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Lisa gehört nicht dazu

Manchmal habe ich ein seltsames Gefühl. Oder vielleicht ist es auch gar kein Gefühl, sondern eine Erkenntnis.

Ich habe es, wenn ich mir all die Menschen auf den Straßen und in den Geschäften ansehe, wie sie einkaufen, in ihren Autos umherfahren, mit ihren Freunden und ihrer Familie etwas unternehmen und sonstige Dinge erledigen.
Ich habe es, wenn mir meine Freundin in einer SMS mitteilt, was sie in der letzten Zeit gemacht hat und wenn mir meine Mutter am Telefon erzählt, welche Pläne sie für die kommenden Wochenenden hat.
Ich habe es, wenn ich nach vier Tagen zum ersten Mal wieder auf mein Handy sehe und ich weder verpasste Anrufe, noch neue Nachrichten habe und ich habe es auch, wenn ich aus dem Augenwinkel sehe, welche mir sonst unbekannte Art von Freude mein Mann empfindet, wenn er sich per Computer mit anderen Menschen schriftlich unterhält.

Diese vielen Kleinigkeiten bringen mich manchmal – eher selten, aber es passiert ab und zu – zu der Erkenntnis oder dem Gefühl, dass ich nirgends so richtig dazu gehöre.

Andere Menschen scheinen eine natürliche Zugehörigkeit zu anderen Menschen zu verspüren und andererseits auch die Ansprüche der anderen Menschen zu erfüllen, die nötig sind um von ihnen als ebenfalls zugehörig empfunden zu werden.
Mit „Zugehörigkeit“ meine ich nicht etwa so etwas wie Freundschaft oder Sympathie, sondern viel mehr das bloße Wissen, dass man sich ähnelt, derselben Spezies angehört, sich versteht, eine Art Gemeinschaft darstellt.

Diese Zugehörigkeit verspüren die meisten Menschen nicht gegenüber Tieren. Viele mögen bestimmte Tiere oder sehen sie als Freunde, vielleicht sogar als Familienmitglieder, aber eine richtige Zugehörigkeit den Tieren gegenüber haben Menschen in der Regel nicht. Sie fühlen sich nicht gleichartig.

Und ich fühle mich Menschen gegenüber wie sich Menschen Tieren gegenüber fühlen.
Ich fühle mich den Menschen nicht verbunden. Eher noch fühle ich mich bestimmten Tierarten verbunden, aber auch da gibt es ganz klare Abstriche, die eine Zugehörigkeit, wie die der Menschen untereinander, ausschließen.
Das Gefühl, das ich dann manchmal habe, ist schwer zu beschreiben für jemanden, der nicht zufällig genau so empfindet. Es fühlt sich leer an. Aber nicht zum Verzweifeln leer, wie ich es aus meinen depressiven Episoden kenne, sondern wie ein Vakuum. Einfach nur ein luft- und gedankenleerer Raum, in dem allein ich mich befinde ohne irgendwelche Gedanken oder Gefühle.
Es ist seltsam, dass ich so empfinde, wo ich doch eigentlich gar nicht so allein bin. Mein Mann sitzt im selben Raum und ich habe eine Familie. Ich bin so gesehen also gar nicht allein. Andererseits trennt mich von ihnen so enorm viel, dass ich trotz all der Zuneigung zu ihnen, trotz der Empfindungen und der Liebe, doch nicht zu ihnen gehöre.

Vielleicht kommt ja tatsächlich irgendwann mal ein Shuttle zur Erde und man teilt mir mit, dass meine Seele extrahiert und in einen menschlichen Körper gesteckt wurde um die Menschheit zu observieren. Das ergäbe wohl durchaus Sinn.

Lisa Ende

Ihr tut mir weh

Und dann gibt es diese Tage, an denen ich mich so schutzlos und ausgeliefert und nackt fühle. An denen nichts übrig ist von meiner Energie, um zu kommunizieren oder zu verstehen oder Appelle zu schreiben.

Ihr tut mir weh mit jedem Wort. Ganz gleich zu wem ihr es sagt, es fühlt sich an wie ein Schlag. Jedes einzelne Wort ein Schlag auf meinen sowieso schon wunden Körper.

