. Ich gestehe, dass ich auch an eine geistige Behinderung gedacht habe, denn viel Kontakt konnte man nicht mit ihm aufnehmen, selten sah er mich an. Aber ich beobachtete, wie er mit 8 Monaten mit seinen Legosteinen umging. Fiel eines aus seinem Ställchen, dann griff er danach und weil er mit der geschlossenen Faust nicht mehr durch das Gitter kam, stellte er sich hin und griff dann mit der anderen Hand danach. Geistig behindert sah das nicht aus. Außerdem baute er damit ein Haus. Jeden Tag das gleiche, mit den selben Farben an der selben Stelle.

Auch ansonsten entwickelte er sich normal – nur schien es dennoch eine motorische Ungeschicklichkeit zu geben, denn wenn er lief, lief er, egal was ihm im Weg stand, er lief einfach darüber hinweg. Den neuen Kinderärzten fiel allerdings nichts auf und man fand „alles normal“. Das half, um meine innere Stimme vorerst zum Schweigen zu bringen. Sie muckte allerdings wieder auf, als ich mit meinem Sohn in eine Krabbelgruppe ging und die gleichaltrigen Kinder sich auffällig anders verhielten. Sie sprachen nämlich mit ihrer Mutter, oder zumindest verstanden sie, wenn diese etwas von ihnen wollte. Mein Sohn sprach nicht mit mir (aber er ist ja noch so klein, versuchte ich mich zu beruhigen) und er schaute mich nicht an.

Unruhiger wurde ich wieder, als ich beobachten konnte, wie sich die nur 16 Monate jüngere Schwester entwickelte. Aber auch dafür gab es Erklärungen: „Es ist doch ein Mädchen, die sind immer fitter als die Jungs“. Ja, das sollte es wohl sein.

Dann kam der erste Tag im Kindergarten. Ich mache es kurz: mein Sohn war keine 2 Wochen dort, dann bat man mich, ihn herauszunehmen. Und da fiel zum ersten Mal das Wort „Autismus“, welches ich dann auch beim Kinderarzt aussprach. Da sah ich ihn zum ersten Mal, diesen Blick von Ärzten, wenn man sich wagt, eigenmächtig eine Diagnose auszusprechen. Inzwischen habe ich gelernt, dass man das nicht darf. Man nennt nur die Symptome, aber die Diagnose kommt vom Arzt. Das zu lernen, hat mich mehrere Jahre gekostet, schließlich bin ich, wie ich heute weiß, selbst Autistin und soziale Regeln sind mir zwar inzwischen nicht mehr fremd, müssen aber erlernt werden. Damals jedenfalls war mir nicht klar, dass es automatisch NICHT zu einer Diagnose kommt, wenn man selbst damit ankommt. Jedenfalls war auch damals wieder „alles normal“.

Ja….dann hörte ich zufällig von einer SVE (Schulvorbereitenden Einrichtung) und meine innere Stimme, die zum Glück nie ganz verschwand, riet mir, meinen Sohn dort vorzustellen. Sie beobachteten ihn und ich sah ein Lächeln auf den Lippen der Förderlehrerin, als sie ihn betrachtete. Er spielte mit einem Auto und sprach mit sich selbst und benutzte dabei auch allerlei Fremdwörter – aber ein normales Gespräch konnte man nicht mit ihm führen. Außerdem faszinierten ihn Zahlen, die für ihn „leuchteten“, oder verschiedene Farben hatten. Er legte auch gerne Puzzle, dabei war es egal, ob die Vorder – oder Unterseite zu sehen war. Wichtig war nur, dass man nur EINE Seite sah, war ein Teil falsch herum, erkannte er es nicht und schrie. Jedenfalls bekam er den Platz in der SVE.

Die Förderlehrerin war ein Schatz, sie erkannte schnell, wo die Schwierigkeiten meines Sohnes lagen, sie sah aber auch seine Stärken. Dadurch, dass nur 8 Kinder in der Gruppe waren und neben der Förderlehrerin noch eine Erzieherin, konnten sie auf jedes Kind gut eingehen. Keines der anderen Kinder interessierte sich für Zahlen oder Buchstaben, aber das war egal, mein Sohn durfte sich seine Bücher ansehen und so brachte er sich auch selbst das Lesen bei – eine richtige Interaktion kam nämlich noch immer nicht zustande, obwohl er mehr und mehr zu verstehen schien, wenn auch auf seine Weise. Einmal erzählte die Förderlehrerin, wie sie zu ihrer Kollegin scherzhaft meinte: „Jetzt habe ich aber die Nase voll!“ und mein Sohn daraufhin in ihre Nase schaute und feststellte: „Da ist doch gar nichts drin.“

Auch sonst zeigte sich mein Sohn, sagen wir mal….sprachlich kreativ. Mit der Zeit sammelten sich eine Menge Wörter an, die er sich ausgedacht hatte. Aus Hustenbonbons wurden „Arztbonbons“, aus dem Mundwasser „Gurglung“ und aus dem Rechen ein „Leiterbesen“. Auch sonst fiel seine Kommunikation auf, auch wenn man dafür gut hinhören musste. So fragte ihn ein Arzt aus dem BKH, den ich auf Rat der Förderlehrerin aufsuchte, einmal: „Seit wann hast du denn deine Brille?“ Mein Sohn: „Meine Brille ist grün.“ Ich beobachtete damals die Szene und überlegte gerade, ob der Arzt, wie schon viele davor, es dabei belassen würde, weil ihm schlichtweg nichts aufgefallen ist, als er mich überraschte und weiter fragte: „Ich habe dich aber gefragt, seit wann du deine Brille hast?“ Mein Sohn daraufhin, der schon gemerkt hatte, dass er die falsche Antwort gegeben hat: „Meine Mutter hat auch eine Brille.“ An der Reaktion des Arztes konnte ich feststellen, dass es endlich registriert worden ist – da stimmt etwas nicht!

Mit der Zeit merkte ich, dass mein Sohn immer wieder „auswendig“ gelernte Sätze von sich gab, als hätte er eine Kiste mit lauter Karteikarten und Begriffen und würde bei jedem fallendem Begriff eine Karte mit dem Satz dazu herausnehmen. Bemerkte er aber, dass ein Satz nicht passt, speicherte er es ab. So machte er mit der Zeit immer weniger „Fehler“ und heute, mit 15 Jahren, geschehen sie kaum noch. Im Gegenteil, er ist sogar besonders Sprachbegabt, Latein zählt zu seinen Lieblingsfächern.

