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Tipps für barriereärmere Veranstaltungen

Wir müssen immer wieder mal erklären, auf welche Weise Veranstaltungen für Autist_innen (speziell, aber auch für Leute mit anderen Behinderungen) zugänglich(er) gemacht werden können. Wie Menschen mit anderen Behinderungen und ohne Behinderungen auch, haben wir ein Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Hier darum eine kleine Sammlung von Tipps, wie ihr eure Veranstaltung barriereärmer gestalten könnt.

  • Informationen! – Das ist so wichtig! Kommuniziert in euren Ankündigungen aktiv und so genau wie möglich die Bedingungen vor Ort und welche Maßnahmen ihr ergriffen habt, um die Veranstaltung zugänglich(er) zu machen (und auch, welche nicht!). Wartet nicht darauf, dass Leute danach fragen, es ist eure Verantwortung. Es tut nicht weh dafür einen eigenen, leicht auffindbaren Menüpunkt auf eurer Seite einzurichten. Informiert über den Veranstaltungsort (Toiletten, Ruheräume, Stufen, Orientierungshilfen für Blinde, etc.), die genauen zeitlichen Abläufe, Gebärdensprachdolmetcher_innen (ja oder nein), Color Communication Badges (siehe unten), Begleitung/Führungen (siehe unten), die Pausenzeiten und Ansprechpartner_innen bei Fragen oder wenn Hilfe gebraucht wird (auch Mailkontakt). Ihr ermöglicht damit vielen von uns überhaupt erst eine Teilnahme und zeigt außerdem, dass wir euch wirklich willkommen sind. Der Satz „Behinderte Leute willkommen“ ist zwar nett, aber nützt uns überhaupt nichts. Willkommen sein allein reicht für uns nicht.
  • Ruheräume! – Richtet mindestens einen ruhigen(!), jederzeit zugänglichen Ruhe(!)raum ein. Viele Autist_innen sind darauf angewiesen, um längere Zeit außer Haus unterwegs sein zu können. Die meisten Veranstaltungen führen früher oder später zu Overloads, was sich oft nicht ganz vermeiden lässt. Ein Ruheraum, um sich in Sicherheit erholen zu können, ist daher extrem wichtig für uns, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Ich betone das gerne noch mal: viele Autist_innen können Veranstaltungen nur besuchen, wenn sie im Vorfeld wissen, dass es einen zugänglichen Ruheraum gibt. Kommuniziert die Lage vor Ort deutlich. Der Raum muss zugänglich sein, ohne dass man eine Person danach fragen muss. Übrigens profitieren auch Menschen mit (chronischen) Erkrankungen, Ängsten, AD(H)S oder mit anderen Behinderungen von solchen Räumen. Mehrere kleine Ruheräume sind am besten (mit „Nicht stören“ / „Frei“ Anzeiger an der Tür). Ein großer Raum evtl. mit etwas abgetrennten Ecken geht auch. Das hängt natürlich alles auch von der Größe der Veranstaltung ab. Aber zumindest ein Raum sollte immer dafür vorgesehen sein. Gedämpftes Licht, Sitz- und Liegemöglichkeiten, kein Raumduft und keine Musik und möglichst ruhige Lage. Es ist eher nicht sinnvoll, diesen Raum mit einem Raum für Kinder zu kombinieren, wegen Ruhe. Aber auch Rückzugsräume für Menschen mit Kindern sind eine ziemlich gute Sache.
  • Kommunikation – Insbesondere, wenn eure Veranstaltung vorsieht, dass Teilnehmer_innen in „lockerer Atmosphäre“ miteinander in Kontakt kommen sollen (und das ist ja eigentlich immer mindestens in den Pausen der Fall), ist für Autist_innen eine große Hürde vorhanden. Wir wissen nicht, wie das geht. Wir wissen nicht, wie man Menschen anspricht, was man zu ihnen sagt oder wen man ansprechen darf/soll/kann und wen nicht. Wir kommen auch manchmal nicht damit klar, angesprochen zu werden und wissen nicht, wie wir das kommunizieren können. Das hindert viele von uns daran, überhaupt jemals an einer solchen sozialen Situation beteiligt zu sein. Bestenfalls stehen wir irgendwo ausgeschlossen am Rand und beobachten die ganze Sache und fühlen uns schlecht. Schlimmstenfalls (und das ist häufiger der Fall) kommen wir garnicht erst zu der Veranstaltung, obwohl wir sehr gerne würden.
    Hier können Color Communication Badges (pdf) eine sehr große Hilfe sein. Sie ermöglichen nonverbal mittels Farben mitzuteilen, dass man entweder aktiv von Anderen angesprochen werden möchte (weil man das evtl. selbst nicht kann), nur von Menschen angesprochen werden möchte die man schon kennt oder dass man garnicht kommunizieren möchte. Dieses System ist auch für andere Personen hilfreich, weil die meisten Menschen auch mal z.B. eine Pause von Kommunikation brauchen oder unsicher sind. Es macht Kommunikationsvorlieben deutlich, erleichtert die Kontaktaufnahme und kann für Autist_innen ein Weg sein, an einer sonst unüberwindbaren sozialen Situation teilzunehmen. Probiert es einfach aus! Informiert überall gut sichtbar über die Bedeutung der Badges und bietet sie allen Teilnehmer_innen eurer Veranstaltung am Eingang an.
  • Begleitung – Gerade auf größeren, unübersichtlichen Veranstaltungen sind viele Autist_innen erstmal überfordert. Sie haben evtl. Orientierungsschwierigkeiten und sind von der überwältigenden Reizkulisse gestresst. Es kann eine große Hilfe sein, wenn es eine Person gibt, die uns am Anfang alles zeigt und erklärt. Wo finden welche Veranstaltungen statt? Wo sind die Toiletten? Wo sind Ruheräume? Wo sind (Not-)Ausgänge? Welche nicht explizit formulierten sozialen Regeln / Konventionen sollten eingehalten werden? Eine Begleitung kann auch helfen einen ersten Kontakt zu anderen Teilnehmer_innen herzustellen. Es ist meistens nicht nötig, die ganze Zeit über begleitet zu werden, sondern nur am Anfang, um sich einmal orientieren zu können. Das kann auch für Menschen mit anderen Behinderungen eine Hilfe sein (z.B. Sehbehinderungen, Lernschwierigkeiten). Bietet, wenn möglich, solche Führungen für Interessierte an. Es ist übrigens auch oft gut machbar, das in kleinen (!) Gruppen von ein paar Personen zu machen. Das hilft als Nebeneffekt auch gleich dabei, in Kontakt zu kommen. Es wäre außerdem wichtig, dass bei Notfällen oder Schwierigkeiten während der Veranstaltung immer jemand erreichbar ist (persönlich, per Mail, SMS, nicht ausschließlich Telefon!).
  • Reizarme Umgebung? – Das ist vermutlich ein Punkt, der auf vielen Veranstaltungen nicht beachtet werden kann, weil es manchmal eben einfach laut und bunt und lebendig zugeht. Das ist okay, wir entscheiden uns ja dazu die Veranstaltung zu besuchen, weil wir das vielleicht genauso toll finden, wie ihr. Ein wesentlicher Aspekt unserer Behinderung ist, dass wir das aber leider nur schlecht oder kurz aushalten, ohne Probleme zu bekommen (siehe Wahrnehmungslandschaften 2 für Hintergrundinfos über Overloads und die Folgen). Darum sind Ruheräume umso wichtiger, je lauter/bunter/lebendiger die Veranstaltung ist. Wenn es geht, macht euch trotzdem Gedanken über die Reizkulisse. Ist es z.B. wirklich nötig, Musik auf den Toiletten oder in der Garderobe zu spielen? Wenn möglich, verzichtet darauf. Ist es möglich (wenigstens in Teilen/einzelnen Räumen) auf grelle, sehr helle Beleuchtung zu verzichten? Dann tut es! Verzichtet auf (intensiven) Raumduft in den Toiletten. Ihr ermöglicht es uns so immer wieder kurze Erholungspausen zu haben und so evtl. länger auf der Veranstaltung bleiben zu können. Besonders nett sind auf lauten Veranstaltungen freie Ohrstöpsel oder leihbarer Gehörschutz (übrigens auch für Kinder).