Jeder Lichtstrahl schmerzt so sehr in meinen Augen, dass ich sie am liebsten den ganzen Tag über nicht öffnen würde. Wären die Geräusche dann nur nicht noch lauter und müsste ich nicht mein Leben weiterleben, mit all seinen Aufgaben und Abläufen und Routinen, ohne die ich all das noch viel schwerer ertragen könnte.

Eure pure Existenz, so sie sich in meine Umgebung ausdehnt, ist mir zuviel. Ich kann euer Lachen nicht ertragen und euer Schreien lässt mich verzweifeln.

Ich fühle mich so schutzlos und allein und wie das einzige Wesen meiner Art auf diesem Planeten.

Ich verstehe nicht, was ihr sagen wollt mit euren furchtbaren Worten und Bewegungen. Ich will nur, dass ihr alle verschwindet und ich so allein sein kann, wie ich mich innen fühle.

Und tief drin ist da gleichzeitig ein leiser Wunsch. Nach einem Menschen, der mir so vertraut ist, dass seine Anwesenheit sich so anfühlt, als wäre er garnicht da. Den ich in meiner Nähe ertragen könnte, schweigend. Ein Mensch, gegen den ich von Zeit zu Zeit meinen von der Welt schmerzenden Kopf lehnen könnte, nur für eine kurze Weile, und der nichts dazu sagt. Ein Mensch, dessen Berührungen mich nicht zusammenzucken lassen. Vor dessen Händen ich nicht fliehen will. Dessen Umarmung mich abschirmt vor der Welt und mich nicht verstört die Flucht ergreifen lässt.

Aber es gibt diesen Menschen nicht. Weil ich niemanden lange genug in meiner Nähe ertrage, um eine solche Vertrautheit entstehen zu lassen. Ich brauche das Alleinsein fast noch dringender, als das Atmen. Und darum gibt es diesen Menschen nicht und darum will ich, dass ihr alle verschwindet. Jetzt! Sofort!

Bis ich mich erholt habe von euren auf mich einschlagenden Worten und unverständlichen Botschaften und unerklärlichen Erwartungen. Von der Verwirrung, den Schmerzen, der Angst. Damit ich euch dann wieder eine Weile ertragen kann und mich an euch gewöhne. An einen oder zwei von euch. Damit es irgendwann leichter wird in eurer Nähe zu sein. Irgendwann, mit viel Geduld.

Aber jetzt tut ihr mir einfach weh.

Ihr und jedes Geräusch und das Licht und sogar meine eigenen Gedanken.

Anna

Lisa verlässt die Wohnung

Noch ein letztes Mal atme ich tief durch. Gerade überprüfte ich meine Tasche auf die Vollständigkeit aller benötigten Utensilien. Es ist alles drin, was ich brauchen werde. Das heißt, nichts hält mich mehr davon ab, mein zu Hause, meinen eigenen Ruhepunkt, zu dem nur der Zugang hat, dem ich es gestatte, genau jetzt zu verlassen. Mein Magen zieht sich zusammen, ich zittere und mir wird eiskalt, obwohl die Außentemperatur heute bei 20°C liegt.

Wackeligen Schrittes trete ich zur Tür hinaus und werfe noch einen letzten Blick in mein Heim. Meine Katze schaut mir neugierig hinterher, denn diesen Weg geht sie nie. Sicher wäre es uns beiden ganz recht, wenn wir die Rollen tauschen könnten. Sie geht nach draußen in diese verwirrende Welt voller unvorhersehbarer Reize und ich genieße die Ruhe und die Vertrautheit meiner gewohnten Umgebung. So soll es für uns aber nicht laufen, also winke ich meiner Katze zum Abschied zu, während ich ihr ein ganz leises „Bis dann!“ zuflüstere – extra leise, damit mich die Nachbarn nicht für verrückt halten – und schließe die Tür hinter mir.