Nach der SVE sollte mein Sohn natürlich die Schule besuchen – nur welche? Er konnte lesen, schreiben, bis unendlich zählen, rechnen……aber sich „sozial adäquat verhalten“…nein, das konnte er nicht. Noch einige Jahre später lag er in der Schule noch oft unter dem Tisch, oder zerbrach seine Brille oder den Füller. Daher fiel die Wahl auf eine Förderschule. Ziemlich zeitgleich hatte ich Kontakt mit dem Jugendamt aufgenommen, weil man mir zu einer Therapie in der Autismus-Ambulanz riet und der Kostenträger nun mal das Jugendamt ist. Leider, denn dass damit ein weiteres, leidvolles Kapitel aufgeschlagen wurde, konnte ich nicht ahnen.

Die Psychologin vom JA zweifelte an der Diagnose, nicht nur das, sie warf mir an den Kopf:“Sie haben wohl lieber ein behindertes, als ein hochbegabtes Kind?“ Damit traf sie einen wunden Punkt, denn noch immer hatte ich die Hoffnung, dass sich alles verwachsen würde. So stimmte ich zu, dass mein Sohn nach der Schule in eine Heilpädagogische Tageststätte gehen sollte, (aber nicht ohne mir eine zweite Meinung vom einem Facharzt zu holen, der abermals die Diagnose Autismus stellte) was am Ende jedoch nur eine einzige Quälerei war, denn die anderen Kinder nutzen jede unbeobachtete Minute, meinen Sohn zu schlagen, beschimpfen und zu bespucken. Als ich die Maßnahme beendete, erntete ich nur Unverständnis, niemand wollte hinsehen, was da passiert ist. Nur ich hatte ein Kind, das mir erzählte, nicht mehr leben zu wollen.

Die Förderschule hatte mein Sohn schon nach 6 Wochen verlassen – das Tempo dort war viel zu langsam für ihn. Glücklicherweise hatte er in den ersten zwei Jahren in der Grundschule die Schulspychologin als Klassenlehrerin, die gut mit ihm umgehen konnte. Sie ließ ihn unter dem Tisch liegen, aber auch vor die Tür gehen, wenn er seine Ruhe brauchte. Das änderte sich mit dem dritten Schuljahr, als er eine Lehrerin bekam, die mehr als nur genervt von ihm war. Wieder ging es meinem Sohn sehr schlecht und diesmal bekam er einen Platz in einer Tagesklinik. Dort wurde – nach Kontakt mit dem JA – eine andere Diagnose gestellt, eine „Anpassungsstörung“. Interessant, wie ich heute denke, denn die „Anpassungsstörung“ dauert nun schon  lebenslänglich. Außerdem riet man mir, auf der weiterführenden Schule – ein Gymnasium – erstmal nichts zu sagen. Anders gesagt: man nahm mich nicht ernst.

Aber…ich hielt mich wieder an den Rat des Arztes und es war die schlechteste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Es dauerte nur wenige Tage, bis der erste Anruf aus der Schule kam, mit dem bitteren Vorwurf, wie ich denn mein Sohn ohne Aufklärung dorthin schicken könnte. Zeitgleich ging es meinem Sohn wieder schlechter, wieder kamen Suiziddrohungen. Glücklicherweise bekam er schnell einen Platz in der KJP, wo er über 2 Monate hinweg stationär beobachtet wurde. Danach war klar, dass es Autismus ist. Auf meine Frage, weshalb man die Diagnose nicht in der Tagesklinik gestellt hätte, antwortete man mir: „Die haben ihn ja nur tagsüber gesehen, wir ihn aber rund um die Uhr“. Witzig, denn die gleiche Frage hatte ich auch schon in der Tagesklinik gestellt, weshalb denn die Fachärzte eine andere Diagnose gestellt hätten. Da kam: „Ja, aber sie haben ihn immer nur kurz gesehen, wir aber den ganzen Tag.“

Auch nach der Diagnose lief es auf dem Gymnasium nicht mehr gut. An den Noten lag es nicht, aber das Verhältnis zu den Lehrern war nicht mehr zu korrigieren und auch die Eltern der anderen Kinder fanden es befremdlich, mit dem „Behinderten“, denn der hatte nun auch noch eine Schulbegleitung. Es gab Mütter, die sich bei mir beschwerten, dass mein Sohn Unterstützung bekommt, aber ihres nicht. Wenn ich fragte, ob ihr Kind eine Diagnose hätte, kam:“Nein, aber es ist trotzdem ungerecht“. Die Schulbegleitung machte es nicht besser, denn die Dame schrie auch die anderen Kinder an und regelmäßig gab es Beschwerdebriefe an die Schulleitung.

Mir wurde klar, dass ich meinen Sohn da raus nehmen musste und suchte nach einer Alternative. Das war nicht einfach. Ich war zu diesem Zeitpunkt selbst in der Schule, einer BOS, um mein Abitur nachzumachen und gerade im „Abistress“. Aber mein Sohn ging vor und so klapperte ich mit Hilfe des AKM alle Schulen ab, bis ich endlich eine fand, die sich – mit mehrmonatiger Vorbereitungszeit – bereit erklärte, meinen Sohn aufzunehmen. Auch dort lief zu Beginn nicht alles gut. Mein Sohn wurde mit Essensresten beworfen, ihm ein Stift in der Umkleidekabine in den Po gesteckt, ihm sogar eine Schnur um den Hals gelegt und zugezogen. Aber ich hatte Unterstützung, mein Sohn mittlerweile eine gute Schulbegleitung und diesmal die Schulleitung hinter uns. Es gab viel Aufklärung von Seiten der Schule und mit Unterstützung vom AKM und vom MSDA. Ich kann nicht sagen, dass mein Sohn jetzt voll integriert ist, aber er wird akzeptiert. So wie ich inzwischen akzeptiert habe, dass mein Sohn behindert ist – so wie auch ich es bin.

Ausbeutung von Autisten – auch unter Therapeuten gibt es „schwarze Schafe“

Lieber würde ich über dieses Thema nicht schreiben – die Wunden sind noch frisch und nicht verheilt. Dennoch: ich halte es für nötig, damit nicht ich und jeder andere Autist für sich solche schlechte Erfahrungen machen muss. Wir müssen uns vernetzen und uns gegenseitig schützen.

Ich kenne kaum einen Autisten, bei dem bei der Diagnostik alles gut lief, meistens braucht es mehrere Anläufe, bis man den „richtigen“ Psychiater findet – denn nur diese sind in der Lage, eine Diagnose zu stellen. Häufig werden „Diagnosen“ schon von Lehrern, Erziehern oder sonstigen Menschen vorab gestellt, aber das sind nicht die Fachleute. Dies nur vorab – das könnte auch schon ein Thema für sich sein. Auch nicht alle Psychiater sind auf Autismus spezialisiert, da ist es ratsam, sich wirklich an einen Experten zu wenden. Was auch nicht einfach ist, denn es gibt zu wenige, die Praxen sind voll, eine Wartezeit von einem halben Jahr ist normal. So gesehen, ist die Situation schon nicht einfach.

