Schlagwort-Archive: Selbstvertretung

Flyer zur Aufklärung über behindertenfeindliche Sprüche

(Inhaltswarnung: Es werden einige behindertenfeindliche Formulierungen als Beispiele ausgeschrieben, um sie zu erklären. Es ist außerdem die Rede von Nazi-Verbrechen an behinderten Menschen.)

Behindertenfeindlichkeit (Ableismus) ist in unserer Sprache weit verbreitet. Insbesondere für Beleidigungen werden sehr oft Worte verwendet, die vor allem behinderte oder kranke Menschen abwerten.

So passiert es z.B. immer wieder, dass auf eigentlich sinnvollen Demonstrationen gegen rechte Parteien und Bewegungen, behindertenfeindliche Sprüche verwendet werden. Aber auch in Unterhaltungen auf der Straße, im Bekannten- oder Familienkreis, werden solche Formulierungen verwendet. Beispielsweise liest/hört man oft „Pegidiot“ als abwertende Bezeichnung für Pegida-Leute, so auch bei uns in Nürnberg. Aber auch „dumme Nazis“ oder „die sind doch alle verrückt / die spinnen doch“ sind Beispiele für ableistische Beleidigungen.

Der Begriff „Idiotie“ ist eine veraltete Fremdbezeichnung für Menschen mit Lernschwierigkeiten, der von den betroffenen Leuten abgelehnt wird. Heute wird das Wort nur noch als Beleidigung und Abwertung verwendet und zwar auf Kosten von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Eine Behinderung oder Lernschwierigkeiten zu haben, macht Menschen nicht weniger wertvoll. Das Wort vor diesem Hintergrund als Beleidigung zu verwenden, ist behindertenfeindlich und verletzend. Auch dann, wenn das Wort nicht zu einem behinderten Menschen, sondern zu anderen Leuten gesagt wird.

Insbesondere im Zusammenhang mit rechten Bestrebungen ist es gleich in mehrfacher Hinsicht problematisch. Denn sehr viele Menschen mit Lernschwierigkeiten, aber auch mit verschiedenen Behinderungen und (psychischen) Krankheiten, wurden von den Nazis ermordet, zwangsweise sterilisiert oder für Experimente missbraucht.

Es ist ein besonderer Schlag ins Gesicht (Redewendung) für behinderte und kranke Menschen, wenn ausgerechnet abwertende Bezeichnungen für sie und ihre Behinderung verwendet werden, um Nazis und Rechte zu beleidigen. Rassismus ist keine Frage von Bildung, kognitiven Fähigkeiten oder (psychischer) Gesundheit. Rassismus ist Rassismus und er ist überall zu finden.

Um Menschen darauf hinzuweisen, dass ihre Sprüche auf Demos (oder wo auch immer sonst) behindertenfeindlich sind, haben ein paar behinderte Menschen gemeinsam einen Flyer geschrieben. Den können alle (ob nun selbst behindert oder nicht) sich ausdrucken und verteilen. Er darf auch im Internet verlinkt werden, wenn er helfen kann auf das Problem hinzuweisen. Wir dürfen den Flyer hier bei uns hochladen, vielen Dank dafür!

Flyer: Dein Spruch ist behindertenfeindlich (pdf)

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Offener Brief zur Diffamierung von Autisten in der Phönix-Runde

Am 17.11.2015 bezeichnete der Sicherheitsexperte Karl-Heinz Kamp in der Phoenix-Runde (1) islamistischen Extremismus als eine Form von Autismus. Damit setzt er, den neuesten Prävalenzstudien (2) zufolge, bis zu 2 % der weltweiten Bevölkerung in einen direkten Zusammenhang mit den Anschlägen in Paris und Beirut und den Greuel der Terrororganisationen IS, Boko-Haram und Al Quaida.
Wie auch andere Männer in der Öffentlichkeit, von Jakob Augstein (3) bis Henryk M. Broder (4), verwendet Karl-Heinz Kamp den Begriff als pseudo-intellektuelle Beleidigung (5) und setzt auf den bequemen wie falschen Stereotypen auf, die ein Bild von Autisten als gefühlskalte, emotionslose Roboter prägen.

Wie in der Vergangenheit, wenn Autisten vorschnell – und nahezu immer falsch (6) – als verantwortlich für Schießereien im Gespräch waren, werfen solche Aussagen ihren Schatten auf die autistische Bevölkerung, jung wie alt. So folgte bereits der Ruf nach Registrierung von Autisten (7) oder ihrer zwangsweisen psychiatrischen Unterbringung. Die Folge waren Gewaltausbrüche wie in England, wo ein jugendlicher Autist gejagt wurde, bis er in einen Abgrund sprang (8), oder direkte Angriffe, weltweit (9). Auch Mütter, die ihre autistischen Kinder töteten oder einen Tötungsversuch unternahmen, bauten ihre Verteidigung auf dieser Welle allgemeinen Autistenhasses auf.

Auf Grund dieser Vorurteile werden Autisten Hilfen verweigert und scheuen Autisten das Outing in Schule, Universität und Beruf und verzichten damit auf notwendige Unterstützung.

Dass der Präsident einer Bundesakademie und Berater der Bundesregierung, ein Terrorexperte, auf einem öffentlich-rechtlichen Sender diesen Autistenhass weiter schürt, ist nicht hinnehmbar.

Daher erwarten wir von Karl-Heinz Kamp umgehend eine öffentliche Entschuldigung, von der Bundesakademie für Sicherheitspolitik eine Distanzierung von den Aussagen ihres Präsidenten und vom Sender Phönix ebenfalls eine Distanzierung von den unwidersprochen in ihrem Programm gesendeten Aussagen.

 

Nachtrag nach Beginn der Unterschriftensammlung:
Ein Pressesprecher der BAKS sagte dazu, dass „das Wort leider aus laienhafter Kenntnis verwandt wurde“ und sie dafür sensibilisiert wurden. Außerdem wurde zugesagt, auf der Internetseite der BAKS auf die „verkehrte Wortwahl“ hinzuweisen. Eine Bereitschaft zu weiteren Schritten oder einer Entschuldigung war nicht zu erkennen.
Angesichts der Tatsache, dass dieser Hinweis von nur einem Bruchteil der Menschen wahrgenommen werden wird, die diese Sendung gesehen haben, empfinden wir dieses Angebot jedoch als nicht ausreichend um den entstandenen Schaden zu kompensieren und sind insbesondere von der fehlenden Bereitschaft zu einer Entschuldigung enttäuscht.

