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Protest gegen Fortbildung zur „Fachkraft für Autismus“ inkl. ABA

Es ist jetzt genau drei Wochen her, dass ich bei meiner Recherche über Organisationen in unserer Region, die sich irgendwie mit dem Thema Autismus befassen, auf die Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste gestoßen bin. Das ist eine größere Organisation, die an mehreren Standorten in Bayern diverse Ausbildungen und Weiterbildungen in „sozialen“ Berufen anbietet. Pflegekräfte, Erzieher*innen, Ergotherapeut*innen sind es in Nürnberg. Darüber hinaus alle möglichen Fortbildungen für diese und ähnliche Berufsgruppen.

Unter Anderem gibt es dort im nächsten Jahr eine umfangreiche pädagogische Fortbildung unter dem Titel „Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Autismus im Entwicklungsverlauf“ (Link zum pdf-Programm). Am ende dürfen die Teilnehmenden sich dann „Fachkraft für Autismus“ nennen.

Man kann den ein oder anderen Punkt in diesem Programm kritisieren, insgesamt erscheint es mir – so oberflächlich anhand der Themenliste betrachtet – aber ganz gut. Recherchiert man über die Person, die inhaltlich und für die Durchführung verantwortlich ist, so stellt sich raus, dass diese Frau Petra Wolf offensichtlich unter Anderem mit Fortbildungen über Autismus ihre Brötchen verdient. Oben genannte Veranstaltung findet auch nicht zum ersten Mal statt.

Allerdings gab es bisher wohl keinen Crashkurs in Clickertraining für Autisten. Ich rede natürlich von ABA. Im Umfang von 8 Unterrichtsstunden wird dort den angehenden Autismus-Fachkräften beigebracht, wie ABA geht. Das ist auf mehreren Ebenen furchtbar. Einmal natürlich, weil ABA an sich schon eine würdelose, menschenverachtende Methode ist, die als „Therapie“ angepriesen wird.

Im Rahmen einer solchen Fortbildung ist es jedoch besonders fatal in ABA einzuführen. Da nehmen Menschen teil, die Tag für Tag mit Autisten arbeiten und zwar in der Regel nicht als ausgewiesene Therapeut*innen sondern eher im erzieherischen / pflegerischen Bereich. Bis auf ein paar Therapeut*innen, die da vielleicht teilnehmen, haben die meisten also erstmal schon von Haus aus garnicht die Qualifikation therapeutisch mit Menschen zu arbeiten. Was will man diesen Leuten in 8 Stunden über ABA vermitteln? Die effektivsten Highlights, mit denen man das anstrengende, störende Verhalten im Alltag am effizientesten wegkonditionieren kann? Ein paar Befehle hier, ein bisschen Zwang da und zur Belohnung für’s Männchenmachen ein M&M? So als unterlägen autistische Menschen in Einrichtungen nicht sowieso schon zu vielen äußeren Zwängen? Gibt es nicht auch ohne systematische Anleitung schon genügend Misshandlungen?

Denn wer ABA bewürwortet und vermittelt, der vermittelt damit automatisch eine bestimmte Haltung autistischen Menschen gegenüber. Eine Haltung, die es erlaubt, die Persönlichkeit eines Autisten mit Füßen zu treten, seine Freiheit massiv einzuschränken und seine Würde der Bequemlichkeit seiner Umgebung unterzuordnen.

Wenn jemand, aus welchen Gründen auch immer, ABA als Therapie anerkennt und sich dafür entscheidet das für sein Kind in Anspruch zu nehmen, ist das eine Baustelle (RW), der wir uns annehmen müssen. Man kann verhindern, dass Kinder mit ABA traktiert werden, indem man Eltern und Verantwortliche informiert, aufklärt und Alternativen aufzeigt. Niemand muss sich für eine ABA – „Therapie“ entscheiden (leider entscheiden das autistische Kinder nicht für sich selbst und hier gibt es wirklich noch viel zu tun).
Aber wenn jetzt pädagogische und pflegerische Fachkräfte, die überall da arbeiten, wo autistische Kinder und Erwachsene ihren Alltag verbringen, alle eine Runde mit der Grundhaltung hinter ABA geimpft (RW) werden, dann kann man ihnen nicht mehr ausweichen. ABA hält so schleichend Einzug in die Lebenswelten von Autisten und wir können am Beispiel der USA sehen, wohin das führt. Wie sehr das Schul- und Erziehungssystem für behinderte und autistische Kinder mit solchen Methoden durchzogen ist und welche fatalen Folgen das für die Entwicklung und psychische Gesundheit der betroffenen Menschen hat.

Die Leute lernen in einer fundierten Ausbildung nicht nur richtige und wertvolle Grundlagen, sondern ganz nebenbei auch noch, dass ABA und alles was an Einstellungen damit zusammenhängt, völlig okay sind. Ganz selbstverständlich. Bedeutet das, dass Eltern ab jetzt darauf achten müssen, dass die Menschen, denen sie ihre autistischen Kinder anvertrauen, keine Fachkräfte für Autismus sind? Geht es noch bescheuerter?

Ich habe also eine freundliche Mail an diese Organisation geschrieben und einige Dinge erklärt, sowie Alternativen zu einer ABA-Einführung für das Fortbildungsprogramm aufgezeigt. Ich bin nicht ganz unbewandert in diesem Bereich. Ich habe auch drei Wochen später noch keine Antwort bekommen. Weder ein oberflächliches „Jaja, danke für Ihren Input, wir leiten das weiter.“, noch eine ernstgemeinte inhaltliche Antwort. Und ich rechne auch nicht mehr damit, dass so etwas kommt. Ich hätte mich gefreut, zivilisiert und konstruktiv darüber zu sprechen, wie sich diese Sache positiv auflösen lässt.

Jetzt bleibt mir nur noch, das hier öffentlich zu machen. Denn ich habe nicht vor so etwas einfach schweigend hinzunehmen und ich glaube, damit stehe ich nicht alleine da.

Wenn ihr ebenfalls gegen eine Vermittlung von ABA in einer grundlegenden Ausbildung für Autismus-Fachkräfte protestieren wollt, dann könnt ihr euch direkt an die für den Inhalt Verantwortliche für diese Fortbildung wenden. Im Programm stehen die Kontaktdaten, die ich hier nur nochmal zitiere:

Petra Wolf, Kursleitung der Weiterbildung
Tel.: 0177 / 763 7555
E-Mail: santoswolf@gmx.de
Rechtsträger und somit abschließend verantwortlich ist:
Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste-DAA-mbH
Roritzerstraße 7,
90419 Nürnberg
Tel. 0911 / 3 77 34-0,
Fax 0911 / 3 77 34-34,
E-Mail: hauptverwaltung@ggsd.de

Vielleicht hilft es, wenn die Verantwortlichen von mehr als einer Stelle mitgeteilt bekommen, was sie da eigentlich wirklich in ihrem Angebot haben und dass es bessere Alternativen gibt. Im Zweifel unterstelle ich den Leuten erstmal nur Unwissenheit, keine Böswilligkeit. Und gegen Unwissenheit kann man was machen, man muss nur bereit sein zuzuhören und sich etwas beibringen zu lassen.

Sicherheitshalber auch nochmal der Hinweis, dass ich hier nicht dazu aufrufe diese Leute irgendwie zu belästigen. Es geht mir darum zu informieren und zivilisiert zu protestieren.

Anna

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