Aber es kommt noch schlimmer.

Was ist, wenn man dann tatsächlich eine Diagnose hat? Es gibt Menschen, denen es einfach reicht, zu wissen, was mit ihnen los ist Es gibt viele Bücher zu dem Thema und manch einem mag das genügen. Aber was ist, wenn man therapeutische Hilfe benötigt?

Ich kann hier nur von mir schreiben. Ich habe gemerkt, dass ich weitere Hilfe brauche und mir einen „Experten“ gesucht. Jemand, der sich mit Autismus auskennt, so dachte ich und der so auch Weiterempfohlen wird. In Ermangelung auch nur einer einzigen Alternative habe ich mich also in „die Hände“ dieses Therapeuten gegeben. Ich hätte auch ausgeliefert schreiben können, denn das war ich. Nicht nur ich, sondern auch mein Geldbeutel, denn eine Kassenzulassung hatte er nicht.

Wie jeder Autist, der ständig erfährt, dass er „nicht richtig“ ist, so wie er ist, habe ich die vielen Puzzlestücke, die mir schon recht früh die Augen hätten öffnen können, als eine Wahrnehmungsstörung meinerseits eingeordnet. Aber das Unbehagen wuchs und wuchs und bald bin ich nicht mehr alleine zu ihm hingegangen. Erst waren es so Kleinigkeiten, wie beispielsweise, dass ich ihm sagte, dass ich sehr Geräuschempfindlich bin. Beim nächsten Termin kaute er demonstrativ Kaugummi. Als ich ihn darauf ansprach, entschuldigte er sich zwar, stellte aber in die nächste Gruppenstunde – keine 10 Minuten später – Salzstangen auf den Tisch.

Dann wurde ein Ausflug geplant. Auch da erklärte ich im Vorfeld, dass ich nicht nur Geräuschempfindlich bin, sondern auch sehr ungerne in großer Gesellschaft bin – dass ich nicht gerne berührt werde, war, so dachte ich, ihm klar. Der Ausflug ging inmitten durch den Münchner Weihnachtsmarkt. Der Therapeut mit einer weiteren NT ganz vorneweg – zeitweise ganz verschwunden – und ich hatte zum Glück einen anderen Autisten an der Seite, der mich sicher durch das Gewühl brachte. Danach war ich zwei Tage so ausgelaugt, dass ich nicht mehr aus dem abgedunkelten Schlafzimmer gekommen bin. Auch da gab es nur Unverständnis.

Es folgte nun eine Weihnachtsfeier, bei dem eigentlich nur unsere Aspie-Gruppe teilnehmen sollte – aber es kamen noch mehr Menschen, ja, plötzlich war der ganze Verein da. Es wurde getrunken und laut gesungen und ich bin geflüchtet.

Ein paar Monate später gab es eine Reise, vom Therapeuten gebucht. Ich hatte – nach den ganzen Vorfällen davor nicht damit gerechnet, dass meine Grenzen noch weiter ausgetestet werden könnten. Die Reise beinhaltete zunächst eine U-Bahn-Fahrt, im Anschluss eine Fahrt im vollbesetzten Pendlerzug, danach noch eine S-Bahn-Fahrt zum Flughafen. Im Flughafen wurde ich abgetastet, für mich eine furchtbare Situation. Meinen Therapeuten hat es nicht interessiert, er ging kaugummikauend weiter. Dann der Flug – eine Fluglinie, bei der nicht mal die Plätze reserviert sind (das hat mein Mann übernommen, ich hätte niemals neben jemand fremden in dieser Situation sitzen können) und im Anschluss noch eine Taxi-Fahrt. Die Reise war für mich so traumatisch, dass ich vorzeitig abbrechen und mein Mann einen teuren Flug für uns zurück buchen musste. Natürlich gab es auch da kein Verständnis.

Vor meinen Klausuren geht es mir schon 4 Wochen vorher nicht gut. Das trifft es nicht ganz – mir geht es sehr, sehr schlecht. Ich schreibe meine Klausuren auch nur unter Tavor – einmal waren es 3 Tabletten. Eigentlich hatte ich gehofft, dass mein Therapeut mit mir ein Konzept erarbeitet, mit dem ich besser klar komme und nicht nur betäubt mit der Situation zurechtkomme (Was eigentlich auch nicht stimmt, denn die Ergebnisse unter solchen Gegebenheiten kann man sich vorstellen). Aber auch das hat ihn nicht interessiert, er rief nur einmal an, weil ich ihm in einer anderen Sache helfen sollte. Erschöpft wollte ich abwiegeln, aber er ließ mir keine Ruhe.

Dann gab es noch ganz unangehme Dinge, die ich aber nicht vertiefen möchte. Nur einen Vorfall möchte ich noch erwähnen. So erzählte der Therapeut, wie ein anderer Autist sich „aufgeführt“ hat und er ihn mal „zusammenscheißen“ musste. Er ist eben auch nur ein Mensch, nicht immer nur Therapeut. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er, er hätte nur von sich erzählt. Er hat gar nicht verstanden, was er da geäußert hat…

Ich weiß, dass auch andere Autisten mit ihm negative Erfahrungen gemacht haben, aber ich denke, es ist besser, wenn sie für sich sprechen.

Ich finde es schlimm, dass es solche Therapeuten gibt. Wir Autisten, die oft so ehrlich und naiv sind, können uns gar nicht vorstellen, dass sich jemand als „Experte“ ausgibt, wenn er es nicht ist. Wenn wir nicht klar kommen, muss es wohl an uns liegen.

Was wir brauchen, sind mehr richtige Autismus-Experten. Experten, die auch von uns Autisten geschult werden, denen wir einen Einblick auf unsere Sicht der Dinge geben können, damit solche Sachen nicht immer wieder passieren.

 

Bea stellt sich vor

Es ist für mich gar nicht so einfach, mich vorzustellen, wenn man bedenkt, was sich der Andere „vorstellt“ bei meinen Worten. Aber ich will  versuchen, über mich einen kleinen Einblick zu geben.

Ich bin hier bei Autland „gelandet“, weil ich Asperger Autistin bin. Offiziell bin ich das noch nicht lange, wenn man bedenkt, dass ich schon 39 Jahre alt bin. Die Diagnose habe ich erst nach unzähligen Arzt/Psychologen/Psychiater-Besuchen und nach geschätzten 3 Jahrzehnten erhalten. Hätte ich nicht auch einen autistischen Sohn, hätte ich sie wohl nie bekommen, denn erst durch ihn habe ich immer mehr eine Idee bekommen, was mit mir los ist.