 

Dieser Offene Brief kann mit einem Kommentar unter diesem Beitrag mitgezeichnet werden.

 

Erstzeichner

Organisationen:
1. Verein „autismus Südost-Niedersachsen“
2. autonomes Referat für behinderte und chronisch kranke Studierende im AStA an der Uni Münster
3. Auticare e.V. (Verein von und für Autisten)
4. Autland Nürnberg

Einzelpersonen:
1. Mela Eckenfels (Mitglied ASAN [Autistic Self Advocacy Network])
2. Max Neumann
3. Benjamin Falk
4. Bernd Martin Rohde (Mitglied der CDU)
5. Denise Linke
6. Ina Blodig (Specialisterne)
7. Silke Burmeister (Mitglied bei Amnesty International)
8. Aleksander Knauerhase (Inklusionsbotschafter)
9. Petra Dietz
10. Thomas Dietz
11. Aada K. Lopez
12. Katja Schmidt
13. Sandra Brangs
14. Jan Ismael Kluever
15. Aenne Munkel
16. Carolin  Brendecke
17. Maria Papiomitoglou
18. Anita Schleutermann
19. John Schleutermann
20. Jeannette Schleutermann
21. Heiko
22. Alex Kauk
23. Kristin Johannsen
24. Marion Schäfer
25. Isabella Künzinger
26. Silke Mühlbacher
27. George L. Lopez
28. Juergen Niggemann
29. Claudia Zweinert
30. C.Seinsche
31. Erik Falk
32. Sam Becker
33. Juliane Linke
34. Daniela Schreiter
35. Dagmar Keiper
36. Rainer Brings
37. Stephan Siekmeyer
38. Katharina Winterhalder
39. Carina Ohmes
40. Claudia Schmidt
41. Cordula Rode
42. Martje Henrike Rode
43. Thomas Winterhalder
44. Barbara Kruse
45. Christina nowak
46. Rita Murawski-Nowak
47. Anja Bönsch
48. Josef Bönsch
49. Kristina Möller
50. Janina Waetzmann
51. Sabrina Stolzenberg
52. Tanja Einheuser
53. Christin Klepac
54. Marina Buchholz
55. Renè Buchholz
56. Monika Scheele Knight
57. Gabriele Reitz
58. Rainer Haggenmiller
59. Ulrike U
60. Jennifer Kazanci
61. Nicole Döling
62. Alexandra Lais
63. Rebecca F.
64. Alexander F.
65. Melanie Feldmann
66. Karolina Wasalska
67. Claudia Steinhagen
68. Nurten Meriç
69. Ulrike Rost
70. Andreas Hinz
71. Nadja Hummel

 

Quellen:
1) http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/2341480#/beitrag/video/2605904/phoenix-Runde-vom-17112015 (53:10)
2) http://www.forbes.com/sites/emilywillingham/2015/11/13/you-wont-guess-why-u-s-autism-prevalence-is-now-1-in-45/
3) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-frank-schirrmachers-neues-buch-ego-a-882547.html
4) http://ps.welt.de/2015/05/16/die-achsen-des-guten-radfahrer-sind-gefaehrliche-autisten/
5) http://gedankentraeger.de/?p=3237
6) http://www.carta.info/72850/autismus-und-massenmord-der-konstruierte-zusammenhang/
7) https://www.minnpost.com/community-voices/2013/01/would-national-mental-health-registry-have-prevented-sandy-hook
8) http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/law-and-order/11725238/Bullies-chased-me-throwing-stones-claims-teenage-boy-paralysed-by-fall-from-bridge.html
9) http://autism-memorial.livejournal.com/

Offener Brief an die Vorsitzende von Autismus Deutschland

Sehr geehrte Frau Kaminski,

Sie sind seit vielen Jahren Vorsitzende des Bundesverbandes Autismus Deutschland. Wann immer es in der öffentlichen Debatte um Autismus geht, haben Sie die Chance zu Wort zu kommen. Sie, als Elternvertretung, behaupten nach wie vor, dass Sie die Interessen von autistischen Menschen in Deutschland vertreten. Sie haben dabei, durch jahrelange Arbeit, eine Bekanntheit und Reichweite erlangt, die eine große Chance bedeutet. Sie haben das Privileg, gesehen zu werden und damit die Möglichkeit, die Wahrnehmung von Autismus und autistischen Menschen in der Öffentlichkeit zu verändern.

Doch statt Ihre Position dazu zu nutzen, autistischen Menschen die Chance zu geben, für sich selbst zu sprechen, sprechen Sie lieber über unsere Köpfe hinweg über uns. Das nennen Sie dann „uns eine Stimme verleihen„. Als hätten wir nicht bereits eine eigene! Als wären wir, nur weil wir anders oder garnicht mit gesprochenen Worten umgehen, nicht in der Lage für uns selbst zu sprechen. Wenn Sie soviel über Autismus wissen, wie es Ihre Position verlangt, dann wissen Sie das längst. Dann wissen Sie, dass jede_r Einzelne von uns Gedanken, Gefühle und Anliegen hat. Dass jede_r Einzelne von uns etwas zu sagen hat. Die einen mit eloquent gesprochenen Worten, die anderen mit geschriebenen und wieder andere mit Bildern, Bewegungen, Verhalten.

Autist_innen haben sich schon immer ihrer Umwelt mitgeteilt. Wir haben schon immer kommuniziert. Das ist nicht neu. Das Internet und andere Hilfsmittel bieten uns allerdings seit einiger Zeit endlich die Chance, auch verstanden zu werden. Zu interagieren und uns mit anderen Autist_innen auszutauschen. Aus der Rolle der „bemitleidenswerten, hilflosen Behinderten“ herauszuwachsen und selbstbewusst zu sagen:

Wir sind autistisch und wir wollen euch erklären, was das bedeutet. Wir wollen, dass Ihr uns besser versteht und wir wollen, dass Ihr unser Recht für uns selbst zu sprechen respektiert! Wir verlangen, dass ihr uns respektiert!