Wahrnehmungslandschaften – Teil 2

Nachdem es in „Wahrnehmungslandschaften Teil 1“ um Grundlagen der Wahrnehmung ging, beschäftigt sich Teil 2 dieser Artikelserie damit, was passieren kann, wenn unsere „autistische Wahrnehmung“ mit einer Welt konfrontiert wird, die nicht auf sie eingestellt ist. Wie gehen wir damit um? Es geht um Overloads, Shut- und Meltdowns und Barrieren für Autist*innen und andere Menschen mit sogenannten „Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen“.

Wenn das Fass überläuft – Overloads

Beim Erstellen eines illustrierenden Bildes für diesen Artikel habe ich mir beinahe selbst einen Overload verpasst (und auch dem anderen Autisten, dem ich es gezeigt habe) und verzichte darum darauf es hier ohne Vorwarnung einzubinden. Es ist ein farblich und im Detailgrad anstrengendes Bild, das durch seinen fehlenden Fokus und das Chaos ziemlich überfordert. Also ungefähr so, wie die Welt da draußen. Wer trotzdem einen Blick risikieren möchte: hier lang.

Ein Overload beschreibt das, was passiert, wenn die Masse an Reizen, denen wir ausgesetzt sind, nicht verarbeitet werden kann. Es ist also eine massive Überforderung unseres Wahrnehmungsverarbeitungssystems. Overloads dürften die meisten Autist*innen aus eigener Erfahrung kennen, auch wenn es sehr unterschiedlich sein kann, in welchen Situationen wir besonders anfällig für Overloads sind. Das steht mitunter natürlich auch im Zusammenhang damit, auf welchen Sinneskanälen wir besonders sensibel sind. Es gibt Autist*innen, die laute Umgebungen besser vertragen, als Andere. Viele bekommen damit jedoch, spätestens nach einer gewissen Zeit, Probleme. Glitzernde, bunte Lichter können wunderbar anzuschauen sein, zuviel davon kann aber auch schnell überfordern und einen Overload (mit) auslösen. Häufig sammeln sich Reize verschiedener Wahrnehmungskanäle an, wie in einem Fass, das eine große Öffnung hat, aber nur ein kleines Ablassventil. Die gesammelten Eindrücke werden langsamer verarbeitet (fließen langsamer ab), als neue dazu kommen. Irgendwann läuft das Fass über und nichts geht mehr. Ein Overload kann durch eine massive Reizeinwirkung in kurzer Zeit entstehen, aber auch durch anhaltend anstrengende Umgebungen, in denen sich über Stunden die Eindrücke aufstauen und schließlich nicht mehr verarbeitet werden können.