Dazu habe ich noch 4 weitere Kinder (eines ist im Grunde kein Kind mehr, denn ab 18 Jahren zählt man ja als Erwachsener) und einen Mann, mit dem ich seit 13 Jahren zusammenlebe (wer rechnen kann, dem ist gerade etwas aufgefallen 🙂 ) und der mich so nimmt, wie ich bin.

Nach „außen“ bin ich nicht sonderlich auffällig, was wohl daran liegt, dass eines meiner Spezialinteressen das menschliche Verhalten ist und ich es schon seit ich denken kann analysiert habe. Schon im Kindergarten ist mir aufgefallen, dass sich die anderen Kinder anders verhalten haben und mit der Zeit habe ich immer mehr gelernt, mich anzupassen, besser gesagt zu „kopieren“. Jeder Verhaltenstherapeut wäre erfreut über mich und ich habe im Laufe des Lebens auch viele Komplimente bekommen, wie positiv ich mich doch verändert hätte. Schön, dass es den Leuten gefällt, aber für mich ist das immer mehr zur Qual geworden. Ich verlasse kaum noch die Wohnung – manchmal wochenlang nicht – weil mich diese Anpassung mittlerweile so anstrengt. Eine Alternative wäre wohl, mich nicht mehr anzupassen – aber ob dann noch jemand etwas mit mir zu tun haben möchte? Das ist auf jeden Fall eine Sache, die mich noch eine ganze Weile begleiten wird.

Ansonsten bin ich sehr gerechtigkeitsliebend. Was wohl auch dazu geführt hat, dass ich, nachdem ich das Abitur auf einer BOS inmitten lauter ca. 20-Jährigen Mitschüler nachgeholt habe (auch eine Zeit, die mich sehr geprägt hat) mit dem Jura-Studium begonnen habe. Dies studiere ich noch immer, allerdings bin ich inzwischen nicht mehr glücklich damit. Mein Ziel war es immer, mich für benachteiligte Menschen einzusetzen – das hat nicht viel mit Jura zu tun. Aber mein Ziel werde ich trotzdem weiter verfolgen, wenn auch möglicherweise mit anderen Mitteln. Mein Traum ist es, eine Begegnungsstätte für uns Asperger-Autisten zu schaffen, mit ganz vielen verschiedenen Möglichkeiten, wo es Hilfe und Beratung gibt, aber auch Gruppen, in denen man ganz ungezwungen diskutieren, kochen, basteln und sonstiges machen kann. Möglicherweise auch mit einem Café, in dem wir Autisten uns wohl fühlen könnten.

Zurzeit brauchen mich meine Kinder noch, auch wenn sie immer selbstständiger werden. Am meisten Unterstützung benötigt allerdings noch immer mein 15-Jähriger Sohn, der inzwischen, nach mehreren Schulwechseln, die 9. Klasse eines Gymnasiums besucht – mit Schulbegleiter. Auch für ihn ist es mir wichtig, Aufklärung zu leisten und zu „dolmetschen“. Mir wird immer wieder klar, dass sich viele NT´s genauso wenig in unsere Welt hineinversetzen können, wie wir in ihre, wobei ich inzwischen schon ganz gut in „NT-Sprache“ bin (was als Nebenwirkung aber dazu führt, dass Autisten Probleme mit dem Verständnis haben). Mein Sohn allerdings spricht „autistisch“ pur, was einerseits sehr schön ist, aber wiederum zu Missverständnissen mit NT´s führt.

Ich merke schon, ich könnte noch einen Roman schreiben :-). Ich werde einfach von Zeit zu Zeit mehr aus meinem Leben berichten und ich bin auch offen für Anregungen, z.B. freue ich mich immer sehr, wenn Mütter von autistischen Kindern um „Übersetzung“ bitten. Es ist nicht schlimm, wenn man sein Kind nicht immer versteht und dies auch offen zu sagen, finde ich anerkennungswert. Ich kenne inzwischen einige NT´s, die durch Autisten wie mich schon sehr gut „autistisch“ gelernt haben. Eine gemeinsame Sprache wird es wohl nicht geben – aber einander zu verstehen und zu akzeptieren, das wäre schon ein großer Schritt.

 

 

Lisas Glück und Unglück

Was bedeutet für Lisa Glück?

Glück ist wohl ein dehnbarer Begriff. Ich bin dann glücklich, wenn es mir psychisch gut geht und physisch mindestens auch halbwegs. Das kann ein kurzer Moment sein inmitten einer depressiven Episode, es kann aber auch sein, dass sich dieses Glücklichsein über mehrere Tage hinzieht. Wochenlang war ich noch nie an einem Stück vollkommen glücklich. Irgendwann passiert immer irgendetwas, was mich mindestens einen kurzen Moment betrübt, verängstigt oder traurig macht. Wenn ich wollte, könnte ich mein Glück mit einer Skala von -2 bis 2 messen, wobei -2 für „unglücklich“, -1 für „eher unglücklich“ steht und das ganze eben in die positive Richtung noch einmal. Ich denke, das wäre angemessen. Heute beispielsweise befände ich mich auf dieser Skala bei +1, denn es ist Sonntag, ich habe nicht zu lang oder zu kurz geschlafen, ich weiß, dass es heute Abend etwas Leckeres zu essen gibt, im Haushalt ist nicht viel zu erledigen, das gestern geklebte Puzzle müsste trocken sein und wir können endlich den Couch-Tisch mit dem Puzzle wieder aus der Küche holen, wo er die Katzen davor bewahren sollte, nachts über das Puzzle zu trampeln. Ich habe morgen nicht viele Erledigungen, denn fast alles habe ich am Freitag abhaken können. Ich muss nur für die kommende Woche einkaufen und einen Termin telefonisch vereinbaren. Mein Lohn vom März wird morgen oder am Dienstag kommen und ich muss keine Angst davor haben, zu einer ungeliebten Arbeit gehen zu müssen, denn ich wurde gekündigt. Dies ist allerdings gleichzeitig ein besorgniserregender Faktor, da derzeit beruflich vieles wieder so ungewiss für mich ist. Ungewissheit mag ich nicht. Diese Situation macht mich nervös, bereitet mir Stress und lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Daher ist es heute nur eine +1 und keine +2.

 

Was macht Lisa unglücklich?

Wie oben schon erwähnt, mag ich keine Ungewissheit. Die kurze Ungewissheit, was in dem Paket, das mir meine Mutter geschickt hat, wohl drin sein könnte, ist dagegen angenehm. Schließlich erfreut es mich ja, dass sie mir etwas schickt und an mich denkt. Allein die Tatsache, dass sie mir etwas geschickt hat, macht mich unendlich glücklich. Der Inhalt sind dann viele viele sogenannte „i-Tüpfelchen“. Oh, es geht ja darum, was mich unglücklich macht.

