„Sie leben in ihrer eigenen Welt.“

Gibt es jemanden, der mit Autismus zu tun hat, der diesen Satz noch nie gehört oder gelesen hat?

Immer wieder wird diese Formulierung verwendet, um Autisten zu beschreiben. Manchmal auch von autistischen Menschen selbst. Ich kann mich damit nicht identifizieren. Nagut, wenn man etwas philosophischer an die Sache rangehen möchte, könnte man behaupten, dass jeder Mensch in seiner eigenen Welt lebt. Wir schaffen uns unsere individuelle Realität auf Basis unserer Wahrnehmungen, Erfahrungen und Wertungen. Manche Menschen gehen so weit zu fragen, ob es überhaupt eine Realität gibt, ob die Welt existiert oder nur ein Konstrukt unseres Geistes ist.

Das sind alles interessante Überlegungen. Doch für gewöhnlich ist dieser Satz in Zusammenhang mit Autismus anders gemeint. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich wirklich verstanden habe, was die Menschen damit aussagen wollen. Ich vermute es ist ein Versuch den Eindruck, den Nichtautisten von Autisten haben in Worte zu fassen. In unpräzise, schwer zu fassende Worte, die alles und nichts bedeuten können. Vielleicht drücken sie die Vermutung aus, dass Autisten die sie umgebende Welt garnicht wahrnehmen sondern geistig ganz woanders sind.

Wie auch immer es gemeint ist, für mich ist es eine falsche Umschreibung. Würde ich in meiner eigenen Welt leben, wäre mein Leben sehr viel einfacher. Aber ich lebe hier, mitten unter all den anderen Menschen. Und hier in dieser Welt muss ich mich zurechtfinden. Hier wohne ich, hier studiere ich, hier werde ich hoffentlich eine interessante Arbeit finden, hier muss ich meine Lebensmittel einkaufen und mit Menschen kommunizieren. Hier muss ich die Geräusche ertragen, die meine Nachbarn und all die Anderen ohne Unterbrechung produzieren. Ständig prasselt diese eine Welt mit ihren unzähligen, überwältigenden Reizen auf mich ein. Diese Welt ist mir so nah, dass sie mir zuviel wird.

Aber ich lebe in dieser Welt. Genau wie ihr. Auch wenn ich mir manchmal wünsche, ich könnte ihr entfliehen.

Oft verstehe ich ihre Regeln nicht und kann nicht begreifen, warum bestimmte Dinge genau so sind wie sie sind und nicht anders. Vieles ergibt einfach keinen Sinn für mich. Meine eigene Welt würde sehr anders sein. Vielleicht sagen die Menschen, wir würden in unserer eigenen Welt leben, weil sie uns nicht verstehen. Weil unsere Art wahrzunehmen, zu denken und zu kommunizieren ihnen so fremd erscheint, als kämen wir aus einer anderen Welt. Aber damit macht ihr es euch viel zu leicht.
„Sie leben in ihrer eigenen Welt.“. Damit schließt ihr uns aus dieser Welt aus und verleugnet die Tatsache, dass wir eben gerade nicht in einer eigenen Welt leben, sondern in unserer gemeinsamen, für Autisten oft verwirrenden Welt zurechtkommen müssen. Wir haben keine andere Wahl. Manchmal ist es nur zu ertragen, indem wir uns völlig abschotten und verschließen. Das ist dann eine dringende Notwendigkeit, ein Selbstschutz, der verhindert, dass es uns wahnsinnig macht. Meistens haben wir darüber keine Kontrolle.

Obwohl ich dieses Projekt „Autland“ genannt habe und die Idee eines autistischen Landes beschreibe, will ich keine Parallelwelt erschaffen. Keine abgekapselte, autistische Welt, außerhalb der Realität. Es ist nur ein Bild für einen kleinen, geschützten Ort innerhalb dieser verwirrenden Welt, an dem wir uns für eine Weile erholen können. Wo wir auf Andere treffen, die ähnlich wahrnehmen wie wir und mit denen die Kommunikation manchmal leichter ist. Damit wir uns gegenseitig unterstützen können, lernen können uns selbst und diese Welt besser zu verstehen. Manchmal ist es einfacher der Welt gemeinsam gegenüber zu treten. Mit anderen zusammen Ideen umsetzen und auf die Welt zugehen ist ein gutes Gefühl. Verstanden werden ist ein gutes Gefühl.

Autismus ist nur ein Aspekt unseres Seins. Ein bedeutender, der viel Einfluss auf uns hat, je nach Persönlichkeit, Lebensumständen, Alter und individueller Veranlagung sieht dieser Einfluss anders aus. Aber wir sind nicht einfach Wesen aus einer „anderen Welt“. Wir leben nicht in einem Autland irgendwo weit entfernt. Sondern hier in dieser Welt. Als Menschen.

Anna

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2 Gedanken zu „„Sie leben in ihrer eigenen Welt.“

  1. Janne

    Hallo Anna!

    Ich bin von Deinen Gedanken und Deinem Anliegen sehr begeistert. Eine tolle Idee und ein toller Ansatz!
    Ich bin selber keine Autistin, aber habe in meinem Umfeld damit zu tun. Der Satz „Sie leben in ihrer eigenen Welt“ geht mir schon lange auf die Nerven, gerade weil das so einen Beigeschmack von „Die-sind-anders“ hat. Kann ja auch sein, aber auf wen trifft das nicht zu? Und wer will denn bitte gleich sein? Das sich Menschen mit ähnlichen (oder ganz verschiedenen) Erfahrungen und Eigenschaften zusammentun und sich austauschen halte ich für sinnvoll und drücke Dir da die Daumen das sich gute Kontakte ergeben.

    Viele Grüße
    Janne

    Antwort
    1. autlandnuernberg

      Hallo Janne,

      danke für deinen Kommentar!
      Ich bin sehr gespannt, wie sich diese Idee weiterentwickelt.
      Schön zu sehen, dass jemand das hier gelesen hat und offensichtlich sogar nachvollziehen kann 🙂

      Anna

      Antwort

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