Die Geschichte der Behindertenrechtsbewegung lehrt uns, dass wir nicht die erste Gruppe von Menschen sind, die dabei auf Widerstand stößt. All die Menschen, die seit langer Zeit in unserem Namen um bessere Lebensbedingungen kämpfen, müssen sich weiterentwickeln. Sie müssen lernen, dass ihre Hilfe oft gut gemeint und aus Liebe heraus erfolgt(e), dass sie aber nicht immer das ist, was wir brauchen oder wollen. Das schmälert nicht, was viele Eltern in den vergangenen Jahrzehnten geleistet haben und weiter leisten. Es ist einfach nur eine Chance, es in Zukunft besser zu machen.

Wir versuchen seit Jahren zu vermitteln, dass wir die gleichen Ziele vertreten. Wir wollen bessere Lebensbedingungen für Autist_innen, wir wollen schädliche Vorurteile und Fehlinformationen aus der Welt schaffen, wir wollen eine Gesellschaft, in der Autist_innen sicher und gut leben können. Wir wollen nicht Mitleid und Bevormundung, wir wollen Akzeptanz. Wir wollen das für uns und wir wollen das für unsere autistischen Geschwister, die nicht öffentlich selbst dafür eintreten können.

Das traurigste, enttäuschendste und bitterste Kapitel an diesem Kampf für unsere Rechte ist, dass ausgerechnet Elternvertretungen wie die Ihre, unsere Bemühungen behindern, ignorieren und missachten. Statt uns dabei zu helfen gehört zu werden, legen Sie uns Steine in den Weg. Statt mit uns gemeinsam zu diskutieren, Strategien und Ideen zu entwickeln und sie umzusetzen, schließen Sie uns aus. Ein besonders schmerzhaftes und inakzeptables Beispiel für die Behinderung unserer Arbeit, haben Sie, Frau Kaminski, ganz persönlich zu verantworten.

Sie haben einen Autisten, der engagiert und kompetent öffentlich für unsere Ziele eintritt, diskreditiert. (Quelle: Quergedachtes – „Gedanken“)
Er hat mit seinem Konzept schon sehr viele Menschen erreicht und sorgt in seinen Gesprächskreisen dafür, dass Menschen aus erster Hand etwas darüber lernen können, was es bedeutet, Autist zu sein. Er tut dies auf eine sehr konstruktive Art und Weise, die über Aufklärung hinaus menschliche Begegnungen ermöglicht. Das Abbauen von Berührungsängsten und Vorurteilen. Statt sich darüber zu freuen und ihn seine wichtige Arbeit machen zu lassen, raten Sie in Ihrer Funktion als Vorsitzende von Autismus Deutschland davon ab, seine Gesprächskreise zu besuchen. Als wäre das noch nicht genug, zweifeln Sie öffentlich seine Diagnose an und versuchen so, ihm seine Stimme zu nehmen. Einem der wenigen von uns, die öffentlich sprechen. Und glauben Sie mir, er spricht nicht nur für sich selbst, sondern für sehr viele autistische Menschen, ohne sich dabei anzumaßen für alle zu reden. Im Gegensatz zu Ihnen. Bei allem Verständnis für Ihre Schwierigkeiten sich weiterzuentwickeln und umzudenken (Veränderungen sind nicht immer einfach), das ist inakzeptabel und ich verurteile Sie dafür. Sie haben uns offenbart, dass es Ihnen nicht wirklich darum geht, Autist_innen eine Stimme zu verleihen. Es geht Ihnen darum, den Status quo zu erhalten, in dem Sie die Deutungshoheit darüber haben, was es bedeutet, autistisch zu sein.

Wir werden das nicht hinnehmen und raten jedem einzelnen Mitglied der vielen regionalen Vereine ihres Verbandes, sich genau zu überlegen, ob eine derartige Person geeignet ist ihre und unsere Interessen zu vertreten. Denn wir wissen, dass es sehr viele unterstützende, hilfreiche Menschen in diesen Vereinen gibt, die wirklich hinhören und verstehen wollen. Die eine Welt wollen, die ihren Kindern zuhört und sie ernstnimmt, die sie als Teil dieser Gesellschaft so akzeptiert, wie sie sind. Es wird Zeit, dass diese Menschen lauter werden und sich nicht von einem rostigen, bürokratischen Verbandsapparat davon abhalten lassen, einen Unterschied zu machen.

Wenn Sie ein Fünkchen Selbstreflektionsfähigkeit besitzen, dann sollten Sie darüber nachdenken zurückzutreten, Frau Kaminski. Ihre Zeit ist vorbei. Sie leben in einer Vergangenheit, die wir alle hinter uns lassen wollen und werden. Sie werden nicht verhindern können, dass autistische Menschen sich zunehmend organisieren und für sich selbst sprechen. Alleine und mit Unterstützung unserer Bezugspersonen. Seite an Seite und nicht über unsere Köpfe hinweg.

Wir haben die wichtigste Stimme in der Diskussion um unser Leben. Sie können das akzeptieren, oder Sie treten zur Seite und machen Platz für jemanden, der es kann.

Gezeichnet

eine autistische Stimme unter Vielen

Bitte teilt diesen Brief! Über eure Unterstützung in Form von Kommentaren freuen wir uns sehr.

Autismus Deutschland und ABA – zur aktuellen Situation

Ich habe schon früher darüber geschrieben: „Sich positionieren – in Sachen ABA„. Über die Schwierigkeit von Fachleuten, Verbänden, Einzelpersonen und Vereinen in Sachen ABA Position zu beziehen. Und ich habe Autismus Deutschland, als größte deutsche Organisation, die öffentlich als Sprachrohr für Autisten auftritt, aufgefordert Stellung zu beziehen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Regionalverbände, die Autismus Deutschland angehören, verschiedene Standpunkte vertreten. Sie sind in Sachen ABA so verschieden, dass sie in meinen Augen nicht vereinbar sind. Auf der einen Seite haben wir Autismus Karlsruhe, eng verbunden mit der gewinnorientierten Firma Knospe ABA GmbH und Keimstätte der meiner Ansicht nach sehr radikalen Vereinigung der „ABA-Eltern“. Auf der anderen Seite haben wir mit Autismus Mittelfranken einen Regionalverband, der sich um eine respektvolle Zusammenarbeit mit erwachsenen Autistinnen sowie Fachleuten bemüht, mittlerweile eine Autistin im Vorstand hat und sich kritisch mit ABA auseinandergesetzt hat.