Ich bin unglücklich, wenn ich depressiv bin. Ich bin häufiger depressiv, denn die Auslöser können noch ganz klein und unbedeutend sein – mein Gehirn schafft es trotzdem, mich so tief hineinzuziehen, dass ich vorerst für alles unbrauchbar bin. Es macht mich unglücklich, wenn ich wegen der Depressionen nicht schlafen kann. Wenn ich nicht rechtzeitig schlafen kann oder oft aufwache und nicht mehr einschlafen kann, bringt mich das aus meiner Routine und es macht mich sehr unglücklich, wenn ich meinen Routinen nicht nachgehen kann. Ich bin unglücklich, wenn es einer meiner zwei Katzen nicht gut geht. Das war vor einem Jahr und einem Monat der Fall als mein Kater frisch zu uns gezogen ist. Wir haben ihn bei einer Katzenhilfe adoptiert und vorher hat er auf Gran Canaria auf der Straße gelebt. Von dort hat er einen Virus mitgebracht, der meiner recht anfälligen Erstkatze direkt zugesetzt hat. Sie hat sich plötzlich nicht mehr geputzt und binnen zweier Tage, also genauer gesagt über Nacht, haben sich ihre Schleimhäute abgelöst und sie konnte nichts mehr trinken, da ihre Zunge so schmerzte. Auf dieser hatten sich auch noch zwei Blasen gebildet. Natürlich waren wir sofort beim Tierarzt, wo wir unser gesamtes Gespartes gelassen haben um die Miez wieder gesund zu machen. Jetzt sitzt sie auf ihrem Kratzbaum und sieht zum Fenster hinaus, also alles wieder gut. Wenn meine Katzen leiden, leide ich vermutlich mindestens doppelt so sehr. Es macht mich unglücklich, dass ich nicht weiß, in welchem Beruf ich gut aufgehoben sein könnte. Ich habe einen Beruf gelernt, aber der ist definitiv der Falsche. Ich habe in einem anderen Beruf gearbeitet, aber da war der zwischenmenschliche Kontakt viel zu intensiv. Nun möchte ich in die Wege leiten, dass ich mich in verschiedenen Praktika ausprobieren kann, bevor ich etwas Neues, Langfristiges beginne. Es macht mich nämlich auch unglücklich, Dinge nicht zu Ende bringen zu können. Wenn ein Arbeitsverhältnis aber unbefristet ist, wo ist dann das Ende? Beim Rentenantritt? So lange kann ich in einem Beruf nicht unglücklich bleiben, also muss man es abbrechen. Das gefällt mir absolut nicht. Es macht mich unglücklich, wenn fremde Menschen unfreundlich und gemein zu mir sind. Das sind sie häufig, aber ich nehme es mir mehr zu Herzen als viele andere Menschen. Für mich ist es ein wenig ein persönlicher Angriff, wenn mir durch die Tür eines Geschäfts Leute entgegenkommen, die absichtlich keinen Platz für mich machen, sodass ich schnell zur Seite springen muss um mit ihnen nicht zu kollidieren. Oder angerempelt werden. Ich werde wirklich unheimlich oft angerempelt. Bin ich vielleicht einfach jemand, den man gern angerempelt? Mir macht es jedenfalls keinen Spaß und ich fühle mich angegriffen und nicht Ernst genommen. Menschen, die man achtet und schätzt, rempelt man nicht an. Man passt auf, dass man sie nicht unangemessen berührt oder ihnen Schaden zufügt. Ich achte erst einmal alle Menschen, denn ich kann mir gar kein Urteil über sie bilden, wenn ich sie zum ersten Mal sehe und gar nicht persönlich kenne. Also werden sie von mir nicht angerempelt. Ich werde aber angerempelt, also achten und schätzen sie mich nicht? Das ist einfach nur unfreundlich und gemein.

Auch sonst macht es mich unglücklich, wenn ich nicht Ernst genommen werde. Das passiert mir auch oft. Manchmal gibt es Missverständnisse, weil mein Denkverhalten ein anderes ist als das der meisten Menschen. Manchmal denke ich um etliche Ecken und komme zu einem vollkommen unsinnigen Ergebnis, wo doch das richtige Ergebnis angeblich sehr offensichtlich ist. Manchmal denke ich auch viel zu direkt und logisch an Stellen, an denen es von Nöten ist, weiter zu denken und andere Faktoren zu berücksichtigen, die für mich gar keine Rolle spielen. Wenn ich dann eine merkwürdige Antwort gebe oder etwas anderweitig Seltsames sage, hält man mich scheinbar gern für naiv und etwas dümmlich. Dafür kennen die Menschen zwei verschiedene Blicke: Der eine ist bemitleidend, von oben herab, als würden sie einem Hundewelpen zusehen, der sich gerade ganz unbeholfen fortbewegt. Der andere ist arrogant, etwas fassungslos, die Augenbrauen sind weit oben, ein angedeutetes Lächeln mit dünnen Lippen, als wollten sie sagen „Meine Güte, was hat die denn für einen Dachschaden?“ Diese Blicke machen mich auch unglücklich.

 

Was macht Lisa glücklich?

Ich wage zu behaupten, dass man mich leicht glücklich machen kann. Ich freue mich über jede noch so kleine Aufmerksamkeit, ob ideell oder materiell. Andere glauben manchmal gar nicht, dass ich mich über etwas freue, weil ich nicht die typischen Geräusche und Sätze von mir gebe, wie „Ohh, das ja soo toll! So etwas habe ich mir schon lange gewünscht. Damit kann ich endlich dies und jenes tun. Wow, wie aufmerksam du doch bist!“ oder nicht sonderlich erstaunt, überrascht, freudig aussehe. Meine Mimik ist recht begrenzt und ich freue mich nicht nach außen, sondern nach innen.

Wahrscheinlich freue ich mich wesentlich ausgiebiger als viele andere Menschen, nur sieht man es mir nicht an. Das hat in meiner Kindheit und Jugend oft zu Missverständnissen und Ärger geführt, wenn mir etwas wirklich unheimlich Tolles geschenkt wurde, worüber ich mich aber leider nur nach innen gefreut habe. So bekam ich beispielsweise einen eigenen, teuren Laptop, der für mich von unbeschreiblich großem Wert war. Mit so einem Geschenk hätte ich nie gerechnet und noch lange Zeit später konnte ich mich noch so sehr über dieses Geschenk freuen, als hätte ich ihn gerade eben erst bekommen. Da ich darauf aber nur mit einem „Ui, danke.“ reagierte, dachte man, ich würde mich darüber nicht freuen und empfände es als selbstverständlich, ein so teures Geschenk zu bekommen. Das gehört eigentlich zu den Dingen, die mich unglücklich machen: Wenn geliebte Menschen traurig oder enttäuscht sind, weil es mir an Möglichkeiten des Ausdrucks meiner Gefühle mangelt.