Es sind nicht nur Geräusche, Lichter, Bilder oder Gerüche, die dazu führen können, dass wir einen Overload bekommen. Viele Autist*innen beschreiben auch emotionale und/oder soziale Situationen als mögliche Auslöser für einen Overload. Auch die Wahrnehmung und das Fühlen von Emotionen (eigenen und denen anderer Menschen) ist für Autist*innen, die auch hier oft sehr offen sind und alles ungefiltert spüren und zusätzlich womöglich Schwierigkeiten haben all die Zeichen zu interpretieren, oft sehr überfordernd. Auch stundenlanges ungefiltertes Aufnehmen von vielfältigen Informationen (z.B. aus dem Internet), beschreiben manche Autist*innen als Auslöser für einen Overload. Kommt dann noch eine flackernde Lampe dazu, ein im Hintergrund dudelndes Radio, das Klappern des Essbestecks, dann ist das vielleicht bereits zuviel und die Grenzen sind erreicht. Zuviel Welt, zuviel Mensch. Zuviel Input.

Andere Autist*innen haben auch schon über Overloads und ihre Reaktionen darauf geschrieben. Daher verlinke ich hier ein paar Artikel. Sie zeigen, dass wir unser Erleben sehr unterschiedlich beschreiben, wahrnehmen oder damit umgehen, im Mittelpunkt eines Overloads aber eine Überforderung mit der Verarbeitung unserer Umwelt steht.

https://innerwelt.wordpress.com/2013/04/11/overload-melt-und-shutdown/
https://quergedachtes.wordpress.com/2012/11/25/autismus-ein-leben-in-high-definition/
Beiträge zum Thema Overload auf „Aspergerfrauen“
Realitaetsfilter zum Thema Overload

Auch, wenn wir oft versuchen besonders überfordernden Situationen aus dem Weg zu gehen, lässt es sich doch oft einfach nicht vermeiden. Viele Autist*innen sind täglich Situationen ausgesetzt, die einen Overload auslösen können. In der Schule, auf dem Arbeitsweg, im Supermarkt. Dem aus dem Weg zu gehen würde für manche bedeuten, überhaupt nicht mehr am Leben in der Gesellschaft teilnehmen zu können. Es ist daher eine wichtige Forderung den öffentlichen Raum auch für Autist*innen barriereärmer zu gestalten. Denn ständiger Lärm, chaotische Abläufe, blinkende Lichter überall usw. stellen eine ernsthafte Barriere dar. Viele Autist*innen können nicht an Veranstaltungen teilnehmen, einkaufen gehen oder die Universität besuchen. Es gehört zu unserem Leben  immer wieder überwältigt zu werden von der Intensität und Lautstärke der Welt. Aber es gibt viele Dinge, die getan werden können, um es uns nicht noch zusätzlich zu erschweren. Eine wichtige Einrichtung sind in diesem Zusammenhang frei zugängliche Ruheräume, da der Rückzug aus der überfordernden Situation oft der einzige Weg ist Schlimmeres zu verhindern. Wenn ich weiß, dass ein Ruheraum zugänglich ist, kann ich mich vielleicht doch auf eine Veranstaltung wagen, die vermutlich zu einem Overload führen wird. Es ist die Art wie unser Nervensystem funktioniert, daran lässt sich nichts ändern und wir haben das gleiche Recht, wie alle anderen Menschen, Bedingungen vorzufinden die uns eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglichen.

 

Overload – und jetzt?

Wie einzelne Autist*innen auf einen Overload reagieren, ist sehr unterschiedlich, wie Menschen nunmal verschieden mit belastenden Situationen umgehen. Während es sich als sehr hilfreich herausstellt zu lernen einen Overload möglichst frühzeitig zu erkennen, damit man noch genügend Zeit hat die Situation zu verlassen und für Ruhe zu sorgen, ist das nicht immer so einfach oder möglich. Die overloadauslösenden Reize / Situationen abstellen ist in aller Regel die wichtigste Maßnahme.

Gelingt dies nicht frühzeitig (oder garnicht) und bekommen wir nicht die Gelegenheit uns zu erholen, kann es letzten Endes auch zu einem Shutdown oder einem Meltdown kommen.

Auch diese Erfahrungen beschreiben verschiedene Autist*innen sehr unterschiedlich. Ein Shutdown ist dabei jedoch in der Regel dadurch gekennzeichnet, dass die betreffende Person innerlich und/oder äußerlich abschaltet. Sozusagen eine Notabschaltung, bevor es zu einer Kernschmelze kommen kann. Viele sind dann nicht mehr in der Lage zu sprechen, zu reagieren oder sich überhaupt zu bewegen, sitzen einfach nur noch so da und bekommen nicht mehr wirklich mit, was um sie herum passiert. Wenn jemand sie anspricht, verstehen sie die gesagten Worte vielleicht nicht, falls sie sie überhaupt hören. Während viele Autist*innen beschreiben, dass sie sich in einem Shutdown auch innerlich oft taub und leer fühlen und nichts mehr von Bedeutung ist, ist das nicht für alle so. Andere sind zwar auch nicht mehr in der Lage irgendwie zu reagieren, nehmen aber immernoch ihre Emotionen und Gedanken (manchmal auf quälende Weise) wahr, können sich jedoch nicht ausdrücken oder bewegen. Manche Autist*innen beschreiben, dass sie in solchen Situationen auch manchmal vor Überforderung und Erschöpfung einfach einschlafen, was Manchen zum Beispiel in der Schule häufig passiert. Nicht weil sie zu wenig Schlaf bekamen oder gelangweilt sind, sondern weil sie permanent von ihrer Umgebung überfordert sind. Ein schlauer Schutzmechanismus, aber oft dennoch sehr belastend. Es ist kaum besonders angenehm z.B. mitten in einer dienstlichen Besprechung plötzlich einzuschlafen.

