Schlagwort-Archive: Stammtisch

Barrierefreiheit für Autisten? Oder die Sache mit dem Lärm.

Ich komme gleich zur Sache. Wir mögen unsere Stammtische, jedenfalls entnehme ich das den Aussagen der Teilnehmer*innen und der Tatsache, dass wir jetzt schon eine ganze Weile jeden Monat zusammenkommen. Jedes Mal in einem Cafe, jedes Mal in leicht unterschiedlicher Zusammensetzung und jedes Mal unterhalten wir uns gut. Klingt super.

Allerdings sind die ersten Stammtischbesucher*innen nach spätestens zwei Stunden völlig k.o und wir lösen uns früher, als vielleicht schön wär, wieder auf. Danach brauchen wir Ruhe und Erholung, jedenfalls viele von uns. Einerseits ist so ein Austausch mit mehreren Leuten natürlich anstrengend. Aber vor allen Dingen ist die kontinuierliche Beschallung mit Lärm das Problem. Da ist einerseits die allgegenwärtige Geräuschkulisse eines Cafes, andererseits aber auch die überall viel zu laute Dauerbeschallung mit Musik aus Lautsprechern, die in allen Ecken und Winkeln der Räumlichkeiten angebracht sind.

Die überwiegende Mehrheit der autistischen Menschen, die ich kenne, reagieren sensibel auf Geräusche. Einige sind extrem geräuschempfindlich, andere tolerieren es ein wenig besser. Aber ein Problem ist es für sehr viele.

Ich kann Nebengeräusche und Lärm nicht „ausblenden“. Ich gewöhne mich nicht an einen Geräuschpegel. Es wird mit zunehmender Zeit einfach immer unerträglicher (ja, da gibt es eine Steigerung). Der Stresspegel steigt immer weiter und die Konzentration auf Gespräche oder andere Menschen wird dadurch früher oder später ganz unmöglich.

Nun finden Stammtische ja gewöhnlich in Cafes, Restaurants oder Bars statt. Das war auch unser Gedanke, denn gegen ein ruhiges, gemütliches Cafe hat eigentlich niemand etwas einzuwenden. Wenn es dann noch leckeres Essen gibt, umso besser. Mittlerweile hat sich jedoch herausgestellt, dass bei allen unseren bisherigen Versuchen, der Lärm ein Problem war. Davon abgesehen war es toll – aber sowas schränkt natürlich schon sehr ein. Wir haben verschiedene Orte ausprobiert. Wir haben sogar wiederholt darum gebeten die Musik leiser zu stellen, was trotz Zusagen nie umgesetzt wurde.

Welche Schlüsse sollen wir jetzt daraus ziehen?
Sind Autist*innen eben einfach nicht dafür geeignet Zeit in Cafes zu verbringen? Abgesehen vom Lärm gefällt es uns dort aber doch.
Sollten wir vehementer einfordern auf unsere Einschränkungen Rücksicht zu nehmen? So wie Rollifahrer*innen einen barrierefreien Zugang zu Räumlichkeiten einfordern (zu Recht)?
Doch wie reagiert der*die sozial nicht allzu kompetente Autist*in darauf nicht erstgenommen, belächelt oder schlicht ignoriert zu werden? Sofern es ihr*ihm überhaupt gelingt die fremden Personen anzusprechen.
Ist es wirklich unzumutbar für nichtautistische Menschen einen Abend lang, nur für ein paar Stunden, auf eine Dauerbeschallung mit Musik zu verzichten? Was könnte schlimmstenfalls passieren? Würden sich die Menschen vielleicht zur Abwechslung mal selbst denken hören (Sarkasmus)? Das wäre doch garnicht so schlecht, meine ich. Und könnte womöglich den Horizont erweitern (RW).

Da wir weder uns selbst ändern, noch – so scheint es – Toleranz und Rücksicht bei Cafebetreiber*innen wecken können, bleibt uns vorerst nur der Rückzug. Das ist sowieso eine Standardstrategie des*der gemeine*n Autist*in, um mit sozialen Problemen fertig zu werden. Man denke sich einen frustrierten Unterton in diesen Satz.

Aber wir wollen natürlich auf keinen Fall aufgeben. Unser wichtigstes Ziel ist es, eine gute Zeit gemeinsam zu verbringen. Wir wollen Ansprechpartner für „neue“ Autist*innen in der Region sein und ihnen ermöglichen mit uns, ganz ungezwungen, in Kontakt zu treten. Ohne zusätzliche Stressfaktoren wie Lärm, mangelnden Respekt oder ignorante Cafebetreiber*innen. Das bisherige Format stößt da leider an seine Grenzen.