Mich machen meine Katzen glücklich. Sie sind aufdringlich, faul und gefräßig, besitzergreifend und wahre Trampeltiere. Sie haben keinerlei Verständnis für meinen Schlafrhythmus und sind recht erfolgreich darin, in Partnerarbeit Schränke und Schubladen zu öffnen um diese dann auszuräumen auf der Suche nach Futter und Spielzeugen, wie Kopfhörern und Taschentüchern. Aber sie sind für mich nicht weniger Wert als anderer Menschen eigene Kinder.

Mich macht es glücklich, wenn ich mich meinen Lieblingsaktivitäten hingeben kann. Ich lese gern, spiele am PC, an Konsolen, ich sehe Serien und Filme, ich schreibe, ich belese mich gern über spezielle Themen, die mich interessieren. Ganz vorn dabei: Psychologie und Forensik. Andere Lieblingsthemen wie Science-Fiction und Fantasy finden sich eher beim Lesen, in den Serien und Filmen und beim Zocken wieder. So geht für mich viel Zeit in einem MMORPG drauf oder auch in diversen anderen Spielen. Es macht mich glücklich, wenn alles so läuft, wie ich es geplant und mir vorgestellt habe. Ich bin glücklich, wenn ich weiß, dass es den Menschen, die ich liebe, gut geht und sie insgesamt zufrieden sind. Schönes Wetter macht mich ebenfalls glücklich. „Schön“ bedeutet für mich aber nicht Sonnenschein und 30°C im Schatten, sondern Wind, Regen, Nässe, Kälte, Schnee, Nebel, Dunkelheit und manchmal auch Gewitter. Temperaturen bis zu 15°C sind für mich in Ordnung, am liebsten sind mir aber wesentlich geringere. Bei solchem Wetter fühle ich wohl, da kann ich mich dick anziehen, da muss man nicht schwitzen.

 

Lisa Ende

Lisa verlässt die Wohnung

Noch ein letztes Mal atme ich tief durch. Gerade überprüfte ich meine Tasche auf die Vollständigkeit aller benötigten Utensilien. Es ist alles drin, was ich brauchen werde. Das heißt, nichts hält mich mehr davon ab, mein zu Hause, meinen eigenen Ruhepunkt, zu dem nur der Zugang hat, dem ich es gestatte, genau jetzt zu verlassen. Mein Magen zieht sich zusammen, ich zittere und mir wird eiskalt, obwohl die Außentemperatur heute bei 20°C liegt.

Wackeligen Schrittes trete ich zur Tür hinaus und werfe noch einen letzten Blick in mein Heim. Meine Katze schaut mir neugierig hinterher, denn diesen Weg geht sie nie. Sicher wäre es uns beiden ganz recht, wenn wir die Rollen tauschen könnten. Sie geht nach draußen in diese verwirrende Welt voller unvorhersehbarer Reize und ich genieße die Ruhe und die Vertrautheit meiner gewohnten Umgebung. So soll es für uns aber nicht laufen, also winke ich meiner Katze zum Abschied zu, während ich ihr ein ganz leises „Bis dann!“ zuflüstere – extra leise, damit mich die Nachbarn nicht für verrückt halten – und schließe die Tür hinter mir.

Ich richte mit dem Fuß die Türmatte, sodass sie wieder parallel zur Tür liegt und gehe auf die erste Treppe zu. Es sind viereinhalb Treppen, die ich hinuntersteigen muss. Die ganzen Treppen haben acht Stufen, die unterste halbe Treppe hat nur drei. Deswegen ist sie eigentlich gar keine halbe Treppe, sondern eine drei Achtel Treppe. Sie hat nur 37,5 Prozent der Stufen, die die anderen Treppen haben. Wäre die Treppe Teil einer Fantasy-Welt und wäre ihr Vater ein Mensch und ihre Mutter eine Elfe, wäre sie ein Halbelf – sogar nur mit 37,5 Prozent-Anteil einer Seite. So ist sie leider nur ein kurzes Stück Treppe, auf der täglich etliche Menschen mit ihren dreckigen Schuhen herumtrampeln. Dumm gelaufen.

Jedenfalls gehe ich die Treppen hinunter. Ich habe meistens das gleiche Tempo und meine Schritte sind gleichmäßig. Meine Beine fühlen sich wackelig an und ich werde zunehmend nervöser. Von dieser Nervosität versuche ich oft abzulenken, indem ich mir Gedanken über verschiedene Dinge mache, wie beispielsweise diese 37,5 Prozent-Treppe, die ein Halbelf hätte sein können, es jedoch nicht ist. Ich habe bereits fast das Ende der zweiten Treppe erreicht, da überkommt mich ein beißender Geruch. Großartig, die Nachbarn missbrauchen mal wieder das Treppenhaus zur Zwischenablage ihrer Küchenabfälle. Während ich mir durch den Kopf gehen lasse, wie angenehm es mir wäre, wenn das ganze Haus unter dem Gestank meiner Abfälle leiden müsste, nehme ich die die letzten beiden Treppen in Angriff.

Am Ende der letzten ganzen Treppe angekommen, sehe ich meinen Briefkasten. Genau genommen sehe ich, dass der Postbote schon wieder meine abonnierte Zeitschrift in der Mitte gefaltet und in den schmalen Schlitz gestopft hat. Mit einem Seufzen schließe ich den Kasten auf und versuche meine geschätzte Zeitschrift vorsichtig zu entfernen. Es ist mir kaum möglich, dies zu tun, ohne ihr weh zu tun. Bei besonders schweren Fällen dieser Art überkommt mich immer eine Operations-Assoziation. Verletzte ich während des Eingriffes versehentlich den Patienten, verspüre ich eine Art Mitgefühl für ihn, der unter der Aggression seines Angreifers und meiner beruflichen Unfähigkeit leiden muss. Ich zweifle die Wahl meines Berufes an und spiele mit dem Gedanken, einer dieser Ärzte zu werden, die sich unter dem Leistungsdruck ihrer Arbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Selbstmedikation entschieden. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich ja gar kein Medizin-Studium hinter mir habe und es derzeit auch nicht in Erwägung ziehe. Angesichts meiner Leistungen im Entfernen von Wissens-Magazinen aus dem Briefkasten, wäre diese Überlegung ohnehin ziemlich fahrlässig. Zumindest im chirurgischen Bereich.

Dieser kurze Moment, in dem ich eine drogenabhängige, überarbeitete Chirurgin in den 40er Jahren war, lies mich doch tatsächlich einen Moment lang vergessen, dass ich etwas wesentlich Anstrengenderes vor mir habe: das Verlassen der Wohnung.