Ein Meltdown ist im Gegensatz dazu vor allem durch einen Kontrollverlust gekennzeichnet, wie es viele Autist*innen beschreiben. Völlige Überforderung führt dazu, dass die eigenen Reaktionen nicht mehr kontrolliert werden können. Es kommt hierbei oft zu aggressiven Ausbrüchen gegen sich selbst, gegen Gegenstände oder bei manchen Autist*innen auch gegen Andere. Das können verbale Angriffe auf anwesende Personen oder sich selbst sein, Schreien, Weinen, sich selbst schlagen, aufgebracht herumlaufen, den Kopf gegen Wände stoßen, sich anderweitig selbst verletzen, Treten, Beißen, Spucken oder Gegenstände werfen. Es gibt explosivere und weniger explosive Arten einen Meltdown zu erleben und damit umzugehen. Fließende Übergänge zwischen Melt- und Shutdown sind außerdem möglich. So verhindert manchmal ein Shutdown einen beginnenden Meltdown und manchmal schließt sich an einen Meltdown ein Shutdown an. Manche Autist*innen beschreiben die Übergänge als besonders unangenehm, wenn sie voller unkontrollierter Emotionen sind, aber gleichzeitig nicht in der Lage irgendwie zu handeln und das auszudrücken, so dass sie äußerlich völlig ruhig / erstarrt wirken. Manchmal gelingt es noch einen Rest Kontrolle aufzubringen, bis man alleine in einer sicheren Umgebung ist. Das beschreiben viele erwachsene Autist*innen, die gelernt haben die Anzeichen noch rechtzeitig genug zu erkennen und die Meltdowns in der Öffentlichkeit so unter großer Kraftanstrengung oft (aber nicht immer) vermeiden können. Es ist ein hoch emotionaler, belastender Zustand, der von völliger Überforderung gekennzeichnet ist und nicht willentlich beeinflusst werden kann. Es hilft also sicher nicht, z.B. ein autistisches Kind für sein „ungezogenes“ Verhalten wie Spucken, Schreien, Fluchen oder um sich Schlagen zu bestrafen und verantwortlich zu machen, wenn es einen Meltdown hat. Vielmehr ist Verständnis und Hilfestellung angesagt. Wie diese Hilfestellung aussehen sollte, ist wiederum sehr individuell. Wichtig ist dafür zu sorgen, dass niemand ernsthaft verletzt wird und die Person selbst in Sicherheit ist. Außerdem ist es sinnvoll sich zu überlegen, wie es zu dieser Situation gekommen ist, woran man hätte merken können, dass es zuviel wird und zu versuchen das in Zukunft zu berücksichtigen. Es ist allerdings nicht möglich, direkt in so einer Situation klärende Gespräche zu führen oder zu argumentieren. Zunächst ist es nötig, dass wir uns beruhigen und erholen können, bevor überhaupt wieder kontrolliertes Denken möglich wird. Viele erwachsene Autist*innen sagen, dass sie dazu alleine sein müssen.

Ich selbst habe in Overloadsituationen und anschließenden Shut- oder Meltdowns oft das Gefühl, dass die ganze Welt auf mich einstürmt und ich nichts dagegen tun kann. Ich fühle mich sehr hilflos, ausgeliefert und bedroht. Es ist wie ein permanentes Überschreiten meiner Grenzen. Jedes weitere, noch so kleine Geräusch, jeder helle Lichtstrahl, geht direkt in mich rein und verursacht Schmerzen. Was ich mir dann wünsche ist Schutz und in Ruhe gelassen werden. Am liebsten hätte ich einen unsichtbaren Schutzschild, den ich immer dann aktivieren könnte, wenn ich es brauche.

 

Strategien zum Umgang mit Overloads

Einen Overload frühzeitig erkennen und darauf reagieren ist für Viele die wichtigste Strategie im Umgang damit und um Shutdowns und Meltdowns so weit wie möglich zu vermeiden. Autist*innen gewöhnen sich nicht einfach irgendwann an das Zuviel an Reizen, wir leben unser gesamtes Leben mit unserem Nervensystem und seiner Funktionsweise. Zu lernen belastende Situationen und sich selbst einzuschätzen und funktionierende Strategien für Überforderungssituationen zu entwickeln ist also ein sehr wichtiger Punkt, um sein Leben selbstbestimmter gestalten zu können. Das trifft auf erwachsene Autist*innen genauso zu wie auf Kinder und Jugendliche, die dabei natürlich oft noch die Unterstützung verständnisvoller Bezugspersonen und/oder anderer Autist*innen benötigen.

Folgende Fragen (sich selbst oder einem Kind/Jugendlichen in ruhigen Momenten, nicht in Stresssituationen gestellt) können dabei helfen sich selbst in dieser Hinsicht besser kennen und verstehen zu lernen. Antworten zu finden kann auch etwas länger dauern. Vielleicht gelingt es, beim nächsten Overload darauf zu achten, wie genau sich das angefühlt hat. Es ist manchmal schwierig die passenden Worte (oder Gebärden) zu finden, um die Antworten gut zu beschreiben. Vielleicht gelingt es manchen Autist*innen daher besser, die Antworten zu malen, körperlich durch Bewegungen oder Körperhaltungen darzustellen, durch Geräusche oder in Form von Musiktiteln zu kommunizieren.