Ich richte mit dem Fuß die Türmatte, sodass sie wieder parallel zur Tür liegt und gehe auf die erste Treppe zu. Es sind viereinhalb Treppen, die ich hinuntersteigen muss. Die ganzen Treppen haben acht Stufen, die unterste halbe Treppe hat nur drei. Deswegen ist sie eigentlich gar keine halbe Treppe, sondern eine drei Achtel Treppe. Sie hat nur 37,5 Prozent der Stufen, die die anderen Treppen haben. Wäre die Treppe Teil einer Fantasy-Welt und wäre ihr Vater ein Mensch und ihre Mutter eine Elfe, wäre sie ein Halbelf – sogar nur mit 37,5 Prozent-Anteil einer Seite. So ist sie leider nur ein kurzes Stück Treppe, auf der täglich etliche Menschen mit ihren dreckigen Schuhen herumtrampeln. Dumm gelaufen.

Jedenfalls gehe ich die Treppen hinunter. Ich habe meistens das gleiche Tempo und meine Schritte sind gleichmäßig. Meine Beine fühlen sich wackelig an und ich werde zunehmend nervöser. Von dieser Nervosität versuche ich oft abzulenken, indem ich mir Gedanken über verschiedene Dinge mache, wie beispielsweise diese 37,5 Prozent-Treppe, die ein Halbelf hätte sein können, es jedoch nicht ist. Ich habe bereits fast das Ende der zweiten Treppe erreicht, da überkommt mich ein beißender Geruch. Großartig, die Nachbarn missbrauchen mal wieder das Treppenhaus zur Zwischenablage ihrer Küchenabfälle. Während ich mir durch den Kopf gehen lasse, wie angenehm es mir wäre, wenn das ganze Haus unter dem Gestank meiner Abfälle leiden müsste, nehme ich die die letzten beiden Treppen in Angriff.

Am Ende der letzten ganzen Treppe angekommen, sehe ich meinen Briefkasten. Genau genommen sehe ich, dass der Postbote schon wieder meine abonnierte Zeitschrift in der Mitte gefaltet und in den schmalen Schlitz gestopft hat. Mit einem Seufzen schließe ich den Kasten auf und versuche meine geschätzte Zeitschrift vorsichtig zu entfernen. Es ist mir kaum möglich, dies zu tun, ohne ihr weh zu tun. Bei besonders schweren Fällen dieser Art überkommt mich immer eine Operations-Assoziation. Verletzte ich während des Eingriffes versehentlich den Patienten, verspüre ich eine Art Mitgefühl für ihn, der unter der Aggression seines Angreifers und meiner beruflichen Unfähigkeit leiden muss. Ich zweifle die Wahl meines Berufes an und spiele mit dem Gedanken, einer dieser Ärzte zu werden, die sich unter dem Leistungsdruck ihrer Arbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Selbstmedikation entschieden. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich ja gar kein Medizin-Studium hinter mir habe und es derzeit auch nicht in Erwägung ziehe. Angesichts meiner Leistungen im Entfernen von Wissens-Magazinen aus dem Briefkasten, wäre diese Überlegung ohnehin ziemlich fahrlässig. Zumindest im chirurgischen Bereich.

Dieser kurze Moment, in dem ich eine drogenabhängige, überarbeitete Chirurgin in den 40er Jahren war, lies mich doch tatsächlich einen Moment lang vergessen, dass ich etwas wesentlich Anstrengenderes vor mir habe: das Verlassen der Wohnung.

Ich platziere meine Zeitschrift also so, dass sie geschützt ist vor weiteren Gräueltaten, schließe den Briefkasten und widme mich der Halbelfen-Treppe. Unten angekommen öffne ich die Tür. Eine olfaktorische Druckwelle frisch und mit zu viel Weichspüler gewaschener Wäsche rollt über mich hinweg. Eigentlich mag ich diesen Geruch, aber die Kleidungsstücke aus denen er hervortritt, sind nicht meine. Das heißt, ich atme fremde Kleidung ein, die sich vor Kurzem und sicher regelmäßig an fremden Körpern befand. Ihgitt.

Ich setzte meine Sonnenbrille auf, bevor dieses Ungetüm von Sonne die Chance hat, meine Netzhäute zu verbrennen – ein gar nicht allzu unangenehmer Gedanke. Das Verbrennen selbst natürlich schon, aber die daraus resultierende Blindheit stelle ich mir das ein oder andere Mal recht beruhigend vor, wenn ich bedenke, wie viele optische Reize mich täglich aus der Fassung bringen. Andererseits würde das bedeuten, nie wieder am PC zu spielen, nie wieder Filme und Serien zu sehen, nie wieder die flauschigen kleinen Bäuche meiner Katzen zu sehen, während ich sie streichle und nie wieder den unendlich dümmlichen Gesichtsausdruck meiner Katze zu sehen, wenn sie mal wieder aus unerklärlichen Gründen mit offenem Mund in der Gegend herumsteht und mich anstarrt. Das wäre keineswegs vertretbar, also bewahre ich mein Augenlicht vorerst noch und gehe in Richtung Fußweg.

