Vor dem 1. Stammtisch

Es ist 11:44 Uhr.
Ich habe mein Vormittagsprogramm erledigt, wie jeden Tag.
Beruhigende Berechenbarkeit.
Und doch fühlt sich heute alles anders an.
Ich werde jetzt um 12 Uhr nicht am Schreibtisch meine Uni-Arbeit beginnen. Es ist ausgeschlossen, dass ich mich auf irgendwelche Prüfungsfragen konzentrieren kann. Dafür kann ich nicht lange genug stillsitzen.

Wenn ich aufgeregt, nervös oder gestresst bin, erhält man die einmalige Gelegenheit den Vorzeigeautisten in mir kennenzulernen. Eher unfreiwillig irritiere ich die Dorfbewohner mit meinen angenehmen Wedeleien und Handbewegungen. Sie haben ja keine Ahnung, wie sehr mir das hilft! Es ist der effektivste und harmloseste Weg die Anspannung zu kontrollieren. Heute gelingt es mir sowieso nicht es zu unterdrücken, mich zu tarnen, normal auszusehen. Ich bemerke ihre Blicke nicht, kann meinen eigenen ja kaum vom Boden abwenden. Aber ich weiß, dass sie mich anschauen. Ich weiß nicht, was sie denken. Und eigentlich interessiert es mich auch nicht. Aber irgendwas denken sie und wenn ich es wüsste, würde es mich wahrscheinlich aufregen. Manchmal ist es auch garnicht schlecht, die Menschen nicht nachvollziehen zu können.

Heute findet unser erstes Stammtischtreffen in Nürnberg statt. Was vor ein paar Monaten nur eine Idee war, wird jetzt 5 Menschen, die sich (vermutlich) noch nie gesehen haben, an ein und denselben Ort führen. Wir werden um einen Tisch herum sitzen, in einem netten Café, und… und was? Was wird passieren? Ich würde gerne den Ablauf des heutigen Tages detailliert in Gedanken durchspielen, aber das wird wohl nicht funktionieren. Ich weiß nicht, was mich erwartet. Ich weiß nicht, ob und worüber wir uns unterhalten werden. Ich weiß nicht, ob ich zu etwas Anderem, als Zuhören fähig sein werde. Vier fremde Menschen auf einmal. Ich muss verrückt sein!

Andererseits sind es auch keine vollkommen Fremden mehr. Wir hatten Zeit uns auf schriftlichem Wege während der gemeinsamen Organisation ein wenig kennenzulernen. Und doch ist da die Angst neben der Aufregung und Freude über das, was wir geschafft haben.

Was, wenn ich es nicht schaffe normal genug aufzutreten?
Was, wenn sie alle viel weniger verrückt aussehen, als ich?
Was, wenn auch mit ihnen die Kommunikation so schrecklich kompliziert ist?
Was, wenn sie mich heimlich auslachen oder sich Blicke zuwerfen und ich es nicht bemerke?
Was, wenn die Fahrt in die Stadt, die Menschen, all der Lärm und die Eindrücke mich überfordern und ich…

Stopp!

Das ist es, was das Leben unter Nichtautisten mit uns macht. Unter ständiger Angst, ständigem Anderssein, ständiger Beobachtung. Ständig dafür ausgeschlossen, abgelehnt, misstrauisch oder mitleidig beäugt werden, dass wir Dinge tun, die sie nicht verstehen.

Es sollte mir egal sein, das weiß ich.
Aber es ist mir nicht egal.
Weil dieser Autist Gefühle besitzt.
Echte, menschliche Gefühle, mit allem was dazu gehört.

Aber ich weiß auch, dass ich mich sehr auf unser Treffen freue, auch wenn ich diese ganzen Gefühle gerade nicht auseinanderhalten kann. Ich weiß es einfach, weil es etwas Gutes ist. Etwas Gutes, das ich ohne Erwartungen an die Anderen angehe. Wer, wenn nicht diese Menschen, sollte meine Befürchtungen nachvollziehen können?

Ich habe mich, nach einer notwendigen Gewöhnung, in Gegenwart von anderen Autisten bisher immer frei gefühlt. Frei zu Sein.
Meine Augen waren frei, weil ich sie nicht zwingen musste in die Augen des Anderen zu starren. Nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz.
Meine Hände waren frei sich zu bewegen.
Vielleicht gab es auch hier Blicke, die ich nicht bemerkt habe.
Aber es waren keine urteilenden Blicke. Es war reine Neugierde auf das andere Wesen und das, was es da tut.

Und wenn ich mich an diese Begegnungen erinnere, an die Selbstverständlichkeit von minutenlangem Schweigen, aneinander Vorbeischauen und die manchmal unbeholfenen Gesprächsansätze, dann weiß ich, dass ich keine Angst haben muss.
Dann weiß ich, dass es gut wird, egal wie es wird.

Es ist jetzt 12:22 Uhr.
Ich werde jetzt unvernünftigerweise noch einen Kaffee trinken und hoffe, ich schmeiße die Tasse nicht wieder auf den Boden, weil ich vergesse, dass ich sie in der Hand halte. Und ich werde weiter wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Haus laufen und versuchen irgendwas Sinnvolles zu tun. Und dann werde ich in den Zug steigen, in die Stadt fahren und einen schönen Abend haben.

Anna

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