  • Woran merke ich, dass mir gerade alles zuviel wird?
  • Woran können Andere merken, dass mir alles zuviel wird? (Oder besser: Was tue ich, wenn mir alles zuviel wird? Wie benehme ich mich dann?)
  • Wie fühlt es sich in meinem Körper an, wenn ein Overload anfängt?
  • In welchen Situationen habe ich besonders oft einen Overload?
  • Haben diese Situationen etwas gemeinsam?
  • Was hilft mir, wenn ich einen Overload habe?

Es kann hilfreich sein, sich einen Plan zu erstellen, auf dem Schritt für Schritt aufgelistet ist, was ich tun muss, wenn ich einen Overload bei mir bemerke. Z.B. 1. die Situation verlassen und Ruhe suchen, 2. Stimming (mehr dazu in Teil 3), 3. Schlafen oder Ausruhen 4. später am Tag keine anstrengenden Dinge mehr machen. Das kann natürlich auch ganz anders aussehen und detaillierter ausgeführt sein (z.B. mit einer Liste von Ruheorten, die zur Verfügung stehen, je nachdem wo man sich gerade befindet). Wichtig ist, sich in Ruhe im Vorfeld zu überlegen, wie man reagieren kann. Denn in der überfordernden Situation ist es oft zu spät, um sich noch vernünftige Gedanken zu machen. Dann hat man am besten einen guten Plan in der Tasche.

Ein wichtiger Aspekt ist auch die Frage, wie man Overloads vorbeugen kann oder die Zeit, bis sie auftreten hinauszögern kann. Das wird, wie gesagt, nicht immer gelingen, aber es gibt doch ein paar Tricks, Ideen und Hilfsmittel. Mein wichtigstes alltägliches Hilfsmittel sind z.B. Sonnenbrillen. Ich kann an den meisten Tagen das Haus nicht ohne sie verlassen, weil ich sehr lichtempfindlich bin. Es ist wirklich unmöglich. Ich habe unterschiedlich dunkle Brillen. Manchmal trage ich sie auch nachts, wenn mich Lichter sonst zu sehr blenden würden.

Hier also ein paar weitere Beispiele:

  • Gehörschutz tragen (Ohrstöpsel, Noise Cancelling Kopfhörer, Kapselgehörschutz)
  • Sichtschutz tragen (Sonnenbrillen in verschiedenen Helligkeitsstufen und Farben, das ist sehr individuell, Kappen, Kapuzen oder auch Brillen, die den Blickwinkel eingrenzen, also an den Seiten abschirmen)
  • Umwege gehen, frühere/spätere Busse und Bahnen nehmen, um dem größten Andrang auszuweichen. Sich, wenn das finanziell möglich ist, auch mal ein Taxi erlauben, wenn ein besonders schwieriger Termin ansteht z.B.
  • Lampen so anpassen, dass sie nicht blenden (indirektes, sanftes oder farbiges Licht), keine Leuchtstoffröhren (manchmal sind auch Energiesparlampen ein Problem).
  • Pausen machen. Z.B. öfter mal vor die Tür oder notfalls auf die Toilette gehen, um Veranstaltungen besser aushalten zu können. Am besten sind hier natürlich Ruheräume geeignet. Im Vorfeld danach fragen, sofern sie nicht angekündigt wurden!
  • Zeiten für Erledigungen anpassen. z.B. Supermarkt dann, wenn wenige Leute unterwegs sind.
  • Darum bitten im Café z.B. die Musik für eine Weile auszumachen oder leiser zu stellen (genauso aber auch bei Leuten zu Hause, wenn Fernseher oder Musik „im Hintergrund“ laufen)
  • Um Hilfe bitten (z.B. beim Einkaufen, als Begleitung zu Veranstaltungen oder Terminen), um sich manche überfordernden Situationen zu ersparen oder sie notfalls mit Hilfe schneller und sicher verlassen zu können. Es ist okay, um Hilfe zu bitten, auch ohne das Stichwort Autismus zu erwähnen. Es ist auch eine gute Idee, eine App oder Karten für den Notfall zu haben, wenn man sich verbal nicht mehr gut ausdrücken kann.
  • Bleiben noch Situationen, in denen wir einen Overload billigend in Kauf nehmen, weil es uns die Sache wert ist. Das kommt, so berichten viele Autist*innen, garnicht mal so selten vor. Denn es ist nunmal leider auch so, dass schöne und tolle Situationen uns einen Overload bescheren können. Hier heißt es auch sich selbst kennenlernen, wissen wo die eigenen Grenzen liegen und, das ist sehr wichtig, im Anschluss ausreichend Zeit zur Erholung fest einplanen.

Das war nur eine kleine Auswahl von Tipps. Ich würde mich sehr über eure Kommentare freuen. Wie erlebt ihr Overloads oder Shut- und Meltdowns? Wie geht ihr damit um? Was hilft euch? Habt ihr Tipps oder Tricks, die euch helfen im Alltag besser zurecht zu kommen und Overloads zu vermeiden oder hinauszuzögern?

 

 

(Fortsetzung in Teil 3)

 

Barrierefreiheit für Autisten? Oder die Sache mit dem Lärm.

Ich komme gleich zur Sache. Wir mögen unsere Stammtische, jedenfalls entnehme ich das den Aussagen der Teilnehmer*innen und der Tatsache, dass wir jetzt schon eine ganze Weile jeden Monat zusammenkommen. Jedes Mal in einem Cafe, jedes Mal in leicht unterschiedlicher Zusammensetzung und jedes Mal unterhalten wir uns gut. Klingt super.