Als Reaktion auf diese Stellungnahme von Autismus Mittelfranken, die einstimmig durch den Vorstand verabschiedet wurde, erfolgten persönliche Attacken weit unter der Gürtellinie auf die Autorin des Textes und eine in manipulativer Rhetorik verfasste Gegendarstellung der Firma Knospe ABA GmbH (Dem rein kommerziellen Interesse einer gewinnorientierten Firma angemessen. Werbung manipuliert Menschen schließlich permanent dahingehend Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen). Darüber hinaus wurde diese Stellungnahme durch erwachsene Autisten und sehr viele Eltern von autistischen Kindern sehr positiv aufgenommen. Diese Stellungnahme wurde als längst überfälliger Schritt angesehen. Als Schritt hin zu mehr Akzeptanz und Respekt für autistische Menschen und als Signal, dass es Eltern gibt, die bereit sind unsere Anliegen ernstzunehmen. Etwas, das die autistische Community sich schon sehr lange von Autismus Deutschland wünscht. Und es ist ein Anstoß sich endlich mit der Frage der Ethik in der Autismus-Therapie und -Forschung auseinanderzusetzen. In ihrer eigenen Zeitschrift „autismus“ haben Fachleute aus den Reihen von Autismus Deutschland diese Notwendigkeit hervorgehoben und sich kritisch mit ABA befasst.

Wissenschaftlerinnen, die sich mit Autismus und ABA befassen, haben seit jeher ein gespaltenes Verhältnis zu ethischen Fragestellungen. Als Begründung dafür, warum keine kontrollierten Studien zu ABA durchgeführt würden, führten die Vertreter an, dass es unethisch sei den Kindern der Kontrollgruppe die einzig wahre Therapie – ABA – vorzuenthalten. Auf der anderen Seite herrscht die Meinung bei ABA-affinen Wissenschaftlern vor, dass „gute Wissenschaft und gute Ethik mit Autismus nicht vereinbar sind“

Über ihre emotionale Aussage gab es einen positiven Bericht im Newsletter der Association for Science in Autism Treatment (ASAT), die sich mit ihrer Unterstützung der Autismus-ABA-Industrie hervorgetan hat. Auf deren Website und im Newsletter wirft ASAT mit ihren strengen wissenschaftlichen Standards um sich, und sie sind Bestandteil ihrer Mission. Mit der Autorität ihres mächtigen Beirats verkündete ASAT, dass gute Wissenschaft und gute Ethik mit Autismus nicht vereinbar sind. Ferner, dass Ethik für Autismus-Forschung verheerend wäre, und die Hoffnung der Eltern von Autist_innen allerorten erlöschen würde.

(Quelle: http://autismus-kultur.de/autismus/politik/fehlverhalten-der-verhaltensanalytiker.html)

In die Reihe dieser Äußerungen stellt sich auch die Einschätzung des „Wissenschaftlichen Beirats“ von Autismus Deutschland. Auch hier ist bekannt, dass diesem Beirat viele Fachleute angehören, die bereits früher durch ihre Befürwortung von ABA aufgefallen sind. Die Aussage dieses Beirats ist also nichts weiter, als eine weitere Äußerung einer einschlägig voreingenommenen Gruppe von Menschen. Und es ist eine weitere Äußerung, die den eigentlichen Punkt in der Diskussion um ABA verfehlt.

Ich arbeite selbst für eine Universität. Ich halte viel von Wissenschaft. Und ich weiß, dass Wissenschaft ohne ethische Standards sehr gefährlich ist. Ich weise hier nur darauf hin, dass die „Wirksamkeit“ von ABA vor allem auf Studien zurückgeführt wird, die eine systematische Anwendung von körperlicher Gewalt gegen autistische Kinder untersucht haben. Sie wurden wiederholt geschlagen und es wurde beobachtet, ob das zum Erfolg führt. Es geht und ging niemals um eine respektvolle, würdevolle Behandlung von autistischen Kindern. Es ging um messbare, beobachtbare Ergebnisse in Form von antrainierten Verhaltensweisen. Nur, weil jemand etwas als „wissenschaftlich“ bezeichnet, sagt das noch garnichts über die Qualität oder die ethische Vertretbarkeit aus.

Nicht ein voreingenommener Wissenschaftlicher Beirat, sondern ein Ethik-Beirat sollte sich mit der Frage auseinandersetzen, ob die Anwendung von ABA eine ethisch vertretbare Methode ist. Wissenschaft ist nur ein Werkzeug, mit dem die ABA-Industrie ihre Produkte zu vermarkten versucht. Was Autistinnen, Eltern und Fachleute kritisieren ist nicht (nur) die Wissenschaftlichkeit der Methode, sondern deren ethische Vertretbarkeit. Unzählige Autistinnen und Eltern warten darauf, dass der Vorstand von Autismus Deutschland diesen Umstand erkennt, die Schlussfolgerungen seines Wissenschaftlichen Beirats unter ethischen Gesichtspunkten überprüft und sich seinen fragwürdigen Aussagen nicht anschließt. Darüber hinaus sollte über eine ausgeglichenere Besetzung des Beirats nachgedacht werden und die Gründung eines Ethik-Beirats erfolgen.

Sollten diese Argumente noch nicht ausreichen, hilft es übrigens sich Folgendes zu vergegenwärtigen. Autismus Karlsruhe als Regionalverband von Autismus Deutschland, hat die interne Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats direkt zur Knospe ABA GmbH und den ABA-Eltern weitergereicht. Im selben Atemzug verwendet Karlsruhe die Aussagen des Beirats, um ihre eigenen Fortbildungen zu verkaufen. Ich stelle hier ernstlich in Frage, welche Interessen vertreten werden und wer daran verdient. Statt eine Aussage des Bundesverbandes abzuwarten, veröffentlicht Karlsruhe einfach mal eigenmächtig eine interne Stellungnahme und legt diese Aussage zudem gleich noch dem Bundesverband in den Mund. Man möge sich sein eigenes Urteil über dieses Manöver bilden und sich fragen, wer davon profitiert.