Es ist fürchterlich. Es riecht nach dem Klärwerk, das sich nicht weit von meiner Wohnung entfernt befindet, nach den Abgasen der hunderten (oder sogar tausenden?) von Autos, die täglich über die Hauptverkehrsstraße fahren, die sich direkt an meiner Wohnung befindet, es riecht nach dem Erbrochenen dieser armen Seelen, die es für notwendig halten, sich am Wochenende all ihrer Hemmungen und ihrer Scham zu entledigen mit Hilfe ihres treuen Freundes, dem Alkohol. Ich wende mich zur rechten Seite. Dort muss ich entlanglaufen. Geradeaus, rechts um die Ecke, weit gerade aus, nochmal rechts und dann scharf links. Nachdem ich meinen Weg, den ich so oft gehen muss, gedanklich und in Sekundenschnelle durchdacht habe, gehe ich los.

Zu meiner Rechten befindet sich eine Postfiliale. Wie ich durch die großen Glasfronten sehe, ist die Warteschlange lang. Ein Mann stürmt heraus, seine Körperhaltung ist recht versteift, seine Hände deuten Fäuste an, der Kopf ist gesenkt, der Oberkörper nach vorn geneigt, er rennt mich fast um. Aha, er scheint wohl wütend zu sein! Wahrscheinlich dauerte es ihm zu lange oder der Versand kostete 10 Cent mehr als er dachte. Ich weiche zurück, er entschuldigt sich nicht, ich sage nichts und gehe weiter. Ein wahrer Sympathieträger, der Herr.

Ich erreiche die Ecke, um die einige Menschen so gern herum rennen oder mit voller Geschwindigkeit mit dem Fahrrad fahren, ohne ihre Augen aufzumachen, ob nicht eventuell Gegenverkehr vorhanden ist. Heute jedoch habe ich Glück – kein mordlustiger Radfahrer in greifbarer Nähe. Vor mir liegt ein langer Fußweg. Bis zur Kreuzung muss ich gehen und dann rechts abbiegen. Die Lautstärke des Straßenverkehrs ist hier unerträglich. Motorengeräusche, quietschende Reifen, laute Hupen, Rufe und Unterhaltungen, eine Horde Jugendlicher, die mir entgegenkommt, allen verfügbaren Platz einnehmend. Ich dränge mich an die Seite, damit mich keiner von ihnen berührt, während sie in ihrer unveränderten Formation vorbeigehen. Weiter geht’s.

Kurz vor dem Friseursalon, aus dem ein unfassbar ekliger Geruch tritt, liegt ein brandneuer Hundehaufen. Damit befinden sich auf dem kurzen Abschnitt dieser kilometerlangen Straße insgesamt drei Hundehaufen. Wäre ich ein Hund, wollte ich mein Geschäft sicher nicht hier verrichten. Aber wahrscheinlich haben sie gar keine andere Wahl. Die nächste Grünfläche liegt einige Minuten zu Fuß entfernt hinter dem Klärwerk. Für die meisten Hundebesitzer, die in dieser Gegend wohnen, wäre das ein unzumutbarer Gewaltmarsch. Sie gehen lieber mit ihrem Hund einmal ihre Straße entlang und dann wieder zurück. Das habe ich schon oft beobachten müssen. Diese armen Tiere.

Ich gehe weiter und weiter. Menschen kommen mir entgegen und sehen mich an – die einen länger, die anderen nur flüchtig. Normalerweise sehe ich den Menschen nicht ins Gesicht, denn ihre Gesichter sind für mich nichtssagend. Ich erkenne nicht, ob ein anderer Mensch traurig ist oder fröhlich, enttäuscht oder sauer. Ich brauche eindeutige Signale, die ich zuordnen kann, doch fast immer ist es so, dass es Feinheiten sind, die man erkennen muss. Nicht jeder, der traurig ist, weint. Nicht jeder der wütend ist, schnauft laut mit hochrotem Kopf und Mundwinkeln, die den niedrigsten Punkt im Gesicht darstellen. Nicht jeder, der fröhlich ist, lächelt breit, pfeift ein beschwingtes Lied oder tanzt umher. Deswegen weiß ich nur selten, was in anderen Menschen vor sich geht.