Allerdings sind die ersten Stammtischbesucher*innen nach spätestens zwei Stunden völlig k.o und wir lösen uns früher, als vielleicht schön wär, wieder auf. Danach brauchen wir Ruhe und Erholung, jedenfalls viele von uns. Einerseits ist so ein Austausch mit mehreren Leuten natürlich anstrengend. Aber vor allen Dingen ist die kontinuierliche Beschallung mit Lärm das Problem. Da ist einerseits die allgegenwärtige Geräuschkulisse eines Cafes, andererseits aber auch die überall viel zu laute Dauerbeschallung mit Musik aus Lautsprechern, die in allen Ecken und Winkeln der Räumlichkeiten angebracht sind.

Die überwiegende Mehrheit der autistischen Menschen, die ich kenne, reagieren sensibel auf Geräusche. Einige sind extrem geräuschempfindlich, andere tolerieren es ein wenig besser. Aber ein Problem ist es für sehr viele.

Ich kann Nebengeräusche und Lärm nicht „ausblenden“. Ich gewöhne mich nicht an einen Geräuschpegel. Es wird mit zunehmender Zeit einfach immer unerträglicher (ja, da gibt es eine Steigerung). Der Stresspegel steigt immer weiter und die Konzentration auf Gespräche oder andere Menschen wird dadurch früher oder später ganz unmöglich.

Nun finden Stammtische ja gewöhnlich in Cafes, Restaurants oder Bars statt. Das war auch unser Gedanke, denn gegen ein ruhiges, gemütliches Cafe hat eigentlich niemand etwas einzuwenden. Wenn es dann noch leckeres Essen gibt, umso besser. Mittlerweile hat sich jedoch herausgestellt, dass bei allen unseren bisherigen Versuchen, der Lärm ein Problem war. Davon abgesehen war es toll – aber sowas schränkt natürlich schon sehr ein. Wir haben verschiedene Orte ausprobiert. Wir haben sogar wiederholt darum gebeten die Musik leiser zu stellen, was trotz Zusagen nie umgesetzt wurde.

Welche Schlüsse sollen wir jetzt daraus ziehen?
Sind Autist*innen eben einfach nicht dafür geeignet Zeit in Cafes zu verbringen? Abgesehen vom Lärm gefällt es uns dort aber doch.
Sollten wir vehementer einfordern auf unsere Einschränkungen Rücksicht zu nehmen? So wie Rollifahrer*innen einen barrierefreien Zugang zu Räumlichkeiten einfordern (zu Recht)?
Doch wie reagiert der*die sozial nicht allzu kompetente Autist*in darauf nicht erstgenommen, belächelt oder schlicht ignoriert zu werden? Sofern es ihr*ihm überhaupt gelingt die fremden Personen anzusprechen.
Ist es wirklich unzumutbar für nichtautistische Menschen einen Abend lang, nur für ein paar Stunden, auf eine Dauerbeschallung mit Musik zu verzichten? Was könnte schlimmstenfalls passieren? Würden sich die Menschen vielleicht zur Abwechslung mal selbst denken hören (Sarkasmus)? Das wäre doch garnicht so schlecht, meine ich. Und könnte womöglich den Horizont erweitern (RW).

Da wir weder uns selbst ändern, noch – so scheint es – Toleranz und Rücksicht bei Cafebetreiber*innen wecken können, bleibt uns vorerst nur der Rückzug. Das ist sowieso eine Standardstrategie des*der gemeine*n Autist*in, um mit sozialen Problemen fertig zu werden. Man denke sich einen frustrierten Unterton in diesen Satz.

Aber wir wollen natürlich auf keinen Fall aufgeben. Unser wichtigstes Ziel ist es, eine gute Zeit gemeinsam zu verbringen. Wir wollen Ansprechpartner für „neue“ Autist*innen in der Region sein und ihnen ermöglichen mit uns, ganz ungezwungen, in Kontakt zu treten. Ohne zusätzliche Stressfaktoren wie Lärm, mangelnden Respekt oder ignorante Cafebetreiber*innen. Das bisherige Format stößt da leider an seine Grenzen.

Jetzt sind wir ja nicht unkreativ und werden in nächster Zeit zwei Alternativen testen.

  1. Spieleabende
  2. Spaziergänge mit kürzerem Cafebesuch

Wir haben doch tatsächlich festgestellt, dass die überwiegende Mehrheit der hier versammelten Autist*innen großen Spaß an Gesellschaftsspielen hat. Sieh an! Neben dem Spaß am Spiel bieten Spieleabende auch Neulingen die Gelegenheit uns kennenzulernen, ohne Angst zu haben, dass sie nicht wissen, was sie überhaupt sagen sollen. Spiele haben Regeln und mitspielen können alle. So bricht das Eis (RW) sehr schnell 🙂

Die zweite Variante soll von den positiven Effekten der gemeinsamen Bewegung an der frischen Luft profitieren. Bei einem entspannten Spaziergang (ohne sportliche Ansprüche) fallen Unterhaltungen besonders leicht und man kommt gut ins Gespräch miteinander. Ein kurzer Cafebesuch zum Aufwärmen, gerade lange genug, um nicht vom Lärm überwältigt zu werden, ergänzt den gemeinsamen Nachmittag. Anschließend kann man gemeinsam zurückspazieren oder sich, je nach persönlichem Bedarf, auch alleine auf den Heimweg machen.

Unser nächster Stammtisch findet (nächste Woche) nochmal in einem Cafe statt. Danach werden wir mal die Alternativen ausprobieren.