Persönlich bin ich außerdem der Meinung, dass es extrem unprofessionell und entlarvend ist, wenn der Wissenschaftliche Beirat einen Regionalverband aus engagierten Eltern, die beständig den Dialog mit Autistinnen und Fachleuten suchen, als „fundamentalistisch“ bezeichnet. Da hat wohl jemand seine persönlichen Gefühle nicht ganz im Griff gehabt. Ganz im Sinne der Wissenschaft natürlich.

Anna

Über Fronten, Wahrheiten und Kommunikation

Die lautere Wahrheit

Die ganze Unwahrheit
setzt sich aus lauter ganz wahren
Wahrheiten
oder
Teilwahrheiten zusammen

Nur haben sich die
miteinander
noch nie ganz
auseinandergesetzt

So ist die ganze
Lüge
möglich geworden

(Erich Fried; Gesammelte Werke, Band 3, Seite 259)

Man kann es gerade wieder überall im Netz auf den Blogs von Autisten lesen. („Wir sind Autismus“, „#WirSindAutismus: Nein seid ihr nicht„) Wahrheiten, die aufeinanderprallen, Fronten, die sich verhärten. Anliegen und Wünsche und Ängste und Verletzungen, die irgendwo dazwischen verloren gehen. Wir sind nunmal keine Wunderkinder, wenn es um Kommunikation geht. Aber das heißt nicht, dass wir es nicht versuchen können. Versuchen sollten. Ich meine miteinander reden, nicht gegeneinander. Sich öffnen für die Perspektiven Anderer, um zu lernen, wie sie denken und die Dinge wahrnehmen. Auch wenn es mühsam ist.

Wovon ich überhaupt rede? Ja, das ist eine gute Frage.

Ich glaube es geht um Verletzungen und berechtigte Forderungen und Kritik an bestehenden Verhältnissen. Es geht darum den Mund aufzumachen und sich klar gegen all die noch immer vorherrschenden, menschenverachtenden Praktiken und Haltungen zu richten, mit denen autistische Menschen, vor allem Kinder, leben müssen. Es geht darum für unsere Rechte zu kämpfen. Dafür, dass unsere Persönlichkeit und Individualität respektiert und geschätzt wird, statt sie aus wohlmeinenden oder weniger wohlmeinenden Gründen zu beschneiden, zu verstümmeln. Darum uns auch für all die Autisten, die es nicht selbst laut herausschreien können, gegen die Unterdrückung zu wehren. Dagegen Erwartungen und Ansprüche an Normalität übergestülpt zu bekommen und dabei das eigene Selbst zu verlieren.

Dieser Kampf ist auch meiner. Mit allem was ich bin stehe ich dahinter.

Dahinter gegen ABA, MMS und wie diese grusligen Praktiken noch alle heißen zu kämpfen. Klar Stellung zu beziehen und darüber aufzuklären, was wirklich hinter diesen Versprechungen nach „Heilung“ oder „Verbesserung“ steht. Dass es nicht darum geht einen Menschen glücklich zu machen, zu befähigen die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und so gut wie möglich für sich einzustehen. Sondern darum Menschen, Kinder, den Vorstellungen und Erwartungen Anderer zu unterwerfen und mit Gewalt gefügig zu machen. Es macht mich krank, wenn ich daran denke, was Eltern und Therapeuten autistischen Kindern antun. Gerade den Kindern, die noch weniger als andere Kinder eine Stimme haben, um sich dagegen zu wehren.

Die Tragik dahinter ist, dass viele von diesen Menschen nicht einmal wissen, was sie da tun. Sie wollen überhaupt keinen Schaden anrichten. Sie meinen es gut und wissen es nicht besser. Leider ist „gut gemeint“ sehr oft das Gegenteil von „gut“ und es gibt sicher noch mehr schlaue Sprüche über die Schädlichkeit von guten Absichten. Ich bringe sie selbst gerne an. Ich entschuldige nichts damit. Aber es ist wichtig, zu verstehen, was einen Menschen dazu bringt sich für einen Weg zu entscheiden, wenn man diesen Menschen erreichen will.

Dann gibt es auch die Leute, die einfach ignorant sind und ihre eigenen niederen Motive verfolgen. Man erkennt sie nicht immer auf den ersten Blick, oft auch nicht auf den zweiten oder dritten. Erst dann, wenn der Schaden, den sie angerichtet haben, so groß ist, dass es zu spät ist noch etwas zu retten. Auch sie findet man nicht so selten unter Therapeuten und immer wieder auch unter Eltern. Eltern sind nicht von Natur aus gut zu ihren Kindern, es gibt keine angeborene „Mutterliebe“ oder ähnliche Mythen. Wir müssen uns nur die vielen Statistiken über Kindesmisshandlung ansehen, auch wenn es noch viel zu wenige gibt, die sich speziell mit der Situation von behinderten Kindern beschäftigen. Nur soviel: sie – wir – werden noch wesentlich häufiger Opfer von Gewalt. Und Gewalt, das wissen wir, hat sehr viele Gesichter (RW). Nicht alle sind so offensichtlich wie ein Schlag ins Gesicht. Manche sind sehr subtil. Aber es bleibt Gewalt.

Wir hier, in dieser kleinen autistischen Ecke des Internets, sind sehr schnell darin uns auf Feindbilder zu einigen. Autism Speaks, die MMS-Gurus, die ABA-Eltern oder gerne auch Autismus Deutschland. In den allermeisten Fällen stimme ich zu, rege ich mich auf, will ich aufschreien und die Leute so lange schütteln, bis ihnen die ganze Grausamkeit ihrer Handlungen bewusst wird.

Dann frage ich mich, wem ich damit wirklich helfe. Einerseits mir selbst und all denen von uns, die viel zu lange keine Stimme hatten, die viel zu lange herumgestoßen, missachtet und unterdrückt wurden. Das ist legitim und wichtig. Es ist nicht selten die Triebkraft für längst überfällige Veränderungen, das lehrt die Geschichte der Behindertenrechtsbewegung und anderer (ehemals) unterdrückter Bevölkerungsgruppen. Wir dürfen damit nicht aufhören. Wir müssen laut werden und unbequem und deutlich. Gerade wir!