Jetzt sind wir ja nicht unkreativ und werden in nächster Zeit zwei Alternativen testen.

  1. Spieleabende
  2. Spaziergänge mit kürzerem Cafebesuch

Wir haben doch tatsächlich festgestellt, dass die überwiegende Mehrheit der hier versammelten Autist*innen großen Spaß an Gesellschaftsspielen hat. Sieh an! Neben dem Spaß am Spiel bieten Spieleabende auch Neulingen die Gelegenheit uns kennenzulernen, ohne Angst zu haben, dass sie nicht wissen, was sie überhaupt sagen sollen. Spiele haben Regeln und mitspielen können alle. So bricht das Eis (RW) sehr schnell 🙂

Die zweite Variante soll von den positiven Effekten der gemeinsamen Bewegung an der frischen Luft profitieren. Bei einem entspannten Spaziergang (ohne sportliche Ansprüche) fallen Unterhaltungen besonders leicht und man kommt gut ins Gespräch miteinander. Ein kurzer Cafebesuch zum Aufwärmen, gerade lange genug, um nicht vom Lärm überwältigt zu werden, ergänzt den gemeinsamen Nachmittag. Anschließend kann man gemeinsam zurückspazieren oder sich, je nach persönlichem Bedarf, auch alleine auf den Heimweg machen.

Unser nächster Stammtisch findet (nächste Woche) nochmal in einem Cafe statt. Danach werden wir mal die Alternativen ausprobieren.

Daneben freuen wir uns weiterhin jederzeit über Tipps, wo man in Nürnberg einen ruhigen Abend in einem Cafe / Restaurant (nicht so gehoben und ohne „Essenszwang) verbringen kann. Vielleicht kennt ja jemand auch Gastwirte, für die es selbstverständlich ist auch auf Besucher*innen mit Behinderungen einzugehen. Wir sind auch stubenrein (Sarkasmus).

Neue Leute sind uns wie immer jederzeit willkommen. Lasst euch nicht abschrecken und meldet euch einfach in unserem Forum an. Wir sind nett 😉

Eure Anna

Advertisements

Nach dem 1. Stammtisch

Nach dem 1. Stammtisch stehen vor allem 3 Dinge fest:

  1. Nervosität, Ängste und Unsicherheiten, die nicht nur mich im Vorfeld beschäftigt hatten, waren vollkommen unbegründet. Es war vor allem am Anfang schon sehr aufregend, aber wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, haben uns über alles Mögliche unterhalten und hatten einen sehr schönen Abend zusammen 🙂
  2. Wir brauchen einen leiseren Treffpunkt für die zukünftigen Stammtische. Es war zwar sehr schön und lecker dort, aber viel zu laut! Vielleicht wären wir länger geblieben, wäre der Lärm nicht so unerträglich gewesen. Einen Tisch neben der Bar unter einem Lautsprecher im Eingangsbereich bekommen zu haben, hat es nicht besser gemacht.
  3. Ab jetzt findet jeden 1. Donnerstag im Monat unser Stammtisch in Nürnberg statt. Eingeladen sind nach einer kurzen Voranmeldung (per Mail oder besser noch im Forum) alle Autisten aus Nürnberg, der Umgebung oder weiter weg, die Lust auf einen unkomplizierten Abend mit anderen Autisten haben. Uhrzeit und Treffpunkt sagen wir euch, wenn ihr euch meldet 🙂

Danke allen, die dabei waren und die unser erstes Treffen zu so einem schönen Erlebnis gemacht haben! 🙂

Außerdem treffen zwei von uns sich nächste Woche in Nürnberg, um unseren Gruppenraum tatsächlich für ein erstes Jahr zu mieten und den Schlüssel dafür abzuholen. Auch in Sachen „feste Gruppe“ geht es also voran und es wird nicht mehr lange dauern, bis wir uns zum ersten Mal dort treffen können 🙂

Nochmal danke an alle, die so engagiert mitorganisiert haben und es weiterhin tun! Das alles hier ist nur möglich, weil wir alle im Rahmen unserer Möglichkeiten etwas beitragen. Im Kleinen und im Großen 🙂

Anna

Vor dem 1. Stammtisch

Es ist 11:44 Uhr.
Ich habe mein Vormittagsprogramm erledigt, wie jeden Tag.
Beruhigende Berechenbarkeit.
Und doch fühlt sich heute alles anders an.
Ich werde jetzt um 12 Uhr nicht am Schreibtisch meine Uni-Arbeit beginnen. Es ist ausgeschlossen, dass ich mich auf irgendwelche Prüfungsfragen konzentrieren kann. Dafür kann ich nicht lange genug stillsitzen.