Daneben freuen wir uns weiterhin jederzeit über Tipps, wo man in Nürnberg einen ruhigen Abend in einem Cafe / Restaurant (nicht so gehoben und ohne „Essenszwang) verbringen kann. Vielleicht kennt ja jemand auch Gastwirte, für die es selbstverständlich ist auch auf Besucher*innen mit Behinderungen einzugehen. Wir sind auch stubenrein (Sarkasmus).

Neue Leute sind uns wie immer jederzeit willkommen. Lasst euch nicht abschrecken und meldet euch einfach in unserem Forum an. Wir sind nett 😉

Eure Anna

Annas Gedanken zu Barrierefreiheit

Was sind Barrieren eigentlich?

Viele Menschen denken Barrieren sind sowas wie Treppenstufen. Oder zu enge Türen und Toiletten. In Wirklichkeit sind Barrieren sehr unterschiedlich und es gibt sehr viele davon. Ich will versuchen das so zu erklären, dass es Jeder verstehen kann. Meistens schreibe ich sehr lange und komplizierte Sätze. Ich will versuchen das hier in leichter Sprache zu erklären. Komplizierte Sprache ist nämlich auch eine Barriere für viele Menschen. Das ist mein erster Versuch. Ich hoffe es klappt 🙂

Menschen sind sehr verschieden. Es gibt auch sehr viele verschiedene Behinderungen. Zum Beispiel körperliche Behinderungen oder Lernschwierigkeiten. Manche Menschen können nichts sehen oder nichts hören. Manche Leute sind autistisch. So wie ich, ich bin Autistin. Autisten haben Probleme mit der Wahrnehmung und mit der Kommunikation.

Manche Sachen können behinderte Menschen nicht machen und nichtbehinderte Menschen schon. Zum Beispiel eine Treppe hochlaufen oder die Farbe einer Ampel sehen. Nicht alle Menschen können lesen oder telefonieren oder komplizierte Sachen verstehen.

Treppen und komplizierte Texte sind Barrieren. Telefonieren und Ampeln ohne Geräusche und Vibrationen sind auch Barrieren. Es gibt aber noch viel mehr davon. Barrieren sind so unterschiedlich, weil behinderte Menschen so unterschiedlich sind. Alles was behinderte Menschen ausschließt, ist eine Barriere. Eine Barriere ist also sowas wie eine Bahnschranke. Und behinderte Leute kommen einfach nicht vorbei. Alle Anderen schon.

Wer macht Barrieren?

Die Welt ist voller Barrieren. Viele Menschen merken das garnicht, weil sie nicht behindert sind. Früher hat man nicht an behinderte Menschen gedacht. Man hat Treppen gebaut und Ampeln und Telefone für nichtbehinderte Menschen. Die gibt es jetzt immernoch.

Es werden auch neue Barrieren von vielen Menschen gemacht. Manchmal ist das keine Absicht. Sie wissen es nicht besser. Manchmal ist es billiger. Menschen ohne Behinderungen finden es einfacher. Sie finden es umständlich Barrieren zu vermeiden. Sie sind es so gewöhnt wie es ist. Mit Treppen und Ampeln und Telefonen.

Manchmal machen auch behinderte Menschen Barrieren für andere behinderte Menschen. Das kann jedem von uns passieren.

 Was heißt Barrierefreiheit?

Barrierefreiheit heißt, dass es keine Barrieren gibt. Das klingt sehr einfach, ist es aber nicht. Weil Barrieren überall sind und weil sie so verschieden sind. Wenn es im Bahnhof zum Beispiel gute Aufzüge gibt, ist eine Barriere für Rollstuhlfahrer verschwunden. Wenn die Ansagen aber nur über Lautsprecher kommen, gibt es noch Barrieren für gehörlose Menschen. Der Bahnhof ist dann nicht barrierefrei.

Es sind nur wenige Orte ganz und gar barrierefrei. Manche Orte sind barrierearm. Das heißt es gibt dort nur wenige Barrieren.

Was kann man gegen Barrieren machen?

Es ist wichtig, dass alle Menschen mithelfen Barrieren abzubauen. Darum ist es wichtig, dass alle Menschen etwas über Barrieren und Behinderungen lernen. Es gibt so viele Behinderungen und Barrieren. Sie müssen also sehr viel lernen.

Lernen braucht Zeit. Und man braucht gute Lehrer. Behinderte Menschen wissen am besten was Barrieren sind. Also sind behinderte Menschen die besten Lehrer.

Darum ist es wichtig behinderte Menschen zu fragen. Und es ist wichtig, dass wir anderen Menschen erklären welche Barrieren es gibt. Das ist manchmal ganz schön anstrengend. Darum ist es gut, wenn es Anleitungen gibt.

Welche Barrieren gibt es für autistische Menschen?
Was kann man dagegen machen?

Autistische Menschen sind unterschiedlich. Sie haben verschiedene Barrieren. Manche Sachen sind aber bei vielen Autisten gleich.

Ich erkläre ein paar Beispiele für Barrieren.
In Grün erkläre ich was man am besten dagegen machen kann.