Ich platziere meine Zeitschrift also so, dass sie geschützt ist vor weiteren Gräueltaten, schließe den Briefkasten und widme mich der Halbelfen-Treppe. Unten angekommen öffne ich die Tür. Eine olfaktorische Druckwelle frisch und mit zu viel Weichspüler gewaschener Wäsche rollt über mich hinweg. Eigentlich mag ich diesen Geruch, aber die Kleidungsstücke aus denen er hervortritt, sind nicht meine. Das heißt, ich atme fremde Kleidung ein, die sich vor Kurzem und sicher regelmäßig an fremden Körpern befand. Ihgitt.

Ich setzte meine Sonnenbrille auf, bevor dieses Ungetüm von Sonne die Chance hat, meine Netzhäute zu verbrennen – ein gar nicht allzu unangenehmer Gedanke. Das Verbrennen selbst natürlich schon, aber die daraus resultierende Blindheit stelle ich mir das ein oder andere Mal recht beruhigend vor, wenn ich bedenke, wie viele optische Reize mich täglich aus der Fassung bringen. Andererseits würde das bedeuten, nie wieder am PC zu spielen, nie wieder Filme und Serien zu sehen, nie wieder die flauschigen kleinen Bäuche meiner Katzen zu sehen, während ich sie streichle und nie wieder den unendlich dümmlichen Gesichtsausdruck meiner Katze zu sehen, wenn sie mal wieder aus unerklärlichen Gründen mit offenem Mund in der Gegend herumsteht und mich anstarrt. Das wäre keineswegs vertretbar, also bewahre ich mein Augenlicht vorerst noch und gehe in Richtung Fußweg.

Es ist fürchterlich. Es riecht nach dem Klärwerk, das sich nicht weit von meiner Wohnung entfernt befindet, nach den Abgasen der hunderten (oder sogar tausenden?) von Autos, die täglich über die Hauptverkehrsstraße fahren, die sich direkt an meiner Wohnung befindet, es riecht nach dem Erbrochenen dieser armen Seelen, die es für notwendig halten, sich am Wochenende all ihrer Hemmungen und ihrer Scham zu entledigen mit Hilfe ihres treuen Freundes, dem Alkohol. Ich wende mich zur rechten Seite. Dort muss ich entlanglaufen. Geradeaus, rechts um die Ecke, weit gerade aus, nochmal rechts und dann scharf links. Nachdem ich meinen Weg, den ich so oft gehen muss, gedanklich und in Sekundenschnelle durchdacht habe, gehe ich los.

Zu meiner Rechten befindet sich eine Postfiliale. Wie ich durch die großen Glasfronten sehe, ist die Warteschlange lang. Ein Mann stürmt heraus, seine Körperhaltung ist recht versteift, seine Hände deuten Fäuste an, der Kopf ist gesenkt, der Oberkörper nach vorn geneigt, er rennt mich fast um. Aha, er scheint wohl wütend zu sein! Wahrscheinlich dauerte es ihm zu lange oder der Versand kostete 10 Cent mehr als er dachte. Ich weiche zurück, er entschuldigt sich nicht, ich sage nichts und gehe weiter. Ein wahrer Sympathieträger, der Herr.

Ich erreiche die Ecke, um die einige Menschen so gern herum rennen oder mit voller Geschwindigkeit mit dem Fahrrad fahren, ohne ihre Augen aufzumachen, ob nicht eventuell Gegenverkehr vorhanden ist. Heute jedoch habe ich Glück – kein mordlustiger Radfahrer in greifbarer Nähe. Vor mir liegt ein langer Fußweg. Bis zur Kreuzung muss ich gehen und dann rechts abbiegen. Die Lautstärke des Straßenverkehrs ist hier unerträglich. Motorengeräusche, quietschende Reifen, laute Hupen, Rufe und Unterhaltungen, eine Horde Jugendlicher, die mir entgegenkommt, allen verfügbaren Platz einnehmend. Ich dränge mich an die Seite, damit mich keiner von ihnen berührt, während sie in ihrer unveränderten Formation vorbeigehen. Weiter geht’s.

Kurz vor dem Friseursalon, aus dem ein unfassbar ekliger Geruch tritt, liegt ein brandneuer Hundehaufen. Damit befinden sich auf dem kurzen Abschnitt dieser kilometerlangen Straße insgesamt drei Hundehaufen. Wäre ich ein Hund, wollte ich mein Geschäft sicher nicht hier verrichten. Aber wahrscheinlich haben sie gar keine andere Wahl. Die nächste Grünfläche liegt einige Minuten zu Fuß entfernt hinter dem Klärwerk. Für die meisten Hundebesitzer, die in dieser Gegend wohnen, wäre das ein unzumutbarer Gewaltmarsch. Sie gehen lieber mit ihrem Hund einmal ihre Straße entlang und dann wieder zurück. Das habe ich schon oft beobachten müssen. Diese armen Tiere.

Ich gehe weiter und weiter. Menschen kommen mir entgegen und sehen mich an – die einen länger, die anderen nur flüchtig. Normalerweise sehe ich den Menschen nicht ins Gesicht, denn ihre Gesichter sind für mich nichtssagend. Ich erkenne nicht, ob ein anderer Mensch traurig ist oder fröhlich, enttäuscht oder sauer. Ich brauche eindeutige Signale, die ich zuordnen kann, doch fast immer ist es so, dass es Feinheiten sind, die man erkennen muss. Nicht jeder, der traurig ist, weint. Nicht jeder der wütend ist, schnauft laut mit hochrotem Kopf und Mundwinkeln, die den niedrigsten Punkt im Gesicht darstellen. Nicht jeder, der fröhlich ist, lächelt breit, pfeift ein beschwingtes Lied oder tanzt umher. Deswegen weiß ich nur selten, was in anderen Menschen vor sich geht.

Ich bin am Ende dieses Abschnittes der Straße angekommen und biege rechts ab. An der Ecke befindet sich die Eingangstür zu einem Bäcker. Auch hier nehme ich den Geruch so intensiv wahr, wie es vielen anderen Menschen wahrscheinlich nur möglich wäre, wenn sie ihre Gesichter in einen heißen, mit Brötchen gefüllten Ofen stecken und tief einatmen würden. Genau so fühlt es sich für mich an, wenn sich die Wärme der Öfen mit dem Geruch der backenden Brötchen durch die offene Tür drücken.

Noch ein paar Meter, dann kommt der Punkt, an dem ich scharf links einbiegen muss, denn ich muss die Treppe hinunter zur U-Bahn nehmen. An meinem Magengefühl hat sich bislang wenig geändert. Meine Beine sind nach wie vor wackelig, mir ist heiß, weil ich die Wärme nicht ertrage, mir ist kalt, weil ich Angst habe. Ich habe Angst, dass etwas Unvorhersehbares geschieht, etwas das ich nicht planen kann, dass ich angesprochen werden könnte von einem fremden Menschen oder sogar von einem Menschen, den ich kenne. Ich fürchte mich vor flüchtigen Berührungen, vor unangenehmen Gerüchen, vor lauten und schrillen Geräuschen, vor dem Platzmangel in der U-Bahn, den ständigen Verzögerungen, vor Blicken anderer Menschen, Blicke die ich nie verstehen werde. Würde ein anderer Mensch, der nicht so ist wie ich, einer Person gegenüber sitzen, die sich eine blickdichte Strumpfhose über den Kopf gezogen hat, würde er mehr aus deren Gesicht herauslesen können als ich es bei einem Menschen ohne Strumpfhose je können werde.