Wenn ich aufgeregt, nervös oder gestresst bin, erhält man die einmalige Gelegenheit den Vorzeigeautisten in mir kennenzulernen. Eher unfreiwillig irritiere ich die Dorfbewohner mit meinen angenehmen Wedeleien und Handbewegungen. Sie haben ja keine Ahnung, wie sehr mir das hilft! Es ist der effektivste und harmloseste Weg die Anspannung zu kontrollieren. Heute gelingt es mir sowieso nicht es zu unterdrücken, mich zu tarnen, normal auszusehen. Ich bemerke ihre Blicke nicht, kann meinen eigenen ja kaum vom Boden abwenden. Aber ich weiß, dass sie mich anschauen. Ich weiß nicht, was sie denken. Und eigentlich interessiert es mich auch nicht. Aber irgendwas denken sie und wenn ich es wüsste, würde es mich wahrscheinlich aufregen. Manchmal ist es auch garnicht schlecht, die Menschen nicht nachvollziehen zu können.

Heute findet unser erstes Stammtischtreffen in Nürnberg statt. Was vor ein paar Monaten nur eine Idee war, wird jetzt 5 Menschen, die sich (vermutlich) noch nie gesehen haben, an ein und denselben Ort führen. Wir werden um einen Tisch herum sitzen, in einem netten Café, und… und was? Was wird passieren? Ich würde gerne den Ablauf des heutigen Tages detailliert in Gedanken durchspielen, aber das wird wohl nicht funktionieren. Ich weiß nicht, was mich erwartet. Ich weiß nicht, ob und worüber wir uns unterhalten werden. Ich weiß nicht, ob ich zu etwas Anderem, als Zuhören fähig sein werde. Vier fremde Menschen auf einmal. Ich muss verrückt sein!

Andererseits sind es auch keine vollkommen Fremden mehr. Wir hatten Zeit uns auf schriftlichem Wege während der gemeinsamen Organisation ein wenig kennenzulernen. Und doch ist da die Angst neben der Aufregung und Freude über das, was wir geschafft haben.

Was, wenn ich es nicht schaffe normal genug aufzutreten?
Was, wenn sie alle viel weniger verrückt aussehen, als ich?
Was, wenn auch mit ihnen die Kommunikation so schrecklich kompliziert ist?
Was, wenn sie mich heimlich auslachen oder sich Blicke zuwerfen und ich es nicht bemerke?
Was, wenn die Fahrt in die Stadt, die Menschen, all der Lärm und die Eindrücke mich überfordern und ich…

Stopp!

Das ist es, was das Leben unter Nichtautisten mit uns macht. Unter ständiger Angst, ständigem Anderssein, ständiger Beobachtung. Ständig dafür ausgeschlossen, abgelehnt, misstrauisch oder mitleidig beäugt werden, dass wir Dinge tun, die sie nicht verstehen.

Es sollte mir egal sein, das weiß ich.
Aber es ist mir nicht egal.
Weil dieser Autist Gefühle besitzt.
Echte, menschliche Gefühle, mit allem was dazu gehört.

Aber ich weiß auch, dass ich mich sehr auf unser Treffen freue, auch wenn ich diese ganzen Gefühle gerade nicht auseinanderhalten kann. Ich weiß es einfach, weil es etwas Gutes ist. Etwas Gutes, das ich ohne Erwartungen an die Anderen angehe. Wer, wenn nicht diese Menschen, sollte meine Befürchtungen nachvollziehen können?

Ich habe mich, nach einer notwendigen Gewöhnung, in Gegenwart von anderen Autisten bisher immer frei gefühlt. Frei zu Sein.
Meine Augen waren frei, weil ich sie nicht zwingen musste in die Augen des Anderen zu starren. Nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz.
Meine Hände waren frei sich zu bewegen.
Vielleicht gab es auch hier Blicke, die ich nicht bemerkt habe.
Aber es waren keine urteilenden Blicke. Es war reine Neugierde auf das andere Wesen und das, was es da tut.

Und wenn ich mich an diese Begegnungen erinnere, an die Selbstverständlichkeit von minutenlangem Schweigen, aneinander Vorbeischauen und die manchmal unbeholfenen Gesprächsansätze, dann weiß ich, dass ich keine Angst haben muss.
Dann weiß ich, dass es gut wird, egal wie es wird.

Es ist jetzt 12:22 Uhr.
Ich werde jetzt unvernünftigerweise noch einen Kaffee trinken und hoffe, ich schmeiße die Tasse nicht wieder auf den Boden, weil ich vergesse, dass ich sie in der Hand halte. Und ich werde weiter wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Haus laufen und versuchen irgendwas Sinnvolles zu tun. Und dann werde ich in den Zug steigen, in die Stadt fahren und einen schönen Abend haben.

Anna