  • Telefonieren – Manche Autisten können nicht sprechen. Manche können sprechen, aber nicht am Telefon. Manche haben Angst vor dem Telefonieren. Manche wissen nicht wie man telefoniert und was sie sagen sollen.
    • Keine Telefonate von Autisten verlangen.
    • Besser ist E-Mail-Schreiben.
    • Briefe sind auch okay.
  • Gruppen – Viele Autisten haben Probleme in Gruppen. Sie verstehen die Regeln manchmal nicht. Sie verstehen manchmal nicht was die Anderen wollen. Und die Anderen verstehen die Autisten manchmal nicht. Oft erleben Autisten in Gruppen Gewalt und Mobbing. Gruppen sind oft laut und durcheinander. Das ist für Autisten auch ein Problem.
    • Keine Gruppenarbeit verlangen.
    • Klare und eindeutige Regeln.
    • Kleine Gruppen bevorzugen.
    • Nacheinander sprechen, nie mehrere Leute gleichzeitig.
    • Für Ruhe in der Gruppe sorgen.
  • Anfassen – Viele Autisten wollen nicht angefasst werden. Es ist schlimm für sie. Manchmal tut es ihnen weh. Auch wenn es nur ganz leicht ist oder aus Versehen passiert. Auch Händeschütteln ist ein Problem. Besonders schlimm ist es, wenn sie nicht vorher gefragt werden.
    • Kein Händeschütteln zur Begrüßung oder zum Abschied.
    • Nicht Anfassen ohne vorher zu fragen.
    • Aufpassen, dass man Autisten nicht aus Versehen anrempelt.
    • Ein bisschen Abstand halten, z.B. beim Schlangestehen.
  • Gespräche – Viele Autisten verstehen nur schlecht Ironie. Sie verstehen alles wörtlich und bemerken nicht den Tonfall. Sie meinen was sie selber sagen auch wörtlich. Sie sind meistens sehr ehrlich. Manchmal hört sich das unhöflich an, aber es ist nicht so gemeint. Manche Autisten können nicht mit dem Mund sprechen. Manche können nur in bestimmten Situationen sprechen und manchmal nicht.
    • Ganz direkt und genau sagen was man meint.
    • Sarkasmus und Ironie vermeiden. Wenn doch dann dazu sagen, dass es ironisch gemeint ist. (Manche Autisten verwenden selbst viel Ironie. Aber sie verstehen es trotzdem bei Anderen nicht immer.)
    • Nicht „zwischen den Zeilen“ lesen. Autisten meinen was sie sagen.
    • Direkte und ehrliche Aussagen nicht persönlich nehmen.
    • Nicht erwarten, dass Menschen mit dem Mund sprechen. Schreiben statt sprechen, auf Papier oder mit Talker / Apps.
    • Manche Autisten sprechen in Gebärdensprache.
  • Geräusche – Viele Autisten vertragen keinen Lärm. Sie hören alle Geräusche gleichzeitig. Auch wenn sie ganz leise sind. Laute Orte sind für Autisten nicht barrierefrei. Auch viele leise Geräusche sind für Autisten wie Lärm.
    • Geräusche so gut es geht vermeiden. Zum Beispiel durch leise Computer und Maschinen.
    • Nicht mehrere Gespräche im gleichen Raum.
    • Keine Hintergrundmusik. Kein Radio, kein Fernseher nebenbei.
    • Laute Umgebungen ankündigen. Dann kann man Ohrstöpsel mitbringen.
    • Auf Veranstaltungen einen Ruheraum haben, in den man jederzeit alleine gehen kann.
    • Geräusche durch Textilien dämpfen. Zum Beispiel Untersetzer am Tisch.
  • Licht – Viele Autisten vertragen keine Neonröhren. Auch keine helle Lampe oder blinkende Lichter. Auch Tageslicht oder Sonnenlicht sind für viele Autisten ein Problem.
    • Keine Neonröhren. Keine Blinklichter. Kein grelles Licht.
    • Rollos oder Vorhänge verwenden. Das ist gut gegen Leuchtreklamen und Straßenlaternen.
    • Veranstaltungen draußen nicht in praller Sonne. Die Möglichkeit in einen dunklen Innenraum ausweichen zu können.
  • Geruch – Für viele Autisten sind Gerüche sehr intensiv. Auch schöne Gerüche sind für Autisten oft unangenehm. Duftlampen zum Beispiel. Oder Parfum. Das ist für manche Autisten so schlimm, dass sie es garnicht aushalten können.
    • Kein Raumduft. Keine Duftkerzen, auch nicht wenn sie aus sind. Keine Duftlampen.
    • Keine Duftbäumchen im Auto.
    • Wenn möglich kein Parfum. Keine stark riechende Creme oder Deo.
    • Wäsche für Autisten geruchsneutral waschen. Oder fragen welches Waschmittel der Autist mag.
    • Auf Sauberkeit achten. Damit keine Gerüche entstehen.

Manche Autisten finden nicht alles gleich schlimm. Für manche gibt es noch andere Barrieren. Am besten ist es zu fragen. Viele Autisten mögen direkte Fragen. Fragen Beantworten ist leichter als selbst mit Reden anzufangen.

Autismus kann man nicht sehen. Trotzdem sind Barrieren für Autisten echte Barrieren. Sie können sie auch nicht überwinden, wenn sie sich anstrengen. Jedenfalls nicht sehr lange. Man soll das also nie von Autisten verlangen. Genau wie man nicht von einem Rollstuhlfahrer verlangt, Treppen zu steigen.

Ihr könnt als Kommentar gerne schreiben welche Barrieren ihr noch kennt. Und was man dagegen machen kann auch. Ich würde mich freuen 🙂

An alle möglichen Barrieren zu denken ist anstrengend. Für mich ist es zum Beispiel anstrengend kurze Sätze zu schreiben. Aber man gewöhnt sich daran. Man muss bloß genug üben an Barrieren zu denken. Manchmal ist es auch spannend, wenn man etwas Neues ausprobiert. Barrierefreiheit ist nicht nur anstrengend. Es macht auch Spaß kreative Lösungen zu finden 🙂

Eure Anna