Auf den Treppen hinunter zur U-Bahn kommt mir eine angenehme Kälte entgegen. Und mit ihr der stechende Geruch von Urin. Mittig dieser Stadt riecht es scheinbar nahezu überall nach Urin und Erbrochenem. Ist das in allen Großstädten so oder können nur die Bürger dieser Stadt ihre Körperflüssigkeiten nicht bei sich behalten? Nach ein paar weiteren Schritten erwartet mich noch eine Rolltreppe nach unten. Man kann aber auch die Treppe nehmen. Ich mache das davon abhängig, wo die wenigsten Menschen sind. Meistens ist das die normale Treppe, denn Menschen drängen sich lieber aneinander gepresst auf eine Rolltreppe statt ein paar Schritte ohne sonderliche Mühe auf einer normalen Treppe zu tun. Heute nehme ich die Treppe, denn die Rolltreppe ist mir zu voll. Unten angekommen gehe ich weit nach hinten, wo ich am meisten Abstand zu den anderen habe. Heute ist Montag, das heißt ich setze mich lieber nicht auf eine Bank, also bleibe ich stehen.

Gerade sehe ich auf meine Uhr, da kommt schon die U-Bahn eingefahren. Es trifft mich heute gar nicht so übel, die U-Bahn ist nur mittelmäßig gefüllt. Während ein Teil der U-Bahn an mir vorbeifährt, sehe ich schon hinein um eventuell einen einzelnen Sitzplatz zu bekommen. Es sind leider nur Plätze in Vierer-Sitzgruppen frei, da kann ich nicht sitzen. Wenn ich nicht allein unterwegs bin, wäre ein solcher Platz in Ordnung, aber wenn ich mich allein auf einen solchen Vierer-Platz setze, besteht die Gefahr, dass sich Menschen zu mir setzen. Sie kommen mir zu nah, sprechen mich vielleicht an. Am Fenster kann ich erst Recht nicht sitzen, dann da könnte der Ausgang blockiert werden und ich müsste jemanden ansprechen, ob ich herausgelassen werde. Dabei könnte ich zu laut, zu leise sprechen, einen falschen Ton anschlagen, zu schnell oder zu langsam sprechen. Egal welchen Fehltritt man sich erlaubt, sie bemerken es. Also lasse ich zuerst die anderen aussteigen, gehe dann hinein und bleibe ich lieber nahe der Tür stehen.

Um meinen heutigen Weg zu erledigen, muss ich nur drei Stationen fahren. In den zwei dazwischenliegenden Stationen steigen selten viele Menschen ein, aber da wo ich aussteigen muss, ist immer sehr viel los, denn dort kommen sämtliche U-Bahnen, die in dieser Region fahren, im Minutentakt vorbei. Zusätzlich fahren oberirdisch viele Busse und Straßenbahnen zu fast jeder Tages- und Nachtzeit. Die Zeit in der U-Bahn ist schnell vorüber. Ich steige aus und beginne, mich an den Menschenmassen vorbeizuschlängeln. Sie stehen einzeln, in kleinen und in großen Gruppen, am Rand und mitten im Weg, sie gehen schnell, langsam oder rennen, sie schleichen und schlafen fast beim Gehen ein, sie bleiben abrupt stehen, bewegen sich plötzlich und unvorhersehbar, wechseln ihre Richtung, nehmen dabei keinerlei Rücksicht. Dazu kommen unzählige verschiedene Gerüche, wie ein soeben gekaufter Döner eines Grundschülers, das aufdringliche Parfüm einer Jugendlichen, der unhygienisch-muffige Geruch einer ungepflegten Frau, das Putzmitteln des Mannes, der gerade die Mülltüten erneuert, der Obstgeruch eines Verkaufsstandes, die Backwaren aus dem Geschäft daneben. Die Geräuschkulisse ist ebenfalls nicht zu unterschätzen: alle möglichen unterschiedlichen Stimmen in ganz verschiedenen Lautstärken, Klingeltöne diverser Handys, eine Durchsage am Gleis nebenan und eine weitere in der Etage darunter, das Geraschel von Plastiktüten, ein schreiender Säugling, die Schritte dieser ganzen Menschen. Es ist ein einziges Chaos. Ich bekomme Kopfschmerzen, mein Gehirn fühlt sich an, als würde es gleich platzen unter dem Druck der endlos vielen Reize, die es einfach nicht alle gleichzeitig verarbeiten kann.

Gerade suche ich meine Ohrstöpsel, die ich immer dabei habe, aus der Tasche, da komme ich an einen engen Durchgang, der zur rechten Seite von einer Steinwand und zur linken Seite von einer Menge wirr herumstehender Menschen gebildet wird und es kommt mir eine ältere Frau mit viel Gepäck entgegen. Von Weitem sehe ich sie und schaffe Platz, damit sie ungehindert vorbeikommt. Da lächelt sie mich im Vorbeigehen an und sagt in einem wirklich erfreutem Ton: „Vielen lieben Dank!“

Oft werde ich angerempelt, beschuldigt und bösartig angesehen, da ist ein ernst gemeintes Dankeschön einer liebenswerten, freundlichen Person redensartliches Gold Wert. Diese seltenen netten Menschen, die plötzlich inmitten einer riesigen hektischen Mengenmenge auftauchen und einfach mal nur freundlich sind, erscheinen so unheimlich überraschend, dass ich nie weiß, ob ich etwas sagen oder tun soll und wenn ja, was. Sie machen mir Platz, halten mir eine Tür auf, lassen mich mit zwei Artikeln an der Kasse vor, bedanken sich, wenn ich das gleiche für sie tue.

Es ist doch seltsam, dass ein für mich so anstrengender, Furcht erregender Tag, der scheinbar erst dann angenehmer werden soll, wenn ich mich nach allen Erledigungen wieder in meiner Wohnung befinde und mich vollkommen erledigt und müde hinlegen kann, durch eine so winzig kleine Geste einer vollkommen fremden Person, die ich vielleicht nie wieder sehe, um ein Vielfaches angenehmer werden und mir ein kurzes Gefühl von Glück geben kann, an das ich den ganzen Tag immer wieder zurückdenken kann um wieder ein wenig mehr Antrieb für die nächste Hürde zu erhalten.

Lisa