Anpassung

Gestern fing ich an
sprechen zu lernen
Heute lerne ich schweigen

Morgen höre ich
zu lernen auf

(Erich Fried)

Aber reicht es wirklich aus, laut zu werden? Zu sprechen? Gehört nicht Zuhören genauso sehr zum Lernen? Wem hilft es, wenn man sich immer weiter um sich selbst dreht? (Außer dem Autisten, der damit hin und wieder sehr zufrieden ist.)

Sicher, es gibt sehr viele Menschen, die nicht bereit sind zuzuhören, die sich hinter ihre Festungsmauern zurückziehen und ihre Position verbittert verteidigen. Menschen, die nicht nachdenken, nicht zuhören, sondern nur sprechen. Warum sollte man ihnen zuhören? Sich mit ihnen beschäftigen?

Moment… ich glaube wir nähern uns dem Kern des Problems. Meine ich damit jetzt die Anderen oder uns selbst? Die, die nicht zuhören, sondern nur sprechen und schreien und ihre Position verteidigen?

Ich glaube, wir alle müssen lernen zuzuhören, wenn wir etwas erreichen wollen. Und sei es nur, um zu verstehen, wo unser Gegenüber steht, wie es denkt, was es motiviert, was es fürchtet, wovor es sich zu schützen versucht. Damit wir versuchen können einen gemeinsamen Ansatzpunkt für eine Diskussion zu finden. Sonst werden wir noch in zehn Jahren hier sitzen und uns gegenseitig mit Ignoranz begegnen und anschreien.

Es gibt Momente, in denen muss man laut werden und vehement auf Probleme hinweisen. In denen man keinen Schritt zurückweichen darf, weil man sonst verloren hat. Aber es gibt auch Situationen, in denen man miteinander sprechen und aufeinander zugehen muss. Dem Anderen Fehler verzeihen und gemeinsam daran arbeiten, dass sie sich nicht wiederholen. Oft ist das auch davon abhängig, wem man gerade gegenüber steht und es ist wirklich schwer zu entscheiden, was genau in diesem Augenblick gefragt ist.

Wir müssen die Menschen zusammenbringen, die bereit sind sich gegenseitig zuzuhören und voneinander zu lernen. Autisten, Eltern, Fachleute. Das Anschreien können wir uns für die Anderen aufheben.

Anna

Wozu die ganze Mühe? – Warum Autland so wichtig ist

In den letzten zwei Monaten ist hier ganz viel passiert.

Eine Gruppe von autistischen Menschen, die sich bis heute noch nie gesehen haben, hat sich zusammengefunden. Wir haben ein gemeinsames Ziel und wir sind ganz nah dran es zu erreichen. Wir sind so viele, dass wir unsere Idee einer sicheren, vertrauten Gruppe von autistischen Menschen erweitert haben. Damit wir auch für andere Autisten offen sein und Vielen die Möglichkeit zum Kontakteknüpfen geben können, wird es auch noch einen offenen Stammtisch geben.

Wir haben angefangen uns gegenseitig kennenzulernen – für mich eines der größten Abenteuer an diesem Unterfangen. (Morgen treffe ich einen von uns zum ersten Mal außerhalb des Internets. Ist das nicht toll?)
Wir haben Regeln, Richtlinien und Rahmenbedingungen erarbeitet, damit die Gruppe für uns alle ein hilfreicher, guter und sicherer Ort sein kann, ohne zu überfordern.
Wir haben ganz praktische Dinge wie die Suche nach einem Gruppenraum und den Umgang mit dem finanziellen Aspekt geregelt.
Wir haben ganz nebenbei ein Gemeinschaftsblog angefangen und es schon jetzt mit vielen persönlichen Texten gefüllt.
Vor eineinhalb Jahren hatte ich nur eine Idee und sie hat lange gebraucht, um zu reifen. Dann habe ich erste Mitstreiterinnen gefunden und die Idee reifte eine Weile weiter. Schließlich war es soweit und ich habe einfach angefangen, indem ich die Technik aufgebaut habe. Das Blog und unser Forum. Egal, ob wir erst zu zweit, zu dritt waren, irgendwann mussten wir ja anfangen, wenn Autland mehr werden sollte, als nur ein Traum. Und dann kamen sie, einzeln. Autistische Menschen, die uns und unsere Idee irgendwie gefunden hatten und mitmachen wollten. Weil es genau das ist, worauf sie gewartet haben. Ein Ort, ein Projekt, von und für uns. Und gemeinsam haben wir in nicht mal 2 Monaten all das geschafft!

Ich bin Autistin. Mich mit Menschen umgeben, ständig kommunizieren und die Kommunikation vor allen Dingen nicht abreißen zu lassen, Interaktionen beginnen, Kontakte anbahnen, Menschen zusammenbringen – all das ist für mich mit einer schwer in Worte zu fassenden Anstrengung verbunden. Es sieht einfach aus, aber es fordert alles von mir. Es verunsichert mich. Es macht mir Angst. Und gleichzeitig weiß ich, dass ich schon lange nichts mehr gemacht habe, was wichtiger war, als das hier.

Aber wozu die ganze Mühe?
Was ist so wichtig an Autland?
Warum nicht einfach bestehende Angebote nutzen?
Warum nicht Nichtautisten die schwierigen Sachen machen lassen?
Wieso nicht Profis die ganze Koordination und Organisation der Gruppenaktivitäten überlassen?

Ich weiß nicht, ob ich die richtigen Worte finde, dabei bin ich mir so sicher!

Wir sind stark.
Wir haben so viele einmalige Fähigkeiten und liebenswürdige Eigenschaften.
Wir haben einen ganz besonderen Blick auf die Welt.
Wir sehen einander, wie niemand sonst uns sehen und verstehen kann.
Wir wissen, wie es ist allein zu sein.
Wir wissen, was es bedeutet anders zu sein, sich falsch zu fühlen, unfähig, unzulänglich, dumm.
Wir wissen, dass wir Manches nicht können und nie können werden.
Wir haben Probleme mit der Welt fertig zu werden, ihren Anforderungen, Regeln, Reizen, Überforderungen.
Wir wissen, wie es ist, vor lauter Lärm zu verzweifeln.
Wir wissen, wie es ist, immer das Falsche zu sagen und ständig falsch verstanden zu werden.
Wir wissen, wie es sich anfühlt, missachtet, nicht respektiert, gedemütigt zu werden.
Wir wissen wie es ist, belächelt zu werden, bevormundet, den Kopf getätschelt zu bekommen.
Wir wissen wie es sich anfühlt, Hilfe zu brauchen bei den einfachsten Dingen.