Ich bin am Ende dieses Abschnittes der Straße angekommen und biege rechts ab. An der Ecke befindet sich die Eingangstür zu einem Bäcker. Auch hier nehme ich den Geruch so intensiv wahr, wie es vielen anderen Menschen wahrscheinlich nur möglich wäre, wenn sie ihre Gesichter in einen heißen, mit Brötchen gefüllten Ofen stecken und tief einatmen würden. Genau so fühlt es sich für mich an, wenn sich die Wärme der Öfen mit dem Geruch der backenden Brötchen durch die offene Tür drücken.

Noch ein paar Meter, dann kommt der Punkt, an dem ich scharf links einbiegen muss, denn ich muss die Treppe hinunter zur U-Bahn nehmen. An meinem Magengefühl hat sich bislang wenig geändert. Meine Beine sind nach wie vor wackelig, mir ist heiß, weil ich die Wärme nicht ertrage, mir ist kalt, weil ich Angst habe. Ich habe Angst, dass etwas Unvorhersehbares geschieht, etwas das ich nicht planen kann, dass ich angesprochen werden könnte von einem fremden Menschen oder sogar von einem Menschen, den ich kenne. Ich fürchte mich vor flüchtigen Berührungen, vor unangenehmen Gerüchen, vor lauten und schrillen Geräuschen, vor dem Platzmangel in der U-Bahn, den ständigen Verzögerungen, vor Blicken anderer Menschen, Blicke die ich nie verstehen werde. Würde ein anderer Mensch, der nicht so ist wie ich, einer Person gegenüber sitzen, die sich eine blickdichte Strumpfhose über den Kopf gezogen hat, würde er mehr aus deren Gesicht herauslesen können als ich es bei einem Menschen ohne Strumpfhose je können werde.

Auf den Treppen hinunter zur U-Bahn kommt mir eine angenehme Kälte entgegen. Und mit ihr der stechende Geruch von Urin. Mittig dieser Stadt riecht es scheinbar nahezu überall nach Urin und Erbrochenem. Ist das in allen Großstädten so oder können nur die Bürger dieser Stadt ihre Körperflüssigkeiten nicht bei sich behalten? Nach ein paar weiteren Schritten erwartet mich noch eine Rolltreppe nach unten. Man kann aber auch die Treppe nehmen. Ich mache das davon abhängig, wo die wenigsten Menschen sind. Meistens ist das die normale Treppe, denn Menschen drängen sich lieber aneinander gepresst auf eine Rolltreppe statt ein paar Schritte ohne sonderliche Mühe auf einer normalen Treppe zu tun. Heute nehme ich die Treppe, denn die Rolltreppe ist mir zu voll. Unten angekommen gehe ich weit nach hinten, wo ich am meisten Abstand zu den anderen habe. Heute ist Montag, das heißt ich setze mich lieber nicht auf eine Bank, also bleibe ich stehen.

Gerade sehe ich auf meine Uhr, da kommt schon die U-Bahn eingefahren. Es trifft mich heute gar nicht so übel, die U-Bahn ist nur mittelmäßig gefüllt. Während ein Teil der U-Bahn an mir vorbeifährt, sehe ich schon hinein um eventuell einen einzelnen Sitzplatz zu bekommen. Es sind leider nur Plätze in Vierer-Sitzgruppen frei, da kann ich nicht sitzen. Wenn ich nicht allein unterwegs bin, wäre ein solcher Platz in Ordnung, aber wenn ich mich allein auf einen solchen Vierer-Platz setze, besteht die Gefahr, dass sich Menschen zu mir setzen. Sie kommen mir zu nah, sprechen mich vielleicht an. Am Fenster kann ich erst Recht nicht sitzen, dann da könnte der Ausgang blockiert werden und ich müsste jemanden ansprechen, ob ich herausgelassen werde. Dabei könnte ich zu laut, zu leise sprechen, einen falschen Ton anschlagen, zu schnell oder zu langsam sprechen. Egal welchen Fehltritt man sich erlaubt, sie bemerken es. Also lasse ich zuerst die anderen aussteigen, gehe dann hinein und bleibe ich lieber nahe der Tür stehen.