Wir sind die einzigen Menschen, die wirklich wissen wie es ist, wir zu sein.
Und wir können uns gegenseitig unterstützen und für uns selbst etwas schaffen. Das kann uns niemand abnehmen. Das ist etwas, was nur wir selbst tun können.

Wir werden nie Sprachrohr für alle Autisten sein. Weil wir es nicht wollen und nicht können. Aber wir sind die einzigen Menschen, die für uns selbst sprechen können. Die wissen, was wir brauchen, was wir können, was uns wütend oder traurig oder glücklich macht.

Wir können voneinander lernen und miteinander.

Jemand kann Technik und Planen, koordinieren und organisieren. Jemand kann schreiben, kann Finanzen verwalten, kann einen Mietvertrag unterschreiben. Jemand kann verantwortlich sein für unseren Raum und den Schlüssel sicher verwahren. Jemand kann einen Flyer gestalten und Anderen damit die Chance geben, Autland zu finden. Jemand kann gut recherchieren und erstellt Listen, ermöglicht Vernetzung. Jemand kann Einblick geben in sein Leben. Jemand kann offen sein und von sich erzählen. Jemand anders kann zuhören und schweigen und mit den Händen flattern. Jemand kann weinen. Jemand kann lachen. Jemand kann Erfahrungen weitergeben, einen bis dahin unverständlichen Ausschnitt der Welt erklären, so dass eine Andere es versteht.

Wir brauchen keine Hilfe. Wir können Autland ganz allein gestalten und das ist der Grund. Wir können es und wir brauchen es und es tut unheimlich gut.

Es gibt sie, die hilfreichen Eltern, Partner, Kinder, Freunde, Geschwister oder Großeltern. Die Psychologen und Ärzte und Therapeuten und Assistenten. Sie sind für manche von uns überlebenswichtig. Besonders am Anfang unseres Lebens, aber nicht nur dann. Als Kinder sind wir so sehr angewiesen auf respektvolle, wertschätzende, verstehen-wollende Erwachsene, die für uns eintreten, so lange wir es noch nicht allein können. Die uns helfen die Welt zu verarbeiten und die uns manchmal vor ihr beschützen, wenn sie uns zu überrollen droht. Manche von uns haben solche Menschen leider nie in ihrem Leben gekannt.

Aber dann werden wir größer und erwachsen und wir müssen lernen, für uns selbst zu kämpfen und zu sprechen (auf irgendeine Art und Weise) und uns selbst zu beschützen und uns Orte zu schaffen, die uns gut tun.

Autland ist so ein Ort. So ein Ding. Ein ganz eigenes, das uns zeigt, was wir schaffen können und dass wir ganze, vollwertige und ganz und gar richtige Menschen sind.

Das ist jedenfalls mein Grund für die ganze Mühe. Ich will das für mich aber noch viel viel mehr für all die anderen Autisten da draußen, die zu oft spüren müssen, dass sie falsch sind und unfähig und zu nichts zu gebrauchen.
Denn es stimmt einfach nicht!

Anna

 

 

Stellungnahme zur Stellungnahme von Autismus Deutschland e.V. zur Berichterstattung der Bildzeitung

Der folgende Artikel entstand als Reaktion auf eine Stellungnahme des Vereins „Autismus Deutschland“, die mittlerweile nicht mehr einsehbar ist. Autismus Mittelfranken, unser regionaler „Ableger“ des Vereins, hatte die Stellungnahme auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht und später gelöscht. Das wurde von Vielen positiv aufgenommen, die fehlende Entschuldigung bzw. Erklärung dazu stieß allerdings auf Kritik. Viele fühlten und fühlen sich in ihrer Verletztheit und Wut ignoriert und nicht ernst genommen.

Ich habe hier klare Worte als Reaktion auf die Stellungnahme verfasst und Autismus Mittelfranken direkt angesprochen. Mittlerweile hat der Verein hierüber den Austausch gesucht und sich für die unkritische Veröffentlichung der falsch formulierten Stellungnahme entschuldigt. Ich hab mich darüber sehr gefreut. Es passiert nicht so oft, dass man mit seiner Kritik und seinen Anliegen ernstgenommen wird und Fehler eingestanden werden. Das repektiere ich sehr.

Meine inhaltliche Kritik am Vorgehen des Bundesverbandes bleibt trotzdem bestehen und darum bleibt auch diese Stellungnahme hier natürlich wo sie ist!

Trotzdem wollte ich diese Information gerne vorweg schicken. Es lohnt sich, miteinander zu sprechen und zu erklären. Auch wenn es oft frustrierend ist, trotz Erklärungen nicht verstanden zu werden. Manchmal wird man von einer respektvollen und achtsamen Reaktion überrascht, wo man sie nicht erwartet hätte.

Anna

Disclaimer: Ich, Anna, schreibe das nicht im Namen der ganzen Gruppe, sondern um meine persönliche Meinung auszudrücken. Wir sind eine Gruppe von selbstständig denkenden Autisten und diese Plattform kann jedes Gruppenmitglied nutzen, um selbstständig Artikel zu veröffentlichen.

Autismus Mittelfranken e.V. veröffentlichte auf seiner Facebook-Seite heute eine Stellungnahme von Autismus Deutschland e.V. (Update: Der Artikel wurde ohne Erklärung entfernt.)

Der Verein stellt sich in dieser Stellungnahme in die Öffentlichkeit und erhebt den Anspruch darauf, die „Belange von Menschen mit Autismus und dem Asperger-Syndrom sowie ihren Angehörigen“ zu vertreten. Der Verein hat sich dieses Vertretungsrecht – bezüglich der Autisten – ungebeten angeeignet, es wurde ihm nicht von uns Autisten übertragen. Es ist überhaupt nicht möglich, dass eine einzelne Organisation die Interessen aller Autisten vertreten kann. Wir sind sehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Bedürfnissen. Wenn überhaupt, dann sind nur Zusammenschlüsse von autistischen Menschen selbst in der Lage diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen. Autismus Deutschland e.V. ist nun ausdrücklich keine Interessensvertretung von Autisten. Es ist eine Angehörigenvertretung und in dieser Funktion hat der Verein sicherlich auch viel Gutes geleistet.