Um meinen heutigen Weg zu erledigen, muss ich nur drei Stationen fahren. In den zwei dazwischenliegenden Stationen steigen selten viele Menschen ein, aber da wo ich aussteigen muss, ist immer sehr viel los, denn dort kommen sämtliche U-Bahnen, die in dieser Region fahren, im Minutentakt vorbei. Zusätzlich fahren oberirdisch viele Busse und Straßenbahnen zu fast jeder Tages- und Nachtzeit. Die Zeit in der U-Bahn ist schnell vorüber. Ich steige aus und beginne, mich an den Menschenmassen vorbeizuschlängeln. Sie stehen einzeln, in kleinen und in großen Gruppen, am Rand und mitten im Weg, sie gehen schnell, langsam oder rennen, sie schleichen und schlafen fast beim Gehen ein, sie bleiben abrupt stehen, bewegen sich plötzlich und unvorhersehbar, wechseln ihre Richtung, nehmen dabei keinerlei Rücksicht. Dazu kommen unzählige verschiedene Gerüche, wie ein soeben gekaufter Döner eines Grundschülers, das aufdringliche Parfüm einer Jugendlichen, der unhygienisch-muffige Geruch einer ungepflegten Frau, das Putzmitteln des Mannes, der gerade die Mülltüten erneuert, der Obstgeruch eines Verkaufsstandes, die Backwaren aus dem Geschäft daneben. Die Geräuschkulisse ist ebenfalls nicht zu unterschätzen: alle möglichen unterschiedlichen Stimmen in ganz verschiedenen Lautstärken, Klingeltöne diverser Handys, eine Durchsage am Gleis nebenan und eine weitere in der Etage darunter, das Geraschel von Plastiktüten, ein schreiender Säugling, die Schritte dieser ganzen Menschen. Es ist ein einziges Chaos. Ich bekomme Kopfschmerzen, mein Gehirn fühlt sich an, als würde es gleich platzen unter dem Druck der endlos vielen Reize, die es einfach nicht alle gleichzeitig verarbeiten kann.

Gerade suche ich meine Ohrstöpsel, die ich immer dabei habe, aus der Tasche, da komme ich an einen engen Durchgang, der zur rechten Seite von einer Steinwand und zur linken Seite von einer Menge wirr herumstehender Menschen gebildet wird und es kommt mir eine ältere Frau mit viel Gepäck entgegen. Von Weitem sehe ich sie und schaffe Platz, damit sie ungehindert vorbeikommt. Da lächelt sie mich im Vorbeigehen an und sagt in einem wirklich erfreutem Ton: „Vielen lieben Dank!“

Oft werde ich angerempelt, beschuldigt und bösartig angesehen, da ist ein ernst gemeintes Dankeschön einer liebenswerten, freundlichen Person redensartliches Gold Wert. Diese seltenen netten Menschen, die plötzlich inmitten einer riesigen hektischen Mengenmenge auftauchen und einfach mal nur freundlich sind, erscheinen so unheimlich überraschend, dass ich nie weiß, ob ich etwas sagen oder tun soll und wenn ja, was. Sie machen mir Platz, halten mir eine Tür auf, lassen mich mit zwei Artikeln an der Kasse vor, bedanken sich, wenn ich das gleiche für sie tue.

Es ist doch seltsam, dass ein für mich so anstrengender, Furcht erregender Tag, der scheinbar erst dann angenehmer werden soll, wenn ich mich nach allen Erledigungen wieder in meiner Wohnung befinde und mich vollkommen erledigt und müde hinlegen kann, durch eine so winzig kleine Geste einer vollkommen fremden Person, die ich vielleicht nie wieder sehe, um ein Vielfaches angenehmer werden und mir ein kurzes Gefühl von Glück geben kann, an das ich den ganzen Tag immer wieder zurückdenken kann um wieder ein wenig mehr Antrieb für die nächste Hürde zu erhalten.

Lisa