Autismus Mittelfranken e.V., als regionale Variante des Vereins, hat in unserer Region Schulen für autistische Kinder realisiert, berät Familien und macht diverse andere Angebote. Es liegt mir fern dieses Angebot abzulehnen oder schlecht zu machen. Ich weiß noch viel zu wenig über die einzelnen Angebote, um mir überhaupt eine Meinung bilden zu können. Vielleicht ändert sich das ja in Zukunft, sofern sich die Gelegenheit bietet. Ich würde zum Beispiel sehr gerne sehen, wie wir autistischen Kindern in Mittelfranken im Hinblick auf ihre Schullaufbahn gerecht werden. Aber darum geht es hier heute nicht.

Als erwachsene Autistin fühle ich mich einfach nicht durch eine Vereinigung vertreten, die nicht aus den Menschen besteht, die sie zu vertreten behauptet. Das ist auch schon alles. Eine Interessensvertretung von niedergelassenen Orthopäden besteht ja nunmal auch nicht aus den Eltern der Ärzte. Aus gutem Grund. Wer würde sie dann noch ernstnehmen? Und was wissen die Eltern wirklich über die Anliegen ihrer Kinder, wenn sie selbst nie in ihrer Lage waren? Sicherlich ein bisschen mehr, als ein Fremder auf der Straße, aber doch nicht genug, um öffentlich für sie sprechen zu können.

Und genau das ist das Problem, das ich habe, wenn Elternvereinigungen wie Autismus Deutschland e.V. öffentlich meine Interessen zu vertreten behaupten. Ich fühle mich bevormundet, übersehen und nicht ernst genommen. Das ist das Gegenteil von meine Interessen vertreten. Wir Autisten haben oft genug das Problem, uns nicht so ausdrücken zu können, dass die Allgemeinheit uns richtig versteht. Wir haben oft genug das Problem, dass wir nicht gefragt werden, sondern dass über unsere Köpfe hinweg entschieden wird, was andere Menschen für das Beste halten ohne je in unserer Lage gewesen zu sein. Wir haben oft genug das Problem, dass man uns nicht ernst nimmt, weil wir uns garnicht mündlich oder ungewöhnlich ausdrücken. Das Allerletzte, was wir brauchen, ist eine Interessensvertretung, die behauptet für unsere Belange einzutreten, und dann doch genau die Dinge macht, unter denen wir schon zur Genüge leiden.

Genau das hat Autismus Deutschland e.V. in oben verlinkter Stellungnahme leider getan. Es ist grundsätzlich gut, dass jemand klarstellt, dass Autisten nicht das sind, als was die Bildzeitung sie darstellt. Der Begriff Autismus wird in den Medien allzu häufig aufs Äußerste missverstanden und sehr falsch eingesetzt. Ich empfehle hier sehr die Reaktion einer anderen autistischen Blogautorin auf den Bild-Artikel.

Als Begründung, warum es überhaupt nicht sein könne, dass die beiden Mörder des Taxifahrers aus Prag das Asperger-Syndrom hätten, führt Autismus Deutschland e.V. an, dass Asperger-Autisten überhaupt nicht in der Lage wären planvoll vorzugehen und eine Reise ins Ausland zu unternehmen, um dann dort jemanden umzubringen. Die beiden Männer könnten also gar keine Autisten sein. Die Absurdität dieser Aussage sollte eigentlich Jedem einleuchten. Es ist mir unbegreiflich, wie überhaupt ein Mensch zu so einer Tat fähig sein könnte, vollkommen unabhängig von Autismus. Es spielt einfach keine Rolle. Diese logische Argumentation ist vollkommen falsch. Dass wir nicht planvoll vorgehen oder Auslandsreisen unternehmen könnten, zu welchem Zweck auch immer, ist an Absurdität schon kaum noch zu überbieten. Das passiert leider, wenn Menschen, die selbst nie erlebt haben, wovon sie da eigentlich sprechen, öffentliche Stellungnahmen verfassen. Obwohl ich zugeben muss, dass ich einer Elternvereinigung wie Autismus Deutschland e.V. zugetraut hätte, etwas besser über Autismus informiert zu sein.

Ja, es gibt viele Autisten, die Schwierigkeiten damit haben sich an unbekannten Orten zurechtzufinden oder denen es einfach Unbehagen bereitet, unvertraute Orte aufzusuchen. Speziell Asperger-Autisten (aber nicht nur diese!) sind jedoch oft sehr intelligent, führen ein selbstständiges Leben und sind sehr für ihre Affinität zu detaillierten Planungen bekannt. Wir sind oft sogar sehr gute Planer, weil es uns Sicherheit gibt, wenn wir etwas genau vorhersehen können. Natürlich trifft das nicht auf jeden Autisten zu, wir sind in erster Linie Individuen. Ich habe in meinem bisherigen Leben viele Reisen unternommen. Nicht nur habe ich sie für mich alleine geplant, ich habe das sogar für andere Menschen mit übernommen. Weil ich gut darin bin. Ich plane eigentlich ständig irgendetwas. Zum Beispiel eine Gruppe von und für Autisten in Mittelfranken und sehr oft gelingen meine Pläne.

Es ist also schlicht falsch, dass Asperger-Autisten nicht dazu in der Lage wären, so etwas zu unternehmen. Es vermittelt ein falsches Bild, auch wenn die Beweggründe uns nicht als „gestörte Killer“ dargestellt sehen zu wollen, gut sein mögen.

Autismus Deutschland e.V. „bittet um Verständnis und Respekt gegenüber Menschen mit Autismus.“. Ich bitte nicht darum, ich fordere Respekt, denn er steht mir zu.

Ich wüsste sehr gerne, wie die Damen und Herren des Vereins Autismus Mittelfranken e.V. zu dieser Stellungnahme stehen, die sie auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht haben. Immerhin haben wir ein gemeinsames Ziel: wir wollen etwas Positives für autistische Menschen in unserer Region bewirken. Ein falsches Bild von Autismus zu vermitteln, trägt sicherlich nicht zu mehr gegenseitigem Verständnis bei.

Über eine Antwort würde ich mich deswegen sehr freuen.

Anna